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[ Unbekannte Schätze ]

Provinzmoderne

Auch abseits der Metropolen gibt es große und kleine Meisterwerke zu entdecken. Doch damit Fabrik, Bahnhof, Wohnhaus und Bauernhof erhalten bleiben, braucht es in der Provinz engagierte Akteure und maßgeschneiderte Konzepte

Von Heiko Haberle und Ulrich Höhns

Alte Textilfabriken, gründerzeitliche Mietshausbebauung, guter Bahnanschluss: Apolda ist eine historische Industriestadt im Kleinformat. Umso maßstabsprengender erscheint die etwas außerhalb stehende ehemalige Weberei Borgmann, ursprünglich ein Stahlbeton-Skelettbau des Architekten Hermann Schneider von 1907. 30 Jahre später übernahmen die Berliner Total Werke das Gebäude, um dort Feuerlöscher zu produzieren. Sie brachten den damals noch wenig bekannten Egon Eiermann mit, der in Apolda einen heute wieder hochaktuellen Umgang mit dem Bestand zeigte: Er baute ihn zeitgenössisch weiter, indem er das konstruktive Raster des Schneider-Baus und einer bereits begonnenen Erweiterung fortführte.

Weiterbauen mit Egon Eiermann

Im Inneren stand der Arbeiter als Mensch im Mittelpunkt. Die Produktionsetagen waren lichtdurchflutet und das oberste Stockwerk blieb den Sozialräumen vorbehalten. Hier finden sich noch immer Teile der intelligent organisierten Umkleiden und der stützenlose Speise- und Veranstaltungssaal. Dank Lüftungsschlitzen in der Decke wird es trotz des vielen Glases nie zu heiß. Die Dachterrasse erinnert mit Reling, Fahnenmast und damals auch Liegestühlen ganz modernetypisch an das Sonnendeck eines Ozeanriesen. Das Pflanzkonzept stammte von der Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher, die auch die Außenanlagen von Haus Schminke in Löbau gestaltet hatte. Ihre Wandhalterungen für Blumentöpfe sind noch heute auf der Terrasse und im Treppenhaus zu finden.

Nach Ende der Produktion 1994 folgte eine typische Nachwendegeschichte mit Treuhand und mehreren Sanierungsgesellschaften, von denen eine immerhin die Fenster instand setzte und ein neues Treppenhaus anbaute. Mieter fanden sich trotzdem nicht. Der engagierte „Verein der Freunde des Eiermannbaus“ schaffte es aber, die Fabrik im Bewusstsein zu halten, sodass die Stadt sie ohne Nutzungsidee 2014 als Projektkandidat für die IBA Thüringen vorschlug. Nach einer Ideenwerkstatt vor Ort erarbeitete die IBA ein Finanzierungs- und Nutzungskonzept. Es zeigt, dass das konstruktiv intakte, aber bisher nur an vertikalen Strängen mit Wasser, Strom und Wärme versorgte Gebäude (die ursprüngliche Haustechnik war zurückgebaut worden) wirtschaftlich betrieben werden kann, sofern man Experimente wagt und Ansprüche hinterfragt.

Schließlich kaufte die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen den Eiermannbau. Erster Nutzer ist seit diesem Jahr die IBA selbst. „Etwas Besseres hätte uns nicht passieren können“, sagt IBA-Projektleiterin Katja Fischer: „Wir müssen uns nicht mehr theoretisch erklären, sondern man kann an unserem eigenen Projekt sehen, was wir erreichen wollen.“ Nachdem das Team übergangsweise im Speisesaal arbeitete, ist es vor Kurzem in die zweite Etage umgezogen, wo es als eigenes „Baukollektiv“ ein ungewöhnliches Bürokonzept umsetzte. „Wir machen jetzt genau das, was wir uns auch von den IBA-Projektträgern wünschen: sich Räume mutig aneignen“, findet Fischer. In dem großen Raum bieten kleine Arbeits-Gewächshäuser (siehe Seite 14) dank Infrarot-Heizkörpern auch im Winter ein Mikroklima von 20 Grad, um sie herum sorgen wassergeführte Deckensegel für immerhin 15 Grad. Von hier aus werden nun Projekte in ganz Thüringen betreut und der Eiermannbau vermarktet. Ganz ungeplant ist die IBA damit zum Projektentwickler geworden. Für Ausstellungen, Workshops, Feste und sogar als temporäres Hotel hat sich die Fabrik bereits bewährt. Aber auch erste Mietinteressenten hätten schon angeklopft, wie Fischer berichtet.

Eine Stadt rettet ihren Bahnhof

Gut 50 Kilometer nördlich von Apolda, in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt), stand man vor einem anderen Leerstandsproblem, das landauf, landab zu beobachten ist: Die Deutsche Bahn brauchte ihren Bahnhof nicht mehr. Wenn dieser aber 1963 als erster Bahnhofsneubau der DDR (Architekt: Martin Pietzsch) errichtet wurde und alle Attribute der Nachkriegsarchitektur – Leichtigkeit, Farbigkeit, Kunst am Bau – exemplarisch vorführt, kann Leerstand kein Dauerzustand sein. Nach einem traurigen Jahrzehnt entschied sich die Stadt daher 2009 zum Kauf. Für die Sanierung, die 2015 begann, wurde der Bahnhof dann an die bauerfahrene städtische Wohnungsbaugesellschaft SWG weiterverkauft.

Großer Bahnhof: In Sangerhausen steht der erste Bahnhofsneubau der DDR. Weil die Deutsche Bahn ihn vernachlässigte, kaufte die Stadt den Bahnhof und machte ihn zum Schmuckstück.

Damit es trotz fortlaufenden Bahnbetriebs rechtlich nicht mehr als Bahnanlage gilt – was das Eisenbahnbundesamt als Genehmigungsbehörde auf den Plan gerufen hätte –, wurde das Empfangsgebäude baulich von allen Bahnanlagen gelöst und vom Bahnstrom abgekoppelt. Sogar die Fahrkartenautomaten mussten in den Tunnel zu den Gleisen versetzt werden. Doch die größte Herausforderung war der behutsame Umgang mit dem jungen Denkmal, wie Wolfram Mohr von den beauftragten S & P Ingenieuren und Architekten aus Leipzig berichtet. Putzflächen wurden entsprechend ihrer Erstfassung wiederhergestellt. Am linken Seitenflügel baute man Türöffnungen zurück, arbeitete die Fassade aus blauen Spaltklinkern auf und versah sie mit einer Innendämmung. Der rechte Seitenflügel – früher Gepäckdepot und Werkstatt – ist dank größerer Fenster nun als Teil des Bahnhofs erkennbar. Darin befindet sich ein Restaurant mit öffentlich nutzbaren Toiletten.

Das Empfangsgebäude erhielt eine energetisch optimierte Pfosten-Riegel-Fassade nach historischem Vorbild. Der gut erhaltene Terrazzoboden in der Halle und die originalen eleganten Pendelleuchten mussten lediglich gereinigt werden – ebenso das prächtige Wandmosaik von Wilhelm Schmied, das den Alltag des Mansfelder Landes zeigt: Landwirtschaft, Bergbau und Hüttenwesen, aber auch Teilnehmer der Friedensfahrt, der „Tour de France des Ostens“. Vermissen könnte man lediglich die Treppe zur Mitropa-Gaststätte im Obergeschoss. „Eigentlich wollten wir die Treppe gerne erhalten“, erzählt Mohr, „doch sie war funktional obsolet geworden und hätte genau vor der Touristen-Information gestanden.“ Die schöne Idee der Planer: Aus den Werksteinstufen wurden nach eigenem Entwurf die neuen Bänke der Empfangshalle gefertigt.

Das Betriebskonzept beruht auf einer öffentlich-öffentlichen Partnerschaft, die Synergien erzeugt. Die Eigentümerin SWG verwaltet den Bahnhof für die Nutzer, die Untermieter sind. Generalmieterin ist die Stadt, die im Bahnhof kommunale Einrichtungen bündelt: einen Versammlungsraum, die Stadtbibliothek, ein Bürgerbüro und die Touristen-Information. So entstand ein repräsentatives Tor zur Stadt, das nicht nur Reisende, sondern auch Einwohner anzieht. Versinnbildlicht wird die gewachsene Bedeutung am Eingang. Dort steht jetzt gestalterisch passend neben der historischen Uhr ganz groß: „Bahnhof“.

Moderne am Meer

Um einen ganzen Bahnhof zu retten, braucht es städtische Institutionen. Ein Privathaus kann meist nur auf eingefleischte Liebhaber mit persönlichen Bindungen hoffen: So wie die der Kieler Architekten Marie-Luise und Peter Zastrow zum Strandhaus Schroeder in Heikendorf. Das kompromisslos moderne, strahlend weiße Haus am Ostufer der Kieler Förde hat der Architekt Rudolf Schroeder 1931 für seine Frau und sich gebaut. Das Haus ist ein Manifest der Einfachheit in Form und Funktion: ein Flachbau mit breitem Fensterband zur Seeseite, kurzem Seiten­flügel, einem Vordach über der Terrasse, gehalten von einer dünnen Stütze, die sich zur hohen Fahnenstange verlängert. Es ist eine simple, mit Heraklith beplankte Holzständerkonstruktion, früher mit Einfachverglasung, Kohleheizung, Dampferschornstein und schwenkbarem Waschbecken im Mini-Bad. „Doch dieses Minimalhaus hat an einer orkangefährdeten Stelle erstaunlich gut gehalten“, findet Marie-Luise Zastrow. „Uns haben die Sparsamkeit der Konstruktion, die räumliche Bescheidenheit und viele kluge Entwurfsideen beeindruckt.“ Etwa das nur betttiefe Schlafzimmer mit zwei schmalen Türen: Die Eheleute fanden getrennt ins gemeinsame Bett. „Diese Idee bieten wir inzwischen in eigenen Entwürfen an“, sagt die Architektin.

Sturmerprobt: Das Strandhaus Schroeder an der Kieler Förde widersteht seit 1931 Wind und Wetter. Nach der Sanierung sogar noch besser.

Das Haus blieb nach dem Tod der Schroe-ders im Familienbesitz. 2005 zogen die Zastrows ein, die mit der Familie Schroeder verwandt sind. Nach dem ersten Hochwasser entschieden sie sich für eine grundlegende Sicherung gegen die Ostsee. „Das Haus stand mindestens acht Mal unter Wasser. In Zukunft sollte es draußen bleiben“, sagt Zastrow. Die weiße Mauer als dynamische Streckung des Hauses wurde aus Stahlbeton neu errichtet und mit einer dreißig Meter langen Gabionenwand diskret ergänzt. Im rückwärtigen Teil des großen Grundstücks wurde ein Deich um Haus, Hof und Teich gezogen. Beim folgenden Hochwasser blieben Haus und Garten trocken.

Nach mehreren Jahren Wohnen im Urzustand des Hauses hatten sich die Zastrows gut mit dessen Besonderheiten vertraut gemacht und begannen 2013 die eigentliche Sanierung. Wegen der Wasserschäden musste die komplette Holzständerkonstruktion in 50 Zentimeter Höhe abgetrennt werden und neue Füße erhalten. In die zuvor hohlen Wände wurde eine wasserresistente Dämmung aus Polystyrolkügelchen eingeblasen. Auch das Dach und der dafür ausgehobene Boden erhielten eine Wärmedämmung. Die neuen Fenster sind dreifachverglast, aber den Originalen angeglichen. Der Energiestandard von 2014 wird um 50 Prozent, die Anforderungen an das „KfW-Effizienzhaus Denkmal“ werden um den Faktor 3 unterschritten.

Die einzigen äußerlichen Veränderungen berühren spätere bauliche Ergänzungen. Die Fertiggarage aus der Nachkriegszeit – nun Abstell- und Technikraum – wurde verlängert und mit Corten-Streckmetall umschlossen, sodass sie dem Hauptbau keine Konkurrenz mehr macht. Anstelle des Garagentors öffnet sich ein großes Fenster zum Wasser. Die Zwei-Personen-Frühstückskanzel an der Rückseite des Hauses gewann an Volumen und verbindet sich mit der Küche, die ursprünglich der „Frankfurter“ ähnlich war. Zum Wohnraum kam eine Durchreiche hinzu, sodass der Blick nun von der Küche bis auf die Förde geht.

Die gefundene Verbindung von Neu mit Alt, von Moderne, Land und Meer hat es bereits zu medialer Berühmtheit gebracht: Seit 2016 „wohnt“ die Schauspielerin Anna Maria Mühe als Fernseh-Ermittlerin im Strandhaus. Besonders in der Provinz kann mediale Präsenz dabei helfen, ein Denkmal ins Bewusstsein zu rücken. Viel wichtiger für solche Einzelstücke ist aber eine realistische Betrachtung der Potenziale: Was kann dieses Haus an genau diesem Ort leisten? Welche Nutzung ist genau hier möglich und wer kann sich dafür engagieren?


Hugo Häring braucht Hilfe

Bauernhof und Star-Architekt? Diese nahezu einmalige Kombination ist auf Hugo Härings Gut Garkau in Ostholstein zu erleben. Doch Kuhstall und Scheune von 1925 sind akut gefährdet. Unser Autor Ulrich Höhns berichtet über ein ganz spezielles Denkmal.


INFO

Mehr Informationen zur IBA Thüringen, die Stärken im bestand offenlegt:
www.iba-thueringen.de

Der Bahnhof Sangerhausen ist eines von zwölf Beispielen im Baukulturbericht 2018/19 „Erbe Bestand Zukunft“, der am 7. November auf dem Konvent der Baukultur präsentiert wird. Danach kostenloser Download unter:
www.bundesstiftung-baukultur.de


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