Mehr Mut dank Mentoring: Junge und erfahrene Kolleg:innen kommen zusammen
Das Mentoring-Programm der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen hat in diesem Jahr den Schwerpunkt „Existenzgründung“. Denn es gibt durchaus junge Planer:innen, die den Sprung in die Selbstständigkeit wagen wollen.
Es ist ein bisschen wie Tandemfahren. Die kooperative Radsportart für zwei Personen erfordert gute Kommunikation. Beim Radeln im Tandem ist man oft schneller als einzeln, weil sich die Antriebskraft verdoppelt, während der Luftwiderstand kaum steigt. Entscheidend sind abgestimmte Bewegungen und Vertrauen zwischen den Partnern. Dann geht es gut vorwärts im Team. Dieses Prinzip lässt sich auf das Mentoring-Programm „LINEUP“ der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW) übertragen.
Dabei geben Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner:innen, die erfolgreich im Berufsleben stehen, ihre Erfahrungen und Kontakte an jüngere Kolleginnen und Kollegen weiter. Ziel ist es, Jüngere dazu zu ermutigen, im Job „mehr“ zu wagen, Führung zu übernehmen zum Beispiel, oder den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Jung trifft Alt; Neugier trifft auf Erfahrung – nach diesem Motto tauschen sich Kolleginnen und Kollegen zweier Generationen ein Jahr lang intensiv aus.
2024 wurde „LINEUP“ gestartet
Die AKNW hat das Mentoringprogramm „LINEUP“ 2024 ins Leben gerufen. Es funktioniert wie folgt: Einmal jährlich können sich Mentor:innen und Mentees um eine Teilnahme bewerben. Sie durchlaufen einen Auswahlprozess („Matching-Phase“) und werden einander zugeteilt. Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit setzen sie eine Vereinbarung auf, in der sie die Ziele des Mentorings festlegen. Unter anderem vereinbart das Tandem verbindliche Termine und Treffen (mindestens sechs) zu frei wählbaren Themen. Das Konzept setzt auf ein möglichst lösungs- und umsetzungsorientiertes Arbeiten.
Die AKNW bietet eine Kick-off-Veranstaltung, Workshops, eine fachliche Begleitung und eine Abschlussveranstaltung für die Tandems an. Sechs Tandems hatten sich in der ersten Runde gefunden und beim Existenzgründungstag der AKNW 2025 von ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit berichtet (LINK: https://www.aknw.de/aktuelles/news/details/news/mit-mut-und-einer-klaren-strategie). In der zweiten Runde, die Anfang 2026 gestartet ist, haben sich sieben Teams zusammengetan, um gemeinsam in die Pedale zu treten.
Reaktion auf den Generationenwechsel
Das Mentoring-Programm der AKNW reagiert auch auf regelmäßige Strukturbefragungen der Bundesarchitektenkammer unter Architektinnen und Planern in ganz Deutschland. Hier zeigt sich, dass die deutsche Architektenschaft in einem Generationenwechsel steckt. Mit dem laufenden Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in die Rente übernimmt zunehmend die mittlere Generation verantwortliche Positionen. Viele Junge rücken in das Berufsfeld nach. Doch während die Mitgliederzahlen in der AKNW in den letzten Jahren stets leicht gestiegen sind, zeichnete sich auch ab, dass die Zahl der Bürogründungen innerhalb der Mitgliedschaft stagnierte – mit einer Tendenz zum abhängigen Beschäftigungsverhältnis. Der Vorstand der AKNW entschied, den Nachwuchs in diesem laufenden Generationenwechsel zu unterstützen und mit dem Mentoring-Programm mehr Mut zu Karrierewegen zu machen, die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und Risiken umfassen.
„Als freier Beruf erbringen wir qualifizierte, gemeinwohlorientierte Dienstleistungen und entlasten damit den Staat“, erläutert AKNW-Präsidentin Katja Domschky. „Das Zusammenwirken von angestellten und freischaffend tätigen Kolleg*innen ist dabei ein fundamentales Merkmal unseres Berufsstandes.“ Mit ihren Büros prägten Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner*innen das „klassische Bild“ des Architekten beziehungsweise der Architektin als unabhängige, kreative und treuhänderische Sachwalter des Bauherrn.
Es liege im Interesse des gesamten Berufsstandes, nachfolgenden Generationen stets Mut zur Selbstständigkeit zu machen, so Domschky. „Der Ansatz unseres Mentoring-Programms ist, einen lebendigen, vertrauensvollen Austausch zwischen den Generationen anzuregen und so mehr jüngere Mitglieder zu ermutigen, ein Büro zu gründen“, erläutert die AKNW-Präsidentin.
Interesse an Existenzgründungsthemen groß
Tatsächlich zeichnete sich im ersten Durchgang von „LINEUP“ schnell ab, dass in den Tandems neben dem Austausch zu aktuellen planungsspezifischen Fragen auch großes Interesse am Wissenstransfer zum Thema Bürogründung besteht. Die erfahrenen Kammermitglieder tauschten sich mit ihren Mentees über Managementfähigkeiten, Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit und den Umgang mit Stresssituationen aus. Abgefragt wurden aber auch besonders Kenntnisse zur erfolgreichen Büroführung, betriebswirtschaftliche Kompetenz und Praxis-Know-how in den Bereichen Entwurfskompetenz und Bauausführung. Aus diesen Konstellationen heraus kam es zu der Entscheidung, in der aktuell laufenden zweiten Runde des Mentoring-Programms das Thema Bürogründung zu einem Schwerpunkt zu machen.
„LINEUP“ wird professionell begleitet von Dr. Friederike Höher. Die Dortmunderin ist Business-Coach, fördert beruflich Teamentwicklungen und bietet Workshops und Beratung zu beruflichen Lebenswegen aller Art an. Sie berichtet davon, dass beim Mentoring generell immer beide Seiten profitieren. „Die Idee dieser Zusammenarbeit ist, dass Newcomer etwas vom Know-how der gestandenen Kolleginnen und Kollegen mitnehmen. Umgekehrt aber berichten Mentoren auch immer wieder, dass sie wertvolle Einblicke in jüngere Denkmuster und Inspiration zu neuen Herangehensweisen erhalten.“
Verbindlichkeit und Austausch auf Augenhöhe
Im Unterschied zu sonst üblichen beruflichen Kontakten ist ein Tandem im Rahmen eines Mentoring-Programms verbindlicher, weil Rollen geklärt sind und „Spielregeln“ vereinbart werden. Das ist auch bei „LINEUP“ so: Die AKNW versorgt Mentor*innen mit Werkzeugen und Informationen zu Gesprächsführung und Beratung. Umgekehrt sorgen Vereinbarungen zwischen den Teilnehmer*innen für Verlässlichkeit. Mentees verpflichten sich etwa, sich zu Treffen gut vorzubereiten und neue Erkenntnisse aktiv zu nutzen.
„Wichtig ist, dass das Team auf Augenhöhe agiert“, sagt Friederike Höher. Mentoring im Tandem bedeute nicht, dass die Mentor:innen davon ausgehen, die Mentees müssten alles so machen, wie sie es einst gemacht haben. Und die Mentees sollen auch nicht ehrfürchtig zu ihren Lehrenden „aufblicken“. Kern des Programms sei bei der AKNW ohnehin ein moderner Mentoring-Ansatz. Friederike Höher: „Innerhalb des Programms etabliert sich ein weitergehendes Netzwerk. Die Tandems blicken auch links und rechts des Weges und achten darauf, welche Themen andere bearbeiten.“
Bewerben fürs Mentoring-Programm
Bewerben fürs Mentoring-Programm
Das aktuelle Mentoring-Programm „LINEUP“ der AKNW läuft bis Dezember 2026. Über Bewerbungsmöglichkeiten informiert die AKNW-Internetseite unter www.aknw.de, Rubrik Aktuelles > Mentoring-Programm.
Der Stamm der Mentor:innen wächst
Die so entstehende Dynamik sorgt dafür, dass sich bei der AKNW inzwischen ein fester Stamm von Mentor:innen bildet, die bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben. Einer von ihnen ist Lutz Wiese. Der Architekt bringt über 30 Jahre Berufserfahrung mit und führt mit seinem Partner Daniel Nitsche ein Planungsbüro in Bocholt. „Ich habe mehrere Unternehmen gegründet und kann vieles weitergeben“, sagt er.
Für seine Motivation, als Mentor mitzumachen, sei der Kontakt zu jüngeren Leuten ausschlaggebend gewesen. „Der Austausch mit jungen Fachkollegen ist für mich inspirierend und wichtig, um am Puls der Zeit zu bleiben.“ So ist er 2026 bereits zum zweiten Mal als Mentor mit dabei und berät, wie schon in der ersten Runde, einen freischaffend tätigen Mentee. Seine Einschätzung: „Wichtig ist bei einem solchen Setting vor allem die Eigeninitiative – und das Interesse beider Seiten, das Einlassen auf neue Denkweisen.“ AKNW-Präsidentin Katja Domschky ist vom Erfolg von „LINEUP“ überzeugt. „Die Tandems, die wir bilden, ergänzen sich gut. Sie motivieren sich und bringen sich gegenseitig voran.“ Dieses Prinzip stärke auch den Diskurs innerhalb der Mitgliedschaft insgesamt – und sei damit ein Beitrag zur Baukultur in Nordrhein-Westfalen.
Im Mentoring-Programm der AKNW treffen Nachwuchsplanerinnen und -planer auf erfahrene Kolleg:innen. Das Programm beschleunigt die Karriereplanung des Berufsnachwuchses, fördert den Wissenstransfer sowie die Netzwerkbildung und macht vor allem jungen Teilnehmer:innen mehr Mut zur Selbstständigkeit.
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