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gruppe F: Partizipation als Haltung

Studiobesuch: Den öffentlichen Raum mit den Menschen zu gestalten, die ihn nutzen, kann ein absoluter Mehrwert für die Qualität der Planung sein

Nicole Opel
18.06.2026 6min
Zwei lachende Frauen stehen vor einer hellgrauen Wand mit farbigen Haft-Notizen in Rot, Orange und Grün. Die Frau links trägt ein cremefarbenes Sweatshirt und Jeans, die Frau rechts trägt einen violetten Pullover und schwarze Hose. Zwischen ihnen springt ein kleiner weiß-braun gefleckter Hund mit längeren Haaren. Beide Frauen tragen Brillen und wirken freudig. Im Hintergrund Notizen auf der Pinnwand
V. l. n. r.: Bettina Walther und Lisa Eggert mit Bürohündin Suki © gruppe F

Freiraum für alle – schon der Namenszusatz spiegelt die Unternehmensphilosophie des Büros gruppe F | Freiraum für alle aus Berlin. Bei meinem Studiobesuch spreche ich mit Bettina Walther und Lisa Eggert darüber, wie das Büro Freiräume für alle umsetzt – sowohl in der Planung als auch in der tagtäglichen Zusammenarbeit. Partizipation hat sich das 1992 gegründete Büro dabei zum Credo gemacht. Bettina Walther war vor zehn Jahren die erste festangestellte Mitarbeiterin nur für Partizipation. Seither ist das Büro deutlich gewachsen und das Arbeitsfeld Beteiligung hat einen besonderen Schwerpunkt bekommen: Jedes dritte Projekt, das von gruppe F bearbeitet wird, beinhaltet Partizipation. Dafür gibt es ein festes Beteiligungsteam aus verschiedenen Fachrichtungen. Dank dieser Interdisziplinarität ist gruppe F sehr breit aufgestellt und übernimmt für landschafts- und objektplanerische Projekte sowohl die Beteiligung als auch die anschließende Planung und Umsetzung – eine Kombination, die nur wenige Büros anbieten. Für die Gestaltung öffentlicher Räume ist es gruppe F ein Anliegen, möglichst alle Gruppen einzubeziehen, die diese Orte täglich benutzen. Dafür arbeitet das Team eng mit lokalen Einrichtungen und Vertrauenspersonen zusammen, um gezielt auch jene Gruppen zu erreichen, die in Beteiligungsprozessen häufig unterrepräsentiert sind, wie etwa Kinder und Jugendliche. 

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In den vergangenen Jahren war laut Bettina Walther eine deutliche Sensibilisierung für die Vorteile von Beteiligung spürbar, sodass diese häufiger in Ausschreibungen als ein fester Baustein verankert ist. Besonders Planungen, die Konflikte erwarten lassen, setzten stärker auf Beteiligung – vor allem in den Bereichen Mobilität, neue Stadtquartiere und Nachverdichtung. In Flensburg hat das Team eine Rahmenplanung für ein neues Stadtquartier begleitet. Direkt an diesen Ort – auf das Gelände des alten Industriehafens – lud gruppe F lud zu einem öffentlichen Marktplatzformat ein. Hier wurden zunächst alle Interessierten zu den städtebaulichen Planungen auf den gleichen Stand gebracht. Damit konnten die Menschen Entscheidungen nachvollziehen, mit den Planenden ins Gespräch kommen und ihr Feedback geben. „Auf diesen Veranstaltungen merkt man gerade bei Personen, die mit solchen Abläufen sonst gar nichts zu tun haben, wie förderlich es für das eigene Selbstwertgefühl und auch für das Demokratieverständnis ist, sich selbst als mitgestaltende Person zu verstehen oder wahrzunehmen“, erklärt Lisa Eggert. 

Das Studio

gruppe F | Freiraum für alle gestaltet Freiräume in Berlin und deutschlandweit – von großmaßstäblichen Konzepten bis hin zu kleinräumlichen Detaillösungen. Das 62-köpfige Team aus den Bereichen Landschaftsplanung, Ökologie, Landschaftsarchitektur, Geoökologie, Stadtplanung und Soziologie ist soziokratisch organisiert. Partizipation ist nicht nur intern, sondern auch in den Projekten eine Leidenschaft des Büros: Mit Offenheit und kreativen Methoden entstehen Freiräume mit allen und für alle – von der gemeinsamen Analyse über Ideensammlungen bis hin zu Bauworkshops.

Wettbewerbe vorausschauend planen

Auch für das politisch und emotional aufgeladene Vorhaben der Berliner „Kiezblocks“ war gruppe F mit der Beteiligung beauftragt und zeigt, wie sich mit einem passenden Beteiligungsformat ein Dialog lenken lässt. Auf Kiezspaziergängen diskutierte das Team an den jeweiligen Orten mit Anwohnenden über die Konfliktsituationen zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden, sodass durch dieses lokale Wissen die Verkehrskonzepte deutlich verbessert werden konnten. Für das Projekt gab es ein großes Budget für die Öffentlichkeitsarbeit.

Auch für andere Projekte würde sich Bettina Walther wünschen, dass die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit erkannt und in der Budgetplanung stärker berücksichtigt wird. Denn eine Beteiligung kann noch so gut konzipiert sein – wenn niemand von den Mitwirkungsmöglichkeiten erfährt, gewinnt man damit nichts. 

62

Menschen (und zwei Hunde) arbeiten bei gruppe F

12.000

Post-its werden pro Jahr bei Beteiligungsveranstaltungen beschrieben

Ein Feld, in dem Beteiligung Planung nachhaltig und bedarfsgerecht steuern kann, sind Wettbewerbe. Hier hat sich das Büro auf die Betreuung von freiraumplanerischen Wettbewerben spezialisiert. „Wenn wir Wettbewerbe begleiten“, erklärt Bettina Walther, „versuchen wir Beteiligungsprozesse vorzuschalten, damit die Bedarfe der Öffentlichkeit schon in der Auslobung berücksichtigt werden und später in die Entwürfe einfließen.“ Ein Beispiel ist der freiraumplanerische Realisierungswettbewerb für die klimagerechte Umgestaltung des Alice-Salomon-Platzes in Berlin-Marzahn-Hellersdorf. Vor der eigentlichen Auslobung organisierte gruppe F Veranstaltungen und Workshops mit den Menschen, die vor Ort wohnen, studieren und den Platz tagtäglich nutzen. Daraus ging ein Fragenkatalog hervor, der definierte, was die Entwürfe der Planenden aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer leisten müssen. Auf dieser Grundlage wurden die Aufgabenstellung konkretisiert und zentrale Punkte für die teilnehmenden Büros verbindlich in der Auslobung verankert. Trotz der positiven Erfahrungen ist diese Verbindung von Wettbewerbsbetreuung und Beteiligung bislang wenig verbreitet. Gründe dafür sieht Bettina Walther in den sehr formalen und strukturierten Wettbewerbsverfahren, der Geheimhaltungspflicht und der Sorge, dass Prozesse durch eine vorgeschaltete Beteiligung komplizierter werden. Dennoch ist sie überzeugt, dass sich diese Herausforderungen bewältigen lassen – und dass Beteiligung die Qualität von Wettbewerben erheblich verbessern kann.

Verantwortung abgeben ist meistens ein Mehrwert.

Bettina Walther

Geschäftsführerin und Mitglied des Lenkungskreises

Unternehmensentwicklung als Teamaufgabe

Doch nicht nur in Projekten und Wettbewerben setzt gruppe F auf Partizipation, sondern auch in der internen Zusammenarbeit und Organisation des Büros. Gabriele Pütz gab damals den Impuls, eine hierarchiearme Organisationsform nach dem soziokratischen Modell auszuprobieren.

Seither arbeitet das Team nicht in klar abgegrenzten Abteilungen, sondern organisiert sich in Kreisen: Fachkreise definieren die Arbeitsfelder und Schwerpunkte des Büros; alle weiteren Bürothemen verteilen sich auf organisatorische Kreise – von der Akquise bis hin zur Planung von Teamevents. Der heutige Lenkungskreis kam erst später als eine Art erweiterte Geschäftsführung hinzu. Die Zusammenarbeit nach dem soziokratischen Prinzip und die Organisation in Kreisen entwickelte das Team gemeinsam in Büroworkshops. „Die Anfangsphase war ein stetiger Lern- und Evaluationsprozess“, erinnert sich Bettina Walther. „Viele Prozesse laufen heute so gut, weil es viel mehr Menschen gibt, die sich darum kümmern.“ Lisa Eggert sieht einen der größten Vorteile dieses Modells darin, dass alle aus dem Team ein viel besseres Verständnis davon haben, wie ein Unternehmen funktioniert und wie Entscheidungen getroffen werden – und damit auch besser im Sinne von gruppe F agieren können. Inzwischen hat gruppe F mehrere Anfragen erhalten von Büros, die das soziokratische Organisationsprinzip kennenlernen möchten. Bettina Walther kann aus der Erfahrung der letzten Jahre dazu nur ermutigen: „Verantwortung abgeben ist meistens ein Mehrwert und nichts, wovor man sich fürchten muss.“

1 von 3

Projekten, das durch gruppe F bearbeitet wird, beinhaltet Partizipation

"Großes Sommerfest auf einem Industriegelände. Über hundert Menschen verschiedenen Alters verteilen sich auf einem Platz mit Betonboden. Im Vordergrund sitzen und stehen Besucher auf Holzpaletten-Sitzmöbeln mit farbigen Kissen. Im Hintergrund Zelte mit weißem Dach, ein Fahrrad, Getränkestand und Grünflächen. Links große Industriegebäude mit Wellblechdächern, rechts grüne Kletterpflanzen an der Fassade. Klarer Himmel. Die Atmosphäre wirkt gemütlich und gesellig."
Projekt Flensburg Hafen-Ost: gruppe F steuerte das Beteiligungsverfahren © gruppe F
Drei Personen unter einem gelben Sonnenschirm betrachten gemeinsam einen großen Lageplan an einem Info-Stand. Die Person links trägt eine dunkle Brille und graues Shirt, die mittlere Person trägt eine orange Warnweste und die rechte Person trägt einen dunklen Pullover mit oranger Weste. Auf dem Tisch vor ihnen liegen Unterlagen und ein Glas mit Stiften. Der Plan zeigt einen Stadtplan mit grünen Notiz-Zetteln. Im Hintergrund mehrstöckige Wohnhäuser. Die Szene wirkt wie ein Bürgerbeteiligungsprozess."
Beim Projekt „Kiezblocks“ für Berlin-Mitte wurde vor Ort mit Anwohner:innen gesprochen. © gruppe F

Zur Person

Bettina Walther

Geschäftsführerin

Mitglied des Lenkungskreises, als Soziologin seit 2015 bei gruppe F im Bereich Partizipation, Schwerpunkte in Prozessdesign, Moderation und Mediation 

Zur Person

Lisa Eggert

Mitarbeiterin

Seit 2024 tätig im Bereich Partizipation, darüber hinaus Hutträgerin des Visibilitäts-Kreises, verantwortlich für die büroeigene Öffentlichkeitsarbeit


Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für die Region Berlin, Brandenburg

Nicole Opel

Freie Autorin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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