„Wir sollten über die Grundbedingungen des Planens sprechen“
Prof. Dr. Gabu Heindl leitet das Fachgebiet Architektur Stadt Ökonomie an der Universität Kassel. Im Gespräch mit dem Deutschen Architekt:innenblatt erläutert die Architektin und Stadtplanerin, warum sie Wohnen, Eigentum und Bodenpolitik als zentrale Fragen der Architektur versteht, weshalb sie einfachen Lösungen misstraut und welche Rolle Architekt:innen in gesellschaftlichen Transformationsprozessen spielen können.
„Found Futures: The New New Frankfurt“, studentischer Beitrag zu „Yes, we care. Das Neue Frankfurt und die Frage nach dem Gemeinwohl“, Museum Angewandte Kunst 2024/25, FG ACE, Uni Kassel.
DAB: Frau Heindl, Sie setzen sich immer wieder mit den gesellschaftlichen und politischen Aspekten der Architektur auseinander. Wo beginnt für Sie Architektur?
Gabu Heindl: Mich interessieren zunächst die Grundbedingungen unseres Schaffens. Das klingt vielleicht zunächst nach etwas, bei dem viele Kolleg:innen unsere eigentliche Expertise gar nicht sehen würden. Mich beschäftigt aber genau die Frage, unter welchen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Bedingungen Architektur entsteht.
In unserem Fach sprechen wir häufig über Gebäude, Entwürfe oder Gestaltung. Das ist selbstverständlich wichtig. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage: Wer hält eigentlich das Eigentum an den Gebäuden, an den Grundflächen, in denen wir tätig sind? Wie verhalten wir uns als Architekturschaffende dazu? Auf wessen Grund und Boden schaffen wir überhaupt etwas?
Wenn wir über Wohnen, Stadtentwicklung oder die Transformation bestehender Gebäude sprechen, kommen wir sehr schnell zu Fragen von Eigentum, Bodenpolitik, Finanzierung oder Verteilung. Deshalb interessiert mich Architektur nie isoliert, sondern immer in ihren Zusammenhängen.
Wo wird das besonders deutlich?
Für mich zeigt sich das sehr deutlich an der Wohnungsfrage. Wenn wir uns ansehen, wie die Wohnungsfrage derzeit diskutiert wird, müssen wir uns als Architekturschaffende die Frage stellen, ob wir überhaupt ausreichend Teil dieser Diskussion sind. Ich habe eher den Eindruck, dass wir es nicht sind.
Sehr häufig wird als „Lösung“ der Krise der Wohnbaupolitik unmittelbar das Neu- und Mehr-Bauen ins Spiel gebracht. Mich interessiert aber zunächst, wie das Problem überhaupt beschrieben wird. Denn je nachdem, wie ein Problem beschrieben wird, erscheinen bestimmte Lösungen selbstverständlich, während andere gar nicht erst in den Blick geraten.
Deshalb interessiert mich die Problemstellung oft genauso sehr wie die Lösung. Ich glaube, genau hier kann Architektur mehr leisten, als lediglich auf bereits vordefinierte Aufgaben zu reagieren.
Ist das auch der Hintergrund Ihres Buches Nonsolution?
Ja, in gewisser Weise schon. Natürlich müssen wir ständig Lösungen finden. Wir müssen Details klären, Entwürfe entwickeln und planen. Das gehört zu unserem Beruf. In Nonsolutioninteressiert uns, meinen Co-Autor Drehli Robnik und mich, deshalb weniger die Frage, ob wir Lösungen brauchen – die brauchen wir selbstverständlich.
Vielmehr interessiert uns ein Überdenken des Solutionismus, also der Vorstellung, dass sich grundlegende gesellschaftliche Probleme, bei denen immer auch Machtverhältnisse im Spiel sind, durch einzelne Lösungen bewältigen lassen. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass wir zunächst Teillösungen entwickeln.
Im besten Fall verbessern sie etwas ein Stück weit. Im schlimmsten Fall können sie jedoch auch verhindern, dass umfassendere strukturelle Veränderungen überhaupt stattfinden. Ein selbstkritisches Verhältnis dazu zu entwickeln, das wäre mir wichtig.
Das klingt nach einem Verständnis von Planung, das Konflikte nicht vermeiden möchte.
Häufig wird Planung so dargestellt, als gäbe es am Ende einen Zustand, in dem alle Interessen übereinstimmen. Die Realität sieht meist anders aus. Konflikte gehören zur Stadtentwicklung ohnehin dazu. Mich interessiert daher die Frage, wie wir mit ihnen umgehen, wie sie sichtbar gemacht und demokratisch verhandelt werden können.
Ich glaube nicht, dass Architekt:innen gesellschaftliche Probleme allein lösen können. Aber wir sollten uns nicht darauf beschränken, innerhalb bereits definierter Rahmenbedingungen möglichst effizient Quadratmeter zu organisieren. Vielmehr interessiert mich, welche Fragen wir in gesellschaftliche Debatten einbringen können und welche Handlungsspielräume sich dadurch eröffnen.Das ist für mich eine politische Frage der Planung.
Prof. Dr. Gabu Heindl ist Architektin, Stadtplanerin und Leiterin des Fachgebiets Architektur Stadt Ökonomie an der Universität Kassel. In Forschung, Lehre und Praxis beschäftigt sie sich mit Wohnen, Bodenpolitik, Leerstand, öffentlichem Raum und Fragen der sozial-ökologischen Transformation. Neben ihrer Professur führt sie das Wiener Büro GABU Heindl Architektur. 2026 wurde ihr den Preis der Stadt Wien. Zu ihren Veröffentlichungen zählen unter anderem Stadtkonflikte. Radikale Demokratie in Architektur und Stadtplanung (2020), Nonsolution: Zur Politik der aktiven Nichtlösung im Planen und Bauen (2024) sowie Nonsolution: Disputed Closures in the Politics of Architecture (2026).
Diese Perspektive prägt auch Ihre Arbeit in der Lehre. Wie vermitteln Sie diese Haltung Ihren Studierenden?
Im Fachgebiet Architektur Stadt Ökonomie beschäftigen wir uns selbstverständlich mit Bauwirtschaft, Projektentwicklung, Kostenstrukturen oder Finanzierungsmodellen. Das gehört zum Handwerkszeug unseres Berufs. Mich interessiert aber genauso die Frage, wie dieses Wissen entstanden ist und welche Vorstellungen von Stadt und Gesellschaft darin enthalten sind.
Warum rechnen wir Kosten so und nicht anders? Warum werden bestimmte Leistungen sichtbar und andere nicht? Warum honorieren unsere Systeme manche Dinge stärker als Ressourcenschonung oder den Umgang mit dem Bestand? Architektur ist für mich deshalb nicht nur eine Entwurfsaufgabe. Sie entsteht immer unter bestimmten ökonomischen, politischen und sozialen Bedingungen. Genau diese Zusammenhänge versuchen wir, in der Lehre sichtbar zu machen.
Exkursion an die Waterfront Belgrade Development, FG Architektur Stadt Ökonomie (ACE), Uni Kassel.
„Ruins of Speculation – Redesigning the Vacant Elbtower“, studentische Gruppenarbeit, Sommersemester 2024, FG Architektur Stadt Ökonomie (ACE), Uni Kassel.
Ein aktueller Schwerpunkt Ihrer Lehre ist Leerstand und Umbau. Warum ist das für Sie so zentral?
Einerseits erleben wir eine Wohnungs- und Raumkrise, andererseits stehen Gebäude leer. Dieser Widerspruch erfordert genaue Betrachtung. Deshalb beschäftigen wir uns im Studio nicht nur mit den Gebäuden selbst, sondern auch mit ihren sozialen, räumlichen und ökonomischen Zusammenhängen. Wir sprechen mit Akteuren vor Ort, analysieren Bedarfe und entwickeln Nutzungsvorstellungen. Dabei geht es nicht nur um den Umbau eines Gebäudes. Wichtig ist ebenso die Frage, welche Prozesse notwendig sind, damit eine Transformation überhaupt stattfinden kann.
Natürlich wird es auch künftig Situationen geben, in denen neu gebaut werden muss. Gleichzeitig verfügen wir aber bereits über einen enormen Gebäudebestand. Deshalb müssen wir darauf schauen, welche Potenziale bereits vorhanden sind. Leerstand, Umbau oder Umnutzung sind nicht nur ökologische Themen. Sie berühren auch Fragen der Ressourcen, der Zugänglichkeit, der Nachbarschaft und der gesellschaftlichen Nutzung.
Ein kleines Beispiel aus der Lehre veranschaulicht das sehr gut: Wenn wir mit Bestand arbeiten, bauen die Studierenden zunächst im Modell alles nach, was vorhanden ist. Erst danach beginnen sie, Dinge wegzunehmen. Plötzlich tut es weh, einen großen Baum zu fällen oder ein Gebäude abzubrechen. Dadurch verändert sich die Perspektive auf den Bestand. Er wird nicht mehr als Hindernis, sondern als Ressource verstanden. Wenn wir über sozial-ökologische Transformation sprechen, erscheint es mir sinnvoll, zunächst auf das zu achten, was bereits vorhanden ist. Das bedeutet nicht, dass Neubau grundsätzlich falsch wäre. Ich glaube jedoch, dass wir sehr viel genauer reflektieren sollten, warum wir bestimmte Antworten für selbstverständlich halten und andere Möglichkeiten kaum in Betracht ziehen.
Kartografie zu Leerstand in Frankfurt, „Found Futures: The New New Frankfurt“, studentischer Beitrag zu „Yes, we care. Das Neue Frankfurt und die Frage nach dem Gemeinwohl“, Museum Angewandte Kunst Frankfurt 2025/26, FG ACE, Uni Kassel.
„The Elephant in the Room“ - Skulptur der Bodenrichtwerte in Frankfurt, in: „Found Futures: The New New Frankfurt“, studentischer Beitrag zu „Yes, we care. Das Neue Frankfurt und die Frage nach dem Gemeinwohl“, Museum Angewandte Kunst 2024/25, FG ACE, Uni Kassel.
Kritik wird oft mit Ablehnung gleichgesetzt. Für mich ist sie eher eine Form der Aufmerksamkeit. Ich kritisiere etwas, weil es mir wichtig ist und weil ich mich damit auseinandersetzen möchte.Wenn wir etwas kritisieren, dann fragen wir nach Voraussetzungen, Ausschlüssen und Alternativen. In diesem Sinne ist Kritik für mich eng mit Interesse und Produktivität verbunden. Das gilt für Architektur, Stadtplanung und Lehre gleichermaßen. Ohne Kritik bleibt vieles selbstverständlich. Mir geht es aber gerade darum, wie wir Selbstverständlichkeiten hinterfragen können.
In Bremen hat das Wiener Büro Delugan Meissl Associates ein ehemaliges Industriesilo revitalisiert und dabei konsequent auf den Bestand gesetzt.
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