„Europa ist nicht das Problem – sondern Teil der Lösung.“
Macht die EU die Planungswettbewerbe kaputt? Der Hauptreferent der Architektenkammer Niedersachsen Andreas Rauterberg zieht Schlüsse aus einer Konferenz in Brüssel.
Gerne wird das Stichwort Europa mit dem Sargnagel für den deutschen Planungswettbewerb gleichgesetzt, ist doch seit Etablierung des europäischen Vergaberechts nichts mehr wie in den guten alten Zeiten: Verbot der regionalen Zulassungsbereiche und Gebot zur europaweiten Bekanntmachung haben den offenen Wettbewerb weitestgehend unmöglich gemacht, und in der Folge haben überzogene und mitunter absurde Auswahlkriterien bei nicht offenen Wettbewerben dazu geführt, dass der Kreis der Büros, die sich beteiligen können, enger und enger wird. All das ist vielfach beschrieben und bekannt.
Aber viel zu selten geht der Blick über die Grenzen zu unseren europäischen Nachbarn, und viel zu selten wird hinterfragt, welche Perspektiven und Probleme sich dort ergeben. Spannend war insofern eine große Konferenz zu Planungswettbewerben, die am 23. April 2026 in Brüssel stattgefunden hat und mit der zugleich der erfolgreiche Abschluss des europäischen ArchE-Projekts markiert wurde
Was ist das ArchE-Projekt?
Was ist das ArchE-Projekt?
Das ArchE-Projekt (Architecture Competitions in Europe) war ein dreijähriges europäisches Forschungs- und Austauschprojekt zu Planungswettbewerben. Es untersuchte nationale Wettbewerbssysteme in über 20 Ländern und verglich Strukturen, Verfahren und Rahmenbedingungen. Ziel war die Sammlung und Auswertung von Daten und Erfahrungen zur Weiterentwicklung des Wettbewerbswesens in Europa. Koordiniert wurde das Projekt vom Architects’ Council of Europe (ACE).
Die Konferenz, die vom ACE organisiert wurde, bot eine Plattform für die Präsentation von europaweiten Ergebnissen des dreijährigen ArchE-Projektes. Schon der Tagungsort war bewusst und geschickt gewählt: 200 Teilnehmende vor Ort konnten sich gleich als Erstes von Architekt John Caruso (Caruso St John Architects) in das Praxisbeispiel eines vorbildlichen Wettbewerbsprojektes im Bestand einführen lassen: Denn mit dem Brüsseler Konferenzzentrum „The Mix“ ist eine spektakuläre und nachhaltige Revitalisierung eines Bürogebäudes aus den späten 60er-Jahren gelungen.
Wie das Wettbewerbswesen europäisch gedacht werden kann
Das ArchE-Projekt hatte zum Ziel, die Qualität und Transparenz von Architekturwettbewerben in Europa zu verbessern und eine nachhaltige Wettbewerbslandschaft zu fördern. In den vergangenen Jahren wurden in diesem Rahmen die Wettbewerbslandschaften in mehreren beteiligten Ländern untersucht. Und siehe da, die Fragen des Zugangs für insbesondere kleinere und junge Büros, aber auch Gender- und Nachhaltigkeitsaspekte treiben unsere Nachbarn gleichermaßen um. Gleichzeitig wurde klar, dass für Büros in kleineren Ländern der Blick über die Grenzen essenziell ist, um über Krisensituationen hinwegzukommen, ohne Kompetenzen und Routinen der Wettbewerbsbearbeitung zu verlieren. Dies ist ein Aspekt, der durchaus für eine europaweite Öffnung der Verfahren spricht und auch für deutsche Büros relevant werden könnte. Ob deswegen die durchgängige Umstellung auf die Wettbewerbssprache Englisch Sinn macht, sei dahingestellt. Über 20 europäische Länder waren in das Projekt eingebunden, und die gesammelten Daten und Erfahrungsberichte liefern nun wertvolle Erkenntnisse und können dabei helfen, das System des Planungswettbewerbs für die Zukunft weiterzuentwickeln.
Die Vorstellung von Best-Practice-Beispielen aus verschiedenen Ländern zeigte indes wieder einmal, dass das Verständnis dessen, was einen guten Wettbewerb ausmacht, was überhaupt ein Wettbewerb ist, mitunter abweichen kann. Da wurden auch mal Totalübernehmerverfahren mit wettbewerbsähnlichen Elementen vorgestellt, die aus deutscher berufspolitischer Perspektive eher Stirnrunzeln hervorrufen würden. Die Vielfalt Europas zeigt sich eben auch auf dieser Ebene. Ob sie als gegeben hingenommen oder einer Harmonisierung unterworfen werden sollte, da beginnen die spannenden Diskussionen.
Wettbewerbe zahlen sich aus – baukulturell und monetär.
Andreas Rauterberg
Hauptreferent der AKNDSGrundsätze eines europäischen Wettbewerbswesens
Bemerkenswert insofern, dass der ACE Eckpunkte zu Wettbewerben formuliert hat, die sich weitgehend mit der deutschen Richtlinie für Planungswettbewerbe RPW decken. Die Empfehlungen gehen also durchaus in die Richtung, die Grundsätze und Standards für Wettbewerbe zu präzisieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass auch kleinere Architekturbüros und neue Talente Zugang zu Wettbewerben haben. Um in diesem Sinne überhaupt mehr Wettbewerbe zu generieren – eine Forderung, die sich durch die Statements aller Beteiligten zog –, ist die Angemessenheit des Verfahrensaufwands ein wichtiger Aspekt. Spannend waren in diesem Zusammenhang Beiträge über breit angelegte italienische und österreichische Studien zur Wirtschaftlichkeit von Planungswettbewerben, die eindrucksvoll belegen, dass das Klischee des langwierigen und teuren Verfahrens – einschließlich seiner gebauten Ergebnisse – nicht stimmt und dass sich im Gegenteil ein Wettbewerb nicht nur baukulturell, sondern auch monetär auszahlt. Ergebnisse, die im Übrigen methodisch direkt auf Deutschland übertragbar sein dürften.
Das Schlusswort des EU-Kulturkommissars
Den Abschluss der Konferenz bildete das Schlusswort von EU-Kulturkommissar Glenn Micallef. Dass er im Kontext der Veranstaltung die Bedeutung von Wettbewerben als Instrumente für die kulturelle Entwicklung Europas betonte, mag nicht überraschen. Dass er mit einer Architektin verheiratet ist und über Insiderwissen des Berufsstandes verfügt, schon eher – und es lässt vielleicht hoffen, dass berufsständische Interessen auf EU-Ebene nicht auf völlig verlorenem Posten stehen.
Mit der ACE-Wettbewerbskonferenz in Brüssel und dem Abschluss des ArchE-Projekts ist ein Akzent gesetzt worden. Die Entwicklung der Wettbewerbslandschaft in Europa bleibt ein Thema, der Wettbewerb ist keineswegs abgeschrieben. Das ArchE-Netzwerk und die Ergebnisse des Projektes werden auf die Website des ACE überführt und insofern verstetigt.
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