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[ Vorschlag ]

Gebäudetyp E: experimenteller und einfacher bauen

Bauen wird immer komplizierter, langsamer, teurer und gleichförmiger. Dabei sollte es einfacher, schneller, günstiger und auch architektonisch abwechslungsreicher werden. Doch will man sich an alle Regeln halten, sind architektonische Innovationen kaum umsetzbar. Gegen dieses Dilemma schlagen die Architektenkammern einen neuen Gebäudetyp E vor

Buchstabe E als goldener Luftballon
E wie experimentell. Oder E wie einfach. Die Architektenkammern schlagen einen „Gebäudetyp E“ vor, der wieder mehr Freiheiten beim Bauen erlaubt. Foto: Adobe Stock

Von Florian Dilg

Das Planen und Bauen findet in einem zunehmend engen Geflecht von Normen und Vorschriften statt. Diese bestimmen zum großen Teil die technische Umsetzung von Gebäuden, aber auch deren Dimensionen und Ausstattungsstandards. Dabei treiben sie die Komfortansprüche in perfektionistische Höhen, die unter dem Aspekt der Suffizienz das nachvollziehbar notwendige Maß längst überschritten haben. Dabei drängt sich der Eindruck auf, dass Richtlinien mittlerweile vor allem den Absatz von Produkten und Systemen der Baustoffindustrie sichern sollen.

Architektur spielt untergeordnete Rolle

Kurz gesagt: Bauherren und ihre Planer bestimmen nur noch in einem eng gesteckten Rahmen, mit welchen Schwerpunkten und Qualitäten sie ihr Projekt entwickeln. Und sie entscheiden auch nur eingeschränkt darüber wie die Ziele konstruktiv erreicht werden.

Auf diese Situation können sie nicht mehr mit eigenen Ideen oder Reduzierung der technischen Standards reagieren. Eingespart werden kann nur noch an der Qualität und Nachhaltigkeit von Materialien sowie an räumlicher und gestalterischer Qualität. Zu besichtigen ist mittlerweile eine Neubauroutine, die eine qualitätsarme Gleichförmigkeit bei der Einhaltung höchster Standards erreicht hat.

Da es sich dabei um unser Wohn- und Arbeitsumfeld handelt, hat diese Entwicklung direkten Einfluss auf die Lebensqualität. Dazu kommen die steigenden Mietpreise, die immer weniger Freiheiten für die Lebensführung erlauben.

Europäischer Vergleich von Decken- und Wandaufbauten
Welchen Standard können und wollen wir uns noch leisten? Das Architekturbüro Atelier Kempe Thill hat Mehrfamilienhäuser in vier Ländern gebaut und die Aufbauten für Geschossdecken und Innenwände verglichen. Grafik: Atelier Kempe Thill

Die Idee für einen Gebäudetyp E

Neben dem bestehenden System der Gebäudeklassen in der Bauordnung können Bauvorhaben dem Gebäudetyp „E“, im Sinne von „Einfach Bauen“ oder „Experimentelles Bauen“ zugeordnet werden; wie der Sonderbau kombiniert mit den bestehenden Klassen für den Brandschutz, zum Beispiel zur Gebäudeklasse „E 3“. Für diese Projekte gelten die Normen und Richtlinien, auf die Art. 85a Musterbauordnung (MBO) verweist, nicht zwingend. Grundsätzlich gelten die Schutzziele der Bauordnungen, vgl. § 3 (genauer in §§ 12-16): Standsicherheit, Brandschutz, gesunde Lebensverhältnisse und Umweltschutz.

Als Grund für die Einordnung in „E“ kann die Anwendung einer innovativen Konstruktion ebenso gelten wie der Versuch bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Am Beginn eines „E“-Projekts steht eine sorgfältige, gemeinsame Festlegung zwischen Planern und Bauherr zu den Zielen und Qualitäten, die frei vereinbart werden können, sich aber an gängigen Standards orientieren können. Diese Aufstellung macht die Eigenschaften des Gebäudes dauerhaft transparent. Durch eine sichtbare Kennzeichnung der neuen Gebäudetypen “E“ wird den Verbrauchern angezeigt, dass es sich um ein Gebäude handelt, dass ggf. von gängigen Standards abweicht, ohne dabei aber die Schutzziele der Bauordnung zu missachten. Die Abweichungen können Nutzern gegenüber benannt und erläutert werden.

Dann ist es möglich mit einem reduzierten Regelwerk zu arbeiten, das es Bauherren und Planern ermöglicht, Standards, Materialien und Ausführungsdetails aufeinander anzupassen, sodass sinnvolle und nachhaltige Gebäude zu bezahlbaren Kosten entstehen. Zur Nachhaltigkeit gehört neben der gemeinsamen Zielbestimmung auch eine gute Gestaltung und Abstimmung auf die Nutzerbedürfnisse.

Europäischer Vergleich von Auflagen am Bau
Aus André Kempes und Oliver Thills Erfahrungen in Frankreich, Belgien und den Niederladen zeigt sich auch, wie komplex Bauen in Deutschland ist und wieviele Fachplaner nur hierzulande erforderlich sind. Grafik: Atelier Kempe Thill

Gebäudetyp E vorerst für sachkundige Bauherren

Begleitet wird die Einordnung in die Gebäudeklasse „E“ von einer Öffnungsklausel im § 650 o BGB, welche die privatrechtlichen Ansprüche auf die genormten Standards löst und den Bauherren freie Hand gibt. Um den Verbraucherschutz nicht zu schwächen, wird „E“ zunächst nur in der Zusammenarbeit mit sachkundigen Bauherren, wie zum Beispiel kommunale Wohnungsbaugesellschaften zugelassen.

Mehr Freiheiten für innovatives und ressourcenschonendes Bauen

Bauherren erhalten wieder Entscheidungsfreiheit über Ihre Projekte, wenn sie neue Wege im Bauen beschreiten wollen. Sie bekommen die Möglichkeit innovativ, normenreduziert und damit kostengünstiger zu bauen. Es entsteht wieder Raum für Innovationen in Richtung Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit.

Ideen zur Erneuerung im Bauen bleiben nicht nur Theorien, die diskursiv gegen den Normenapparat bestehen müssen, sondern sie können real erprobt, erlebt und bewertet werden. Wir rechnen mit vielen guten Beispielen, die in die unterschiedlichsten Richtungen Anstöße zur Weiterentwicklung geben. Die Umnutzung von Gebäuden wird einfacher möglich, da der Wechsel der nutzungsspezifischen Anforderungen kein Hindernis mehr sein muss.

  • Notwendige Neuausrichtungen im Bauwesen, wie verstärkte Umnutzungen unter Wiederverwendung des Bestandes und das zirkuläre Bauen können sich ohne Konflikt mit den bestehenden Standards entwickeln.
  • Architekten und Ingenieure können kreativer ihre Kompetenz zur Konstruktion in die Bauentwicklung einbringen und Verantwortung in der Entwicklung der Gesellschaft übernehmen.
  • Durch einen leichteren Zugang für kleine und mittelständische Handwerksbetriebe kann der Gebäudetyp „E“ den Preiswettbewerb bei Bauprojekten wiederbeleben.

Es entstehen durch den Gebäudetyp „E“ keine Unsicherheiten, da das bestehende System nicht verändert wird. Es wird ein zusätzlicher Planungsweg hinzugefügt, der in einen neuen Raum von Möglichkeiten führt.

Florian Dilg ist Architekt in München und Leiter der Taskforce Gebäudetyp E der Bundesarchitektenkammer


Am 15. September 2022 hat die Bundeskammerversammlung, also das Parlament der 16 Länderkammern, eine Erklärung für mehr Spielraum für Innovationen beim Planen und Bauen beschlossen, die den Gebäudetyp E als Vorschlag beinhaltet.

Lesen Sie außerdem das Interview mit BAK-Präsidentin Andrea Gebhard zum Gebäudetyp E.

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3 Gedanken zu „Gebäudetyp E: experimenteller und einfacher bauen

  1. Die Qualität und Aussage des für mich eigentlich überzeugenden Statements wird leider durch die einseitige und übertriebene Auswahl der erklärenden Beispiele (Baudetails) signifikant geschmälert.
    Hier extreme Beispiele auf beiden Enden der Skala anzuführen, um auch noch dem letzten Zweifler einzuhämmern, wie übertrieben Deutschland und wie sparsam z.B. Frankreich in den vorgeschriebenen Bauweisen ist, spielt nur denjenigen in die Karten, die diese Argumentation ohnehin grundsätzlich ablehnen möchten.
    Da gibt es (auch vom Autor Herrn Dilg selbst) bessere und plausiblere Beispiele, die die übertriebenen Regelungen erläutern und die nicht von jedem halbwegs Sachkundigen mit Leichtigkeit vom Tisch gefegt werden könnten.
    Dennoch – gute Initiative

    Antworten
  2. Da kann ich mich nur dem Vorredner anschließen. Ein Wohnhaus mit einer Betondecke d= 30 cm habe ich weder im Einfamilienwohnhaus noch im Mehrfamilienwohnhaus bisher gesehen bzw. geplant. Und in einer Zwischenwand von d= 50 mm wird es schwierig die Elektroinstallation (sowie HLS-Installation) unter zu bringen. In Frankreich ist es in diesem Fall vermutlich üblich, Aufputz-Installationen auszuführen? Vielleicht liegt nicht nur alles an den vielen DIN/EN-Normen sondern vielleicht sind die deutschen Bauherrn einfach nur anspruchsvoller (z.B. Aufputz-Installation in den Wohnräumen, Fußbodenheizung anstatt Heizkörper usw.). Wobei die Normen und Vorgaben z.B. im Bereich der Statik europaweit die selben sein müßten?
    M.E. sind in Deutschland auch die 16 verschiedenen Landesbauordnungen, AusführungsVO, Brandschutzbestimmungen usw. für das „komplizierte“ bauen mit verantwortlich.

    Antworten
  3. Vor ein paar Jahren habe ich mal für ne Sprinkleranlage unter nem Fabrikdach in Frankreich ne Statik erstellt. Unter eigenem Namen, nicht anonym, wie in Frankreich üblich. Der Prüfingenieur hat freudig angerufen, weil er noch nie Kontakt zu einem Aufsteller einer Statik hatte. Warum? In Frankreich haftet jeder, der irgendetwas an einem Gebäude macht, gegenüber dem Bauherrn, auch für fremde Gewerke. Um also nicht belangt zu werden, werden die Planungsleistungen oft anonym erstellt. Ich hatte bei meiner FRANZÖSISCHEN Berufshaftpflicht mal nachgefragt, um das Projekt zu versichern. Die haben sich kaputt gelacht und gesagt, das würde mehr kosten, als ich für HOAI-Höchstsätze in Deutschland abrechnen könne. Ich sollte besser über ein in Deutschland niedergelassenes Tochterunternehmen das abwickeln. Nach Deutschem Recht.

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