„Wertabschöpfung statt Wertschöpfung“
Jens Ludloff konstruierte den Ophelis-Showroom kreislauffähig, bekam viele Preise – und beklagt im Interview nach dem Abriss durch Investoren einen „Mangel an Entscheidungskompetenz und Urteilskraft“.
Mit der hölzernen Ausstellungshalle für den Möbelhersteller Ophelis in Bad Schönborn betraten Sie konstruktives Neuland; das Projekt galt als Vorzeigeobjekt des kreislauffähigen Bauens. Heute ist die Halle abgerissen und als Baustoffmüll entsorgt. Sie kommentierten den Abriss wie folgt: „Wo mit Ignoranz gegen Vernunft gehandelt wird, stellen sich Fragen.“ Welche zuvorderst?
Jens Ludloff: Jedes Bauprojekt stellt ein Testfeld möglicher Zukunft dar. Der Abriss solch eines Testfeldes nach nur drei Jahren Standzeit stößt bei uns „produktiv naiven Zukunftserzählern“ auf totales Unverständnis. Jeden Tag aufs Neue benötigen wir beim Bauen Entscheidungskompetenz und Urteilskraft, also jene reflektive Tätigkeit, die uns von jeder künstlichen Intelligenz unterscheidet. Entscheiden Sie selbst, ob es sich bei der „Ophelis-Story“ um eine zukunftsfähige Entwicklung handelt:
Ein über 100-jähriges mittelständisches Unternehmen mit Ortsbezug und weitreichender Produktionstiefe geht insolvent. Ein Investor aus Texas kauft, reißt alle Gebäude ab und plant ein Logistikzentrum, um dieses gewinnmaximiert zu veräußern. Dem Gemeinderat sind die Hände gebunden; der Bürgermeister und die Behörde sehen keinen Handlungsbedarf. Entscheidungskompetenz und Urteilskraft sucht man hier vergebens. Das Maß der Ablehnung von Verantwortung kann wirklich betroffen machen.
Was genau lief hier schief?
Mit jeder Baumaßnahme beantworten wir sowohl technische als auch soziale und emotionale Fragen. Die Vernunft lehrt uns, die Lebensgrundlagen unseres Planeten zu respektieren. Auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen stellen allein das Denken und Handeln in Kreisläufen die zukunftsfähige Grundlage dar. Bei Ophelis wurden Wertschöpfungsketten mit Wertabschöpfungsketten verwechselt. Der Schock war nicht nur der Abriss selbst, sondern das Resultat in Form eines riesigen Müllbergs aus bestem Material. Ich gehe davon aus, dass man die Halle mit Leichtigkeit hätte versteigern können, an Selbstabholer zum Wiederaufbau, zahlreiche Nachnutzungen wären denkbar gewesen.
Der Vorgang zeigt, dass noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Was erwarten Sie von der Politik als Rahmensetzerin?
Gesetze und Verordnungen bilden die gesellschaftlichen Leitplanken für das Abwägen von individuellen und kommunalen Interessen. Dies wird vom Liberalismus als Überbürokratisierung verteufelt. Auf politischen Bühnen weltweit erleben wir Abschiede von den Errungenschaften der Aufklärung. Wissenschaftlich basiertes Wissen verliert an Bedeutung; Prozesse des Aushandelns werden durch „deals“ ersetzt. Auch der „Bau-Turbo“ tappt in diese Falle.
Die Branche benötigt kein Reduzieren der Regelungen baulicher Nutzung, sondern einen Abschied von profitgetriebenen Normierungen der industriellen Bautechnik. Natürlich klingt Entbürokratisierung auch für Planer zunächst verlockend, doch eine deregulierte Stärkung von Individualinteressen allein geht in die falsche Richtung. Derzeit fehlende zukunftsfähige Bau- und Umbauvorhaben sind weniger der Überregulierung geschuldet, sondern vielmehr fehlender politischer Zielsetzungen für eine wirkliche „Bauwende“ und gebremster Ideen für den Umgang mit unserem Bestand.
Über die Sinnhaftigkeit des kreislauffähigen Bauens gibt es in der Fachwelt keinen Dissens. Warum bietet sich gerade der Holzbau als Wegbereiter einer zirkulären Bauweise an?
Bauen ist ein mehrfachkodierter Akt. Das Wirtschaften in Kreisläufen zwingt uns bereits zu neuen Ansätzen der Konstruktion und damit der Gestaltung. Beim Holzbau heißt das, Konstruktionen für den Wald der Zukunft zu entwerfen: ohne Fichten-Monokultur, für einen diversen Dauerwald mit Einzelentnahmen. An der Universität Stuttgart entwickeln wir nicht nur Prinzipien für die Verwendung von Laubholz, sondern ebensolche für die Nutzung von Schad- und Schwachhölzern, die als Ressource bisher nicht im Fokus sind.
In der Situation fehlenden Wohnungsbaus rückt die serielle und modulare Fertigung erneut in den Fokus. Der Holzbau, schon immer eng mit der Vorfertigung von Bauteilen verbunden, ist für den Brückenschlag zur neuen computerunterstützten Fertigung prädestiniert. Fügungen und ihre Trennbarkeit sind hier ein zentrales Thema. Bei Ophelis beschäftigte uns unter anderem die Frage nach einem schadensfreien Rückbau trotz Verwendung von Vollgewindeschrauben. Diese stehen einer Demontierbarkeit aktuell noch im Wege. Wir entwickelten also ein statisches System, das nur wenige Schrauben benötigt und mit genügend Vorholz einen Wiedereinbau erlaubt.
Damit will ich andeuten, dass kreislaufgerechtes Konstruieren komplex ist. Es ist nicht damit getan, einen digitalen Zwilling zu erstellen; dieser muss auch konstruktiv rückbaubar sein. Wir müssen uns um jede Schraube kümmern! Hierfür haben wir Konzepte entwickelt, die allgegenwärtige Baupraxis verweigert sich diesem Thema aber bisher.
Beim kreislauffähigen Bauen müssen wir uns um jede Schraube kümmern!
Prof. Jens Ludloff
Die Pflege eines digitalen Zwillings ist sehr aufwendig. Lohnt sich das?
Mit digital gestützten Planungs- und Fertigungsprozessen wird die Gestaltung zur Reaktion auf die ökologischen und ökonomischen Bedingungen eines konkreten Orts. Ein daran angepasstes Bauteil verbraucht nur die tatsächlich notwendigen Ressourcen. Serielle Bauteile müssen dagegen auf die höchst erwartbaren Anforderungen ausgelegt sein, was zwangsläufig zur Überdimensionierung führt. Aus Sicht der Ressourceneffizienz ist Serialität daher unökonomisch.
In digitalen Prozessen erhält jedes Bauteil eine eindeutige Identität. Die Ökonomie der Massenfertigung wandelt sich zu einer individuellen, bedarfs- und standortspezifisch optimierten Produktion. Bestandsbedingungen, soziales Umfeld und lokale Verfügbarkeit von Ressourcen werden von Anfang an in den Entwurf und die Herstellung einbezogen. Der digitale Zwilling erlaubt uns trotz der individuellen Fertigung eine maximale Wieder- und Weiterverwendung der Bauteile. Wer dieses Potenzial nicht nutzt, verschenkt die wichtigste Ressource des digitalen Zeitalters: Intelligenz.
Im Essay zum Thema auf dabonline fordert die Autorin „radikale Genügsamkeit“ als baukünstlerisches Leitprinzip. Lässt sich diese Haltung gegenüber Bauherren vermitteln oder bleibt sie im Planungsprozess eher ein stilles Korrektiv?
Genügsamkeit ist keine geeignete Vokabel für mich. Zur Gestaltung der Zukunft benötigen wir Begeisterung, Neugierde, Lust auf gemeinsame Erlebnisse. Also von mir aus lieber „lässiger Barock“ als präzise Genügsamkeit. Lebenszyklusanalysen sind wichtig, doch sie entbinden weder die Politik noch die Industrie davon, nach Wegen zur Schadensreduktion zu suchen und diese durch gesetzliche Vorgaben voranzubringen. Ich persönlich benötige keine LCA; wir kennen unsere Materialien und gehen damit entsprechend um.
Wie stehen Sie zur These, dass nicht zukunftsfähige Materialien nur dann verschwinden, wenn die Preisgestaltung neu strukturiert wird? Bleibt die beste Planung ohne finanziellen Anreiz für die Erhaltung wirkungslos?
Wenn wir Nachkriegsgebäude sanieren, wird bereits an der Bestandskonstruktion deutlich, dass bei deren Bau das Material kostbar und Arbeitskraft günstig war. Es wäre naiv, darauf zu hoffen, dass wir mit günstigen Baustoffpreisen zu günstigen Wohnungen gelangen. Aus welcher Welt sollten diese denn kommen? Die immobile Architektur hat sich von einem Objekt des lokalen Gebrauchswerts zu einem der internationalen Wertabschöpfung gewandelt. Wenn wir diese teils subventionierten leistungslosen Gewinnabsichten nicht zu einem gemeinwohlorientierten Bauen und Sanieren wandeln, geben wir das Denken und Handeln in Kreisläufen auf. Dies gilt für Kapital und Materialien gleichermaßen; das eine kann nicht ohne das andere gedacht werden.
Das Interview führte Gabriele Renz.