gruppe F: Partizipation als Haltung
Studiobesuch: Den öffentlichen Raum mit den Menschen zu gestalten, die ihn nutzen, kann ein absoluter Mehrwert für die Qualität der Planung sein
Freiraum für alle – schon der Namenszusatz spiegelt die Unternehmensphilosophie des Büros gruppe F | Freiraum für alle aus Berlin. Bei meinem Studiobesuch spreche ich mit Bettina Walther und Lisa Eggert darüber, wie das Büro Freiräume für alle umsetzt – sowohl in der Planung als auch in der tagtäglichen Zusammenarbeit. Partizipation hat sich das 1992 gegründete Büro dabei zum Credo gemacht. Bettina Walther war vor zehn Jahren die erste festangestellte Mitarbeiterin nur für Partizipation. Seither ist das Büro deutlich gewachsen und das Arbeitsfeld Beteiligung hat einen besonderen Schwerpunkt bekommen: Jedes dritte Projekt, das von gruppe F bearbeitet wird, beinhaltet Partizipation. Dafür gibt es ein festes Beteiligungsteam aus verschiedenen Fachrichtungen. Dank dieser Interdisziplinarität ist gruppe F sehr breit aufgestellt und übernimmt für landschafts- und objektplanerische Projekte sowohl die Beteiligung als auch die anschließende Planung und Umsetzung – eine Kombination, die nur wenige Büros anbieten. Für die Gestaltung öffentlicher Räume ist es gruppe F ein Anliegen, möglichst alle Gruppen einzubeziehen, die diese Orte täglich benutzen. Dafür arbeitet das Team eng mit lokalen Einrichtungen und Vertrauenspersonen zusammen, um gezielt auch jene Gruppen zu erreichen, die in Beteiligungsprozessen häufig unterrepräsentiert sind, wie etwa Kinder und Jugendliche.
In den vergangenen Jahren war laut Bettina Walther eine deutliche Sensibilisierung für die Vorteile von Beteiligung spürbar, sodass diese häufiger in Ausschreibungen als ein fester Baustein verankert ist. Besonders Planungen, die Konflikte erwarten lassen, setzten stärker auf Beteiligung – vor allem in den Bereichen Mobilität, neue Stadtquartiere und Nachverdichtung. In Flensburg hat das Team eine Rahmenplanung für ein neues Stadtquartier begleitet. Direkt an diesen Ort – auf das Gelände des alten Industriehafens – lud gruppe F lud zu einem öffentlichen Marktplatzformat ein. Hier wurden zunächst alle Interessierten zu den städtebaulichen Planungen auf den gleichen Stand gebracht. Damit konnten die Menschen Entscheidungen nachvollziehen, mit den Planenden ins Gespräch kommen und ihr Feedback geben. „Auf diesen Veranstaltungen merkt man gerade bei Personen, die mit solchen Abläufen sonst gar nichts zu tun haben, wie förderlich es für das eigene Selbstwertgefühl und auch für das Demokratieverständnis ist, sich selbst als mitgestaltende Person zu verstehen oder wahrzunehmen“, erklärt Lisa Eggert.
Das Studio
Das Studio
gruppe F | Freiraum für alle gestaltet Freiräume in Berlin und deutschlandweit – von großmaßstäblichen Konzepten bis hin zu kleinräumlichen Detaillösungen. Das 62-köpfige Team aus den Bereichen Landschaftsplanung, Ökologie, Landschaftsarchitektur, Geoökologie, Stadtplanung und Soziologie ist soziokratisch organisiert. Partizipation ist nicht nur intern, sondern auch in den Projekten eine Leidenschaft des Büros: Mit Offenheit und kreativen Methoden entstehen Freiräume mit allen und für alle – von der gemeinsamen Analyse über Ideensammlungen bis hin zu Bauworkshops.
Wettbewerbe vorausschauend planen
Auch für das politisch und emotional aufgeladene Vorhaben der Berliner „Kiezblocks“ war gruppe F mit der Beteiligung beauftragt und zeigt, wie sich mit einem passenden Beteiligungsformat ein Dialog lenken lässt. Auf Kiezspaziergängen diskutierte das Team an den jeweiligen Orten mit Anwohnenden über die Konfliktsituationen zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden, sodass durch dieses lokale Wissen die Verkehrskonzepte deutlich verbessert werden konnten. Für das Projekt gab es ein großes Budget für die Öffentlichkeitsarbeit.
Auch für andere Projekte würde sich Bettina Walther wünschen, dass die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit erkannt und in der Budgetplanung stärker berücksichtigt wird. Denn eine Beteiligung kann noch so gut konzipiert sein – wenn niemand von den Mitwirkungsmöglichkeiten erfährt, gewinnt man damit nichts.
62
Menschen (und zwei Hunde) arbeiten bei gruppe F
12.000
Post-its werden pro Jahr bei Beteiligungsveranstaltungen beschrieben
Ein Feld, in dem Beteiligung Planung nachhaltig und bedarfsgerecht steuern kann, sind Wettbewerbe. Hier hat sich das Büro auf die Betreuung von freiraumplanerischen Wettbewerben spezialisiert. „Wenn wir Wettbewerbe begleiten“, erklärt Bettina Walther, „versuchen wir Beteiligungsprozesse vorzuschalten, damit die Bedarfe der Öffentlichkeit schon in der Auslobung berücksichtigt werden und später in die Entwürfe einfließen.“ Ein Beispiel ist der freiraumplanerische Realisierungswettbewerb für die klimagerechte Umgestaltung des Alice-Salomon-Platzes in Berlin-Marzahn-Hellersdorf. Vor der eigentlichen Auslobung organisierte gruppe F Veranstaltungen und Workshops mit den Menschen, die vor Ort wohnen, studieren und den Platz tagtäglich nutzen. Daraus ging ein Fragenkatalog hervor, der definierte, was die Entwürfe der Planenden aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer leisten müssen. Auf dieser Grundlage wurden die Aufgabenstellung konkretisiert und zentrale Punkte für die teilnehmenden Büros verbindlich in der Auslobung verankert. Trotz der positiven Erfahrungen ist diese Verbindung von Wettbewerbsbetreuung und Beteiligung bislang wenig verbreitet. Gründe dafür sieht Bettina Walther in den sehr formalen und strukturierten Wettbewerbsverfahren, der Geheimhaltungspflicht und der Sorge, dass Prozesse durch eine vorgeschaltete Beteiligung komplizierter werden. Dennoch ist sie überzeugt, dass sich diese Herausforderungen bewältigen lassen – und dass Beteiligung die Qualität von Wettbewerben erheblich verbessern kann.
Verantwortung abgeben ist meistens ein Mehrwert.
Bettina Walther
Geschäftsführerin und Mitglied des LenkungskreisesUnternehmensentwicklung als Teamaufgabe
Doch nicht nur in Projekten und Wettbewerben setzt gruppe F auf Partizipation, sondern auch in der internen Zusammenarbeit und Organisation des Büros. Gabriele Pütz gab damals den Impuls, eine hierarchiearme Organisationsform nach dem soziokratischen Modell auszuprobieren.
Seither arbeitet das Team nicht in klar abgegrenzten Abteilungen, sondern organisiert sich in Kreisen: Fachkreise definieren die Arbeitsfelder und Schwerpunkte des Büros; alle weiteren Bürothemen verteilen sich auf organisatorische Kreise – von der Akquise bis hin zur Planung von Teamevents. Der heutige Lenkungskreis kam erst später als eine Art erweiterte Geschäftsführung hinzu. Die Zusammenarbeit nach dem soziokratischen Prinzip und die Organisation in Kreisen entwickelte das Team gemeinsam in Büroworkshops. „Die Anfangsphase war ein stetiger Lern- und Evaluationsprozess“, erinnert sich Bettina Walther. „Viele Prozesse laufen heute so gut, weil es viel mehr Menschen gibt, die sich darum kümmern.“ Lisa Eggert sieht einen der größten Vorteile dieses Modells darin, dass alle aus dem Team ein viel besseres Verständnis davon haben, wie ein Unternehmen funktioniert und wie Entscheidungen getroffen werden – und damit auch besser im Sinne von gruppe F agieren können. Inzwischen hat gruppe F mehrere Anfragen erhalten von Büros, die das soziokratische Organisationsprinzip kennenlernen möchten. Bettina Walther kann aus der Erfahrung der letzten Jahre dazu nur ermutigen: „Verantwortung abgeben ist meistens ein Mehrwert und nichts, wovor man sich fürchten muss.“
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Projekten, das durch gruppe F bearbeitet wird, beinhaltet Partizipation
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für die Region Berlin, Brandenburg
Nicole Opel
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