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In Sachen Kreislauf bleibt viel Luft nach oben

Nachwuchs-Kolumne: Das zirkuläre Bauen kommt nur langsam voran. Dabei scheint es längst nicht mehr an Erkenntnissen zu mangeln.

Karen Schäfer
06.05.2026 6min
Unterseite eines erhöhten, orange verkleideten Gebäudes auf grauen Stahlstützen: Auf Kopfsteinpflaster stehen mehrere Paletten mit groben Stein- und Betonplatten, teils verzurrt; im Hintergrund eine Treppe und verwitterte Stahlträger bei bedecktem Himmel.
Mehr als die Hälfte der grauen Energie steckt im Tragwerk. Ist Bestandserhalt nicht möglich, gilt es, tragende Bauteile bestmöglich wiederzuverwenden. Im Rahmen des Experimental Fellowship bei Bauhaus Earth entwickelte Baukreisel Strategien zur produktbasierten Wiederverwendung von Beton und setzt diese seitdem auch in der Praxis um. © Baukreisel e.V.

Vor einigen Tagen veröffentlichte der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) seine Stellungnahme zum zirkulären Bauen. In der zugehörigen Pressemitteilung heißt es: „Zirkuläres Bauen schont sowohl Klima als auch Rohstoffe und kann langfristig Kosten sparen. Es bedeutet, den Bestand zu erhalten, Sekundärbauprodukte einzusetzen und den Um- und Rückbau bereits bei der Planung von Gebäuden mitzudenken.“

Dass Letzteres noch kein Garant dafür ist, dass Bauteile zukünftig tatsächlich sorgsam ausgebaut und wiederverwendet werden, zeigte jüngst der Abriss der Ophelis-Ausstellungshalle in Bad Schönborn. Ein preisgekröntes Vorzeigeobjekt des zirkulären Bauens – nur drei Jahre später „abgerissen und als Baustoffmüll entsorgt“ (das DAB berichtete).

In der Tat ist in Sachen Kreislauffähigkeit im Gebäudesektor noch viel Luft nach oben. Dies zeigt auch ein aktueller Bericht der Deutschen Energie-Agentur (dena). Demnach sei „das technische, planerische und wirtschaftliche Potenzial deutlich größer als das, was aktuell umgesetzt wird“.

Da der Gebäudesektor seine Emissionsgrenzen schon heute regelmäßig überschreitet, gilt es, insbesondere das zu nutzen, was schon da ist: Bestand zu erhalten und wo dies nicht möglich ist, zumindest die Bauteile bestmöglich wiederzuverwenden.  

Die Erkenntnisse sind da – was fehlt, ist der gesetzliche Rahmen

An verfügbarem Wissen und praxistauglichen Leitfäden mangelt es kaum. Wer einmal auf die Suche geht, findet schnell die passende Lektüre. Von Handlungsempfehlungen für die öffentliche Hand oder für Entscheidungstragende, Bauverantwortliche und Planende, über Leitfäden zum Planen und Bauen im Kreislauf bis hin zur Wiederverwendung tragender Bauteile oder von Brandschutztüren. Um hier nur einige zu nennen.

Hingegen scheint vor allem eines Mangelware zu sein: ein gesetzlicher Rahmen, der eine rechtssichere Umsetzung ermöglicht. Unser aktueller Rechtsrahmen ist nicht auf die Wiederverwendung gebrauchter Bauprodukte ausgerichtet. Im Gegenteil erschwert er diese sogar.

Die Folge: Wer Sekundärbauprodukte einsetzen will, muss sich mit aufwendigen Zustimmungen im Einzelfall und der Sorge vor einem möglichen Verstoß gegen allgemein anerkannte Regeln der Technik herumschlagen. Oder anders gesagt: Wer nach heutigem Stand mit wiederverwendeten Bauteilen planen und bauen möchte, muss dies wirklich wollen!

Auch standardisierte Methoden zur Erfassung und Bewertung von Bauprodukten aus Bestandsgebäuden als Grundlage für eine mögliche Anschlussnutzung bleiben als DIN SPEC bis dato reine Handlungsempfehlungen.  

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Und die Baukosten?

„Sekundärbauprodukte können heute bereits deutlich günstiger sein als neue Bauprodukte“ Häufig relativiert sich jedoch der Kostenvorteil auf den ersten Blick durch Mehraufwände in der Planung. Die Rechnung verschiebt sich zugunsten wiederverwendeter Bauteile, wenn Kosten über den gesamten Lebenszyklus ermittelt und entsprechende CO2-Schattenpreise berücksichtigt werden. Hier ist – wie so häufig – Weitsicht gefragt.

Der Bund ist gefragt, den Rahmen zu setzen

Für all das gilt: Es braucht dringend bundesweit einheitliche Vorschriften, damit wir uns auf dem Weg zum Kreislauf nicht weiterhin bloß im Kreise drehen. Eine lange Liste geeigneter Maßnahmen übergab der SRU mit seiner Stellungnahme Mitte April. Der Ball liegt bei den zuständigen Ministerien. Möge er bald wieder zurückgespielt werden. 

Quellen

AK Berlin 2024: Architektenkammer Berlin (Hrsg.): A wie zirkulär – Ein Leitfaden zum Planen und Bauen im Kreislauf, 2024, [Zugriff 10.04.2026]

Baukreisel 2025: concrete.matters – Praxis. Strategien zur produktbasierten Wiederverwendung von Beton, Forschungsprojekt 2025 im Rahmen des Experimental Fellowship bei Bauhaus Earth, [Zugriff 15.04.2026]

Concular 2024: Concular GmbH: Zirkuläres Planen und Bauen mit Fokus auf die Wiederverwendung von Bauprodukten. Handlungsempfehlung für die öffentliche Hand, 2024, [Zugriff 10.04.2026]  

Concular 2025: Concular GmbH: Leitfaden zur Wiederverwendung von Brandschutztüren, 2025, [Zugriff 10.04.2026]

DAB 2026: Wertabschöpfung statt Wertschöpfung, 04.03.2026, [Zugriff 15.04.2026]

dena 2026: Deutsche Energie-Agentur GmbH (Hrsg.): Kreislauffähigkeit des Deutschen Gebäudesektors, 2026, [Zugriff 10.04.2026]

DIN SPEC 91484: Verfahren zur Erfassung von Bauprodukten als Grundlage für Bewertungen des Anschlussnutzungspotentials vor Abbruch- und Renovierungsarbeiten (Pre-Demolition-Audit), September 2023, (Zugriff 15.04.2026]

DIN SPEC 91525: Anschlussnutzungskonzept für Bauprodukte aus Bestandsgebäuden, Februar 2026, [Zugriff 15.04.2026]

MLW BaWü 2025: Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg, Referat Bautechnik und Bauökologie (Hrsg.): Leitfaden zur Wiederverwendung tragender Bauteile, 2025, [Zugriff 10.04.2026]

LUBW 2024: Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg: Zirkuläres Bauen erfolgreich umsetzen. Ein praxisnaher Leitfaden für Entscheidungstragende, Bauverantwortliche und Planende, 2024, [Zugriff 10.04.2026]

SRU 2026: Sachverständigenrat für Umweltfragen: Zirkulär bauen: Bestand erhalten, Kreisläufe schließen, Stellungnahme, April 2026, [Zugriff 15.04.2026]

UBA 2026: Umweltbundesamt: Aktuelle Treibhausgas-Projektionen, [Zugriff 15.04.2026] 

Schwarz weiß Portrait einer Frau mit kurzen Haaren

Karen Schäfer

Architektin

Karen Schäfer schreibt über Architektur, Stadt und Gesellschaft im Kontext aktueller ökologischer wie sozialer Herausforderungen. Sie studierte Architektur und Städtebau an der Leibniz Universität Hannover und hat erste Berufserfahrung im Planungsbüro sowie als Lehrbeauftragte gesammelt. Sie engagiert sich bei Architects For Future und setzt sich als Juniormitglied im Vorstand der Architektenkammer Niedersachsen auch auf berufspolitischer Ebene für eine klima- und sozial gerechte Bauwende sowie die Interessen des beruflichen Nachwuchses ein. Seit 2026 ist sie Kolumnistin für dabonline. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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