„Beim Mentoring geht es nicht darum, immer einer Meinung zu sein“
Interview: Erfahrung trifft Gründergeist – zwei Architekten über das AKNW-Mentoring-Programm und warum selbstbewusstes Honorarverhandeln von Anfang an entscheidend ist.
In ihrem Mentoring-Programm „LINEUP“ bringt die Architektenkammer NRW seit 2024 erfahrene Kolleginnen und Kollegen und junge Nachwuchskräfte zusammen. Die Tandems arbeiten zwölf Monate zusammen und lernen voneinander. Philipp Valente und Lutz Wiese berichten von ihrer gemeinsamen Reise im Mentoring-Programm.
Herr Wiese, Herr Valente, Sie haben in der Premierenrunde des AKNW-Mentoring-Programms zusammengearbeitet. Mit welchem Erfolg?
Lutz Wiese: Mit großem! Wir haben viel über Unternehmensentwicklung gesprochen. Herr Valente hatte sich gerade mit einem eigenen Büro selbstständig gemacht, und am Anfang standen da natürlich die üblichen Fragen: Wie stellt man sich auf? Wie geht man wirtschaftlich an Angebotsentwicklung für Bauherren heran? Welche Fallstricke können einen erwarten und wie beugt man diesen vor? Nach vierzig Jahren als Architekt, in denen ich einige Büros und Unternehmen geführt habe und viel Erfahrung in der Projektentwicklung sammeln konnte, habe ich meine Erfahrungen gerne geteilt.
Philipp Valente: Als alleiniger Inhaber in einem jungen Büro suchte ich ganz konkret jemanden, der mir bei Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen Perspektiven gibt. Also noch mal abseits vom Planungshandwerk, angefangen bei Akquise über weitergehende Beratung von Bauherrschaften bis hin zur Expertise bezüglich Finanzierungsfragen. Ich war da sehr wissbegierig und konnte sehr profitieren.
Wir brauchen junge, auch kleinere Büros. Denn wenn die zunehmend verschwinden, gibt es irgendwann eine Lücke für die Planung kleinerer Bauaufgaben.
Philipp Valente
ArchitektWie haben Sie von dem Mentoring-Programm erfahren?
Lutz Wiese: Aus dem DAB – mich hat diese Möglichkeit der Zusammenarbeit mit dem Planungsnachwuchs sehr angesprochen. In all den Jahren als Architekt und Büroinhaber habe ich immer gern mit Studierenden, Absolventen und generell jungen Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet. Ich schätze sehr den Blick über den „Generationen-Tellerrand“.
Philipp Valente: Ich kam über einen engen Kontakt zum Berufsverband an die Information. Es ist ja festzustellen, dass die Zahl der Büroneugründungen generell zurückgeht. Gerade der Berufsnachwuchs ist vorsichtig geworden, hadert aufgrund von Krisen zunehmend mit der Selbstständigkeit und wählt lieber das Angestelltenverhältnis. Das sehen die Kammer und die Berufsverbände richtigerweise mit Sorge. Ich finde auch: Wir brauchen junge, auch kleinere Büros. Denn wenn die zunehmend verschwinden, gibt es irgendwann eine Lücke für die Planung kleinerer Bauaufgaben.
Zur Person
Lutz Wiese, Architekt
Zur Person
Lutz Wiese, Architekt
67 Jahre alt, arbeitete nach seinem Abschluss an der Universität Essen sowohl als angestellter Architekt als auch als selbstständiger Inhaber von Architekturbüros mit Tätigkeitsschwerpunkt Wohnungsbau und Projektentwicklung. Seit 14 Jahren führt er mit seinem Partner Daniel Nitsche das Büro Nitsche Wiese in Bocholt.
Zur Person
Philipp Valente, Architekt
Zur Person
Philipp Valente, Architekt
34 Jahre alt, arbeitete parallel zum Architektur-Studium in Dortmund sowie München und nach Auslandsaufenthalten in Spanien und Japan vor allem freischaffend. Schon 2019 erfolgte eine erste Bürogründung, zunächst in Partnerschaft. Im Jahr 2024 gründete er als alleiniger Inhaber das Büro samu architektur in Dortmund.
Wie gelingt so eine Zusammenarbeit? Man kennt sich ja vorher nicht. Stimmte die Chemie von Anfang an?
Lutz Wiese: Ja, die stimmte. Natürlich hat das einfach mit Glück und Sympathie zu tun. Aber auch damit, wie man sich auf andere einlassen kann. Wir gehören zwei Generationen an, und da gibt es natürlich unterschiedliche Sichtweisen und Herangehensweisen. Aber da kommt es auf Akzeptanz an. Beim Mentoring geht es nicht darum, immer einer Meinung zu sein, sondern Ideen auszuhandeln und auf Augenhöhe zu bleiben.
Welche Ziele hatten Sie für sich als Tandem formuliert?
Philipp Valente: Vor allem, dass wir uns regelmäßig sehen und nie unvorbereitet in Treffen gehen. Das war uns beiden wichtig. Aus meiner Gründung und den ersten Projekten, die wir im Büro umgesetzt haben, sind viele Themen herausgefallen, die ich ansprechen konnte. Manchmal hat man als Mentee auch das Gefühl, dass man vielleicht „zu viel“ fragt. Aber das ist unbegründet. Das ist ja das Wesen vom Mentoring. Außerdem bringen auch Mentees Expertise mit, die sie weitergeben können. Bei mir war das meine Erfahrung mit Selbstdarstellung und Kommunikation in Social Media.
Der Berufsnachwuchs soll ruhig den Mut haben, erfahrene Kolleginnen und Kollegen einfach anzusprechen und eine gegenseitige Begleitung anzubieten.
Lutz Wiese
ArchitektWas war der wertvollste Tipp für Sie als Gründer?
Philipp Valente: Vor allem, selbstbewusst an die Bewertung der eigenen Expertise und damit an die Angebotserstellung und die Honorarverhandlungen heranzugehen. In den Mentoring-Gesprächen habe ich viel Wertschätzung für unsere Leistung erfahren. Das hat Mut gemacht, die eigene Arbeit gegenüber der Bauherrschaft offensiv zu bewerten. So haben wir nicht den Fehler gemacht, den viele Gründer vielleicht am Anfang machen: beim Honorar erst einmal vorsichtig zu kalkulieren, erst einmal „zu machen“ – und am Ende vielleicht draufzuzahlen.
Was raten Sie Kolleginnen und Kollegen, die nicht Teil eines Mentoring-Programms sind?
Lutz Wiese: Als Mentor rate ich unbedingt dazu, Kontakte über die eigene, vielleicht auch jüngere Mitarbeiterschaft hinaus zu suchen. Mal abgesehen davon, dass das den Horizont erweitert, erleichtert es den Wissenstransfer, wenn kein Chef-Angestellten-Verhältnis über allem schwebt. Und der Berufsnachwuchs soll ruhig den Mut haben, erfahrene Kolleginnen und Kollegen einfach anzusprechen und eine gegenseitige Begleitung anzubieten – und umgekehrt.
Valente: Darüber hinaus kann es wertvoll sein, ein Netzwerk aus Gleichgesinnten aufzubauen. Gründer:innen sollen sich ruhig auch nach jüngeren Büros umsehen, die aus ihrer Gründungsphase selbst vielleicht noch gar nicht so lange raus sind und die Start-Themen noch sehr präsent haben.
Vielen Dank für das Gespräch.
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