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Tabakquartier Bremen verwandelt alte Fabrik in Bildungsort

Die ehemalige Bremer Tabak- und Zigarettenfabrik Brinkmann war einst die größte Produktionsstätte ihrer Art in Europa. Nach der Schließung des Werks Ende 2014 hat sich das rund 20 ha große, denkmalgeschützte Areal seit 2018 in ein lebendiges innerstädtisches Quartier mit einem vielfältigen Nutzungsmix aus Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Kultur und Freizeit verwandelt. Auch die Bereiche Bildung und öffentliche Verwaltung spielen eine wichtige Rolle: Im Alten Tabakspeicher II sind unter anderem das Aus- und Fortbildungszentrum (AFZ) und die Verwaltungsschule Bremen ansässig, im Neubau „FORUM“ betreibt die private Hochschule IU ihren Bremer Campus. 

Robert Uhde
30.10.2026 4min
Moderner mehrstöckiger Bürokomplex mit großen Fenstern und Balkonen an einer Baumallee
Der Tabakspeicher wurde 1972 errichtet.
Patrick Drescher

Von der Tabakfabrik zum angesagten Stadtquartier: Im Rahmen der Transformation durch die Justus Grosse Real Estate GmbH wurden zahlreiche historische Gebäude mit neuen Nutzungen versehen und durch einzelne Neubauten ergänzt. Aus dem ehemaligen Produktions- und Verwaltungsstandort ist so Schritt für Schritt ein gemischt genutztes Quartier entstanden. Herzstück ist dabei die nach Plänen des vor Ort ansässigen Büros Hilmes Lamprecht Architekten denkmalgerecht erfolgte Sanierung und Umnutzung der ehemaligen „Fabrik“, in der rund 40.000 qm moderne Bürolofts neu geschaffen wurden. Ergänzt wird das Konzept durch ein breites Kultur- und Gastronomieangebot sowie rund 2.000 Wohnungen. Direkt neben dem alten Kesselhaus sind außerdem das Lifestyle-Hotel „unique by ATLANTIC Hotels“ mit 100 Zimmern sowie das Mobilitätshaus „MOBI 1“ entstanden, das verschiedene Sharing-Angebote und E-Ladestationen bereitstellt. 

Mehrstöckiges Gebäude mit roter Backsteinfassade und großen Fenstern an einer Straße mit parkenden Autos
Die 150 m langen ehemaligen Tabakspeicher erhielten im Zuge der Umnutzung vorgesetzte Balkone aus Stahlbeton.
Patrick Drescher
Fassade eines modernen Gebäudes mit großen Fenstern und einem Baum im Vordergrund
Der industrielle Charakter bleibt mit den Neuerungen erhalten.
Patrick Drescher
Fotostudio mit schwarzer Wand, Holzfußboden, Beleuchtungsausrüstung, Stuhl und großem Fenster mit Blick ins Freie
Innenraumansicht
Patrick Drescher
Offener Wohnraum mit braunem Ledersofa, großen Pflanzen und moderner Regalkonstruktion mit Fernseher
Die Aufenthalts- und Besprechungsräume sind hell und einladend gestaltet.
Patrick Drescher

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Vom Lagerhaus zur Verwaltungszentrale

Eine besondere Rolle bei der Transformation des Areals spielen die beiden rund 150 m langen Tabakspeicher am südlichen Rand des Quartiers. Die 1972 als Stahlbetonskelettbauten errichteten Gebäude wurden im Zuge der Modernisierung vollständig entkernt und für neue Nutzungen umgebaut. Im Tabakspeicher I sind danach 161 Bürolofts und Flächen für unterschiedliche gewerbliche Nutzungen entstanden. Im Tabakspeicher II wurden auf rund 16.700 qm Flächen für Verwaltung, Digitalisierung, Aus- und Fortbildung sowie IT geschaffen.

Besonders interessant ist die neue Nutzung des Tabakspeichers II. Hier sind unter anderem die Digitalisierungsabteilung sowie die Bereiche Organisation und Aus- und Fortbildung des Senators für Finanzen neu angesiedelt worden. Das Aus- und Fortbildungszentrum (AFZ) bildet hier Fachkräfte für die bremische Verwaltung aus und qualifiziert Beschäftigte weiter. Hinzu kommt die Bremer Außenstelle der Norddeutschen Akademie für Steuerrecht und Finanzen. Auch das Unternehmen Dataport hat seinen Bremer Unternehmenssitz mit rund 300 Mitarbeitenden in den Tabakspeicher II verlegt. In dem ehemaligen Industriegebäude sind damit Verwaltung, Digitalisierung, Ausbildung und IT räumlich zusammengeführt. Die Arbeitsbereiche reichen von klassischen Arbeitsplätzen bis zu Coworking- und gemeinsam genutzten Flächen und unterstützen neue Formen der Zusammenarbeit. Die robuste Struktur des ehemaligen Industriebaus wird so für Aufgaben und Arbeitsweisen genutzt, die bei seiner Errichtung noch nicht absehbar waren.

Ziegelfassade als gestalterische Klammer

Auch gestalterisch folgt die Umnutzung dem Prinzip des Weiterbauens. Der industrielle Charakter der Gebäude ist dabei bewusst erhalten geblieben. Die charakteristischen Ausfachungen aus rotem Ziegel wurden bewahrt und prägen weiterhin die Fassaden. Vorgestellte Balkone aus Stahlbeton ergänzen die Baukörper und unterstreichen ihr strenges Raster. Auch technisch wurden die Speicher ertüchtigt und unter anderem mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet. 

Projektdaten

Umnutzung einer Alten Tabakfabrik zu einem Bildungsquartier

Ort: Tabakquartier, Bremen-Woltmershausen 
Bauherr: Justus Grosse Real Estate GmbH 
Architektur: Hilmes Lamprecht Architekten BDA, Bremen 
BGF: pro Speicher 23.500 qm   
Realisierung:  2019 – heute 

Großes mehrstöckiges Bürogebäude mit rotem Backstein und vielen Fenstern an einer Straßenkreuzung bei Tageslicht
Außenansicht des Neubaus „Forum Tabakquartier“
Caspar Sessler
Fassadenansicht eines mehrstöckigen Backsteingebäudes mit großen Fenstern und einem Schild mit der Aufschrift 'FORUM'
Ein großzügiger Eingangsbereich greift die Materialität des historischen Nachbars auf.
Caspar Sessler
Innenhof mit gepflastertem Weg, mittig stehendem Baum und zwei mehrstöckigen Backsteingebäuden links und rechts
Das Mobilitätshub im rechten Bildrand schließt den Innenhof auf der westlichen Seite.
Caspar Sessler
Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Grundrisses für das Erdgeschoss mit mehreren Räumen und Fluren
Grundriss Erdgeschoss
Hilmes Lamprecht Architekten BDA

Neubau zitiert die Speicherarchitektur

Weiter ergänzt wird das Tabakquartier durch das ebenfalls nach Plänen von Hilmes Lamprecht Architekten realisierte „FORUM Tabakquartier“, das im südlichen Bereich des Areals entlang der Senator-Apelt-Straße neu entstanden ist. Das sechsgeschossige, winkelförmige Bürogebäude greift die charakteristischen Stahlbetonskelettkonstruktionen und Klinkerausfachungen der benachbarten Tabakspeicher auf und nimmt auch deren Traufhöhe auf. Das direkt angrenzende niedrigere Mobilitätshaus ergänzt die Gesamtfigur und formt gemeinsam mit dem Bürogebäude einen geschützten Innenhof. Eine einheitliche Fassadengestaltung aus Verblendstein und Beton stellt dabei den direkten Bezug zum industriellen Charakter des Standorts her. Zugleich gliedern Loggien und Balkone die Fassaden und greifen so ein prägendes Element der alten Speicher auf.

Auch funktional setzt der erste Büroneubau des Quartiers auf ein zukunftsweisendes Konzept: Im Erdgeschoss sind quartiersbezogene Angebote wie eine Fahrradwerkstatt, ein Mobilitätsdienstleister und eine Lastenradausleihe untergebracht. Zudem wurde das Gebäude mit einem Gründach, Photovoltaikanlagen und einer Wärmepumpe konsequent nachhaltig geplant. 

Fassade eines mehrstöckigen Gebäudes mit roten Ziegeln und vertikalen Betonstreben
Die Fassaden wechseln zwischen glatten Strukturen an den Außenseiten und Loggien im Innenhof.
Caspar Sessler

Fassade eines mehrstöckigen Backsteingebäudes mit mehreren Fenstern und schwarzen Jalousien
Caspar Sessler

Bildung eingebettet ins Nutzungsgeflecht

Ein wichtiger Ankermieter im „FORUM Tabakquartier“ ist die private IU Internationale Hochschule, die ihren Bremer Campus 2023 von der Universitätsallee ins Tabakquartier verlegt hat und vor Ort eine Fläche von rund 2.300 qm nutzt. Entstanden sind unter anderem größere Seminarräume, Werkstätten und ein Medienlabor. Zusätzlich sind weitere Nutzer aus unterschiedlichen Bereichen im „FORUM“ angesiedelt, darunter Siemens, ein Logistikunternehmen, ein Ingenieurbüro, der Senator für Bildung mit dem Institut für Qualitätssicherung in der Bildung sowie ein Finanzdienstleister. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Gebäude und Nutzungen ist ein vielschichtiges Quartier entstanden, in dem Bildung nicht als abgeschlossener Campus organisiert ist, sondern unmittelbar mit anderen Nutzungen wie Arbeiten, Wohnen und Freizeit verknüpft ist. 

Projektdaten

Neubau eines Büro- und Gewerbegebäudes

Ort: Tabakquartier, Senator-Apelt-Straße 53, Bremen-Woltmershausen 
Bauherr: Justus Grosse Real Estate GmbH
Projektentwicklung: Justus Grosse
Architektur: Hilmes Lamprecht Architekten BDA, Bremen
Fertigstellung: 2023
Nutzfläche: ca. 9.000 qm
Ausführung: Alfred Döpker GmbH & Co. KG
Bauzeit: 2021–2023 

Porträt eines Mannes mit grauem Haar und Bartstoppeln in dunklem Hemd und gemustertem Mantel vor einer Steinwand.
© Katarina Uhde

Robert Uhde

Architekturjournalist

Robert Uhde ist seit 1997 als freier Architektur-Journalist mit eigenem Büro in Oldenburg tätig. Ein Schwerpunkt ist die niederländische Architektur der Gegenwart. Seine Beiträge erscheinen in verschiedenen Fachzeitschriften und Architektur-Magazinen.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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