„Bildungsräume müssen vom Menschen aus gedacht werden“
Die Innenarchitektinnen Gabriela Hauser und Karin Götz im Gespräch mit der Brandenburgischen Architektenkammer zu Bildungsbauten: Wie kann Innenarchitektur Schulen mitgestalten, wenn sie von Anfang an beteiligt ist?
Wie können Schulen auf neue Formen des Lernens reagieren? Und warum sollte Innenarchitektur dabei von Anfang an mit am Tisch sitzen? Gabriela Hauser, Vizepräsidentin des bdia, und Karin Götz, Vorstandsmitglied der Brandenburgischen Architektenkammer, sprechen mit Maria Pegelow über flexible Lernlandschaften, interdisziplinäre Planung und darüber, was Kammern und Verbände verändern können.
Frau Hauser, Frau Götz, was kann Innenarchitektur für gute Bildungsräume leisten?
Gabriela Hauser: Ich verstehe den Bildungsraum als eine Art „dritten Pädagogen“. Über Raumakustik, Materialität und Zonierung beeinflusst Innenarchitektur Konzentration, Kommunikation und Wohlbefinden. Die Gestaltung eines Raumes kann entscheidend darauf einwirken, ob ein Kind nach zwei Stunden ermüdet oder weiterhin fokussiert ist. Das gilt ebenso für Lehrkräfte.
Karin Götz: Innenarchitektur wird noch immer gern mit der schönen Oberfläche verbunden. Heute geht es längst nicht mehr nur um Frontalunterricht, sondern um unterschiedliche Formen des Lernens, die auch räumlich unterschiedliche Angebote brauchen. Es braucht Rückzugsbereiche, Bewegungsräume sowie Orte für gemeinsames und individuelles Lernen. Innenarchitektur kann dafür flexible Situationen schaffen.
Hauser: Spannend finde ich die Parallele zu den Arbeitswelten. Dort kennen wir unterschiedliche Orte für konzentriertes Arbeiten, Kommunikation und Zusammenarbeit. Bei Bildungsbauten ist es ähnlich.
Warum wird dieses Potenzial bislang so wenig genutzt? Was geht verloren, wenn Innenarchitektinnen und Innenarchitekten erst spät beteiligt werden?
Hauser: Innenarchitektur denkt vom Menschen und von der Nutzung aus: Wie wird hier gelernt und unterrichtet? Welches pädagogische Konzept gibt es? Was brauchen Kinder und Lehrkräfte im Alltag? Nutzerworkshops zeigen etwa, dass ein Multifunktionsraum auch abends oder am Wochenende genutzt werden kann.
Götz: Bei öffentlichen Bildungsbauten stehen oft Fläche und Kosten im Vordergrund. Innenarchitektur gilt dann als Luxus. Dabei kann sie durch flexible Mehrfachnutzung auch wirtschaftlich sein. Wenn sich Pädagogik verändert, müssen sich auch die Räume verändern. Es geht um Zonierungen, Zwischenbereiche und passende Möblierung.
Der Bildungsraum ist eine Art dritter Pädagoge. Mit Innenarchitektur können wir Konzentration und Kommunikation direkt beeinflussen.
Gabriela Hauser
Gibt es ein Projekt, an dem sich diese Zusammenarbeit konkret zeigen lässt?
Hauser: Wir planen derzeit drei Schulen. Eine davon ist meine ehemalige Grundschule in Egenhausen im ländlichen Baden-Württemberg. Sie ist die einzige Schule im Ort, wächst und wird deshalb erweitert. Für mich ist das ein Lieblingsprojekt, weil wir mit Rektor und Bürgermeister von Anfang an Architektur und Innenarchitektur parallel entwickeln.
Götz: Mir fallen zwei ganz aktuelle Schulprojekte in Brandenburg ein, die ich bezogen auf das Konzept interessant finde, kritisiere aber, dass hier anscheinend wieder keine Innenarchitekten beauftragt wurden. Der Neubau der Michael-Ende-Grundschule und Hort in Potsdam-Babelsberg wurde kürzlich eröffnet (Bauherr: KW-Development, Planung: NOKERA Planning). Und Erkner hat einen Erweiterungsbau für die Morus-Gesamtschule beauftragt (Planung: RBZ Generalplanungsgesellschaft mbH).
Wenn sich Pädagogik verändert, müssen sich auch die Räume verändern.
Karin Götz
Welche guten Beispiele sehen Sie darüber hinaus?
Hauser: Gute Beispiele sind zum Beispiel die Lernwerkstatt für geflüchtete Kinder in Stuttgart von Innenarchitektin Isabell Ehring, das Kinderhaus Löwenzahn bei Regensburg von Anglhuber & Partner. Ein schönes Beispiel ist auch der Innenausbau beim Projekt Kita Kleine Wildhüter im brandenburgischen Criewen am Rande des Nationalparks Unteres Odertal vom Büro baukind. Das Konzept der Innenräume orientiert sich an der umgebenden Landschaft und abstrahiert sie zu einer organischen Innenraumgestaltung. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Dörner + Partner, die die Neubauplanung verantwortet haben. So ist eine naturnahe Kita für 45 kleine Entdecker:innen entstanden. Noch ist es nicht leicht, Projekte zu finden, bei denen mehrere Planungsdisziplinen konsequent zusammenkommen.
Götz: Für Brandenburg möchte ich in dem Zusammenhang auch Projekte im Kontext baukultureller Bildung erwähnen. Die AG „Architektur und Schule“ der Brandenburgischen Architektenkammer hat 2013 das Stadtentdecker-Projekt ins Leben gerufen, bei dem Schülerinnen und Schüler ganz praktisch lernen, sich mit ihrer gebauten Umwelt auseinanderzusetzen. So entstehen schon früh Kompetenzen und Interesse an ihren Schulräumen, dem Freiraum, der Stadt, an Baukultur.
Beim Schulwettbewerb „Zwischen(t)räume“ der Architektenkammern Berlin und Brandenburg haben Schülerinnen und Schüler selbst über Lernräume nachgedacht. Eine Klasse entwickelte etwa ein Baumhausmodell als Vision für einen Raum zwischen Schule und dem Zuhause.
Welche Verfahren eignen sich, um Innenarchitektur früh und wirksam einzubinden? Welche Rolle spielen Planungswettbewerbe?
Hauser: Man muss das Rad nicht neu erfinden. Bei Vergabeverfahren und Wettbewerben sollte Innenarchitektur von Anfang an beteiligt oder separat ausgeschrieben sein. Beim Schloss Bellevue, wo ich als Jurymitglied eingebunden war, wurde für die Innenarchitektur ein eigener Wettbewerb ausgeschrieben. Und die Schule in Lemgo West zeigt, dass mehrere Planungsdisziplinen eingebunden werden können.
Götz: Ich würde ausdrücklich für interdisziplinäre Wettbewerbe plädieren. Entscheidend ist auch die Phase Null. Dort muss geklärt werden, was eine Schule können soll, wie dort gelernt wird und wer dafür am Tisch sitzen muss.
Was können Kammern und bdia konkret tun, jeweils für sich und auch gemeinsam?
Götz: Kammern können Bauherrschaften sensibilisieren und in der Wettbewerbsberatung darauf hinwirken, dass die nötigen Fachrichtungen früh berücksichtigt werden. Außerdem müssen gute Beispiele sichtbarer werden.
Hauser: Für den bdia ist Sichtbarkeit ebenfalls zentral. Er verleiht daher den Deutschen Innenarchitektur-Preis und organisiert den Innenarchitektur Summit. Gemeinsam mit den Kammern könnte ein Leitfaden für Kommunen und Bauämter helfen: Welche Disziplin wird wann gebraucht und welche Kriterien sollten Bildungsbauten erfüllen? Das muss bei den Entscheidern vor Ort ankommen.
Zum Schluss ein Perspektivwechsel. Stellen Sie sich vor, Sie wären wieder ein Kind und würden morgen eingeschult werden. Was sollte Sie beim Ankommen begrüßen?
Hauser: Ich wünsche mir einen sicheren Weg und eine echte Willkommensgeste des Gebäudes. Innen ein Foyer mit Sitzstufen als Treffpunkt. Dazu ein Wegeleitsystem mit Symbolen, das auch Kinder verstehen, die noch nicht lesen können.
Götz: Für mich sollte das Gebäude nicht erdrücken. Ich wünsche mir Licht und eine offene Aula mit Oberlichtern, fast wie einen inneren Platz vor dem Klassenzimmer. Auch viel „Natur“ darf im Gebäude vorkommen, etwa in einem Atrium.
Maria Pegelow
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