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Gründen, aber anders

Vier junge bayerische Architekt:innen und der individuelle Weg in die Selbstständigkeit

Hanna Altermann, Jakob Irler
11.05.2026 7min
Fanden ihren persönlichen Weg in die Selbstständigkeit (v.l.n.r.): Tobias Ruppert, Barbara Kiesel, Teresa Rettig und Jenni Halke © Benjamin Brückner, Julius Fäth, Ortrun Busse, Silke Scholze

Wer heute seine berufliche Zukunft in der Architekturbranche plant, steht früher oder später vor grundsätzlichen Entscheidungen: Anstellung oder Selbstständigkeit, Gründung oder Übernahme, Sicherheit oder Risiko. Dahinter verbergen sich individuelle Lebensentwürfe, Werte und Haltungen, die abgewogen werden wollen, nicht zuletzt, weil sich die Rahmenbedingungen ändern und mit ihnen die Arbeitswelt: Für die jüngere Generation sind Augenhöhe, Mitbestimmung und Sinnorientierung zentrale Anliegen.

Laut der Architektenbefragung 2025 von Reiß & Hommerich im Auftrag der Bundesarchitektenkammer geht die Gründungsbereitschaft unter angestellten und verbeamteten Architekt:innen insgesamt zurück. Bei den unter 40-Jährigen ist sie dagegen zuletzt deutlich gestiegen. Was treibt diese jungen Architekt:innen an? Wie erleben sie ihre Gründung und welche Herausforderungen begegnen ihnen dabei? Vier junge Kammermitglieder aus Bayern geben Einblick. 

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© Benjamin Brückner

Der strategische Start in die Selbstständigkeit

Tobias Ruppert

Tobias Ruppert blickt nüchtern auf die Branche: „Meine Generation hat nicht das Gefühl, dass Architekten, die eine hohe Qualität abliefern, deshalb Porsche fahren. Der Anspruch an gute Architektur reicht nicht, damit es wirtschaftlich funktioniert.“ Die Konsequenz war für ihn, seine Gründung von Anfang an strategisch zu planen. Dazu gehörte nach dem Studium auch die Rückkehr in seine Heimat: „Am Ende geht es in der Architektur auch darum, wie gut man vernetzt ist“, sagt er, und ergänzt: „Die wenigsten jungen Architekten bekommen Aufträge wegen ihrer Website.“  

Erste Projekte entstehen folgerichtig über persönliche Kontakte. Parallel hält er über mehr als ein Jahr eine Teilzeitanstellung, um Einkommen zu sichern und unternehmerische Abläufe kennenzulernen. Dieser risikoarme Übergang ermöglicht ihm, die Selbstständigkeit ohne unmittelbaren wirtschaftlichen Druck aufzubauen. Inhaltlich priorisiert Ruppert zunächst den Aufbau eines aussagekräftigen Portfolios: „Meine ersten Projekte wären so nicht möglich gewesen, wenn sie von Anfang an wirtschaftlich hätten funktionieren müssen.“ Auch Wettbewerbe lohnen sich finanziell nicht, eignen sich aber zur Positionierung: „Man wird besser, wenn man im direkten Vergleich steht.“

Mittlerweile hat Ruppert einige Projekte umgesetzt und dabei sogar bereits Auszeichnungen gewonnen. Mittelfristig strebt er die Zusammenarbeit in einem kleinen Team an: „Ich sehe es als erstrebenswert an, nicht alleine zu arbeiten, sondern mit Kollegen, die im besten Fall auch Freunde sind. Wenn man zusammen entwirft, braucht man eine gewisse Nähe und muss sich auch streiten können, damit dabei etwas Gutes herauskommt.“ Zum zukünftigen Erfolg müsste für Ruppert dann nicht unbedingt ein Porsche gehören. Stattdessen erhofft er sich wirtschaftliche Stabilität auf dem Niveau einer Festanstellung, verbunden mit der Möglichkeit, Projekte nach eigenen, sozialen und nachhaltigen Maßstäben zu entwickeln.

© Silke Scholze

Idealismus und Vereinbarkeit: Die Realbedingungen der Gründung

Jenni Halke

Einen ähnlichen Anspruch verfolgt auch Jenni Halke: „Einen gesellschaftlichen Beitrag mit meiner Arbeit zu leisten, ist mir enorm wichtig.“ Mit einer Kollegin im Planungsbüro, die hier namentlich nicht genannt werden will, tauschte sie sich intensiv über die eigenen Visionen von gutem Bauen aus: Nachhaltigkeit, Gemeinwohlorientierung, Partizipation und eine sozialverträgliche Gestaltung von Räumen wollen beide in ihrer Arbeit verwirklichen. Daraus entstand der Entschluss zur Gründung: „In einem bestehenden Büro ist es einfach sehr träge, so eine Transformation anzustoßen. Wenn man neu gründet, kann man direkt mit der eigenen Ausrichtung loslegen.“  

Für die beiden bedeutet das auch ein organisatorisches Umdenken: Sie wollen ganzheitliche Planung anbieten, die das gesamte Projektmanagement ausgehend von einem früh festgelegten gemeinschaftlichen Ziel umfasst und darüber hinaus auch Potenziale von BIM und KI nutzen, um ihre Ideen umzusetzen: „Man könnte sich viel mehr Freiräume für gute Projekte schaffen, wenn man an anderen Stellen effizienter wäre“, sagt Halke.

Momentan befindet sich das Gründungsvorhaben noch im Pausenmodus. Grund dafür ist die Mutterschaft der Gründungspartnerin: „Das ist ein Hemmnis für die Selbstständigkeit bei Frauen. Man hat keinen Mutterschutz, kein gesichertes Elterngeld.“ Auch der Arbeitsaufwand einer nebenberuflichen Gründung ist durch die zusätzliche Care-Arbeit erst einmal nicht zu stemmen, denn für die Gründungsphase hätten die beiden vorgesehen, zusätzlich zur Selbstständigkeit noch weiterhin im Angestelltenverhältnis zu arbeiten: „Wir verlassen erst dann den sicheren Hafen, wenn wir das Gefühl haben, wir können jetzt unsere Miete bezahlen.“  

Dennoch hat gerade die Mutterschaft das Gründungsvorhaben bei Halkes Partnerin noch einmal bestärkt. Sie erhofft sich mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten und hat außerdem neue Prioritäten: „Es ist mir jetzt noch wichtiger, etwas Sinnvolles zu machen und das Gefühl zu haben, ich kann mich in meinem Job ausleben – sonst verbringe ich lieber Zeit mit meinem Baby.“ 

© Ortrun Busse

Neue Arbeitsmodelle zwischen Sicherheit und Autonomie

Teresa Rettig

Selbstständigkeit und Angestelltenverhältnis laufen auch bei Teresa Rettig parallel. Allerdings strebt sie keine vollständige Unabhängigkeit an, sondern ein hybrides Modell. „In einem bekannten internationalen Büro angestellt zu sein, gibt mir eine sehr große Portion Sicherheit und Inspiration im Team. Und dann kommt in meinem Rezept noch eine Prise Naivität und Neugier dazu, die lebe ich dann in meinen kleinen selbstständigen Projekten aus. Beides nebeneinander zu haben, befruchtet sich gegenseitig.“

Auslöser für Rettigs Schritt in die Selbstständigkeit war die Planung eines kleinen Anbaus an ein denkmalgeschütztes Wohnhaus. „Ich kann vom ersten Strich bis zum letzten Stein alles entscheiden“, beschreibt sie den Unterschied zur Arbeit im Büro. Gleichzeitig müsse sie viel stärker priorisieren: „Man ist als Selbstständige schließlich CEO und Praktikantin in einer Person.“ In dieser Konzentration sieht Rettig aber auch einen Vorteil gegenüber größeren Strukturen. Sie setzt auf kleine Projekte, direkte Kommunikation und kurze Entscheidungswege: „Als One-Woman-Show ist man superagil und kann einen Markt bedienen, der für große etablierte Büros gar nicht da ist.“  

Neue Werkzeuge wie KI erleichtern auch für Rettig das selbstständige Arbeiten: „Dadurch kann man sich ganz viel Organisation sparen und sich auf gute Architektur konzentrieren. Ein bisschen kommt man wieder zu dem Bild des Architekten mit der Tuschefeder zurück, es geht mehr um Kontext, Materialwahl und Atmosphäre.“  

Dennoch sieht Rettig große Hürden auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Das Studium bereite aus ihrer Sicht nicht ausreichend auf wirtschaftliche und rechtliche Fragen vor. Vieles müsse man sich selbst erschließen. Gleichzeitig nimmt sie die Gründungskultur in der Architektur als eher schwerfällig wahr: „Es ist ein krasser Gegensatz zu dieser super pulsierenden Start-up-Szene mit ihrem Effet und Erfindergeist.“ In ihrem Umfeld beobachtet Rettig, dass Selbstständigkeit eher als Ausweg bei Unzufriedenheit mit einem Angestelltenverhältnis gesehen werde: „Man muss mit Freude und Begeisterung an beides herangehen. Reine Frustration ist ein schlechter Grund, sich selbstständig zu machen. Ich habe in der Kombination aus Selbstständigkeit und Anstellung das Beste aus beiden Welten für mich gefunden.“ 

© Julius Fäth

Arbeiten im eigenen Rhythmus

Barbara Kiesel

Bei Barbara Kiesel war es genau diese Unzufriedenheit mit der Arbeit als Angestellte, die sie zur Gründung bewegt hat: „Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich trete auf der Stelle.“ Freude und Erfindergeist steckt sie trotzdem seit bereits fünf Jahren täglich in ihr Büro, das in Denkmalpflege und Bauen im Bestand tätig ist. Erste eigenständige Projekte entstanden auch bei ihr zunächst parallel zur Anstellung im privaten Umfeld, dann folgte die Gründung.

An der Selbstständigkeit schätzt sie die Autonomie: „Ich kann die Aufträge annehmen, die ich möchte, und meine Projekte so gestalten, wie ich das will.“ Gleichzeitig versteht sie ihre Selbstständigkeit auch als bewussten Gegenentwurf zu den Arbeitsbedingungen, die sie zuvor erlebt hat. „Manche kommen schon aus dem Studium ausgelaugt raus“, sagt sie mit Blick auf die verbreitete Arbeitskultur. Danach erlebten die Absolvent:innen häufig, wie in Büros „viel von Augenhöhe geredet, diese aber oft nicht gelebt wird“. Ihre Konsequenz ist ein klar strukturierter Arbeitsalltag mit festen Grenzen: „Ich arbeite nie am Wochenende. Und wenn ich Urlaub habe, dann habe ich Urlaub.“ Diese Selbstfürsorge sei gerade in der Selbstständigkeit notwendig, um nicht auszubrennen: „Ich weiß, dass mich das kaputtmacht, wenn ich wochenlang durcharbeite“.

Kiesel erlebt jedoch auch strukturelle Hürden. Als junge, allein arbeitende Frau im Baugewerbe werde ihr oft erst mal wenig Kompetenz zugetraut. Gerade im Bereich Denkmalschutz, der stark über Erfahrung und Vertrauen funktioniert, müsse sie sich ihre Position erst erarbeiten. Sichtbarkeit ist dafür entscheidend: „Bei einer Googlesuche falle ich neben größeren, etablierten Büros oft hinten runter“, beschreibt sie die Schwierigkeiten, über klassische Wege wahrgenommen zu werden. Stattdessen setzt sie auf alternative Kommunikationswege mithilfe sozialer Medien: „Über Instagram habe ich wirklich schon sehr, sehr viele Aufträge generiert.“ 

Ähnliche Motive, verschiedene Wege

Die jungen Architekt:innen, die hier zu Wort gekommen sind, finden sehr unterschiedliche Strategien im Umgang mit ähnlichen Rahmenbedingungen. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch, sich eigenständig beruflich zu verwirklichen. Alle bringen klare Haltungen in Bezug auf Nachhaltigkeit, Gestaltung, Digitalisierung und neue Arbeitsmodelle mit. Die Selbstständigkeit ist für sie ein Weg, diese Vorstellungen umzusetzen, jedoch ohne sich Illusionen über ökonomische Zwänge oder die Arbeitsbelastung zu machen, das zeigt ihr pragmatischer, reflektierter Blick auf die Branche. 

Hanna Altermann, Jakob Irler

DAB Redaktion Bayern
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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