„Sichtbare Materialien sind zirkuläre Top-Performer“
Kreislaufwirtschaft funktioniert nicht nach einem universellen Muster. Jedes Material folgt eigenen physikalischen, wirtschaftlichen und logistischen Gesetzmäßigkeiten. Weshalb materialspezifische Ansätze der Schlüssel für funktionierende Kreislaufstrategien und Grundlage für neue Geschäftsmodelle sind, erklärt Dr. Linda Hildebrand im Interview.
Wenn man über Kreislaufwirtschaft in der Baubranche spricht, kommt man an Dr. Linda Hildebrand kaum vorbei. Von 2014 bis 2025 war sie Juniorprofessorin für Rezykliergerechtes Bauen an der RWTH Aachen. 2020 hat sie Concularmitgegründet und ist dort weiterhin als freie Beraterin aktiv. Nun betreibt sie ihr eigenes Büro unter dem Namen c u b e, mit dem sie die Bauindustrie und Architekten berät. Hildebrand geht es vor allem darum, Wiederverwendung zu fördern, und erst im nächsten Schritt Recycling, da dies den größeren ökologischen Fußabdruck hat. Martina Metzner hat sich mit ihr über materialspezifische Ansätze in der zirkulären Baupraxis und -forschung unterhalten.
Nicht alle Materialien und Bauteile können und müssen in die Wiederverwendung.
Linda Hildebrand
Martina Metzner: Zirkuläres Bauen erfordert eine hohe materialspezifische Differenzierung. Gibt es bei Materialien und Bauteilen „Top-Performer“ oder „Problemkinder“?
Linda Hildebrand: Top-Performer sind Materialien und Bauteile, die ein hohes ökologisches Investment haben. Das sind zum Beispiel Metalle, die auch einfach teuer sind und bei denen man als sekundäre Rohstoffe fast gleiche Güteklassen erhält. Die zirkuläre Infrastruktur ist zudem bei Metallen sehr gut, allerdings nur, was Recycling angeht, nicht zur Wiederverwendung. Im Innenausbau funktioniert die Wiederverwendung im europäischen Markt mittlerweile auf einem ernsthaften Level – etwa für Trennwände, Systemdecken oder -böden, die qualitativ hochwertig sind. Auch bei Fenstern passiert gerade sehr viel. Spannend bei diesem Thema ist auch der Ziegel, weil er so viel zu erzählen hat.
Und die „Problemkinder“?
Ich würde es so formulieren: Es gibt bestimmte Materialien, die noch hinter ihrem Potenzial zurückbleiben. Bei Beton sprechen wir fast nur über Recycling, obwohl die Wiederverwendung von Betonteilen ein gut erforschtes Gebiet seit den 1990er-Jahren ist. Es funktioniert statisch, lohnt sich finanziell. Ein Problem bei Beton ist, dass er wiedergenutzt nicht sichtbar verbaut ist und am besten mit der gleichen Logik und damit der gleichen Deckenhöhe wieder zusammengefügt werden sollte. Außerdem braucht es ein gewisses Engineering und die entsprechende Logistik, die Teile rauszuschneiden und wieder einzusetzen. Und frischer Beton ist natürlich noch sehr günstig. Was außerdem stärker in den Blick genommen werden muss, ist die Wiederverwendung von Holzprodukten.
Das ist ein interessantes Thema, da wir gerade viel zu viel Holz versus Beton diskutieren. Sind wir auf dem richtigen Weg, immer mehr mit Holz und weniger mit Beton zu bauen, wenn man nicht nur auf CO2-Werte, sondern auch auf die Kreislauffähigkeit schaut?
Bei Holz gibt es ein unterschätztes ökologisches Potenzial, das vermieden werden kann: Das Treibhauspotenzial muss in den jetzt verbauten Hölzern gebunden bleiben. Die Annahme ist, dass nach Lebenszyklusende Bauholz keine Belastung darstellt. Es setzt CO2 frei, wenn Holz verbrannt oder kompostiert wird. Daher müssen wir viel stärker über Wiederverwendung von Bauholz sprechen. Zum Beispiel nehmen wir immer noch zu viel frisches Holz für Holzfaserplatten anstelle Altholz.
Gibt es dennoch gute Beispiele für das Thema?
In Deutschland gibt es eine auf Holzkonstruktionen spezialisierte Firma, die ihr verbautes Holz auch zurücknimmt. Nun kam also das erste Projekt, was sie gebaut hatten, in die Endabwicklung. Der Investor wollte Geld, die Holzbaufirma aber nichts dafür zahlen. Dann kam eine andere Firma, die für das Altholz bezahlen wollte. Das ist für mich persönlich ein gutes Signal, weil der Wert von gebrauchtem Material erkannt wird. Zirkuläre Prozesse müssen in großen Strukturen stattfinden und nicht nur als ökologische Liebhaberei im Privaten. Sie müssen wettbewerbsfähig sein. Der finanzielle Restwert kann dafür ein wesentlicher Treiber sein.
Ziegel zu recyceln, ist schwierig. Dazu haben Sie ein Forschungsprojekt an der RWTH Aachen gemacht: Welches Ergebnis war da besonders überraschend?
Bei unserem Lehr- und Forschungsprojekt ging es um verschiedene zirkuläre Verfahren beim selektiven Rückbau eines Schulgebäudes aus Sichtmauerwerk an der Franzstraße in Aachen. Zusammen mit Wienerberger, Alsecco, Kadawittfeldarchitektur und der Stadt Aachen als Projektpartner haben wir im Wintersemester 2022/23 das Ergebnis dem Prozess gegenübergestellt: Wie aufwendig sind die verschiedenen Verfahren und in welcher Entfernung sind die Akteure, die man dafür braucht? Die Varianten waren: (1) Wir schneiden aus der Vorsatzschale einen Quadratmeter raus, (2) wir schneiden einen einzelnen Stein raus, (3) wir nehmen einen Stein und machen daraus Riemchen oder (4) wir brechen das Ganze ab und verarbeiten es als Rezyklat. Was spannend war, dass das großformatige Rausschneiden gut funktionieren kann.
Sie setzen sich mit Ihrer Initiative CircuClarity speziell für das Wiederverwenden von Glas ein, können Sie vielleicht kurz die Vision erläutern?
Auf der Messe Glasstec 2022 in Düsseldorf begegneten wir zusammen mit John Schellnhuber (Gründer Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Bauhaus Earth, Anm. d. Red.) Personen in der Glasindustrie, die Zirkularität und Klimaneutralität wichtig finden. Also keine Lippenbekenntnisse, sondern echter Wille zur Transformation. Daraufhin haben Lisa Rammig von Eckersley O’Callaghan und ich die Initiative CircuClarity gegründet. Damit wollen wir zwischen den Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft Austausch herstellen, durch Konferenzen und Workshops, und dem Thema Sichtbarkeit geben. Wir sind auch beratend bei Projekten aktiv, wie etwa aktuell bei der Sanierung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in der Fasanenstraße in Berlin. Oder in der Vermittlung – etwa bei einem Projekt, bei dem eine einzelne Scheibe mit Silikon ertüchtigt und daraus ein opakes Fassadenpaneel gestaltet wurde. Die Mission von CircuClarity ist, Menschen mitzunehmen, die nicht in erster Linie ökologisch orientiert sind, sondern Produkte verkaufen wollen.
Man muss noch viel erklären, was beim selektiven Rückbau möglich ist, weil es eben diesen Abrissreflex gibt.
Linda Hildebrand
Wo liegen denn die Herausforderungen aktuell bei den zirkulären Prozessen?
Es funktioniert bei Bauteilen und Materialien gut, die häufig vorkommen und sichtbar sind, wie Türen zum Beispiel. Es gibt eine Vielzahl von Instrumenten, Tools wie Lidar etwa, um optische Informationen von Räumen zu erfassen. Die Herausforderung liegt aktuell darin, unter die sichtbare Schicht zu kommen. Welche Art von Stein ist das? Sind da Leitungen drin? Außerdem mangelt es noch an der Rückkopplung, dass Unternehmen gerne wissen wollen, wo ihre Sachen verbaut sind – da macht Concular den Lückenschluss. Es gibt im Prinzip die zwei großen Wege: Entweder ich hole die Materialien auf Vorrat raus oder ich habe schon eine Verwendung dafür. Zweites ist der goldene Weg. Ein idealer Prozess, den wir uns noch häufiger wünschen.
Was empfehlen Sie Architekt:innen, wenn sie materialspezifische Ansätze zur Kreislaufwirtschaft verfolgen wollen?
Bei einem Architekturbüro, das sich stark mit Materialität auseinandersetzt, gibt es häufig eine Materialbibliothek. Warum sind da nur neue Werkstoffe enthalten? Warum nicht erweitern auch auf genutzte Materialien? Dafür braucht es Offenheit und Sensibilität diesem Thema gegenüber. Große Büros können Mitarbeiter an das Thema Ressourcen setzen, um den Lebenszyklus von Produkten in den Blick zu nehmen. Für kleinere Büros machen Kooperationen mit Ressourcenplanenden Sinn.
Drei konkrete politische Maßnahmen, die materialspezifische Kreislaufwirtschaft voranbringen würden. Was wären Ihre Forderungen?
Ein großer Hebel wäre, dass eine Ökobilanz im Rahmen von Bauanträgen zur Pflicht wird, damit es einen Anreiz gibt, Bauteile wiederzuverwenden beziehungsweise überhaupt neu zu bauen. Nachbarländer wie Dänemark sind da zum Beispiel viel weiter. Ich glaube auch, dass wir eine stärkere Förderung brauchen für die Wiedernutzung von Bauteilen. Da sind die Unternehmen bislang noch auf sich alleine gestellt. Und schließlich, dass die vielen Direktiven aus der EU in nationales Recht umgesetzt werden.