Austausch zwischen den Generationen
Die Mentoring-Programme der Architektenkammern bringen erfahrene Architekt:innen und junge Planer:innen zusammen – für Wissenstransfer und neue Perspektiven.
Architektur ist ein Erfahrungsberuf. Das macht es nicht immer ganz leicht für den Nachwuchs, einen Einstieg zu finden. Gleichzeitig bringen junge Architektinnen und Architekten eine neue Sichtweise auf sich verändernde Rahmenbedingungen – seien es Aspekte wie klimagerechtes Bauen, Partizipation oder interdisziplinäre Zusammenarbeit. Aber wie lassen sich Erfahrung und neue Perspektiven miteinander verbinden? Oder anders ausgedrückt: Was kann die jüngere Generation von der älteren lernen – und umgekehrt?
Um diese Fragen zu beantworten, haben verschiedene Architektenkammern Mentoring-Programme initiiert. Ziel ist es, der jüngeren Generation den Berufseinstieg zu erleichtern, während etablierte Planerinnen und Planer von neuen Ideen und Denkansätzen profitieren. Dabei können sie ihre Coaching-Fähigkeiten trainieren und erfahren mehr über Themen, die Nachwuchsarchitektinnen und -architekten bewegen.
Mentoring wirkt als Brücke zwischen akademischer Ausbildung und beruflicher Realität.
Katja Domschky und Natalie Bräuninger
planMMentoring als Tandem
Das Prinzip dahinter ist so simpel wie effizient. Ein Beispiel ist das Mentoring-Programm LINEUP der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW), das 2024 ins Leben gerufen wurde. Hier geben Mentorinnen und Mentoren, die bereits erfolgreich im Berufsleben stehen, ihre Erfahrungen und Kontakte an den Nachwuchs weiter – seien es Architektinnen, Innenarchitekten, Landschaftsarchitektinnen oder Stadtplaner. In diesem Rahmen werden Paare gebildet, die sich ein Jahr lang intensiv austauschen. Bei LINEUP können sich sowohl Mentorinnen und Mentoren als auch Mentees einmal jährlich um die Teilnahme bewerben. Anschließend durchlaufen sie einen Auswahlprozess und werden einander zugeteilt. Hat sich ein Paar als Tandem gefunden, vereinbart es verbindliche Termine und Treffen zu frei wählbaren Themen. Dabei geht es vor allem um den Austausch zu praktischen Inhalten. Zusätzlich bietet das AKNW eine Kick-off-Veranstaltung, verschiedene Workshops, eine fachliche Begleitung und eine Abschlussveranstaltung.
Jedes Jahr gibt es unterschiedliche Schwerpunkte, wie etwa das Thema Existenzgründung, das laut AKNW-Präsidentin Katja Domschky immer wichtiger wird: „Es gibt momentan eine Tendenz zum abhängigen Beschäftigungsverhältnis. Mit dem Mentoring-Programm wollen wir unter anderem die kommende Generation dazu ermutigen, ein eigenes Büro zu gründen, und dabei aufzeigen, wie das gelingen kann.“ In diesem Rahmen können sich erfahrene Kammermitglieder mit ihren Mentees etwa über Managementthemen, betriebswirtschaftliche Fragen, Personalführung, die Bewertung der eigenen Expertise und Honorarverhandlungen austauschen. Generell hilft das Mentoring aber auch dabei, realistische Einblicke in Berufsbilder und Arbeitsfelder zu bekommen und dadurch die eigenen Karriereziele genauer zu definieren.
Bei LINEUP haben sich zum Beispiel Mentor Lutz Wiese und Mentee Philipp Valente gefunden. Während der eine Architekt mit langer Berufserfahrung und eigenem Planungsbüro in Bocholt ist, hat der andere gerade sein Büro in Dortmund gegründet. „Als alleiniger Inhaber in einem jungen Büro suchte ich ganz konkret jemanden, der mir bei Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen Perspektiven gibt. Also noch mal abseits vom Planungshandwerk, angefangen bei Akquise über weitergehende Beratung von Bauherren bis hin zur Expertise bezüglich Finanzierungsfragen“, erzählt Valente. „Ich war da sehr wissbegierig und konnte sehr profitieren.“
Für Wiese ist dagegen der Austausch mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen bereichernd, wie er sagt: „Mich hat diese Möglichkeit der Zusammenarbeit mit dem Planungsnachwuchs sehr angesprochen. In all den Jahren als Architekt und Büroinhaber habe ich immer gern mit Studierenden, Absolventen und generell jungen Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet. Ich schätze den Blick über den Generationen-Tellerrand sehr.“
Mentoring als Netzwerk
Seit vier Jahren gibt es mit planM ein eigenständig organisiertes und ehrenamtlich getragenes Mentoring-Programm. Es wurde von der Architektinnen Initiative NW gemeinsam mit Katja Domschky und Natalie Bräuninger und dem Unternehmen JUNG als Kooperationspartner initiiert und richtet sich an Architektinnen aller Tätigkeitsfelder – unabhängig davon, ob sie selbstständig tätig sind, in einem Architekturbüro oder im öffentlichen Dienst arbeiten. „Mentoring wirkt als Brücke zwischen akademischer Ausbildung und beruflicher Realität“, sagen Domschky und Bräuninger über ihren Ansatz. „Während das Studium vor allem fachliche Grundlagen vermittelt, schafft das Mentoring Zugang zu Erfahrungswissen, Entscheidungslogiken und beruflicher Praxis. Damit wollen wir einen strukturellen Wandel anstoßen, um langfristig mehr Diversität und Gleichstellung zu erreichen.“ Ihre Erfahrungen teilen Domschky und Bräuninger regelmäßig mit den Kammern, insbesondere wenn es um die konkrete Umsetzung von Mentoring-Formaten geht.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Architektenkammer Sachsen mit dem Pilotprojekt „Mentoring für junge Planerinnen Sachsen“. Ins Leben gerufen wurde es von Architektinnen aus Dresden, die zusammen mit dem Arbeitskreis Chancengleichheit und Teilhabe das Konzept entwickelten. Es richtet sich an Frauen, die Fragen zu ihrem weiteren Berufsweg haben, und wird von der Architektenkammer Sachsen finanziert.
Durch das Mentoring-Programm können Netzwerke geknüpft werden, wie etwa bei der Auftaktveranstaltung im Haus der Architekten Sachsen. Insgesamt 26 Frauen aus Dresden, Leipzig und Chemnitz hatten sich hier im Mai 2026 als ehrenamtliche Mentorinnen oder Mentees beworben, wobei die Tandempaare zum Ende der Veranstaltung bekannt gegeben wurden. Das Pilotprogramm endet im November 2026 mit einer Abschlussveranstaltung, in der die gemeinsamen Erfahrungen für eine geplante Fortführung in Workshops ausgewertet werden.
Vielfältige Themen
In anderen Länderkammern werden ebenfalls Mentoring-Programme angeboten: In Berlin treffen sich die Tandems über zwölf Monate hinweg für einen regelmäßigen Austausch. Das Angebot richtet sich nicht nur an Büroinhaberinnen und -inhaber, sondern auch an Angestellte in freien Büros. Zudem können sich Leute aus dem öffentlichen Dienst oder der Architekturkommunikation in das Programm einbringen. Dabei legen die Beteiligten die für sie relevanten Themen selbst fest. Besprochen werden etwa konkrete Projekte, der Umgang mit Planungsbeteiligten oder grundsätzliche Themen wie das Berufsbild. Neben begleitenden Veranstaltungen und Workshops werden die jeweiligen Tandems von der Architektenkammer Berlin und einer externen Expertin für berufliche Weiterentwicklung betreut.
In Bayern stellt die Bayerische Architektenkammer (BYAK) ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren zur Verfügung, die als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner dienen. Im Bereich des öffentlichen Diensts ist das etwa Thomas Felkner. Er berät unter anderem zu Haftungsthemen oder Gehaltsstrukturen. Hinzu kommen weiter Mentorinnen und Mentoren, die über Aspekte wie Büroleitung, Projektorganisation, Honorarwesen und Weiterbildung Auskunft geben können. Ein Beispiel ist Georg Brechensbauer, der neben Schwerpunkten wie Vertragsgestaltung und Gründung zum Thema Generationswechsel im Büro berät. Zudem bietet die BYAK eine Nachfolgebörse an.
Das Thema Nachfolgeregelung, also wie die Übernahme eines bestehenden Büros an eine jüngere Architektin oder einen jüngeren Architekten gelingen kann, ist auch ein wichtiger Aspekt im Angebot der Architektenkammer Niedersachsen. Hier begann das Mentoring-Programm wie in Sachsen als Pilotprojekt. Mittlerweile geht es in die zweite Runde. Es soll junge Kammermitglieder bei der Karriereplanung unterstützen und gezielt fortbilden, aber auch beim Schritt in die Selbstständigkeit unterstützen. Dazu gibt es einmal im Monat einen festen Termin für das Tandem, das für eine Dauer von etwa eineinhalb Jahren zusammenbleibt.
Mentees können hier zum Beispiel Entwürfe und baurechtliche Fragen einbringen, während die Mentorin oder der Mentor Antworten auf Fragen zum Umgang mit Nachforderungen der Bauherrschaft oder zur Vergütung von Zusatzleistung gibt. „Das Mentoring hilft dabei, im Beruf anzukommen, egal ob man selbstständig oder angestellt ist“, sagt Christiane Kraatz, Vizepräsidentin der Architektenkammer Niedersachsen. „Gleichzeitig entsteht so ein Dialog zwischen den Generationen, der es beiden Seiten ermöglicht, voneinander zu lernen.“
Zu den Mentoring-Programmen der einzelnen Länderkammern
Zu den Mentoring-Programmen der einzelnen Länderkammern
- Bayern: byak.de/architektenkammer/unser-service/mentoren.html
- Berlin/Brandenburg: ak-berlin.de/service/mentoring-programm/
- Hamburg: akhh.de/mitglieder/leistungen-der-architektenkammer/kammer-mentoring
- Niedersachsen: aknds.de/mentoring
- Nordrhein-Westfalen: aknw.de/aktuelles/mentoring-programm
- Sachsen: aksachsen.org/berufspolitik/mentoring-programm-der-architektenkammer-sachsen/
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