Bewegter Raum: Susanne Isabel Yacoub dreht Filme über Landschaftsarchitektur
Angefangen hat sie als Gemüsegärtnerin, danach Landschaftsarchitektur studiert – und dann entschieden, Landschaften in Filme zu übersetzen. Seither entwickelt die Berlinerin kurze und lange Formate gleichermaßen.
Die Großmutter hat den Samen gelegt. Susanne Isabel Yacoub wuchs auf dem Land auf, zwischen Bielefeld und Hannover. Die Großmutter war eine Frau, die sich freudig Neuem öffnete – als eine der Ersten in ihrem Dorf machte sie den Führerschein und fuhr ein eigenes Auto. Und trotzdem lebte sie eine Leidenschaft, die in den 1970er-Jahren vielleicht antiquiert erscheinen mochte. Susanne Yacoub erinnert sich: „Der eigene Garten war ihr wichtig, sie ernährte sich komplett davon, das ganze Jahr über, nichts kam von außen. Obst und Gemüse wurden eingekocht.“ Das machte auf die Enkelin großen Eindruck und so entschied sie sich, nach dem Abitur in den frühen 1980er-Jahren, für eine Ausbildung zur Gemüsegärtnerin.
Aufgewachsen in einer Pionierregion
Zweieinhalb Jahre lang radelte Susanne Isabel Yacoub allmorgendlich zum Hof in Löhne, der damals ein Experiment wagte: Wie kann man Ökolandbau wirtschaftlich tragfähig machen? Danach sammelte sie Erfahrung in weiteren Gärtnereien im Münsterland. Währenddessen veränderten sich in der Region allerorten die Dinge hin zu mehr Natur, Gedanken- und Gesellschaftsexperimente prägten die Zeit: Im Kreis Herford entstanden erste Kollektive mit alternativen Arbeitsweisen, biologisch arbeitende Höfe, erste Bioläden – und sogar eine Firma, die Windräder konstruierte.
Dann wollte Susanne Yacoub mehr und schrieb sich an der TU Berlin für Landschaftsplanung ein. Und traf dort auf Grenzen, die sie nicht erwartet hatte: „Handzeichnen fiel mir ungeheuer schwer.“ Es war Anfang der 1990er-Jahre – eine Zeit, als Computer häufig nur in der Uni zur Verfügung standen und dann auch nur für eine begrenzte Zeit – und es folglich noch Diskussionen gab, ob man Projektberichte am Computer statt mit der Schreibmaschine anfertigen dürfe. Schließlich könnte das unfair sein gegenüber all denjenigen, die keinen Rechner zur Verfügung hatten. An Visualisieren oder Pläne zeichnen am Computer war nicht zu denken. „Die Quantensprünge in den Kommunikationsmitteln seit meinem Studium sind wahnsinnig“, sagt Susanne Isabel Yacoub rückblickend.
Venedig und die Folgen
Doch sie hatte ein Ass im Ärmel, denn schon lange war ihre zweite Leidenschaft die Schwarz-Weiß-Fotografie. Und dann machte sie mit ihrer Seminargruppe eine Exkursion nach Venedig – und ihr ging ein Licht auf: „Venedig war wie gemacht dafür, es mit Film zu dokumentieren“, sagt sie. Mit bewegten Bildern, so ahnte sie, könnte man Atmosphären einfangen und nachvollziehbar darstellen. „Und genau das konnte die abstrakte Fachsprache der Landschaftsarchitektur nie leisten.“ Die Studentin sprach mit ihren Lehrenden über ihr Vorhaben und hatte Glück: Sie förderten die Idee sofort. Und gaben ihr wenig später direkt den Auftrag, für ein Forschungsprojekt Brandenburger Alleen zu dokumentieren.
So arbeitete sie schon im Studium immer wieder anders als Kommiliton:innen und auch ihr Diplom bestand nicht aus einem Landschaftsarchitektur-Projekt – sondern war ein Film über syrische Innenhofgärten, lange vor den Kriegen. Dann erhielt sie schnell den ersten kommerziellen Auftrag: einen Film zur Flussrenaturierung der Müggelspree südlich von Berlin. „Ich konnte dokumentieren, welche gegensätzlichen Interessen die verschiedenen Beteiligten hatten – Landwirte, Anwohner, das Planungsbüro. Und ich habe gemerkt: Das geht, es gibt einen Markt dafür.“
Parallel entwickelte sie eigene Projekte mit der Unterstützung von Stiftungen und über Fördermittel. So dokumentierte sie zum Beispiel Mitte der 2010er-Jahre die Renaturierung der unteren Havel. „Bis heute einer meiner liebsten Filme.“ Filme über Preisträger des Deutschen Landschaftsarchitektur-Preises folgten, Projekte für Bundesgartenschauen.
Mittlerweile ist ihre Arbeit breiter: Sie berät in der Öffentlichkeitsarbeit, schreibt Pressemitteilungen, organisiert Events. „It’s all about communication“, ist ihr Motto. Aber am liebsten macht sie noch immer Filme – denn dort sind Emotionen und Atmosphären erlaubt. Darüber hinaus liegt ein weiterer Vorteil bei der Dokumentation von gestalteter Natur auf der Hand: Landschaften sind – anders als Hochbau – einer ständigen Veränderung unterworfen. Film erlaubt, Jahreszeiten unterschiedlich zu überblenden und damit mehr zu zeigen als nur Momente. „Man denke nur an einen Park, der wächst oder der verwildert“, sagt Yacoub. Auch der Weg durch den Raum wird aus ihrer Sicht weitaus verständlicher im Film. „Das ist viel zugänglicher, als wenn ich auf einen abstrakten Plan schauen muss. Denn ganz ehrlich: Mir selbst fällt das immer noch schwer.“
Interviews als Motor
Für die Produktion ihrer Filme arbeitet sie mit einem festen Team aus Freelancern zusammen, seit zwölf Jahren sind ihre engsten Partner zwei andere Filmemacher und Filmemacherinnen. Sie planen Projekte gemeinsam, teilen die Einnahmen und das Risiko. Dabei gibt sie eines aber ganz sicher nur äußerst ungern aus der Hand: die Interviewführung. „Wenn man an so einen Punkt vordringt, wo man das Gefühl hat: Jetzt habe ich etwas herausgefunden, das noch niemand herausgefunden hat – das bewegt mich immer sehr.
Das zeugt von ihrem Können, obwohl ihre Liebe auch dem Zufall gehört: Susanne Isabel Yacoub erzählt, wie sich beim letzten Dreh am Bodensee ein massives Unwetter ankündigte. Um kein Risiko einzugehen, verstauten sie die große Kamera sicher – und erlaubten sich, mit ihrem kleinen Pendant weiterzudrehen. „Dann haben wir so schöne Momente einfangen können, wie der Wind durch die Wiesen gefegt ist. Das ist für mich, was den Landschaftsraum prägt.“
Videografie als Wendepunkt?
Doch Susanne Isabel Yacoub hat nicht nur Freude am Denken, Drehen und Schneiden von Filmen – sie gibt ihre Kenntnisse auch gern weiter und unterrichtet an Hochschulen. Dabei beobachtet sie durchaus Unterschiede zu ihren eigenen Anfängen: „Die junge Generation sind Digital Natives, gut in der Bedienung der Technik, aber manchmal unpräzise im Storytelling.“ Dabei müssen sie, wie auch die Dozentin selbst, sich auf den Trend zur Videografie einstellen – also dass eine Person alles allein macht – und man sich mit niemandem abstimmen kann.
Für die Filmemacherin bedeutet das das komplette Gegenteil ihrer bisherigen Arbeitsweise, schließlich brauchte sie für ihre großen Projekte immer Teams – Kameraleute, Sounddesigner, Cutter. Die Filmproduktion für Social Media dagegen passiert nur solo. Für die Landschaftsarchitektur mit ihren geringeren Budgets könnte genau das eine Chance sein, ihre Projekte stärker zu zeigen. Genau das sei auch ein Wunsch von vielen aus der Branche, wie Susanne Isabel Yacoub beobachtet. „Noch fehlen die Kapazitäten. Ich bin trotzdem überzeugt, dass das kommen wird, auch weil die junge Generation von Landschaftsarchitekt:innen so selbstverständlich damit umgeht.“
Dennoch: Film bleibt aufwendiger als Fotografie – und damit teurer. Beliebigkeit und KI-generierte Bilder, die immer realistischer werden, könnten als rettende Idee erscheinen. „Aber wir sind für die Dokumentation von Landschaften an echten Orten unterwegs“, sagt Yacoub. „Und das geht nicht mit künstlicher Intelligenz. Um Landschaft zu zeigen, brauche es das echte Leben.“
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