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Große Events brauchen mehr als große Stadien

Wie Wettbewerbe und interdisziplinäre Planung Sportgroßbauten neu definieren: Das Heinz-Steyer-Stadion in Dresden und der Jahnsportpark Berlin zeigen, wie nachhaltige, inklusive und dauerhaft nutzbare Sportstätten entstehen.

Marén Schober
24.07.2026 6min
Detailansicht der geschwungenen, weißen Außenfassade des Stadions mit vertikaler Struktur über einer verglasten Erdgeschosszone.
Heinz-Steyer-Stadion: Stadiongebäude mit Fassadenband. Architektur: O+M Architekten BDA, Dresden
© Albrecht Voss

Sportveranstaltungen stellen heute weit höhere Anforderungen an ihre Austragungsorte als noch vor wenigen Jahrzehnten. Stadien müssen internationale Wettkampfstandards erfüllen und zugleich langfristig als multifunktionale Infrastruktur im urbanen Kontext funktionieren. Sie sind Veranstaltungsort, Vereinszentrum, öffentlicher Freiraum und identitätsstiftender Stadtbaustein zugleich. Mit dem Heinz-Steyer-Stadion in Dresden und dem derzeit in der Planung befindlichen Großen Stadion im Jahnsportpark Berlin zeigen zwei Projekte von O+M Architekten, wie sich diese Anforderungen durch Wettbewerbsverfahren und die enge Zusammenarbeit von Architektur und Landschaftsarchitektur zu ganzheitlichen Lösungen entwickeln lassen.

Wettbewerb als Ausgangspunkt integrierter Planung

Dem Projekt in Dresden ging 2019/2020 ein europaweites Vergabeverfahren in Form eines wettbewerblichen Dialogs voraus, mit dem die Stadt einen Generalübernehmer für Planung und Bau auswählte. Das Berliner Projekt entstand hingegen aus einem europaweiten, interdisziplinären und offenen zweiphasigen Realisierungswettbewerb nach RPW. Als Wettbewerbssieger gingen die Dresdner Büros O+M Architekten mit LOR Landschaftsarchitekten hervor.

Zwei Männer in schwarzen Hemden stehen nebeneinander in einem hellen Büro und blicken in die Kamera.
© Christian Börner
Über das Büro

O+M Architekten BDA

O+M Architekten BDA wurde 2008 in Dresden von Carsten Otto und Christian Müller gegründet. Beide studierten an der TU Dresden und schlossen 1999 mit dem Diplom ab. Das Büro realisiert öffentliche Bauten für Sport, Bildung, Kirche und Kultur ebenso wie Wohn-, Hotel-, Verwaltungs- und Gewerbebauten.

Diese multifunktionale und interdisziplinäre Herangehensweise prägt beide Projekte. Nicht das Stadion als Solitär steht im Mittelpunkt, sondern der Sportpark als räumliches Gefüge mit klaren Wegeverbindungen, hoher Aufenthaltsqualität und vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. Die Freiräume werden dabei zu eigenständigen Bewegungs-, Begegnungs- und Veranstaltungsräumen und sie verbinden sich mit dem eigentlichen Stadion.

Heinz-Steyer-Stadion: Ein neuer Leuchtturm im historischen Sportpark

Mit der Fertigstellung des Heinz-Steyer-Stadions erhielt Dresden 2024 den ersten Leichtathletik-Stadionneubau in Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten. Entstanden ist ein multifunktionaler Ort im Herzen der Landeshauptstadt. Das Stadion ist Teil eines Gesamtkonzeptes zur Weiterentwicklung des zentralen Sportparks Ostra in Dresden.

Innenansicht des Stadions bei einer Leichtathletikveranstaltung mit roter Laufbahn, Fotograf im Vordergrund und vollen Zuschauerrängen.
Neubau Heinz-Steyer-Stadion. Architektur O+M Architekten, Dresden
© Christian Boerner
Luftaufnahme eines modernen Leichtathletikstadions mit markantem weißen Dach am Flussufer, im Hintergrund eine historische Stadtsilhouette.
Neubau Heinz-Steyer-Stadion. Architektur O+M Architekten, Dresden
© ZECHDeutschlandAG
Luftbild des hell erleuchteten Stadions bei Nacht während einer Veranstaltung, umgeben von den Lichtern der nächtlichen Stadt.
Neubau Heinz-Steyer-Stadion. Architektur O+M Architekten, Dresden
© Landeshauptstadt Dresden

Zur Baugeschichte des Heinz-Steyer-Stadions

Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme voller Zuschauerränge bei einer Leichtathletikveranstaltung; im Hintergrund eine große Anzeigetafel mit der Aufschrift „Heinz-Steyer-Stadion“.
Legendär war die Anzeigetafel des alten Heinz-Steyer-Stadions aus dem Jahr 1978 – hier in einer Aufnahme von 1986.
© Bundesarchiv / Bild 183-1986-0811-040 / CC-BY-SA 3.0

Das 1919 eröffnete Stadion besaß eine Fußballwiese, zwei Laufbahnen und eine 42 m lange Holztribüne. Nach einem Brand 1928 wuchs die Kapazität im Zuge des Wiederaufbaus auf bis zu 65.000 Plätze. 1949 wurde die Anlage nach dem 1944 hingerichteten Dresdner Fußballer Heinz Steyer benannt – und erhielt die erste deutsche Stadion-Flutlichtanlage. Die Bausubstanz verschlechterte sich zusehends, verschärft durch Hochwasserschäden 2002, bis Teile als einsturzgefährdet galten und nur noch 4.500 Plätze zugelassen waren. 2015/2017 ersetzte ein überdachter Neubau die alte Holztribüne im Norden, 2021 folgte der Abriss der historischen Steintribüne – Auftakt zum vollständigen Umbau nach Entwurf von O+M Architekten.

Neben der klassischen Stadionnutzung vereint das Haus des Sports eine Fechterhalle, wettkampfgerechte Squashcourts, Räume für Tanz- und Radsport, Vereinsbüros sowie ein Medical Health Center der Technischen Universität Dresden. Dadurch entsteht ein ganzjährig genutzter, im wahrsten Sinn des Wortes multifunktionaler Sportstandort.

Flutlicht neu gedacht

Besondere Aufmerksamkeit galt der sensiblen stadträumlichen Lage zwischen historischer Altstadt und Elbsilhouette. Statt klassischer Flutlichtmasten prägt ein umlaufender Lichtring das Stadion. Ein geschwungenes metallisches Fassadenband umhüllt Stadion und Sportgebäude, verleiht dem Bau eine eigenständige Identität und schafft zugleich Blickbeziehungen zum historischen Umfeld und in das Stadionoval.

Auch technisch setzt das Projekt Akzente. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, der Anschluss an das Fernwärmenetz sowie die kompakte Organisation der Nutzungen unterstützen einen nachhaltigen Betrieb. Das Projekt selbst konnte trotz der Corona-Pandemie und der Energiekrise innerhalb eines sehr engen Budgetrahmens erfolgreich umgesetzt werden. Zusätzliche Anforderungen – darunter die Erweiterung der Sitzplätze sowie verschiedene Ausstattungsanpassungen – führten im Projektverlauf zu einer Erhöhung des Gesamtbudgets.

Projektdaten

Heinz-Steyer-Stadion

Adresse: Pieschener Allee 1, 01067 Dresden
Architektur: O+M Architekten GmbH BDA, Dresden
Bauherrschaft: Landeshauptstadt Dresden
Fertigstellung: 2024 (Wiedereröffnung 30. August 2024)
Weitere Fachplaner:

  • Generalplanung/Ingenieurplanung: Phase10 Ingenieur- und Planungsgesellschaft mbH, Freiberg
  • Tragwerksplanung: Assmann Beraten und Planen GmbH, Dortmund
  • Landschaftsarchitektur/Freianlagen: Noack Landschaftsarchitekten
  • Generalübernehmer (Bau): ZECH Building
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Inklusion als Leitmotiv: Jahnsportpark Berlin

Während in Dresden die behutsame Weiterentwicklung eines historischen Sportstandorts im Mittelpunkt stand, formuliert der neue Jahnsportpark in Berlin einen grundsätzlichen Anspruch an die Zukunft öffentlicher Sportanlagen: Inklusion ist hier Leitmotiv des gesamten Entwurfs.

Ausgangspunkt bildet eine großzügige Plaza als gemeinsamer Stadtraum. Von hier werden Stadion und Sportpark erschlossen. Sie ist zugleich identitätsstiftender Freiraum und zentraler Begegnungsort.

Dieses Prinzip setzt sich im neu geplanten Großen Stadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark konsequent fort. Ein durchgängiges Ein-Rang-Stadion schafft ein gemeinsames Zuschauererlebnis ohne räumliche Hierarchien. Umlaufende Rampen und Erschließungsringe verbinden sämtliche Ebenen barrierefrei; Plätze für Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen sind gleichmäßig über alle Tribünen verteilt.

Die Rampen werden selbst zum architektonischen Motiv. Sie verbinden Plaza, Wallpromenade und den markanten Skywalk, der Orientierung bietet und den Sportpark als zusätzlichen Aufenthalts- und Bewegungsraum erweitert.

Architekturentwurf: Außenansicht eines runden, modernen Stadions mit markantem roten Obergeschoss und einem stark belebten Vorplatz in der Dämmerung.
Neubau des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions in Berlin. Architektur: O+M Architekten, Dresden
© Visualisierungen: O+M Architekten BDA
Architekturentwurf: Außenbereich des Stadions mit schrägen Stützpfeilern, flanierenden und sporttreibenden Menschen auf einem Fußweg neben einer Graffiti-Wand.
Neubau des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions in Berlin. Architektur: O+M Architekten, Dresden
© Visualisierungen: O+M Architekten BDA
Architekturentwurf: Heller, barrierefreier Innenbereich des Stadions mit Betonpfeilern, großer Glasfront und vielen Besuchern, darunter mehrere Rollstuhlfahrer.
Neubau des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions in Berlin. Architektur: O+M Architekten, Dresden
© Visualisierungen: O+M Architekten BDA

Zur Baugeschichte des Großen Stadions im Jahnsportpark

Außenansicht eines älteren Tribünengebäudes mit markantem überstehendem Dach und einer rot-weißen, teils verglasten Fassade bei blauem Himmel.
Haupttribüne des Großen Stadions im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark Berlin Prenzlauer Berg
© Traktorminze / CC BY-SA 4.0

1913 legte Gartendirektor Albert Brodersen auf dem Gelände des ehemaligen preußischen Exerzierplatzes einen städtischen Sportplatz an. 1951 entstand darauf, aus Trümmerschutt aufgeschüttet, das schlichte, modernistische Große Stadion nach Entwurf von Rudolf Ortner – ein Erdstadion für bis zu 30.000 Zuschauer. 1986/87 erhielt es eine neue, rotverglaste Haupttribüne der Architekten Fisarova/Ondrej sowie markante, fächerförmige Flutlichtmasten. Weitere Sanierungen folgten 1998 und 2015. Wegen zunehmenden Verfalls beschloss das Land Berlin einen kompletten Neubau nach dem Wettbewerbsentwurf von O+M Architekten; der Abriss des Bestandsstadions begann im Oktober 2024.

Landschaft und Nachhaltigkeit als integrale Entwurfsebenen

Beide Projekte zeigen die Bedeutung einer frühzeitigen Zusammenarbeit von Architektur und Landschaftsarchitektur sowie eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitsverständnisses. Topografie, prägende Baumstrukturen und historische Elemente werden nicht als Randbedingungen, sondern als integrale Bestandteile der Entwurfskonzepte verstanden.

Im Berliner Jahnsportpark bleiben große Teile der Wallanlagen und des Baumbestands erhalten, während neue Sport- und Aufenthaltsbereiche behutsam ergänzt werden. Wasserdurchlässige Beläge, Regenwasserrückhaltung, Biodiversitätsdächer und extensive Begrünungen verbinden funktionale Anforderungen mit klimaresilienter Freiraumentwicklung. Ergänzt wird dies durch einen Holz-Beton-Hybridbau, Photovoltaik, kreislauffähige Konstruktionen, die Wiederverwendung geeigneter Bestandsbauteile sowie robuste Tragwerke für spätere Anpassungen. Auch das Heinz-Steyer-Stadion folgt diesem integralen Ansatz: Die enge Verzahnung von Gebäude und Freiraum sowie die dauerhafte Mehrfachnutzung stärken die Ressourceneffizienz und die langfristige Qualität des gesamten Sportparks.

Projektdaten

Großes Stadion Jahnsportpark

Adresse: Cantianstraße, 10437 Berlin
Architektur: O+M Architekten GmbH BDA, Dresden
Bauherrschaft: Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen
Fertigstellung: in Planung/Bau, geplant bis Ende 2027
Weitere Fachplaner

  • Landschaftsarchitektur/Freianlagen: LOR Landschaftsarchitekten Otto + Richter PartGmbB, Dresden
  • Tragwerksplanung: Assmann Beraten und Planen GmbH, Dortmund 
  • TGA: DBS Ingenieure GmbH, Mülheim an der Ruhr

Sportgroßbauten als urbane Infrastruktur

Große Sportveranstaltungen erzeugen internationale Aufmerksamkeit, doch ihre Austragungsorte müssen weit über den Event hinaus funktionieren. Beide Projekte verstehen das Stadion deshalb als Bestandteil einer langfristig nutzbaren öffentlichen Infrastruktur.

Die Wettbewerbsverfahren bildeten hierfür den entscheidenden Ausgangspunkt. Sie ermöglichten Lösungen, bei denen Architektur, Landschaftsarchitektur, Städtebau und Nutzungskonzepte von Beginn an gemeinsam entwickelt wurden. So entstehen Sportstätten, die internationale Wettkampfanforderungen erfüllen und zugleich dauerhaft Mehrwert für Vereine, Stadtgesellschaft und öffentliche Räume schaffen.

Marén Schober

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer Sachsen DAB Redaktion Sachsen
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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