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„Bildungsräume müssen vom Menschen aus gedacht werden“

Die Innenarchitektinnen Gabriela Hauser und Karin Götz im Gespräch mit der Brandenburgischen Architektenkammer zu Bildungsbauten: Wie kann Innenarchitektur Schulen mitgestalten, wenn sie von Anfang an beteiligt ist?

Maria Pegelow
01.10.2026 7min
Kindertagesstätte mit modernem, hellem Innenraum, Spielflächen in verschiedenen Ebenen und einem hölzernen Spielhaus auf Stelzen mit rundem Fenster
Gelungene Innenarchitektur am Rande des Nationalparks Unteres Odertal in Brandenburg: Kita „Kleine Wildhüter“ in Criewen vom Büro Dörner + Partner mit Innenarchitektur von baukind. Bauherrin: Stadt Schwedt/Oder
© HEJM

Wie können Schulen auf neue Formen des Lernens reagieren? Und warum sollte Innenarchitektur dabei von Anfang an mit am Tisch sitzen? Gabriela Hauser, Vizepräsidentin des bdia, und Karin Götz, Vorstandsmitglied der Brandenburgischen Architektenkammer, sprechen mit Maria Pegelow über flexible Lernlandschaften, interdisziplinäre Planung und darüber, was Kammern und Verbände verändern können.

Frau Hauser, Frau Götz, was kann Innenarchitektur für gute Bildungsräume leisten?

Gabriela Hauser: Ich verstehe den Bildungsraum als eine Art „dritten Pädagogen“. Über Raumakustik, Materialität und Zonierung beeinflusst Innenarchitektur Konzentration, Kommunikation und Wohlbefinden. Die Gestaltung eines Raumes kann entscheidend darauf einwirken, ob ein Kind nach zwei Stunden ermüdet oder weiterhin fokussiert ist. Das gilt ebenso für Lehrkräfte.

Karin Götz: Innenarchitektur wird noch immer gern mit der schönen Oberfläche verbunden. Heute geht es längst nicht mehr nur um Frontalunterricht, sondern um unterschiedliche Formen des Lernens, die auch räumlich unterschiedliche Angebote brauchen. Es braucht Rückzugsbereiche, Bewegungsräume sowie Orte für gemeinsames und individuelles Lernen. Innenarchitektur kann dafür flexible Situationen schaffen.

Hauser: Spannend finde ich die Parallele zu den Arbeitswelten. Dort kennen wir unterschiedliche Orte für konzentriertes Arbeiten, Kommunikation und Zusammenarbeit. Bei Bildungsbauten ist es ähnlich. 

© Patricia Haas
Zur Person

Gabriela Hauser

Innenarchitektin

Gabriela Hauser steht gemeinsam mit ihrem Mann Ruben an der Spitze des familiengeführten buerohauser in zweiter Generation. Sie arbeiten an Standorten in Baden-Württemberg und Berlin in Architektur, Innenarchitektur und Tragwerksplanung. Hauser ist Vizepräsidentin des bdia.

buerohauser.com

© Barbara Dietl
Zur Person

Karin Götz

Innenarchitektin

Karin Götz arbeitet seit 37 Jahren als selbstständige Innenarchitektin in Potsdam. Zu ihren Projekten gehören private und öffentliche Bauvorhaben, darunter Bibliotheken, Kindergärten und Bürobereiche. Sie engagiert sich im Vorstand der Brandenburgischen Architektenkammer und ist dort Vorsitzende des Ausschusses Öffentlichkeitsarbeit.

raumformlichtfarbe.de

Warum wird dieses Potenzial bislang so wenig genutzt? Was geht verloren, wenn Innenarchitektinnen und Innenarchitekten erst spät beteiligt werden?

Hauser: Innenarchitektur denkt vom Menschen und von der Nutzung aus: Wie wird hier gelernt und unterrichtet? Welches pädagogische Konzept gibt es? Was brauchen Kinder und Lehrkräfte im Alltag? Nutzerworkshops zeigen etwa, dass ein Multifunktionsraum auch abends oder am Wochenende genutzt werden kann.

Götz: Bei öffentlichen Bildungsbauten stehen oft Fläche und Kosten im Vordergrund. Innenarchitektur gilt dann als Luxus. Dabei kann sie durch flexible Mehrfachnutzung auch wirtschaftlich sein. Wenn sich Pädagogik verändert, müssen sich auch die Räume verändern. Es geht um Zonierungen, Zwischenbereiche und passende Möblierung. 

Der Bildungsraum ist eine Art dritter Pädagoge. Mit Innenarchitektur können wir Konzentration und Kommunikation direkt beeinflussen.

Gabriela Hauser

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Gibt es ein Projekt, an dem sich diese Zusammenarbeit konkret zeigen lässt?

Hauser: Wir planen derzeit drei Schulen. Eine davon ist meine ehemalige Grundschule in Egenhausen im ländlichen Baden-Württemberg. Sie ist die einzige Schule im Ort, wächst und wird deshalb erweitert. Für mich ist das ein Lieblingsprojekt, weil wir mit Rektor und Bürgermeister von Anfang an Architektur und Innenarchitektur parallel entwickeln.

Götz: Mir fallen zwei ganz aktuelle Schulprojekte in Brandenburg ein, die ich bezogen auf das Konzept interessant finde, kritisiere aber, dass hier anscheinend wieder keine Innenarchitekten beauftragt wurden. Der Neubau der Michael-Ende-Grundschule und Hort in Potsdam-Babelsberg wurde kürzlich eröffnet (Bauherr: KW-Development, Planung: NOKERA Planning). Und Erkner hat einen Erweiterungsbau für die Morus-Gesamtschule beauftragt (Planung: RBZ Generalplanungsgesellschaft mbH). 

Moderner Schulgebäudekomplex mit Glasfassade, überdachtem Eingangsbereich und mehreren Personen auf dem Vorplatz
Erweiterung und Sanierung Grundschule Egenhausen. Architektur und Innenarchitektur: buerohauser
© mojoimages für buerohauser
Flur einer Grundschule mit Garderoben, Sitzbank und drei Kindern mit Rucksäcken
Innenperspektive zur Erweiterung und Sanierung Grundschule Egenhausen. Architektur und Innenarchitektur: buerohauser
© buerohauser
Flur mit wellenförmigen Wandmustern in verschiedenen Grüntönen und zwei grauen Metallbänken
Erzählwelten als Leitsystem: Farben und Formen strukturieren die Innenräume der Michael-Ende-Grundschule in Potsdam. Generalübernehmer: KW-Development, Planung: NOKERA Planning
© Andreas Schwarz
Heller, moderner Innenraum mit großen Fenstern, Sitzgelegenheiten und mehreren Personen, die sich unterhalten oder gehen
Morus-Gesamtschule in Erkner. In Planung: Den Anforderungen an eine Compartmentschule mit großzügigen Gemeinschaftsbereichen innerhalb der Klassenstufe als Treffpunkt und Kommunikationszone wird durch gezielte Aufweitungen der Erschließungszonen entsprochen. Planung: RBZ Generalplanungsgesellschaft, ag-zimmermann.de und raumundbau.de
© RBZ

Wenn sich Pädagogik verändert, müssen sich auch die Räume verändern.

Karin Götz

Welche guten Beispiele sehen Sie darüber hinaus?

Hauser: Gute Beispiele sind zum Beispiel die Lernwerkstatt für geflüchtete Kinder in Stuttgart von Innenarchitektin Isabell Ehring, das Kinderhaus Löwenzahn bei Regensburg von Anglhuber & Partner. Ein schönes Beispiel ist auch der Innenausbau beim Projekt Kita Kleine Wildhüter im brandenburgischen Criewen am Rande des Nationalparks Unteres Odertal vom Büro baukind. Das Konzept der Innenräume orientiert sich an der umgebenden Landschaft und abstrahiert sie zu einer organischen Innenraumgestaltung. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Dörner + Partner, die die Neubauplanung verantwortet haben. So ist eine naturnahe Kita für 45 kleine Entdecker:innen entstanden. Noch ist es nicht leicht, Projekte zu finden, bei denen mehrere Planungsdisziplinen konsequent zusammenkommen.

Götz: Für Brandenburg möchte ich in dem Zusammenhang auch Projekte im Kontext baukultureller Bildung erwähnen. Die AG „Architektur und Schule“ der Brandenburgischen Architektenkammer hat 2013 das Stadtentdecker-Projekt ins Leben gerufen, bei dem Schülerinnen und Schüler ganz praktisch lernen, sich mit ihrer gebauten Umwelt auseinanderzusetzen. So entstehen schon früh Kompetenzen und Interesse an ihren Schulräumen, dem Freiraum, der Stadt, an Baukultur.
Beim Schulwettbewerb „Zwischen(t)räume“ der Architektenkammern Berlin und Brandenburg haben Schülerinnen und Schüler selbst über Lernräume nachgedacht. Eine Klasse entwickelte etwa ein Baumhausmodell als Vision für einen Raum zwischen Schule und dem Zuhause.

Heller, moderner Raum mit großen Fenstern, gelben Vorhängen, runden Sitzmöbeln und einer Person in orangefarbener Kleidung, die rechts vorbeigeht
Lernwerkstatt in Stuttgart: Die multifunktionale Mitte dient als Bühne für gemeinsames Essen, Spiel, Feier, Elternabend. Akustikvorhänge zonieren je nach Bedarf und alles lässt sich von Kinderhand schnell verstauen und wieder freiräumen. Planung Innenarchitektur: Isabell Ehring, Stuttgart
© Markus Guhl
Heller Flur mit Garderobenbänken und Haken an beiden Seiten in einem modernen Kinderhaus
Kinderhaus Löwenzahn in Oberschneiding bei Regensburg: Flur mit integrierten Garderoben und Durchschlupf zum angrenzenden Raum. Planung: Anglhuber & Partner zusammen mit Grünfabrik Landschaftsarchitekten
© Antje Hanebeck
Modell eines Baumhauses mit Riesenrad, Rutsche, Schaukel und bunten Wimpeln
Modell „Grüne ZwischenWelten – Baumhäuser als Lebens- und Lernorte“, Schulwettbewerb Berlin-Brandenburg 2025/26 „Zwischen(t)räume“, Beitrag der Ellen-Key-Schule, Berlin
© Alexander Blumhoff
Blick durch einen Tunnel auf eine bunte, mit Glitzer verzierte Innenraumszene mit einer silbernen Kugel in der Mitte und kleinen Figuren aus Papier und Pappe
Innenraumgestaltung durch Schüler:innen, Modell Chillraum „Die Grotte“, Stadtentdecker-Projekt „Geheime Orte„ mit 23 Schüler:innen der Klasse 5a der Grundschule Rosa Luxemburg in der Fontanestadt Neuruppin, Sommer 2015, Projektteam: Architektin Martina Nadansky, Klassenlehrerin Kerstin Eipel (Deutsch, Geschichte)
© Martina Nadansky

Welche Verfahren eignen sich, um Innenarchitektur früh und wirksam einzubinden? Welche Rolle spielen Planungswettbewerbe?

Hauser: Man muss das Rad nicht neu erfinden. Bei Vergabeverfahren und Wettbewerben sollte Innenarchitektur von Anfang an beteiligt oder separat ausgeschrieben sein. Beim Schloss Bellevue, wo ich als Jurymitglied eingebunden war, wurde für die Innenarchitektur ein eigener Wettbewerb ausgeschrieben. Und die Schule in Lemgo West zeigt, dass mehrere Planungsdisziplinen eingebunden werden können.

Götz: Ich würde ausdrücklich für interdisziplinäre Wettbewerbe plädieren. Entscheidend ist auch die Phase Null. Dort muss geklärt werden, was eine Schule können soll, wie dort gelernt wird und wer dafür am Tisch sitzen muss. 

Großer heller Raum mit hohen Decken, Sitzwürfeln, Teppich und mehreren Kindern, die sitzen, stehen oder liegen
Schule Lemgo West. Innenarchitektur: Anna Caspar Innenarchitektin. Architektur: Büro Marocco
© Grauwald Studio

Was können Kammern und bdia konkret tun, jeweils für sich und auch gemeinsam?

Götz: Kammern können Bauherrschaften sensibilisieren und in der Wettbewerbsberatung darauf hinwirken, dass die nötigen Fachrichtungen früh berücksichtigt werden. Außerdem müssen gute Beispiele sichtbarer werden.

Hauser: Für den bdia ist Sichtbarkeit ebenfalls zentral. Er verleiht daher den Deutschen Innenarchitektur-Preis und organisiert den Innenarchitektur Summit. Gemeinsam mit den Kammern könnte ein Leitfaden für Kommunen und Bauämter helfen: Welche Disziplin wird wann gebraucht und welche Kriterien sollten Bildungsbauten erfüllen? Das muss bei den Entscheidern vor Ort ankommen.

bdia Innenarchitektur Summit 2026

13. bis 15. November 2026, DZ Bank Berlin, Pariser Platz 3.

Der 14. November ist der Hauptkongresstag; am Abend wird der Deutsche Innenarchitektur-Preis 2026 verliehen. 

Zum Schluss ein Perspektivwechsel. Stellen Sie sich vor, Sie wären wieder ein Kind und würden morgen eingeschult werden. Was sollte Sie beim Ankommen begrüßen?

Hauser: Ich wünsche mir einen sicheren Weg und eine echte Willkommensgeste des Gebäudes. Innen ein Foyer mit Sitzstufen als Treffpunkt. Dazu ein Wegeleitsystem mit Symbolen, das auch Kinder verstehen, die noch nicht lesen können.

Götz: Für mich sollte das Gebäude nicht erdrücken. Ich wünsche mir Licht und eine offene Aula mit Oberlichtern, fast wie einen inneren Platz vor dem Klassenzimmer. Auch viel „Natur“ darf im Gebäude vorkommen, etwa in einem Atrium.

Maria Pegelow

DAB Redaktion Brandenburg
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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