Brandschutz versus Studikultur?
Nachwuchs-Kolumne: Orte, die von Studierenden für Studierende gestaltet werden, machen Spaß. Und Spaß ist wichtig: Wer gerne studiert, bleibt engagiert, neugierig und identifiziert sich stärker mit der Hochschule. Leider sind genau diese Orte vielerorts in Bedrängnis.
Natürlich geht es im Studium darum, Fachwissen aufzubauen, das Entwurfshandwerk zu erlernen und sich auf den Beruf vorzubereiten. Ich bin all die Jahre aber vor allem deshalb motiviert geblieben, weil es Orte gab, an denen ich mit meinen Kommiliton:innen kurz verschnaufen konnte: ein Kaffee zwischendurch, ein spontanes Gespräch. Oft ging es selbst dort wieder um Architektur, aber aus anderen Kursen und Jahrgängen – nur weniger verkrampft und mit mehr Neugier.
Gerade solche Räume gehen vielerorts verloren. Die Dachterrasse in Stuttgart wurde aufgrund aufmerksamer Brandschutzprüfungen dichtgemacht. In Berlin mussten mit dem Café A und dem Round About Café gleich mehrere studentische Treffpunkte aus Brandschutzgründen schließen. Und in Hannover ist die Cafete seit über zwei Jahren geschlossen – ebenfalls aus Brandschutzgründen.
Du entwirfst, was du kennst
Architekturstudierende haben ein besonderes Verhältnis zu ihren Räumen. Abgesehen davon, dass sie sich hier viel aufhalten, beschäftigen sie sich permanent mit Raumgestaltung. Und das findet nicht selten zusammen. In meinem Bachelorstudium in Hannover fiel uns am Ende eines Semesters auf, dass wir im Prinzip unsere Cafete nachentworfen hatten. Das sahen wir dann auch immer wieder bei unseren Kommiliton:innen: die gleichen Sitzstufen, das deckenhohe Regal, der lange robuste Tresen. Wie gut, dass wir so einen lebendigen Gemeinschaftsort als Referenz hatten. Die Entwürfe wären sonst etwas trostloser geworden.
Auch darüber hinaus verhalf die Cafete zu besseren Entwürfen, da hier ein reger Austausch entstand. Ob für Kaffee, Limo oder einfach zum Entspannen auf der Couch – Kommiliton:innen aus allen Semestern sahen sich hier, lernten die Projekte der anderen kennen, gaben sich Tipps und kommentierten. Mal war das verabredet, meist passierte das aber zufällig. In solchen Gesprächen wird architektonische Haltung geübt, ohne den bewertenden Blick der Lehrenden. Dabei entsteht ein Selbstbewusstsein, das über die Seminaraufgabe hinauswirkt. Und genau das ist es doch, worum es in der Lehre eigentlich geht.
Motoren der Veränderung
Hochschulen wollen Motoren gesellschaftlicher Veränderung sein. Diesen Anspruch können sie jedoch nur erfüllen, wenn sie Menschen dazu befähigen, tatsächlich Verantwortung zu übernehmen. Gute Lehre allein reicht dafür nicht aus. Studierende müssen Situationen und Prozesse selbst gestalten, eigene Projekte aufziehen und so Selbstwirksamkeit im akademischen Kontext erleben. Genau das passiert in studentischen Räumen. Ein Café läuft nicht von allein: Einkaufen, Schichtpläne, Saubermachen, Finanzen und oft auch das Vereinswesen müssen von jemandem übernommen werden. Darüber hinaus werden Veranstaltungen und Vorträge organisiert, Diskussionen moderiert und Spiele- sowie Filmabende veranstaltet. Die Aktiven übernehmen Verantwortung, halten Konflikte aus und finden gemeinsam Lösungen – Kernfähigkeiten guter Planer:innen und einer gelebten Demokratie.
Weitergabe eines kollektiven Gedächtnisses
Die Hochschule muss dafür nicht viel tun. Es reicht, Räume bereitzustellen und ein Seminar anzubieten, in dem die Studierenden den Raum mit kleinem Budget sanieren (dabei den Brandschutz einbinden) – und ihnen zu vertrauen, den Ort in ihrem Sinne zu verwalten. Dann ist noch Zeit erforderlich. Bis eine Kultur des gegenseitigen Unterstützens, des Findens eigener Themen und des Aufziehens von Projekten entstanden ist, vergehen Jahre. Diese Kultur wird dann von einer Studierendengeneration zur nächsten weitergegeben. In dieser Hinsicht sind diese Orte gefährdet. Bleibt ein solcher Raum zu lange geschlossen, werden Abschlüsse gemacht und mit den Absolvent:innen verlassen Organisationswissen und Nutzungskultur die Hochschule. Dieser Effekt ist aktuell beispielsweise in Stuttgart zu beobachten. Die Dachterrasse konnte nach mehrjähriger Brandschutzsanierung wiedereröffnet werden, es gibt auch wieder Kaffee. In der neuen Studierendengeneration ist dieser Ort jedoch nicht mehr im kollektiven Gedächtnis verankert, weshalb die Nutzung nur schleppend läuft.
Es gibt Hoffnung
Trotz aller Schließungen gibt es positive Entwicklungen. In Berlin wird derzeit geprüft, ob ein alter Mensaraum zu einem neuen studentischen Café umgebaut werden kann. In Hannover scheint die Brandschutzsanierung der Cafete nach mehr als zwei Jahren bald abgeschlossen zu sein. Einige Hochschulen zeigen außerdem, dass Brandschutzanforderungen nicht automatisch zur kompletten Schließung führen müssen. So finden in Wuppertal regelmäßige Brandschutzprüfungen mit angemessenen Fristen und praktikablen Lösungen statt, ohne dass eine sofortige Räumung erfolgt. Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: ob Hochschulen studentische Räume vor allem als Risiko sehen oder hier ein Gegenüber erkennen, mit dem sie zusammenarbeiten können.
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