Immer schön flexibel bleiben: Das Konzept von Studio Sozia
Studiobesuch: In ihrem Karlsruher Büro entwerfen Lisa Häberle und Valerio Calavetta multikodierbare Räume. Mit Lust und Leidenschaft kreieren sie Lösungen, die verschiedene Nutzungen vordenken.
Auf der Website von „Studio Sozia“ schweben Skizzen neben Gebäudeaufnahmen, Fotos von alten Fliesenspiegeln neben Buchcovern und Renderings neben Dokumentationen. Keine Typologie taucht zweimal auf, es geht, wie Valerio Calavetta sagt, „kreuz und quer“: vom ertüchtigten Einfamilienhaus und einem Besucherzentrum über einen Fernwärmespeicher bis zum Vermittlungsraum für Pinakotheken. „Ein unkonventionelles Portfolio mit seltsamen Bauaufgaben“ amüsiert sich Lisa Häberle in ironischer Selbstbetrachtung. „Eher nicht die klassische Anlaufstelle, mit der sich private Bauherrschaften identifizieren können.“ Dabei gehört Studio Sozia zu den aufstrebenden „jungen Büros“. Gleich das erste realisierte Projekt fand enorme Beachtung: Für ihr Büro- und Wohngebäude „TINA“ in Breisach gab es Preise und Anerkennung satt.
Uniwissen versus Bauprojekt
Häberle und Calavetta, frisch von der Uni, wollten austesten, wie maximale Flexibilität von Gebäuden aussehen kann. Weil die Bodenpreise in der Freiburger Region exorbitant waren, hatte die (verwandte) Bauherrschaft ein Grundstück im Gewerbegebiet gekauft. An der gerasterten Grundstruktur haben die beiden Architekten lange getüftelt und den Gap zwischen universitär angeeignetem und praktischem Wissen gefüllt.
TINA funktioniert heute als Bürohaus, könnte jedoch ohne größere Eingriffe für eine Wohnnutzung umgebaut werden. Das TINA brachte Bekanntheit. Doch Aufträge von privat? Bislang Fehlanzeige.
Das Studio
Das Studio
Studio Sozia, Karlsruhe, versteht sich als kollaboratives Architekturbüro mit Schwerpunkt auf der Entwicklung experimenteller Projekte an den Schnittstellen zwischen sozialen, ökologischen, ökonomischen und ästhetischen Fragestellungen. Sozia steht nicht etwa für eine weibliche Beifahrerin, sondern für eine Philosophie: Gemeinsam, nicht allein. Das 2021 gegründete Büro wird als PartGmbB geführt und besteht neben Lisa Häberle und Valerio Calavetta aus den drei Werkstudentinnen Alena Bischoff, Pia Mayer und Anna Merk.
studiosozia.com
Studio Sozia auf Instagram: @studiosozia
Theorie und Praxis als Parallelen
Häberle und Calavetta waren beide am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), zunächst fürs Studium, später in der Lehre. Drei Werkstudentinnen bereichern das Büro. „Wir genießen den Austausch mit den Studierenden“, sagt Häberle – der Ort dafür ist ein riesiger runder Tisch im Büro. Besonders in den höheren Leistungsphasen, wenn es etwas zäh werde, bliebe man „frisch im Kopf“ durch deren Input, bliebe am Puls der Zeit und bekäme mit, was die jungen Leute heute interessiere – oder eben auch nicht mehr interessiere. „Rückbezüge schaffen von der Praxis in die Uni oder Hochschule sehen wir als wahnsinnigen Vorteil.“
So publizierte Studio Sozia 2024 das Buch „Sortenrein Bauen“ – ursprünglich ein Forschungsprojekt am Institut für Baukonstruktion und Entwerfen von Prof. Ludwig Wappner am Karlsruher Institut für Technologie in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Nachhaltiges Bauen von Prof. Dirk Hebel. Das Interesse galt geschraubten, gesteckten oder sonst wie gearteten unverklebten Verbindungen, die sich später wieder lösen lassen.
Erfahrung ist wichtig, aber die neuen frischen Köpfe werfen Fragen auf.
Valerio Calavetta
ArchitektDaneben realisierte das Büro kleine Projekte: die mobile Küche in Freiburg, die durch Klappen und Faltelemente einen „Möglichkeitsraum“ öffnete. „Die Parallelität von Theorie und Praxis war super!“ Je länger das Gespräch dauert, desto deutlicher wird: Es gibt sie sehr wohl, die Grundidee, die sich wie ein roter Faden durch die vergleichsweise junge, aber umfängliche Entwurfshistorie zieht: „Uns interessiert im Grunde immer die Multikodierbarkeit von Raum“, sagt Calavetta. „Wir versuchen, jedes Projekt so zu entwerfen, dass es auch etwas anderes kann.“
Wie das Bürgerzentrum Illertissen: Ein Veranstaltungsraum war beauftragt, der allerdings nur einmal alle zwei Wochen bespielt werden sollte. Also plante Studio Sozia Verkleinerungsoptionen und reichlich Stauraum durch ein Möbelelement, was vielfältige Formen gemeinschaftlicher Nutzung durch die Nachbarschaft ermöglichte. Die Stadt habe ihnen Vertrauen entgegengebracht, auf ihre Ideen, nicht auf die Referenzliste gesetzt.
Dafür ist das Architektenpaar noch immer dankbar. Was viele Auslober übersehen würden: Junge Büros seien hoch motiviert und würden sich mit aller Kraft in die Aufgabe werfen. Was an Wissen vielleicht noch fehle, machten sie mit Engagement, Zeitaufwand und Herzblut wieder wett.
Wer Lisa Häberle und Valerio Calavetta von ihren Projekten reden hört, spürt ihre neugierige Lust am Tun: offen, unvoreingenommen und unkonventionell an Aufgaben herangehen, Typologien hinterfragen und aufweichen, den Mehrwert suchen und in größeren Kontexten denken. Lisa Häberles Masterthesis 2020 trug den Titel „Sozialutopie – Gold fürs Proletariat“ und befasste sich mit der zeitgemäßen Adaption der Großwohnbauten der 1960er- und 1970er-Jahre.
Dieser gesellschaftspolitische Zugang zur Architektur ist geblieben.Dass Studio Sozia vor eineinhalb Jahren in den Alten Schlachthof in der Karlsruher Oststadt zog, war hingegen kein Statement, sondern Zufall. Ein Erdgeschosslokal in der Innenstadt, mit Schaufenster und möglicher Interaktion nach außen, fand sich nicht. Deshalb jetzt im „FUX“ am Südzipfel des 7 ha großen Konversionsareals, das sich „Kreativpark“ nennt. Valerio Calavetta schwärmt von der Dachterrasse („rege genutzt“), den buchbaren Besprechungsräumen, den gemeinsamen Küchen. Schön sei es dort.
2022
Teilnahme an einem ersten Wettbewerb – ein Jahr nach Gründung.
14
Mal wurde das Büro- und Wohngebäude „TINA“ ausgezeichnet, anerkannt oder nominiert.
Und doch werden Lisa Häberle und Valerio Calavetta womöglich wieder weiterziehen. Denn nicht nur für die Bandbreite ihrer Projekte, auch für ihre persönliche Work-Life-Architektur mit der einjährigen Tochter scheint zu gelten: Immer schön flexibel bleiben. Mag die wirtschaftliche Effektivität auch nicht immer gegeben sein, das Duo des „Studio Sozia“ will diesen Weg weiter beschreiten. „Unser großes Ziel ist, dass wir uns unseren Idealismus, die Lust und Leidenschaft erhalten können“, sagt Lisa Häberle. Bisher hätten sie es irgendwie ganz gut geschafft, nicht in wirtschaftliche Zwänge zu verfallen. Und Valerio Calavetta ergänzt: „Bisher machen wir nur Projekte, bei denen wir überzeugt sind: Da ist ein Mehrwert, damit kann man was besser machen.“
Gabriele Renz
Leitung Kommunikation/ Pressesprecherin Architektenkammer Baden-Württemberg DAB Redaktion Baden-WürttembergDas könnte Sie auch interessieren
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