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22 26 statt 08 15

Einfallsreichtum zahlt sich aus: In Ingolstadt wurde das erste von 19 bayerischen Pilotprojekten bezogen – ein Haus, das fast ohne Heizung auskommt.

Katharina Matzig
06.03.2026 4min
Dreigeschossiges Wohnhaus mit durchgehenden Balkonen, grüner Holzfassade und Klinkersockel; Außenanlagen noch im Bau mit Erdflächen und frischem Rasen.
Haus fast ohne Heizung. Architektur: Nbundm* © Sebastian Schels

Knapp 300 Kilometer liegen zwischen Ingolstadt und Lustenau – eine Distanz, die 2021 ein Team der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt (GWG) mit den Architekt:innen von Nbundm* auf sich nahm. Nicht, weil es in Vorarlberg so schön ist. Sondern weil dort seit 2013 in einem Bürogebäude gearbeitet wird, das komplett ohne Heizung auskommt. Frieren muss niemand: Das vom Architekturbüro Baumschlager Eberle erfundene und umgesetzte Prinzip 22 26 sorgt dafür, dass mit hochwirksamer Dämmung allein durch solare Gewinne sowie menschliche und technische Abwärme Temperaturen zwischen 22 und 26 Grad Celsius erreicht werden. Was hinsichtlich Ressourcen- und Energieverbrauch vorbildlich ist – und daher auch als Vorbild dienen sollte.  

Schließlich ist ressourcenschonendes und einfaches Bauen für die GWG längst Maßstab. Seit Jahrzehnten wird bewusst auf unnötige oder überzogene Ausführungen verzichtet: keine Bodenversiegelungen in Treppenhäusern, keine Deckenspachtelungen, keine Tiefgaragenabdichtungen. Die Anzahl der Steckdosen ist reduziert, Trockenbauwände werden einlagig beplankt und erfüllen somit „nur“ den erforderlichen Mindestschallschutz. Mit dem Gebäudetyp-e also kennt sich die Bauherrin aus – und verfügt als Bestandshalterin bereits vor der hoffentlich bald erfolgenden Verabschiedung des Gebäudetyp-E-Gesetzes über die notwendige Kompetenz, eigenverantwortlich nachzubessern, wenn der Verzicht auf nicht sicherheitsrelevante DIN-Normen in der Praxis an Grenzen stößt. 

Für das von der Stadt Ingolstadt ausgelobte Konzeptvergabeverfahren zum Bau eines nachhaltigen EOF-Mehrfamilienhauses wollte die kundige Bauherrin jedoch einen Schritt weiter gehen. Gemeinsam mit der Architekten- und Stadtplanerpartnerschaft Nbundm* Neuburger, Bohnert und Müller, die von München und Ingolstadt aus arbeiten und bereits seit knapp 20 Jahren mit der GWG kooperieren, bewarb sie sich mit dem Konzept 22 26 – und erhielt den Zuschlag. Das Grundstück am Rand der Neubausiedlung im Stadtbezirk Friedrichshofen wurde erworben, der Bau konnte beginnen. Im November 2025 zogen die Mieter ein. Auch Bayerns Bauminister Christian Bernreiter nahm das Projekt persönlich in Augenschein, schließlich ist es das erste von insgesamt 19 Gebäudetyp-e-Pilotprojekten des Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr, das nun fertiggestellt ist: „Die Bauwerkskosten liegen hier mit 2.950 Euro je Quadratmeter Wohnfläche rund 15 Prozent unter denen konventioneller Mehrfamilienhäuser. Ich habe mich selbst überzeugt: Da ist qualitätvoller Wohnraum entstanden.“ 

Grün lasierte Holzfassade mit Klinkelsockel und Holzfenstern; davor ein gestützter Jungbaum und ein Lastenrad. Lang Ausschnitt einer dreigeschossigen Wohnhausfassade aus senkrechten, mintgrün lasierten Holzleisten mit rotem Klinkersockel. Holzrahmenfenster, davor ein neu gepflanzter, abgestützter Baum; links steht ein Lastenrad.
Haus fast ohne Heizung. Architektur: Nbundm* © Sebastian Schels
Heller Wohnraum mit Holzfenstern und geöffneter Balkontür, Terrakottafliesen; eine Person sitzt draußen. Lang Schlichter Innenraum mit weißen Wänden und rötlich-braunen Fliesen. Links großes Holzfenster, vorn geöffnete Balkontür zum Balkon. Wenige Gegenstände (Hocker, Rollschuhe, Ball, Zimmerpflanze). Auf dem Balkon sitzt eine Person.
Haus fast ohne Heizung. Architektur: Nbundm* © Sebastian Schels
Langes, dreigeschossiges Wohnhaus mit grüner Holzverschalung und roten Akzenten am Feldrand unter bewölktem Himmel. Lang Gesamtansicht eines geschwungenen Mehrfamilienhauses mit grüner Holzfassade, durchlaufenden Balkonen/Laubengängen und roten Rahmen. Links Felder, rechts ein Feldweg mit geparkten Autos; Neubauten im Hintergrund.
Haus fast ohne Heizung. Architektur: Nbundm* © Sebastian Schels
Überdachter Laubengang mit Holzbohlen, grüner Fassade und roten Stützen; Blick über offene Felder. Lang Geradliniger Balkon/Laubengang mit Holzboden, niedriger Brüstung und rotem Netzgeländer. Grüne vertikale Holzverschalung an der Wand, rote Holzstützen und helle Deckenplatten; am Ende kleiner Tisch mit Stuhl, weite Landschaft dahinter.
Haus fast ohne Heizung. Architektur: Nbundm* © Sebastian Schels

Möglich wurde das, so Architekt Chris Neuburger, durch die Rückbesinnung auf die Grundregeln der Baukunst: massive Wände und Decken als Dämm- und Speichermasse, ein fein austariertes Zusammenspiel von Fassaden- und Fensterflächen sowie sorgfältig gewählte Proportionen, Materialien und Lichtführung. Und tatsächlich ist das Haus fast ohne Heizung mehr als nur der erste realisierte Pilot, der den von der Bayerischen Architektenkammer initiierten und mit Verve vorangetriebenen Gebäudetyp-e nun von der Theorie in eine wissenschaftlich begleitete Praxis überführt. Es ist ein Beitrag zur Baukultur.

Zwei Knicke gliedern den langgestreckten, dreigeschossigen Baukörper. Die polygonale Geometrie sorgt für Sonnenlichteinfall in alle Räume, die unterschiedlich geschnittenen, barrierefreien Wohnungen mit Größen zwischen 52 und 109 Quadratmetern öffnen sich jeweils zu mindestens zwei Fassaden. Die Gebäudehülle aus holzfasergefüllten Wärmedämmziegeln mit vorgesetzter Holzverschalung und tief liegenden Lärchenholzfenstern wirkt gemeinsam mit massiven Innenwänden und Geschossdecken als thermischer Speicher. Gespeist wird dieser dem Prinzip 22 26 entsprechend, also durch die Sonne sowie den Nutzer und seine Gerätschaften. Entscheidend für die konstant angenehmen Grundtemperaturen zwischen 22 und 26 Grad ist zudem auch die Gebäudesteuerung: Eine Wärme- und CO₂-abhängige Steuerung der Fensterflügel ermöglicht natürliche Lüftung bei minimalen Verlusten, die Wassererwärmung erfolgt dezentral über Durchlauferhitzer. Den Strom erzeugt überwiegend eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Sie versorgt zugleich ein Backup-Heizsystem in Form eines 24-Volt-Heizpapiers für besondere Bedarfe und Spitzenlasten. Auf Tiefgarage und Unterkellerung wurde vollständig verzichtet, Stellplätze und Lagerräume sind in die Freiflächen eingepflegt. Und sowohl im Außenraum als auch an den Fassaden kamen recycelte Baustoffe zum Einsatz, sortenrein verbaut. E wie Erwartungen erfüllt.

Das ›e‹ darf nicht zulasten der gestalterischen Qualität gehen, das ist für uns als Architekten und Stadtplaner von hoher Bedeutung. E steht bei uns für Einfallsreichtum.

Chris Neuburger

Partner Nbundm* Verantwortlich für den Standort Ingolstadt

Pilotprojekt Gebäudetyp-e: Haus fast ohne Heizung

Ort: Steigerwaldstraße, Ingolstadt-Friedrichshofen 
Bauherr: Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt (GWG)
Architektur: Nbundm* Neuburger, Bohnert und MüllerArchitekten BDA und Stadtplaner, München und Ingolstadt,  
Fertigstellung: 2025

nbundm.de 


Dieser Artikel erschien in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q1/2026 für Bayern. 

Katharina Matzig

Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Bayerische Architektenkammer

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