Wohnungskrise vs. Kleingärten
Verdichtung macht Städte mitunter weniger lebenswert. Aber wo soll der Wohnraum denn hin, wenn nicht auf die freie Fläche? Der Konflikt zwischen Wohnungsnot und Grünräumen flammt seit über 100 Jahren immer wieder auf.
In Zeiten der Wohnungskrise klingt mehr Wohnungen zu bauen sinnvoll. Doch die Verdichtung auf Freiflächen nimmt den Städten Licht, Luft, Sonne und vieles mehr. Genau das sorgt aktuell in Hannover für Aufruhr. „650 Kleingärten vor der Zerstörung! Unsere grünen Oasen sollen Bauland werden.“ Mit diesem Hilferuf richtet sich seit Januar eine Petition an den Oberbürgermeister, die den Erhalt der Kleingärten fordert. Noch fünf Monate können Unterschriften abgegeben werden, doch bereits jetzt wurde das Quorum bei Weitem überstiegen. Die Stadt gab dem Druck unlängst nach, steht aber unter Zugzwang. Um der Wohnungskrise Herr zu werden, hat sich der Stadtrat vorgenommen, bis 2035 knapp 17.000 Wohnungen zu bauen – aber wo?
Historische Dauerbaustelle
Der Konflikt ist alt. Vor 100 Jahren hieß das Problem nicht Wohnungskrise, sondern Siedlungsfrage: Die Industrialisierung führte in der Weimarer Republik zu Wohnungsnot. Die Städte wuchsen und es wurde Platz für neue Wohnblöcke benötigt. Planerinnen und Planer wie Martin Wagner und Bruno Taut sahen Gartenkolonien als Hindernis für die moderne Stadtentwicklung. Zwischen 1925 und 1929 schrumpfte die Gartenfläche Berlins darum um fast ein Viertel. Dabei halfen die Gartenkolonien den Menschen, den „‚Steinkäfigen‘ der Mietskasernen“ und dem „Stampfen der Maschinen“ zu entkommen. Entsprechend kontrovers wurde die Siedlungsfrage damals diskutiert. Prominent war die Forderung, Licht, Luft und Sonne in die Städte zu bringen. Manche gingen dabei aber noch weiter. So forderte der Landschaftsarchitekt Leberecht Migge 1918: „Der Garten unter allen Umständen voran.“ Die Siedlungsfrage wollte er mithilfe der Befähigung zur Selbstversorgung lösen. Ihn trieben damals nicht ökologische, sondern vor allem wirtschaftliche Faktoren um. Die Selbstversorgung aller sollte nämlich die staatliche Importunabhängigkeit gewährleisten und darüber hinaus die Verbundenheit mit der Natur wiederherstellen. Sowohl Feld- als auch Kleingärten sind heute die wenigen Orte, an denen Städterinnen und Städter Natur erleben können. Darf man das aufs Spiel setzen?
Mehr als Grün: Was Kleingärten leisten
Ob Kleingarten oder die riesige Brache des Tempelhofer Feldes – beide bringen Licht, Luft und Sonne in die dichtgebaute Stadt. Sie speichern Wasser, kühlen bei Hitze, stärken die Biodiversität und dienen als CO2-Senken. Während Gärten in der Nachkriegszeit als Nahrungsquelle überlebenswichtig waren, wandelte sich ihre Funktion später hin zu reinen Freizeitorten. Einen volkswirtschaftlichen Wert haben die Gärten nicht mehr. Doch ihr Effekt ist ökologisch, gesund und sozial. Eine aktuelle Studie der TU Warschau aus dem Jahr 2025 zeigt, wie die Pflege einer Gartenparzelle wie eine „Selbsttherapie“ wirkt. Grünflächen hätten demnach einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit und Stressreduktion. Da Gärten nicht durch den freien Markt, sondern nach Verfügbarkeit vergeben werden und günstig gepachtet werden können, kommen Personen unterschiedlicher sozioökonomischer Klasse und unterschiedlichen Alters zusammen. Die Studie belegt, dass Kleingärten Orte sind, an denen soziale Barrieren abgebaut werden und generationsübergreifende Gemeinschaften entstehen.
Politischer Kurswechsel: Das Beispiel Berlin
Dass es auch anders geht, zeigt ausgerechnet Berlin. Dort hat der Umweltausschuss des Abgeordnetenhauses im Februar 2026 das sogenannte „Kleingartensicherungsgesetz“ auf den Weg gebracht. Künftig stehen rund 57.000 landeseigene Parzellen unter besonderem Schutz. Umwidmungen sind nur noch in engen Grenzen und mit Ersatzflächen möglich. Somit können Kleingärten nicht länger als Reserveflächen für weitere Verdichtung betrachtet werden, sondern sind feste Bausteine für Biodiversität, Stadtklima und sozialen Zusammenhalt. Immerhin drei Prozent der Stadtfläche sind hier gesichert. Angesichts der autogerechten und wirtschaftsorientierten städtebaulichen Politik des aktuellen Senats ist das ein wichtiges politisches Statement für lebenswerte Städte.
Was hat das alles mit uns Planenden zu tun?
Architektinnen und Architekten entscheiden selten darüber, wo (nicht) gebaut wird, sondern werden in der Regel erst danach hinzugezogen. Trotzdem ist es wichtig, Position zu beziehen, damit Städte auch in Zukunft lebenswert und gesund sind. Für Stadt- und Raumplaner:innen ist das Arbeitsalltag. Es sind Innenarchitekt:innen, Landschaftsarchitekt:innen, Stadt- und Raumplaner:innen sowie Architekt:innen, die belastbare Alternativen erarbeiten. Wir können zeigen, wie sich Städte ohne weitere Versiegelung verdichten lassen, sei es durch Aufstockung, qualitative Verdichtung innerhalb der Wohnungen oder stärkere Auslastung der oft untergenutzten Wohnfläche. Die zentrale Frage sollte nicht lauten: „Grün oder Wohnen?“ Sondern: Wie bringen wir beides zusammen – und das gerecht, gesund und zukunftsfähig?
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