„Städtebau ist ein Aushandlungsprozess“
Zwischen Wettbewerben, Verfahren und politischen Interessen: Petra Kahlfeldt und Wiebke Ahues diskutieren, wie sich städtebauliche Qualität in Berlin sichern lässt.
Wiebke Ahues: Wir treffen uns in der „da!“-Ausstellung 2026 – 60 Projekte in und aus Berlin, die zeigen, was möglich ist, wenn Architektur und Städtebau wirklich ernst genommen werden. Wie oft haben Sie das Gefühl, dass in Berlin tatsächlich auf diesem Niveau gedacht wird?
Petra Kahlfeldt: Dass wir hier im Living Berlin sprechen, an einem öffentlichen Ort, finde ich genau richtig. Architektur und Städtebau müssen öffentlich verhandelt werden, und hier bekommen die Bauten die Sichtbarkeit, die sie verdienen. Und ich kann wirklich sagen, dass das Planungsniveau in Berlin hoch ist. Als Senatsbaudirektorin setze ich mich seit mehr als vier Jahren mit den Arbeiten der Planerinnen und Planer auseinander. Und insoweit: Ja, ich sehe mich in meiner Beobachtung der Profession auch weitgehend bestätigt – das zeigt auch diese Ausstellung.
Gerade im Städtebau erleben wir, dass langjährige Prozesse nicht immer mit dem besten Entwurf enden, sondern von einer Abwägung unterschiedlichster Interessen geprägt sind. Wann ist diese Abwägung gelungen – und wann wird sie problematisch?
Städtebau ist im Kern genau das: ein Aushandlungsprozess. Und es ist wirklich kein Geheimnis, wenn ich sage, dass gerade städtebauliche Prozesse auf einem sehr langen Zeitstrahl gedacht werden müssen. Der eigentliche Wert liegt darin, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen – mit ihren unterschiedlichen Gestaltungsperspektiven, Anforderungen und Erwartungen. In einer Demokratie müssen diese Interessen abgewogen und in eine Balance gebracht werden, damit eine tragfähige Lösung entsteht.
Welche Rolle hat die Senatsbaudirektion dabei?
Unser Ansatz ist es, diese komplexen Fragestellungen zunächst mithilfe von Wettbewerben und qualifizierten Verfahren zu verräumlichen – also planerisch zu übersetzen, um sichtbar zu machen, was möglich und tatsächlich auch nicht möglich ist. Denn das Risiko ist: Wenn man zu viel will, dann bekommt man am Ende oft gar nichts. Der Erwartungsdruck ist berechtigterweise hoch. Wir haben auch kritische Beobachter: in der Fachöffentlichkeit, in der Kollegenschaft – und der Verantwortung, die uns dort abverlangt wird, wollen wir gerecht werden. Ein wichtiger Schritt war für uns, Städtebau und Hochbau stärker miteinander zu verzahnen. Früher wurden diese Maßstabsebenen oft getrennt behandelt: erst ein städtebauliches Konzept, dann – zeitversetzt – der Hochbau. Dabei gingen wichtige Erkenntnisse verloren. Heute wird beides gemeinsam gedacht. Das bedeutet: Eine städtebauliche Idee wird direkt mit ihrer räumlichen Umsetzung überprüft. So entstehen robustere Lösungen.
Und welche Verfahren werden dafür auf den Weg gebracht?
Was die Verfahren betrifft, achten wir sehr genau darauf, für welche Planungsaufgabe welches Format passend ist. Wenn die Rahmenbedingungen klar sind, funktionieren klassische Wettbewerbe nach RPW sehr gut. Wenn die Aufgabenstellung komplex und offen ist, setzen wir auf dialogische Verfahren, die mehr Flexibilität erlauben. Ergänzend haben wir mit meiner Stabsstelle für Architektur, Städtebau und Projekte bei der Senatsverwaltung eine Struktur geschaffen, die im Vorfeld einen inhaltlichen Korridor entwickelt. Das heißt: Wir klären früh, was den Beteiligten wichtig ist, und schaffen damit einen verlässlichen Gestaltungsrahmen für innovative Ideen und Konzepte.
Wir bauen schließlich für die nächsten Generationen – also müssen diese an Entscheidungen beteiligt sein.
Petra Kahlfeldt
Senatsbaudirektorin BerlinInternational, etwa in der Schweiz, sehen wir eine stärkere Förderung junger Büros. Ein Punkt, der uns als Kammer auch in Berlin sehr beschäftigt. Wir sehen hier aber keine Fortschritte.
Das Thema ist uns sehr präsent. Wir achten bewusst darauf, junge Büros einzuladen und einzubinden. Und wir sehen auch Erfolge – es gibt Verfahren, in denen sehr junge Büros gewonnen haben, auch bei größeren Planungsaufgaben, wie zum Beispiel im Blankenburger Süden oder in der Breiten Straße. Wichtig ist aber nicht nur die Teilnahme von jüngeren Kolleginnen und Kollegen an Wettbewerben, sondern auch die Einbindung in die Jurys. Wir bauen schließlich für die nächsten Generationen – also müssen diese an Entscheidungen beteiligt sein. Es geht insgesamt um den Erhalt und die Weiterentwicklung der Kultur unserer Disziplin.
Bitte drei kurze Statements, zuerst zum Thema gendergerechte Stadt:
Es gibt in Berlin ganz unterschiedliche Lebensprogramme und Lebensrealitäten. Der öffentliche Raum, unsere Stadt, muss sich für alle gut aufstellen und rüsten. Das betrifft als Allererstes, dass wir diesem öffentlichen Raum einen hohen Wert und eine gute Gestaltung beimessen. Ich denke an Sicherheit, Nutzungsansprüche und Zugänglichkeit. Berlin ist auf dem Weg, aber noch nicht am Ziel.
Wohnungsbau: schneller, günstiger, mehr Neubau als Lösung? Und alles mit Generalübernehmern, obwohl das die Ausnahme sein sollte?
Berlin ist auf dem Weg zu einer Vier-Millionen-Metropole, das heißt, wir haben die Aufgabe, zügig mehr Wohnungen zu bauen, auch zu bezahlbaren Mieten. Bei den 24 neuen Stadtquartieren haben wir sehr unterschiedliche Konstellationen, um mit effizienten Verfahren zu anspruchsvollen Quartiersprojekten zu kommen. Mal entwickeln die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften allein, mal gemeinsam mit Privaten oder mal mit Genossenschaften. Entsprechend vielfältig sind die qualifizierenden, konkurrierenden Verfahren und die Rollen der Vorhabenträger.
Stichwort Kapitalmarkt. Dominieren wirtschaftliche Interessen und die Bedürfnisse der Stadtgesellschaft kommen zu kurz?
Klar ist: Baukrise, Zinsen und Kosten sind reale Bremsfaktoren. In der Praxis wird dann gemeinsam geschaut, wo Anpassungen nötig sind. Das ist hochkomplex – man versucht, schneller bei der Planung und Genehmigung zu sein, die Planungsqualität zu halten, während sich die Rahmenbedingungen verschieben. Wenn sich etwa Ausgangsparameter ändern und ein Projekt nicht umsetzbar ist, reagieren wir zügig und entwickeln es unter den geänderten Parametern weiter – mit dem Anspruch, die Qualität trotzdem zu sichern.
Der öffentliche Raum wird in seiner Bedeutung für das Gemeinwesen oft unterschätzt.
Petra Kahlfeldt
Senatsbaudirektorin BerlinEröffnen wir ein neues Thema und nehmen uns ein wenig Zeit dafür: Berlin wagt sich zum dritten Mal mit einer Bauausstellung auf die internationale Bühne – in Verantwortung der Senatsbaudirektion. Was ist das inhaltliche Kernziel?
Der zentrale Gedanke ist die „Urbane Transformation der gebauten Stadt“. Das bedeutet: Wir gehen von dem aus, was da ist, und entwickeln es gemäß den Erfordernissen und Erkenntnissen weiter. Wir sind dazu verpflichtet, die Stadtentwicklung vorzudenken, das Wachstum zu steuern und zu schauen, wie wir die Stadt besser, sozialer, ökologischer und schöner machen können. Und jetzt stehen wir vor der Aufgabe, die Themen zu diagnostizieren, die wir für Berlin als notwendige Entwicklungen ansehen, sodass das, womit wir uns die nächsten rund zehn Jahre beschäftigen, 2034/37 in der Ausstellung noch topaktuell ist. Wir wissen, in welche Richtung wir gehen wollen. Wir brauchen jetzt eine Intendanz für die IBA und wollen auch nicht zu viele Dinge vorher festlegen.
Womit können wir bis zur Neuwahl des Abgeordnetenhauses im September jetzt noch rechnen?
Die Gesellschaft für die IBA 2034/37 wird gegründet. Anschließend beginnen wir mit dem Aufbau der Gremien, insbesondere des wissenschaftlichen Beirats. Parallel dazu wird eine Interimsgeschäftsführung eingesetzt. Diese übernimmt die Aufgabe, den gesamten Stellenbesetzungsprozess zu organisieren und durchzuführen. Unser Ziel ist es, innerhalb von etwa sechs Monaten die grundlegende Struktur der Gesellschaft so weit aufgebaut zu haben, dass wir die beiden Geschäftsführungspositionen ausschreiben können – eine für den fachlichen Bereich und eine für den technischen Bereich. Mit dieser personellen und organisatorischen Grundlage wollen wir dann die nötigen Ressourcen schaffen, um die inhaltlichen Themen und den vorgesehenen Raum der IBA vertieft weiterzuentwickeln.
Für all das braucht Berlin eine Senatsbaudirektion als gestalterische Kraft, die räumliche Qualitäten in Berlin sichert. Wie stark unter Druck steht das Amt in Berlin? Und was sind Ihre wirksamsten Hebel?
Die Hebel ergeben sich stark aus der Gesetzgebung. Die Planungshoheit liegt beim Land Berlin – und ich habe die Verwaltung als sehr gut aufgestellt erlebt. Wir sind bei allen großen Vorhaben in Berlin eng eingebunden – sowohl in den Bezirken als auch mit dem Bund. Wir haben klare Vorstellungen, was der Stadt guttut – und vertreten unsere Positionen konsequent.
Um das besser zu verstehen: Können Sie uns einen Einblick geben, wie viele Menschen in Ihrer Verantwortung arbeiten?
Ja, insgesamt sind in unserer Verwaltung rund 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig. In meinen Zuständigkeitsbereich fallen vor allem die Abteilung II für städtebauliche Projekte und die Abteilung V für hochbauliche Projekte. Dazu kommen das Landesdenkmalamt als nachgelagerte Behörde und die Oberste Denkmalschutzbehörde.
Berlin ist auf dem Weg, aber noch nicht am Ziel.
Petra Kahlfeldt
Senatsbaudirektorin BerlinVon außen wirkt es manchmal so, als würden andere Städte stärker langfristige Strategien verfolgen – während hier Projekte mit Regierungswechseln gestoppt oder neu priorisiert werden. Täuscht das?
Also, dass kurze Wahlzyklen nicht zuträglich sind für längere Prozesse, ist ganz klar. Auf der anderen Seite verfolgt die Verwaltung, aber auch die Politik – und diese Erfahrung habe ich gemacht – das Kontinuitätsprinzip. Das heißt, man setzt auf Beständigkeit über Wahlen hinweg, weil es einfach nicht zielführend ist, wenn man kontinuierliche Verwaltungsabläufe unterbricht. Das kann in Einzelfällen bei sehr politischen Themen vorkommen, gehört aber definitiv nicht zum Alltagsgeschäft. Verwaltung und Politik haben ein gemeinsames Interesse daran, verlässliche Prozesse sicherzustellen.
Wenn man nach Paris, Wien, Brüssel oder Hamburg schaut und dort mit den Verantwortlichen spricht, was wir in den vergangenen vier Jahren intensiv getan haben, dann merkt man: Die Voraussetzungen und Zuständigkeiten sind überall recht unterschiedlich. Durch die Einbindung als Staatssekretärin ist die Senatsbaudirektion tief im Verwaltungsapparat verankert. Die Senatsbaudirektorin in Berlin ist bei fast allen Bauvorhaben beteiligt, gleichzeitig behalten wir die Perspektive auf die Gesamtstadt – inklusive der zwölf Bezirke. Ich würde sagen: Kaum ein Amt hat einen vergleichbar großen Zuständigkeitsblick.
Dennoch die Frage: Was wären ideale Rahmenbedingungen für Ihre Arbeit als Senatsbaudirektorin?
Das kann ich so spontan nicht beantworten. Ich halte es aber für sinnvoll, sich mit dieser Frage grundsätzlich zu beschäftigen und die bestehenden Strukturen einmal genauer zu überprüfen. Aus meiner eigenen Erfahrung im Amt kann ich mir vorstellen, dass sich daraus perspektivisch ein Modell entwickeln lässt, das noch passgenauer auf Berlin zugeschnitten ist und möglicherweise besser funktioniert. Grundsätzlich sehe ich die Senatsbaudirektion sowohl nach innen als auch nach außen als leistungsfähig und als eine anerkannte Autorität aufgestellt. Es geht aus meiner Sicht weniger um grundlegende Veränderungen als vielmehr um eine Weiterentwicklung auf Basis der bisherigen Erfahrungen.
Zum Abschluss: Gibt es konkrete Projekte, auf die wir uns in den nächsten Jahren besonders freuen können?
Ja, wir haben ja jetzt sehr viel über Gebäude gesprochen. Wir können aber den Wert des öffentlichen Raumes gar nicht hoch genug einschätzen. Der wird in seiner Bedeutung für das Gemeinwesen oft unterschätzt, ist aber entscheidend für die Lebensqualität in der Stadt. Ein wirklich gelungenes Beispiel ist der Hegelplatz hinter der Humboldt-Universität – eine echte Oase mitten in der Stadt.
Sehr positiv finde ich das städtebauliche Entwicklungskonzept für die Berliner Mitte, in den nächsten 15 Jahren stehen mehr als 50 Millionen Euro aus der Städtebauförderung für Aufenthaltsqualität und Klimaanpassung bereit. Wir starten auf dem Schlossplatz – endlich mit schattenspendenden Bäumen und einem Brunnen. Auch das Umfeld des Berliner Doms wird angegangen. Mein größtes Ärgernis war lange „Unter den Linden“: Die U-Bahn fährt seit Jahren, aber der Stadtraum sieht weiterhin unfertig aus. Jetzt gibt es endlich Fortschritte – nach intensiver Abstimmung wird die Mittelpromenade denkmalgerecht und nachhaltig neu gestaltet und die fehlenden Linden gepflanzt. Der Baubeginn steht bevor, das sind wirklich gute Nachrichten für Berlin.
Architektenkammer Berlin
DAB Redaktion BerlinDas könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!