Warum sind 30 Grad nicht überall gleich heiß?
Warum fühlt sich dieselbe Temperatur auf zwei Straßenseiten völlig unterschiedlich an? Der Architekt und Klimaforscher Daniele Santucci sucht mit mobilen Messstationen nach Antworten. Seine „Climate Walks“ machen deutlich, warum die Stadtplanung künftig das Mikroklima auf Augenhöhe der Menschen berücksichtigen muss.
Wer an einem heißen Sommertag durch die Stadt läuft, kennt das Gefühl: Auf der einen Straßenseite ist die Hitze kaum auszuhalten, wenige Meter weiter unter einer Baumgruppe wirkt dieselbe Temperatur plötzlich erträglich. Die Wetter-App zeigt für beide Orte denselben Wert an. Für Prof. Daniele Santucci beginnt hier das Missverständnis. „Wir denken immer an Lufttemperaturen. 30 Grad verstehen wir sofort – das ist warm. Aber eigentlich ist die Strahlungstemperatur der Faktor, der in der Stadt die höchste Relevanz hat.“ Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich der Architekt und Klimaforscher mit dem Mikroklima von Städten. Nicht das regionale Wetter interessiert ihn, sondern das Klima dort, wo Menschen tatsächlich unterwegs sind: zwischen Häusern, Asphaltflächen, Bäumen und Fassaden.
Die Wetter-App kennt den Straßenraum nicht
Meteorologische Daten liefern wichtige Grundlagen. Für Santucci reichen sie aber nicht aus. „Was die Wettervorhersage sagt, hat erst einmal nichts mit der Bebauung zu tun. Was tatsächlich im Straßenraum passiert, hängt sehr stark von der Geometrie der Stadt ab, von der Verschattung, vom Wind und von den Materialien.“ Deshalb ziehen er und sein Team mit eigens entwickelten Messrucksäcken in sogenannten Climate Walks durch Städte weltweit – von München über Berlin bis Singapur und Hongkong. Die mobilen Wetterstationen erfassen Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Strahlung, Wind, inzwischen auch Lärm und Luftqualität. Gleichzeitig dokumentieren die Teilnehmenden ihre persönliche Wahrnehmung. „Die Idee war, die objektive Messung mit der subjektiven Wahrnehmung in Verbindung zu setzen.“ Gerade diese Kombination macht die Climate Walks so wertvoll. Denn Hitze ist nicht für alle Menschen gleich. Ältere Menschen laufen langsamer. Dadurch sind sie länger der Sonne ausgesetzt. Menschen mit Vorerkrankungen reagieren empfindlicher. Kinder erleben Straßenräume anders als Erwachsene. Was als angenehm oder belastend empfunden wird, hängt immer auch vom Menschen selbst ab.
Wenige Meter können den Unterschied ausmachen
Dass sich die Mikroklimata innerhalb einer Stadt so stark unterscheiden, überrascht viele Teilnehmende der Climate Walks. „Innerhalb kleiner Räume ergeben sich sehr große Unterschiede.“ Bereits der Schatten eines einzelnen Baumes kann die Aufenthaltsqualität deutlich verändern. Asphalt speichert Wärme anders als Grünflächen und enge Straßenschluchten reagieren anders als breite Verkehrsräume. Diese Unterschiede lassen sich inzwischen messen. Gerade deshalb hält Santucci pauschale Lösungen für wenig hilfreich. „Es geht darum, die spezifischen Probleme einer Stadt zu erkennen. Das lässt sich nicht verallgemeinern. Jede Stadt ist anders.“ Es muss auch nicht jede Fläche gleichzeitig umgebaut werden, sondern es sollten die besonders kritischen Flächen priorisiert werden.
Fragt man ihn nach den wichtigsten Maßnahmen, spricht er erstaunlich wenig über einzelne Baumarten oder spektakuläre Projekte. „Zunächst muss man garantieren, dass es genug Auskühlmöglichkeiten gibt.“ Damit meint er nicht nur Parks, sondern ein ganzes Netz aus schattigen Aufenthaltsorten, Kaltluftschneisen und entsiegelten Flächen, die Regenwasser aufnehmen und Verdunstung ermöglichen. Städte müssten ihre wenigen Ressourcen gezielt dort einsetzen, wo Menschen der Hitze besonders ausgesetzt sind. Seine Messungen zeigen immer wieder dieselben Brennpunkte. Es sind selten die Orte, an denen Menschen freiwillig ihre Freizeit verbringen. Viel häufiger geraten Verkehrsräume in den Fokus: breite Straßen, große Kreuzungen und Umsteigepunkte des öffentlichen Verkehrs. „Die großen Verkehrsflächen sind insgesamt die Hitzehotspots. Das sind gleichzeitig die Orte, zu denen sich viele Menschen hinbegeben müssen.“ Gerade dort kann bereits ein kurzer Aufenthalt problematisch werden. Wer mehrere Ampelphasen überqueren muss oder auf Bus und Bahn wartet, ist der Strahlungswärme oft schutzlos ausgesetzt. Für ältere Menschen, die langsamer gehen, verlängert sich diese Belastung zusätzlich. Deshalb richtet sich sein Blick auch auf Orte, über die in Deutschland bislang kaum gesprochen wird: öffentliche Schutzräume. „Barcelona hat das mit den Climate Shelters vorgemacht. Wichtig ist ihre Erreichbarkeit. Zehn Minuten in großer Hitze können für vulnerable Menschen schon viel sein.“
Warum Klimaanlagen keine Lösung sind
Steigende Temperaturen führen fast automatisch zu dem Ruf nach mehr Kühlung. Für Santucci ist das nachvollziehbar, aber langfristig ein Irrweg. „Wir müssen vermeiden, dass alle sich eine Klimaanlage einbauen. Man denkt sehr monodimensional: Wie geht es mir im Innenraum? Man denkt nicht daran, welche Auswirkungen es hat, wenn alle so handeln.“ Denn jede einzelne Klimaanlage verbessert zwar kurzfristig das Raumklima, gibt ihre Wärme aber an die Umgebung ab. Was für die Wohnung angenehm ist, verschärft die Situation auf der Straße. Aus vielen individuellen Lösungen entsteht so ein kollektives Problem. Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Je stärker Innenräume heruntergekühlt werden, desto größer wird der Temperaturunterschied zum Außenraum. Der Körper verliert seine Fähigkeit, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen. „Wir haben unsere Erwartungen an Komfort immer weiter hochgeschraubt. Dabei wissen wir eigentlich, dass Komfortschwankungen gesund sind. Der Körper passt sich an. Genau das tut uns gut.“
In der Bauphysik ist dieses Prinzip als Adaptive Comfort bekannt. Es stellt die Vorstellung infrage, dass Gebäude ganzjährig auf dieselbe Temperatur konditioniert werden müssen. Anstatt immer mehr Technik einzusetzen, plädiert Santucci dafür, natürliche Luftbewegung, Verschattung und intelligente Gebäudekonzepte stärker zu nutzen.
Klimaanpassung verändert auch das Berufsbild
Für Santucci endet die Diskussion deshalb nicht bei einzelnen Maßnahmen im Stadtraum. Sie verändert grundlegend, wie Architektur künftig gedacht und gelehrt werden muss. Als Professor am Lehrstuhl für Gebäudetechnologie an der RWTH Aachen erlebt er, dass Studierende diese Fragen längst selbstverständlich stellen. Beim Thema Klimaanpassung seien viele von ihnen weiter als die Hochschulen selbst. „Die junge Generation ist sehr aufmerksam. Wir müssen jetzt das Curriculum verändern. Es geht nicht nur darum, die Titel von Vorlesungen zu ändern. Es geht darum, andere Inhalte zu vermitteln.“ Vor allem müsse sich das traditionelle Verständnis vom architektonischen Entwurf verändern. Jahrzehntelang wurden Konstruktion, Bauphysik oder Gebäudetechnik oft als nachgelagerte Disziplinen behandelt. Heute, so Santucci, lasse sich gute Architektur ohne diese Zusammenhänge kaum noch denken. „Es geht viel stärker um interdisziplinäres Arbeiten. Der Entwurf darf nicht von Technik und Konstruktion entkoppelt werden.“
Nicht Verzicht, sondern Lebensqualität
Bei aller Dringlichkeit möchte Santucci die Debatte nicht mit Katastrophenszenarien führen. Er beobachtet, dass Klimaanpassung häufig mit Einschränkungen verbunden wird: weniger Auto, weniger Komfort, weniger Möglichkeiten. Diesen Blick hält er für verkürzt. „Ich glaube, was wir falsch machen, ist, immer an Verzicht zu denken und nicht daran, welche Qualität eine grünere Stadt zusätzlich bieten kann.“ Für ihn geht es nicht nur um niedrigere Temperaturen oder bessere Klimabilanzen. Es geht um Orte, an denen sich Menschen gerne aufhalten, begegnen und sich auch an heißen Sommertagen sicher bewegen können. Viele dieser Qualitäten lassen sich kaum in Zahlen ausdrücken, sondern werden erst erfahrbar. „Es geht nicht nur um Bilder. Es geht um andere Qualitäten, die man spürt, aber nicht sieht. Damit beschäftigen wir uns vor allem.“
Forschungsprojekt
„Hitze in der Stadt“
Forschungsprojekt
„Hitze in der Stadt“
Im Rahmen des Forschungsprojekts „Hitze in der Stadt“ hat Daniele Santucci gemeinsam mit einem interdisziplinären Team untersucht, wie Menschen Hitzestress in unterschiedlichen Stadträumen wahrnehmen. Auf Basis der Ergebnisse wurden konkrete Empfehlungen für klimaresiliente Quartiere entwickelt – von „kühlen Wegen“ bis zu stressreduzierenden Freiräumen.
Schroth, J.; Draeger, S.; Gabriel, J.; Santucci, D., 2025: Hitze in der Stadt: Eine sozial-räumlich differenzierte Analyse für Klimaanpassungsmaßnahmen aus Sicht der Stadtnutzenden in Berlin. Cottbus.
DAB Redaktion
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