Architekturkommunikation neu denken: „Kann ein Haus sich selbst vermitteln?“
Warum lernen angehende Planende kaum, ihre Entwürfe zu erklären, obwohl Kommunikation den Großteil ihres Berufsalltags prägt? Ein Plädoyer für Vermittlung im Entwurfsstudio.
„Hässlich.“ So lautete sinngemäß das Urteil über den diesjährigen Gewinner des DAM Preises für Architektur in Deutschland. Die NZZ schrieb der gesamten Shortlist mangelnde Ästhetik zu, der FAZ-Architekturkritiker sprach von der „Abwesenheit von Schönheit“. Manchen Häusern sieht man auf den ersten Blick nicht an, was das Beste an ihnen ist. Die ausgezeichnete Bestandserweiterung des ZK/U (Zentrum für Kunst und Urbanistik) in Berlin von Peter Grundmann Architekten störte das ästhetische Empfinden mancher Kritiker so sehr, dass eine Debatte über Schönheit losgetreten wurde, wie es sie lange nicht gab. Hätte der Architekt seinen Entwurf nicht selbst erklären können, hätten andere das Narrativ gesetzt. Grundmann hat sein Haus jedoch, unterstützt durch die DAM-Jury, verteidigt und die Debatte von der subjektiven Frage nach Schönheit hin zur inhaltlichen Konzeption des Hauses gelenkt. Die Lesart eines Hauses hängt also entgegen mancher Vermutung stark von der Vermittlungsfähigkeit ab.
In der Architekturvermittlung geht es jedoch bei Weitem nicht nur darum, ein fertiges Haus im Nachhinein zu erklären oder zu vermarkten. Vielmehr geht es bereits vor jeder Entwurfsaufgabe um die Kommunikation darüber, was gebraucht wird. Die Fähigkeit, Bedürfnisse und Bedarfe vorab zu erkennen, zu verstehen und zu formulieren, ist die Grundlage für sinnvolle Entwürfe.
Architektur als treuhänderische Praxis
Die Rolle von Architekturschaffenden ist in der Gesellschaft nicht so eindeutig definiert wie die von Lehrenden oder Medizinern – selbst innerhalb des Berufsstandes nicht. Dementsprechend schwierig ist die Außendarstellung. Doch ganz gleich, ob man von klassischer Entwurfspraxis, künstlerischer Arbeit oder Aktivismus ausgeht: Vermittlung ist obligatorisch. Dennoch bereiten die meisten Hochschulen weder standardmäßig darauf vor, noch gibt es eine entsprechende Ausbildung. Und das, obwohl Kammerbefragungen den Anteil kommunikativer Tätigkeiten an der Arbeitszeit von Planenden regelmäßig auf 60 bis 80 % beziffern.
Für Architektinnen und Architekten muss die Kommunikation mit sehr unterschiedlichen Personengruppen gelingen: wenn sie Bauherr:innen, Behörden oder Fachplaner:innen überzeugen, wenn sie eine Bürgerinitiative beim Erhalt eines Quartiers begleiten, im Gestaltungsbeirat sitzen, Bücher schreiben, Ausstellungen kuratieren, im öffentlichen Raum intervenieren oder in politischen Gremien für die Belange des Planens streiten. Vermittlung umfasst die ganze Spanne zwischen sachlicher Aufklärung und politischem Engagement. Sie ist Teil der beruflichen Verantwortung und kein optionales Zusatzgeschäft. Wer das ernst nimmt, kann den Diskurs über Stadt und Baukultur mitprägen – und eine starke treuhänderische Vertretung sein.
Ein notwendiges Querschnittsthema
Wenn von Vermittlung die Rede ist, denken die meisten trotzdem zuerst an Marketing. Das ist zwar nachvollziehbar, wird der realen Situation jedoch nicht gerecht. Marketing ist nur ein Teilbereich der Architekturvermittlung, für den sich vor allem Menschen interessieren, die in PR oder Öffentlichkeitsarbeit arbeiten möchten. Wenn das Thema zwar anders verstanden, aber trotzdem nur als Wahlfach „Architekturkommunikation“ angeboten wird, bleibt es Spezialdisziplin.
So wird die Vorstellung genährt, Kommunikation sei eine Zusatzqualifikation für die, die ohnehin schon Lust dazu haben. Sinnvoller wäre, Vermittlung als Querschnittsthema im Entwurfsstudio anzulegen und zum Beispiel jede Studio-Aufgabe mit einer Vermittlungsaufgabe zu verbinden, sei es durch wechselnde Adressaten – Verwaltung, Nachbarschaft, Fachöffentlichkeit, Medien. Das Format kann klein und effektiv sein: Ein Zwei-Minuten-Pitch, ein Pressetext, eine Präsentation vor Bürgerinnen und Bürgern. Wichtig ist das Wechseln von Tonalität und Botschaft und das Verstehen der Kommunikation außerhalb des Fachs. Wer dafür einmal sensibilisiert wurde, lernt sein eigenes Projekt anders kennen.
Institutionen und Orte der Lehre
In Deutschland gibt es über 70 Hochschulen, die Architekturstudiengänge anbieten. Insgesamt verteilen sich darauf über 150 verschiedene Bachelor- und Masterstudiengänge. In dieser Landschaft existiert genau ein eigenständiger Studiengang, der sich ausschließlich der Vermittlung widmet: der einjährige Master Architecture Media Management (AMM) an der Hochschule Bochum, seit 2002 unter der Leitung von Jan R. Krause. Inhalte sind Medienkompetenz, Kommunikation und Architekturvermittlung als „marktgerechte“ Ergänzung zum klassischen Berufsbild. Ein gewichtiges, aber einsames Angebot und mit klarer Schlagseite zu Marketing und Öffentlichkeitsarbeit.
An der BTU Cottbus existierte zwischen 2005 und 2012 ein eigenständiger viersemestriger Masterstudiengang Architekturvermittlung, ins Leben gerufen vom Lehrstuhl Theorie der Architektur unter Eduard Führ mit Riklef Rambow als zentralem Akteur, bevor der Studiengang wieder eingestellt wurde und Rambow an das Karlsruher Institut für Technologie wechselte.
Heute landet, wer Vermittlung als Querschnittsthema im regulären Architekturstudium sucht, zuerst dort: Rambow hat am KIT seit 2009 die Professur Architekturkommunikation inne, zunächst als Stiftungsprofessur der Wüstenrot Stiftung, seit 2015 verstetigt. Seine Vorlesung „Einführung in die Architekturkommunikation“ ist Pflichtmodul im vierten Bachelor-Semester. Der Schwerpunkt liegt auf Experten-Laien-Kommunikation. Wie sprechen Planende mit Bauherr:innen, Anwohner:innen, Politik? Sprache sieht er als Werkzeug, um sich bei Entwurfspräsentationen und Diskussionen behaupten zu können. Ein weiterer hilfreicher Ansatz ist, das Faszinationspotenzial von Architektur bei Laien auszuloten und dadurch das Interesse an Architektur öffentlich zu steigern.
An der Hochschule Coburg gibt es seit 2025 eine Professur, die Architekturkommunikation und Darstellungsmethodik verbindet und die fest in den Architektur-Bachelor und -Master als zentrales Entwurfs- und Vermittlungsinstrument integriert ist. Unter der Leitung von Anika Neubauer lernen Studierende, komplexe gesellschaftliche und städtebauliche Themen durch visuelle Werkzeuge und disziplinäre Schnittstellen greifbar zu machen.
Daneben gibt es Adressen, die Vermittlung integrieren, ohne das Fach als solches zu benennen: An der Alanus Hochschule bei Bonn arbeiten Master-Studierende an realen Quartiers- und Partizipationsprojekten, in dualer Kooperation mit kommunalen Bauämtern. An der TU München leitet Andres Lepik den Lehrstuhl für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis. Angebunden ans Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne, lernen die Studierenden Vermittlung als Ausstellungsarbeit. An der RWTH Aachen verbindet der Lehrstuhl Architekturtheorie unter Axel Sowa, dem ehemaligen Chefredakteur von L’Architecture d’Aujourd’hui, Theorie mit kuratorischer und publizistischer Praxis. An der TU Berlin existieren zwei Wahlpflichtmodule „Architekturvermittlung“ im Master, in denen zielgruppengerechte Kommunikation, kritische Analyse von Vermittlungsstrategien und praktische Anwendung gelehrt werden. Insgesamt eine recht kurze Liste mit sehr unterschiedlichen Profilen. Was fehlt, ist ein gemeinsamer Boden.
Souveräner Einsatz des Werkzeugs
Die Bundesstiftung Baukultur fordert seit Jahren eine „Prozesskultur“, in der Vermittlung integraler Teil des Planens ist. Die Bundesarchitektenkammer lässt mit „Architektur macht Schule“ praktizierende Kolleginnen und Kollegen mühsam nachholen, was im Studium nicht angelegt wurde. Wenn die Studierenden 60 bis 80 % Kommunikationszeit erwartet, wäre es folgerichtig, dies in der Ausbildung zu spiegeln – nicht als Zusatzfach, sondern als Werkzeug, das ab dem ersten Entwurf mitläuft. Die Fähigkeit zu kommunizieren, würde dem Berufsstand helfen, in die Öffentlichkeit hineinzuwirken, ein klareres Bild von sich abzugeben und als relevant wahrgenommen zu werden.
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