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Bauen mit dem Bestand

In Palma de Mallorca haben Harquitectes einen sozialen Wohnungsbau verwirklicht, der das Abbruchmaterial des Vorgängerbaus als Ressource nutzt. Grundlage für die monolithischen Innenwände ist ein lokaler Kalksandstein, an dem sich die Geschichte des Orts ablesen lässt.

Alexander Russ
25.03.2026 8min
Der neue Wohnungsbau in Palma de Mallorca ersetzt ein Schulgebäude, das sich zuvor auf dem Grundstück befand. © Adrià Goula

Experimentelles Bauen ist in aller Munde – nicht nur in Deutschland, wo mit dem Gebäudetyp E gerade 19 Pilotprojekte umgesetzt werden. Auch auf Mallorca entstehen Häuser, die neue Wege beschreiten. Ein Motor dahinter ist das Instituto Balear de la Vivienda (IBAVI), das zum Balearischen Verkehrs- und Bauministerium gehört. Es setzt sich seit 2017 verstärkt für die Verwendung lokaler Materialien und Bauweisen in Kombination mit technikreduzierten Klimatisierungskonzepten ein. Zu den aktuellen Projekten zählt ein sozialer Wohnungsbau in Palma de Mallorca. Er geht auf einen Wettbewerb zurück, den das IBAVI auslobte. Ursprünglich sollte dazu eine leer stehende Schule auf einem Eckgrundstück umgenutzt werden. Da der Bau in einem zu schlechten Zustand war, beschloss man, seine Bausubstanz als Rohstoffmine für das neue Gebäude zu verwenden. Entsprechend wurden zwei Architekturbüros beauftragt: ein lokales Büro, das den Abbruch durchführte, und mit Harquitectes ein Büro aus Barcelona, das den Neubau plante.  

Für die Wände wurde Marès, ein lokaler Kalksandstein, wiederverwertet. © Adrià Goula

Das Wohngebäude mit dem Namen „Social Housing 2104“ beherbergt nun 25 Einheiten für ältere Menschen. Beim Abbruch der Schule wurden laut Harquitectes fast alle Bauschuttabfälle entsprechend ihrer Materialart wiederverwertet: „Ein großer Teil der Ressourcen, die wir für den Bau des neuen Gebäudes genutzt haben, stammen aus dem Bestand.“ Keramik- und Betonanteile aus alten Decken und Zwischenböden kamen zum Beispiel für die Fundamente und das Sockelgeschoss im Souterrain zum Einsatz. Die tragenden Wände des Bestands wurden ursprünglich aus Marès, einem lokalen Kalksandstein, gefertigt. Er bildete die Grundlage für Blöcke aus Zyklopenbeton, aus denen das Mauerwerk besteht. Dazu wurde der Kalksandstein in kleinere Stücke gebrochen und zusammen mit Marès-Kies und -Sand aus einem lokalen Steinbruch in eine Schalung gegeben. Anschließend übergoss man das Ganze mit Beton. Danach wurden die größeren Blöcke mit einer großen Scheibensäge in kleinere Blöcke geschnitten, aus denen sich die Wände zusammensetzen. „Aufgrund der geforderten kurzen Bauzeit wurden die Bauteile direkt nach Abschluss der Abbrucharbeiten auf der Baustelle vorgefertigt. Das brachte eine erhebliche Zeitersparnis mit sich“, sagen Harquitectes über den Prozess.

Die einzelnen Blöcke aus Zyklopenbeton bilden monolithische Wandscheiben. Die Wohnungen werden im Innenhof über Laubengänge erschlossen. © Adrià Goula
Blöcke wurden direkt nach Abschluss der Abbrucharbeiten auf der Baustelle vorgefertigt. © Adrià Goula
Die Gesteinsbrocken des wiederverwerteten Kalksandsteins sind an den Wänden ablesbar. © Adrià Goula

Ursprünglich sollten die Blöcke komplett aus reinem Kalkbeton hergestellt werden, was sich als nicht wirtschaftlich erwies. Deshalb kam in den unteren, stärker belasteten Geschossen ein Kalk-Zement-Gemisch zum Einsatz. Nur im obersten Geschoss verwendete man reinen Kalkbeton. Dabei verringert sich die Wandstärke pro Geschoss um 10 cm nach oben, sodass die Rücksprünge in den Wänden als Auflager für die Brettsperrholzdecken dienen. Die 13 cm starken Innenwände und die Wände für den Treppen- und Aufzugkern fertigte man ebenfalls aus Zyklopenbeton. Sie dienen auch als Aussteifung des Gebäudes. Durch die monolithische Bauweise besitzt der Bau eine hohe thermische Speichermasse mit einem entsprechenden Wohnkomfort. Gleichzeitig lässt sich an den Wänden die Geschichte der vorherigen Nutzung ablesen. So treten die Gesteinsbrocken aus Marès an den Schnittflächen optisch zutage. Dadurch bilden die Wände einen lebendigen Kontrast zu den Holzdecken und den glatten Estrichböden. 

Lageplan © HARQUITECTES
Regelgeschoss © HARQUITECTES
Querschnitt © HARQUITECTES
Längsschnitt © HARQUITECTES
Struktureller Aufbau © HARQUITECTES
Standardwohnung © HARQUITECTES

Der neue viergeschossige Baukörper wird über Eck betreten, wobei der Eingang durch zwei schräg gesetzte Wandscheiben betont wird. Das Dachgeschoss ist mit seinen Dachterrassen zurückgesetzt. Städtebaulich schließt der Bau an zwei Nachbargebäude an. Durch seine L-Form erzeugt das Gebäude einen abgesenkten Innenhof mit Souterrain. Treppenhaus und Aufzug wurden an der innenliegenden Ecke platziert und führen zu den hofseitigen Laubengängen. Von dort werden die Wohnungen erschlossen. Die Fassade ist als steinernes Raster ausformuliert, das mit großen Glasflächen und Holzjalousien ausgefacht ist. Es bildet so auch das Tragwerk ab, das gleichzeitig die einzelnen Wohneinheiten zoniert. Diese sind jeweils 42 qm groß und durchwohnt. Die tragenden Wände wurden als Schotten an den Außenseiten platziert und sind im Innern durch ein Sanitär- und Küchenelement unterbrochen. Das Wohnzimmer öffnet sich mit seinen großen Glasflächen zum hölzernen Laubengang, während das Schlafzimmer auf der Straßenseite angeordnet wurde. Auf jeder Etage gibt es einen Gemeinschaftsbereich. Hinzu kommt ein Empfangsraum im Erdgeschoss.

Die größten Herausforderungen bei der Umsetzung des Projekts bestanden laut Architektinnen und Architekten vor allem in regulatorischen Hürden. So sahen etwa die mallorquinischen Abfallvorschriften vor, dass man Abbruchmaterial nicht als Baumaterial verwenden darf, sondern es kostenpflichtig auf Deponien entsorgen muss. „Es war einiges an Überzeugungsarbeit nötig, um das Recyclingkonzept überhaupt umsetzen zu können“, erzählen Harquitectes. „Damit zeigt sich, dass eine zukunftsfähige Architektur auch auf administrativer Ebene entschieden wird.“ 

Social housing 2104

Ort:  Palma de Mallorca, Spanien 
Architektur: Harquitectes 
Fertigstellung: 2024 
BGF: 1.610 qm   

Alexander Russ

Freier Journalist München

Alexander Russ ist freier Journalist und lebt in München. Er hat in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und war Redakteur bei Baumeister und Topos. Neben Architekturkritiken schreibt er unter anderem über Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Mobilitätsthemen.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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