Wenn Neugier auf Erfahrung trifft
Das Mentoring-Programm der Architektenkammer Berlin stärkt junge Planerinnen und Planer – und lässt auch erfahrene Architektinnen und Architekten aller Fachrichtungen profitieren.
Ein Programm für die Realität des Berufsalltags
Der Weg in den Beruf war selten geradlinig, gerade bei Architektur und Stadtplanung. Heute gilt das mehr denn je. Junge Planerinnen und Planer bewegen sich zwischen steigenden wirtschaftlichen Anforderungen, komplexen Projektstrukturen und Fragen nach Haltung und Verantwortung. Gerade in dieser frühen Phase kann der Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen Orientierung geben. „Mentoring unterstützt Architekt:innen dabei, neben fachlichem Austausch auch Haltung, Entscheidungsfähigkeit und berufliche Identität zu entwickeln“, erklärt Carmen Kurbjuhn, die als externe Expertin das Programm in der Konzeptionsphase mitentwickelte und die Teilnehmenden während der Programmdurchläufe in Workshops begleitet. Gerade in einem komplexen, projektbasierten Berufsfeld biete Mentoring Orientierung „zwischen Kreativität, wirtschaftlichen Anforderungen und gesellschaftlicher Verantwortung“.
In den 16 Tandems des aktuellen zweiten Durchlaufs des Mentoring-Programms treffen junge Bürogründende, angehende Selbstständige und berufserfahrene Mentorinnen und Mentoren zusammen. Das Konzept ist bewusst praxisnah angelegt: Über zwölf Monate hinweg treffen sich die Tandems regelmäßig im direkten Austausch. Die Themen bestimmen die Beteiligten selbst – je nach beruflicher Situation und persönlicher Zielsetzung. Dabei reicht das Spektrum von Fragen zur Kammermitgliedschaft über Karriereentscheidungen bis hin zu unternehmerischen Herausforderungen oder Führungsfragen. Das Rahmenprogramm der Architektenkammer Berlin unterstützt diesen Prozess. Workshops, etwa zu Kommunikation, sowie gemeinsame Veranstaltungen stärken die Gruppe und fördern den Austausch über die einzelnen Tandems hinaus.
Lernen auf Augenhöhe
„Mentor:innen agieren als reflektierende Gesprächspartner:innen, die Erfahrungen teilen, Perspektiven öffnen und Impulse geben, ohne vorzugeben“, beschreibt Carmen Kurbjuhn die Rollen. Wie intensiv dieser Austausch werden kann, zeigte sich bereits im ersten Durchlauf. Paula Wätzold, damals angehende Architektin in einem Berliner Bauplanungsbüro, wurde mit Claudia Zirra zusammengebracht, die als Abteilungsleiterin Bau und Technik der Stiftung Preußischer Kulturbesitz tätig ist. Das Matching, also der Moment, in dem Mentees mit Mentorinnen oder Mentoren anfangen, ein Tandem zu bilden, erfolgte über Motivationsschreiben – zunächst also tatsächlich eine Art Blind Date.
Paula Wätzold beschreibt, dass für sie besonders wertvoll gewesen sei, Einblicke in andere Berufsfelder zu erhalten und berufliche Fragen offen diskutieren zu können. Die Treffen fanden alle vier bis sechs Wochen statt – mal im Büro, mal im Restaurant, einmal sogar bei einer gemeinsamen Exkursion nach Brandenburg. Mit der Zeit entwickelte sich aus den geplanten Arbeitstreffen ein vertrauensvoller Austausch über berufliche Ziele, Führungskultur, Ehrenamt und persönliche Entwicklung. „Für mich war es sehr hilfreich, eine andere, aber fachliche Meinung zu bekommen“, sagt die ehemalige Mentee.
Auch Benno Schmitz und Konstantin Greune, die 2023 gemeinsam das Büro SXG Architektur gegründet haben und als Mentees am aktuellen Mentoring-Programm teilnehmen, berichten positiv: „Überrascht hat uns vor allem, wie gut sich unser Mentor in unsere aktuelle Situation hineinversetzen kann. Trotz seiner eigenen unternehmerischen Größe begegnet er unseren Fragestellungen mit großer Offenheit und ohne zu urteilen, das schafft eine sehr konstruktive und unterstützende Arbeitsatmosphäre, in der auch sensible Themen, etwa wirtschaftlicher Natur, offen besprochen werden können.“
Der Blick von außen
Gerade junge Bürogründerinnen und Bürogründer erleben die ersten Jahre oft als Balanceakt zwischen gestalterischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität. Wie kalkuliert man realistisch? Welche Risiken kann ein junges Büro tragen? Wie gelingt Akquise, ohne sich unter Wert zu verkaufen?
Mit solchen Fragen beschäftigte sich im ersten Durchlauf auch ein Team aus den zwei jungen Bürogründern Levin Schumacher und Oskar Alberto Görg und zwei erfahrenen Büroinhabenden, Christina Gresser und Philipp Eichstädt. „Wir fanden das Mentoring-Konzept auf Anhieb spannend. Es schien uns eine gute Möglichkeit zu sein, um einen Raum zu haben, in dem man Themen reflektieren, aber auch gewisse Unsicherheiten ausräumen kann“, so Levin Schumacher. Besprochen wurden konkrete Projekte, Honorare, Büroorganisation und wirtschaftliche Risiken – aber auch grundsätzliche Fragen nach Zusammenarbeit und Berufsbild.
Den strategischen Mehrwert heben auch Benno Schmitz und Konstantin Greune hervor: „Besonders wertvoll ist für uns der Blick von außen. Gleichzeitig ist es inspirierend, aus erster Hand von einem erfahrenen Architekten zu lernen.“ Die Treffen seien eine Mischung aus konkretem Feedback zu aktuellen Herausforderungen und übergeordneten Fragen der langfristigen Büroentwicklung. Erste Impulse aus dem Mentoring hätten bereits dazu geführt, Arbeitsweisen zu reflektieren und teilweise anzupassen.
Auch die Erfahrenen profitieren
Dass Mentoring nicht nur den Nachwuchs stärkt, sondern auch die Mentorinnen und Mentoren selbst bereichert, ist eine der zentralen Erkenntnisse aus beiden Programmdurchläufen. „Das Weitergeben von Wissen und das Feedbackgeben halte ich generell für wertvoll im Beruf“, beschreibt Mentorin Claudia Zirra ihre Motivation zur Teilnahme. Gleichzeitig betont sie, dass der Austausch keine Einbahnstraße ist: „Es macht mir Freude – mindestens genauso viel, wie selbst Feedback und neuen Input zu bekommen.“ Besonders beeindruckt habe sie die Offenheit der jüngeren Generation gegenüber unterschiedlichen Berufswegen und neuen Arbeitsmodellen.
Philipp Eichstädt sieht im generationenübergreifenden Austausch eine wichtige Aufgabe für den Berufsstand insgesamt. „Die Frage, wie die nächste Generation idealerweise unsere gebaute Umwelt plant, halten wir für eine der zentralen Fragen überhaupt“, sagte er im Interview. Angesichts von Klimawandel, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel brauche es bessere Startbedingungen für junge Planerinnen und Planer. Das Programm schafft dafür einen Rahmen, in dem Fragen Platz finden, die im Büroalltag oft zu kurz kommen – offen, vertraulich und ohne Konkurrenzdenken.
Beziehungen, die bleiben
Begleitet wird das Programm durch Workshops und Netzwerkformate. Carmen Kurbjuhn unterstützt als Beraterin die Tandems bei Zielklärung, Reflexion und möglichen Konflikten. „Regelmäßige Reflexion hilft, Fortschritte sichtbar zu machen, Ziele anzupassen und blinde Flecken zu erkennen“, erklärt sie. Viele Tandems bleiben deshalb auch nach dem offiziellen Ende des Programms in Kontakt. Daraus entstehen langfristige berufliche Beziehungen, neue Netzwerke innerhalb der Berliner Architekturszene – manchmal auch Freundschaften.
Mentoring ersetzt keine Berufserfahrung – aber es macht sie teilbar. Genau darin liegt die Stärke des Programms: Es verbindet junge Planende mit Kolleginnen und Kollegen, die ähnliche Fragen bereits durchlebt haben, und eröffnet einen Raum, in dem berufliche Entscheidungen, Unsicherheiten und Haltungen offen besprochen werden können. So entsteht nicht nur individuelle Orientierung, sondern auch ein wertvoller Beitrag zum Zusammenhalt des Berufsstands.
Christine Jokerst-Pauli
DAB Redaktion Berlin Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Architektenkammer BerlinDas könnte Sie auch interessieren
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