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Mentoring-Programm der Architektenkammer Niedersachsen gibt Rückhalt

„Es gibt keine dummen Fragen“. Das Tandem mit Mentee Pauline Wilhelmi und Mentorin Sandra Ottmann im Gespräch zu Selbstständigkeit, Wertschätzung und den Erfolgen des Programms.

Nils Marius Kirschstein
06.02.2026 4min
Selbstständigkeit Junge Büros Gleichberechtigung Niedersachsen
Mehrfarbige, geometrische Holzsteine sind zu einer stehenden Figur gestapelt.
© Richard Drury/Getty Images

Seit gut einem Jahr läuft die erste Runde des Mentoring-Programms der Architektenkammer Niedersachsen: Was zunächst als Pilotprojekt begann, hat sich in vielen Tandems zu einem festen Anker im Berufsalltag entwickelt. Eindrücklich zeigt das die Zusammenarbeit zwischen der Mentorin Sandra Ottmann, seit vielen Jahren selbstständig in der Altbausanierung tätig, und der Mentee Pauline Wilhelmi, die genau zu Beginn des Programms den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. 
 
Der Impuls zur Teilnahme war auf beiden Seiten persönlich geprägt. Für Sandra Ottmann war die Ausschreibung der Kammer ein Anlass, eigene Erfahrungen aus der Anfangszeit zu reflektieren: das Arbeiten ohne Rückhalt, die Unsicherheiten bei den ersten Projekten, das Fehlen einer erfahrenen Stimme, die beruhigt, bestätigt oder auch warnt. „Man häuft über die Jahre viel Wissen an“, beschreibt sie ihre Motivation, „und es ist schön, das weiterzugeben.“ Pauline Wilhelmi wiederum befand sich mitten in der Gründungsphase. Die Aussicht, nicht allein durch diese erste, oft fragile Phase gehen zu müssen, gab den Ausschlag für ihre Bewerbung.

Der größte Mehrwert ist die zweite Meinung – ohne bewertet zu werden.

Porträt einer lächelnden Frau mit langen Haaren, sitzend in einem hellen Raum.
© Nicole Siemers

Mentee Pauline Wilhelmi

Architektin

Das Tandem fand früh eine klare Struktur. Ein fester Termin einmal im Monat, digitale Treffen über Teams, ritualisiert und verlässlich. Inhaltlich standen von Beginn an reale Projekte im Mittelpunkt. Die Mentee bringt ihre Entwürfe, Honorarkalkulationen und baurechtlichen Fragen mit; die Mentorin liest mit, kommentiert, ergänzt, hinterfragt. Es geht um Leistungsabgrenzung, um den Umgang mit Nachforderungen von Bauherrschaften, um die Frage, wann eine Zusatzleistung auch eine Zusatzvergütung rechtfertigt. Es geht aber ebenso um Entwurfsqualität, um Genehmigungsstrategien und um das oft unterschätzte Thema Selbstvertrauen. 
 
Gerade die wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekte der Selbstständigkeit erweisen sich als neuralgische Punkte. Was gehört noch zur Grundleistung? Wie formuliere ich Honorare? Brauche ich Allgemeine Geschäftsbedingungen, brauche ich Verträge? Fragen, die im Studium kaum beantwortet und im Büroalltag oft von anderen entschieden werden. Hier wird das Mentoring zur Übersetzungsarbeit zwischen Theorie und Praxis. Für Pauline Wilhelmi ist der Wert klar: die zweite Meinung, die Absicherung, das Wissen, dass man „dumme Fragen“ stellen darf, ohne bewertet zu werden. Umgekehrt ist das Lernen keine Einbahnstraße. Sandra Ottmann beschreibt offen, wie sehr sie die Unerschrockenheit ihrer Mentee beeindruckt hat. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese soziale Medien zur Akquise nutzt, Anfragen aus ganz Deutschland erhält und vom Kleinauftrag bis zum kommunalen Vereinsheim ein breites Spektrum bearbeitet, zeigt einen Generationenwechsel in der Berufsausübung. Mentoring wird hier zum Dialog zwischen Erfahrung und neuer Praxis. 
 
Auffällig ist, wie sehr sich die Themen im Verlauf des Jahres verschoben haben. Anfangs dominierten Fragen der Existenzgründung, heute stehen konkrete Projekte, komplexe Genehmigungsverfahren und strategische Entscheidungen im Vordergrund. Gleich geblieben ist das, was beide als Kern des Programms beschreiben: der emotionale Rückhalt. Das Wissen, dass Schwierigkeiten kein persönliches Versagen sind, sondern Teil des Systems. Dass auch erfahrene Architektinnen an denselben Hürden scheitern, an denselben Sachbearbeitern, an denselben formalen Anforderungen.

Man häuft über die Jahre viel Wissen an – und es ist schön, das weiterzugeben.

Porträt einer Frau mit lockigem Haar vor einer hellen Wand im Außenbereich.
© Annett Wernitzsch

Mentorin Sandra Ottmann

Architektin

Ein weiteres Thema zieht sich wie ein leiser Unterton durch die Gespräche: die Rolle von Frauen im Beruf. Nicht die Baustelle, so berichten beide, ist das eigentliche Problemfeld, sondern das Büro, die Hierarchien, das Ringen um Anerkennung unter Kollegen. Für Pauline Wilhelmi ist die Selbstständigkeit auch ein Ausweg aus Strukturen, in denen Wertschätzung oft fehlte. Für die Mentorin bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine biografische Erfahrung, die bis heute nachwirkt. Mentoring bietet hier keinen einfachen Lösungsweg, aber einen Raum, diese Erfahrungen zu teilen. 
 
Mit Blick auf die zweite Runde des Programms, welche im Sommer dieses Jahres starten wird, formulieren beide klare Empfehlungen an die neuen Tandems. Regelmäßige Termine, aktive Nutzung des Angebots, Offenheit auf beiden Seiten. Und vor allem: Es muss persönlich passen. Fachlich könne fast jedes Tandem voneinander lernen, entscheidend sei das Zwischenmenschliche. Wenn es nicht passe, müsse ein Wechsel möglich sein – ohne Gesichtsverlust. 

Nach einem Jahr ziehen beide eine eindeutige Bilanz. Der Nutzen ist beidseitig, der Kontakt soll über das Programm hinaus bestehen bleiben. Was als zeitlich begrenzte Förderung begann, ist zu einem belastbaren professionellen Netzwerk geworden. Genau darin liegt die Stärke des niedersächsischen Modells: Mentoring nicht als formales Instrument, sondern als gelebte Kollegialität – leise, kontinuierlich und wirksam. 

Mentoringprogramm der AK Niedersachsen

Das Programm geht 2026 in die zweite Runde, das Bewerbungsverfahren dafür ist schon abgeschlossen. Erfahrene Kammermitglieder, die ihr Wissen weitergeben wollen, können sich aber bereits jetzt im Hinblick auf kommende Editionen informieren, genauso Nachwuchskräfte, die mit der Idee einer Gründung spielen.  

https://www.aknds.de/mentoring

Porträt einer lächelnden Frau mit langen Haaren, sitzend in einem hellen Raum.
© Nicole Siemers

Zur Person

Pauline Wilhelmi

Mentee Pauline Wilhelmi ist mit pw.archdesign seit 2024 als freiberufliche Architektin für private Bauherr:innen sowie als Freelancerin für Architekturbüros in den Leistungsphasen 1–4 tätig. 

Porträt einer Frau mit lockigem Haar vor einer hellen Wand im Außenbereich.
© Annett Wernitzsch

Zur Person

Sandra Ottmann

 Mentorin Sandra Ottmann ist Geschäftsführerin von Komet Immobilien in Hannover. Die Architektin beschäftigt sich im Schwerpunkt mit Altbausanierung im Mietwohnungsbau.

Nils Marius Kirschstein

Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer Niedersachsen