Große Events brauchen mehr als große Stadien
Wie Wettbewerbe und interdisziplinäre Planung Sportgroßbauten neu definieren: Das Heinz-Steyer-Stadion in Dresden und der Jahnsportpark Berlin zeigen, wie nachhaltige, inklusive und dauerhaft nutzbare Sportstätten entstehen.
Sportveranstaltungen stellen heute weit höhere Anforderungen an ihre Austragungsorte als noch vor wenigen Jahrzehnten. Stadien müssen internationale Wettkampfstandards erfüllen und zugleich langfristig als multifunktionale Infrastruktur im urbanen Kontext funktionieren. Sie sind Veranstaltungsort, Vereinszentrum, öffentlicher Freiraum und identitätsstiftender Stadtbaustein zugleich. Mit dem Heinz-Steyer-Stadion in Dresden und dem derzeit in der Planung befindlichen Großen Stadion im Jahnsportpark Berlin zeigen zwei Projekte von O+M Architekten, wie sich diese Anforderungen durch Wettbewerbsverfahren und die enge Zusammenarbeit von Architektur und Landschaftsarchitektur zu ganzheitlichen Lösungen entwickeln lassen.
Wettbewerb als Ausgangspunkt integrierter Planung
Dem Projekt in Dresden ging 2019/2020 ein europaweites Vergabeverfahren in Form eines wettbewerblichen Dialogs voraus, mit dem die Stadt einen Generalübernehmer für Planung und Bau auswählte. Das Berliner Projekt entstand hingegen aus einem europaweiten, interdisziplinären und offenen zweiphasigen Realisierungswettbewerb nach RPW. Als Wettbewerbssieger gingen die Dresdner Büros O+M Architekten mit LOR Landschaftsarchitekten hervor.
Diese multifunktionale und interdisziplinäre Herangehensweise prägt beide Projekte. Nicht das Stadion als Solitär steht im Mittelpunkt, sondern der Sportpark als räumliches Gefüge mit klaren Wegeverbindungen, hoher Aufenthaltsqualität und vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. Die Freiräume werden dabei zu eigenständigen Bewegungs-, Begegnungs- und Veranstaltungsräumen und sie verbinden sich mit dem eigentlichen Stadion.
Heinz-Steyer-Stadion: Ein neuer Leuchtturm im historischen Sportpark
Mit der Fertigstellung des Heinz-Steyer-Stadions erhielt Dresden 2024 den ersten Leichtathletik-Stadionneubau in Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten. Entstanden ist ein multifunktionaler Ort im Herzen der Landeshauptstadt. Das Stadion ist Teil eines Gesamtkonzeptes zur Weiterentwicklung des zentralen Sportparks Ostra in Dresden.
Zur Baugeschichte des Heinz-Steyer-Stadions
Zur Baugeschichte des Heinz-Steyer-Stadions
Das 1919 eröffnete Stadion besaß eine Fußballwiese, zwei Laufbahnen und eine 42 m lange Holztribüne. Nach einem Brand 1928 wuchs die Kapazität im Zuge des Wiederaufbaus auf bis zu 65.000 Plätze. 1949 wurde die Anlage nach dem 1944 hingerichteten Dresdner Fußballer Heinz Steyer benannt – und erhielt die erste deutsche Stadion-Flutlichtanlage. Die Bausubstanz verschlechterte sich zusehends, verschärft durch Hochwasserschäden 2002, bis Teile als einsturzgefährdet galten und nur noch 4.500 Plätze zugelassen waren. 2015/2017 ersetzte ein überdachter Neubau die alte Holztribüne im Norden, 2021 folgte der Abriss der historischen Steintribüne – Auftakt zum vollständigen Umbau nach Entwurf von O+M Architekten.
Neben der klassischen Stadionnutzung vereint das Haus des Sports eine Fechterhalle, wettkampfgerechte Squashcourts, Räume für Tanz- und Radsport, Vereinsbüros sowie ein Medical Health Center der Technischen Universität Dresden. Dadurch entsteht ein ganzjährig genutzter, im wahrsten Sinn des Wortes multifunktionaler Sportstandort.
Flutlicht neu gedacht
Besondere Aufmerksamkeit galt der sensiblen stadträumlichen Lage zwischen historischer Altstadt und Elbsilhouette. Statt klassischer Flutlichtmasten prägt ein umlaufender Lichtring das Stadion. Ein geschwungenes metallisches Fassadenband umhüllt Stadion und Sportgebäude, verleiht dem Bau eine eigenständige Identität und schafft zugleich Blickbeziehungen zum historischen Umfeld und in das Stadionoval.
Auch technisch setzt das Projekt Akzente. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, der Anschluss an das Fernwärmenetz sowie die kompakte Organisation der Nutzungen unterstützen einen nachhaltigen Betrieb. Das Projekt selbst konnte trotz der Corona-Pandemie und der Energiekrise innerhalb eines sehr engen Budgetrahmens erfolgreich umgesetzt werden. Zusätzliche Anforderungen – darunter die Erweiterung der Sitzplätze sowie verschiedene Ausstattungsanpassungen – führten im Projektverlauf zu einer Erhöhung des Gesamtbudgets.
Projektdaten
Heinz-Steyer-Stadion
Projektdaten
Heinz-Steyer-Stadion
Adresse: Pieschener Allee 1, 01067 Dresden
Architektur: O+M Architekten GmbH BDA, Dresden
Bauherrschaft: Landeshauptstadt Dresden
Fertigstellung: 2024 (Wiedereröffnung 30. August 2024)
Weitere Fachplaner:
- Generalplanung/Ingenieurplanung: Phase10 Ingenieur- und Planungsgesellschaft mbH, Freiberg
- Tragwerksplanung: Assmann Beraten und Planen GmbH, Dortmund
- Landschaftsarchitektur/Freianlagen: Noack Landschaftsarchitekten
- Generalübernehmer (Bau): ZECH Building
Inklusion als Leitmotiv: Jahnsportpark Berlin
Während in Dresden die behutsame Weiterentwicklung eines historischen Sportstandorts im Mittelpunkt stand, formuliert der neue Jahnsportpark in Berlin einen grundsätzlichen Anspruch an die Zukunft öffentlicher Sportanlagen: Inklusion ist hier Leitmotiv des gesamten Entwurfs.
Ausgangspunkt bildet eine großzügige Plaza als gemeinsamer Stadtraum. Von hier werden Stadion und Sportpark erschlossen. Sie ist zugleich identitätsstiftender Freiraum und zentraler Begegnungsort.
Dieses Prinzip setzt sich im neu geplanten Großen Stadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark konsequent fort. Ein durchgängiges Ein-Rang-Stadion schafft ein gemeinsames Zuschauererlebnis ohne räumliche Hierarchien. Umlaufende Rampen und Erschließungsringe verbinden sämtliche Ebenen barrierefrei; Plätze für Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen sind gleichmäßig über alle Tribünen verteilt.
Die Rampen werden selbst zum architektonischen Motiv. Sie verbinden Plaza, Wallpromenade und den markanten Skywalk, der Orientierung bietet und den Sportpark als zusätzlichen Aufenthalts- und Bewegungsraum erweitert.
Zur Baugeschichte des Großen Stadions im Jahnsportpark
Zur Baugeschichte des Großen Stadions im Jahnsportpark
1913 legte Gartendirektor Albert Brodersen auf dem Gelände des ehemaligen preußischen Exerzierplatzes einen städtischen Sportplatz an. 1951 entstand darauf, aus Trümmerschutt aufgeschüttet, das schlichte, modernistische Große Stadion nach Entwurf von Rudolf Ortner – ein Erdstadion für bis zu 30.000 Zuschauer. 1986/87 erhielt es eine neue, rotverglaste Haupttribüne der Architekten Fisarova/Ondrej sowie markante, fächerförmige Flutlichtmasten. Weitere Sanierungen folgten 1998 und 2015. Wegen zunehmenden Verfalls beschloss das Land Berlin einen kompletten Neubau nach dem Wettbewerbsentwurf von O+M Architekten; der Abriss des Bestandsstadions begann im Oktober 2024.
Landschaft und Nachhaltigkeit als integrale Entwurfsebenen
Beide Projekte zeigen die Bedeutung einer frühzeitigen Zusammenarbeit von Architektur und Landschaftsarchitektur sowie eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitsverständnisses. Topografie, prägende Baumstrukturen und historische Elemente werden nicht als Randbedingungen, sondern als integrale Bestandteile der Entwurfskonzepte verstanden.
Im Berliner Jahnsportpark bleiben große Teile der Wallanlagen und des Baumbestands erhalten, während neue Sport- und Aufenthaltsbereiche behutsam ergänzt werden. Wasserdurchlässige Beläge, Regenwasserrückhaltung, Biodiversitätsdächer und extensive Begrünungen verbinden funktionale Anforderungen mit klimaresilienter Freiraumentwicklung. Ergänzt wird dies durch einen Holz-Beton-Hybridbau, Photovoltaik, kreislauffähige Konstruktionen, die Wiederverwendung geeigneter Bestandsbauteile sowie robuste Tragwerke für spätere Anpassungen. Auch das Heinz-Steyer-Stadion folgt diesem integralen Ansatz: Die enge Verzahnung von Gebäude und Freiraum sowie die dauerhafte Mehrfachnutzung stärken die Ressourceneffizienz und die langfristige Qualität des gesamten Sportparks.
Projektdaten
Großes Stadion Jahnsportpark
Projektdaten
Großes Stadion Jahnsportpark
Adresse: Cantianstraße, 10437 Berlin
Architektur: O+M Architekten GmbH BDA, Dresden
Bauherrschaft: Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen
Fertigstellung: in Planung/Bau, geplant bis Ende 2027
Weitere Fachplaner:
- Landschaftsarchitektur/Freianlagen: LOR Landschaftsarchitekten Otto + Richter PartGmbB, Dresden
- Tragwerksplanung: Assmann Beraten und Planen GmbH, Dortmund
- TGA: DBS Ingenieure GmbH, Mülheim an der Ruhr
Sportgroßbauten als urbane Infrastruktur
Große Sportveranstaltungen erzeugen internationale Aufmerksamkeit, doch ihre Austragungsorte müssen weit über den Event hinaus funktionieren. Beide Projekte verstehen das Stadion deshalb als Bestandteil einer langfristig nutzbaren öffentlichen Infrastruktur.
Die Wettbewerbsverfahren bildeten hierfür den entscheidenden Ausgangspunkt. Sie ermöglichten Lösungen, bei denen Architektur, Landschaftsarchitektur, Städtebau und Nutzungskonzepte von Beginn an gemeinsam entwickelt wurden. So entstehen Sportstätten, die internationale Wettkampfanforderungen erfüllen und zugleich dauerhaft Mehrwert für Vereine, Stadtgesellschaft und öffentliche Räume schaffen.
Marén Schober
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer Sachsen DAB Redaktion SachsenDas könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!