World Design Capital Frankfurt RheinMain: Alle gestalten mit
In der Region Frankfurt Rhein-Main werden unter dem prestigeträchtigen Titel ein Jahr lang Design und Demokratie zusammengebracht: Design nicht als schickes Objekt im Wohnzimmer, sondern als Mitmach- und Dialogangebot für ein demokratisches Zusammenleben.
Als die Werkbundakademie Darmstadt 2014 mit Flyern auf Events in Frankfurt am Main für eine Bewerbung Frankfurt Rhein-Mains zur World Design Capital warb, musste man erst mal googeln, was das überhaupt ist. Der Titel World Design Capital wird seit 2008 alle zwei Jahre von der World Design Organization in Montreal vergeben und zeichnet Städte oder Regionen aus „für ihren effektiven Einsatz von Design zur Förderung der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökologischen Entwicklung“. Zuvor hatten schon Städte wie Turin (2008), Helsinki (2012) oder Valencia (2022) den prestigeträchtigen Titel inne. Zwölf Jahre später ist es so weit: Die Region Frankfurt Rhein-Main ist World Design Capital für das gesamte Jahr 2026. Passt, denkt man sich, denn Stadt und Region sind bekannt fürs Klotzen, nicht fürs Kleckern. In Städten wie Berlin reibt man sich wahrscheinlich immer noch die Augen: Frankfurt Rhein-Main und Design?
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Design als Mittel für soziales Miteinander
Das Programm ist allerdings ganz anders, als man es von dieser von internationalem Business und hippem Lifestyle geprägten Metropolregion erwarten würde. Unter dem Titel „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ will die World Design Capital Frankfurt RheinMain Menschen in der gesamten Region zusammenbringen. Nun kann man sich fragen, was Design mit Demokratie zu tun hat. Fallen unter Design nicht formschöne Objekte, die meist teuer zu erstehen sind? Das WDC-Team hat sich früh Gedanken zu einem erweiterten Design-Begriff gemacht: Ihrem Verständnis nach kann Design ein wirkungsvolles und praktisches Mittel für ein soziales, friedliches und auf Dialog basierendes Miteinander in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, weltweiter Krisen und des Rückgangs liberaler Demokratien sein. Design kann Lebensräume neu gestalten, Lernen neu denken, Kreisläufe in Design, Industrie und Handwerk etablieren, sinnliche Erfahrungen initiieren und politische Prozesse verbessern. Damit dies nicht zu abstrakt bleibt, wird es in Ausstellungen, Workshops, Konferenzen und Festivals ganz nah erfahrbar für jede:n.
Frankfurt als Wiege der deutschen Demokratie
Matthias Wagner K, der Direktor des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt und maßgebliche Ideengeber, und sein junges Team haben das Thema Demokratie bewusst in den Mittelpunkt gerückt – passend zur Ambition, Frankfurt als Wiege der deutschen Demokratie zu stärken. Zur Erinnerung: 1848 wurde in der Paulskirche die erste deutsche Nationalversammlung einberufen. Das noch zu installierende Haus der Demokratie in Frankfurt am Main wird von keinem Geringeren als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterstützt. Der Ideenwettbewerb im Jahr 2025 brachte eine Aufstockung und Transformation des ehemaligen Kämmereigebäudes direkt neben der Paulskirche hervor; ein richtiger Wettbewerb soll folgen.
Niederschwellige Angebote zum Mitmachen
Mit insgesamt 2.000 Events von rund 400 Akteur:innen und einem Förder- und Sponsoringvolumen von rund 16 Millionen Euro ist die World Design Capital keine kleine Nummer. Alle waren 2024 eingeladen, sich bei einem Open Call mit einem Projekt zu bewerben. Man meint es ernst mit der Demokratie. Daraus entstanden ist jetzt bereits ein feinmaschiges Netz aus miteinander kollaborierenden Initiativen und Menschen, das ein riesiges Reallabor mit unterschiedlichen, niederschwelligen Angeboten zum Mitmachen geschaffen hat. Sei es beim „Stadtstempeln“ bewaffnet mit Knete und Stempelkissen, bei „Dreh Dein Ding“ zum Austausch von Kleidung oder bei „Loomcycle“ als fahrendes Museum von raumlabor, das durch die Städte tingelte. In Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden, Darmstadt und auch in kleineren Gemeinden wie Hofheim oder Hanau wird gefaltet, gehämmert, gestrickt, gekocht – ganz nach dem Motto: Gestalten wir, wie wir leben wollen. Junge Menschen, Kinder, ältere Leute – vor allem solche, die sonst nichts mit der Kreativbubble zu tun haben, bringen sich ein, kommen zusammen und lernen sich kennen. Besonders kondensiert wurde das Angebot während der zentralen Open Design Week, die vom 5. bis 14. Juni 2026 zu Ausstellungen, Workshops und Konferenzen einlud. Weiterer Höhepunkt im Programm wird der WDC-Campus, der vom 3. Juli bis zum 9. August 2026 über 40 regionale und internationale Hochschulen an den Main holt, um sich bei einem Festival auszutauschen und ihre Arbeiten in Ausstellungen zu zeigen.
Öffentlicher Raum im Fokus
Vor allem der öffentliche Raum steht im Fokus vieler WDC-Programmmacher:innen – nicht nur, dass die meisten Formate unter offenem Himmel stattfinden, viele haben auch konkrete Ideen, wie sich urbane Orte und Gemeinschaft entwickeln können. So konzentriert sich das Urban Now Lab des Deutschen Design Clubs auf das Lyoner Quartier, bekannt in Frankfurt als Bürostadt Niederrad, das immer mehr durch Leerstand geprägt ist und dringend eine Antwort auf den Strukturwandel braucht. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten zeigt dazu im Werkraum Wiesbaden die Ausstellung „Räume in der Stadt für alle“, die Architektur-Studierende von sechs regionalen Hochschulen wie der HfG Offenbach, der Hochschule Darmstadt oder der Frankfurt University of Applied Sciences mit ihren Ideen füllen. Allein der Werkraum ist solch ein Ort: Das leer stehende, ehemalige SportScheck-Gebäude inmitten der Einkaufszone dient den ganzen Sommer lang als offene Plattform, wo sich Menschen mit ihren Ideen einbringen und ausprobieren können. Viele kleine Ausstellungen, Sitz- und Dialogmöglichkeiten sowie eine Vortragssituation in sympathisch-provisorischer Bauart laden dazu ein. Ähnliche Orte sind in der gesamten Region entstanden: Zum Beispiel die rund 120 DemokratieKioske, der WDC-Pavillon, der durch sechs Städte tourt, und nicht zuletzt der WDC-Hub im Museum Angewandte Kunst.
Ungenutztes Potenzial der Wallanlagen
„Off the Wall“ ist vielleicht eines der typischsten Projekte im Rahmen der WDC, organisiert von der Initiative Making Frankfurt, die bereits seit einigen Jahren das sozialökologische Potenzial von dritten Orten mit der Stadtgesellschaft austesten und -dehnen will. Dieses Mal haben sich die Akteur:innen mit starker Unterstützung seitens der Politik die Wallanlagen ausgesucht – den denkmalgeschützten grünen Ring um Frankfurts Altstadt, der in den 1980er-Jahren als Heimat der Drogenszene verschrien war und nun teils zur Kulturmeile entwickelt werden soll, mit einem neuen Opern- und Schauspielhaus. Vom 12. bis 14. Juni 2026 konnte man ein ganzes Wochenende lang bisher eher ungenutzte Flächen und Ecken der Wallanlagen spielerisch erkunden: etwa bei einem Siebdruckworkshop, bei Stadtgrün- und Klimawalks, beim Vogelhäuschen-Bauen oder beim Einbringen im DemokratieWagen. Auch hier die Botschaft: Jede:r kann Stadt und Gesellschaft mitformen und verbessern. Und das am besten gemeinsam.
Kritik und Ratlosigkeit
Doch es gibt bei aller Euphorie und Aufbruchsstimmung auch viel Kritik. Das Programm und die Botschaft der World Design Capital Frankfurt RheinMain ist durch ihre Kleinteiligkeit schwer greifbar. Eine Designjournalistin aus Berlin, die wie viele meiner Kolleg:innen erst gar nicht anreist, fragte mich: Ist die WDC sehr theoretisch? Zu viele Events, es fehlt der Big Bang, das eine Festival mit internationaler Strahlkraft, bei dem sich alle treffen, der Grund, um nach Frankfurt zu reisen. Viele professionelle Gestalter:innen aus der Design- und Architekturszene sind ratlos, wie sie sich bei solch einem Thema einbringen können; eine klassische Exzellenzshow wäre natürlich einfacher gewesen. Das WDC-Team mit Carolina Romahn, Barbara Lersch und Kai Rosenstein an der Spitze unterstreicht: Es sollte kein starkes, schillerndes Bild einer dynamischen Designregion geschaffen werden, sondern eine soziale Bewegung. Das, so kann man zur Halbzeit sagen, ist bereits aufgegangen.
Hoffnung auf Chief Design Officer
Was als Nachklang von der World Design Capital bleibt, wird sich zeigen. Vom 11. bis 14. November 2026 wird bei den Policy Days in der Paulskirche darüber diskutiert, wie man Design als gesellschaftliches und politisches Instrument implementieren kann. Hoffnungsvoll blickt man dabei auf Helsinki, wo es heute einen Chief Design Officer als Folge der vorangegangenen World Design Capital gibt. An Interesse mangelt es zumindest nicht, wenn man auf die Teilnahme der verschiedenen Dezernent:innen und Politiker:innen an dem Großevent schaut.
Sommermärchen des Designs
Dass Design mehr ist als Luxusobjekte, sondern ein probates Mittel für demokratischen Austausch und gemeinsame Erlebnisse, kann jede:r, die oder der die WDC-Luft nur ein bisschen geschnuppert hat, spüren. Der Region mit ihren vielfältigen Kulturen und einem lebendigen, aber nicht immer einfachen Miteinander hätte nichts Besseres passieren können. Wünschenswert wäre es, dass das Programm der WDC als reduziertes Format in kleinerem Umfang wiederholt werden würde – und wir bald wieder ein Sommermärchen des Designs erleben, bei dem alle zusammenkommen, sich kennenlernen und im Kleinen ausprobieren, was die Welt im Großen verändern könnte und zusammenhält.
Buchtipp
Was kann Design denn schon ausrichten?
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Was kann Design denn schon ausrichten?
Wer mehr über diesen sehr politischen Designbegriff wissen will, kann sich den Reader von Anna Scheuermann und Matthias Wagner K, „Was kann Design denn schon ausrichten?“, AV Edition, 2024, zur Hand nehmen, der auch Grundlage für die Ausstellung „Design for Democracy. Was Gestaltung bewirken kann“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main ist, die noch bis zum 9. August 2026 läuft.
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