Raum für Zufall
Annelen und Ana Vollenbroich entwickeln seit zehn Jahren Immobilien, entwerfen Räume, bauen Möbel und führen eine Galerie – in Häusern, die andere abreißen würden. Ihr Geheimnis: Sie machen einfach.
Manchmal übernachten sie in ihren eigenen Projekten. Nicht weil die Wohnung fertig ist, sondern weil man nur so wirklich begreift, was man gebaut hat. Wie klingt ein Haus nachts? Wird es warm oder kalt? Wo fällt am Morgen Licht ein, das man vorher gar nicht gesehen hat? „Dadurch lernt man anders zu bauen“, sagt Annelen Vollenbroich. Sie sagt das, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.
Nidus – das lateinische Wort für Nest – heißt das Unternehmen, das Annelen Vollenbroich 2016 zusammen mit Ana Vollenbroich gegründet hat. Ana ist Juristin. Annelen ist Architektin. Die beiden haben sich in Frankfurt am Main beim Aufbaustudium Immobilienökonomie kennengelernt und noch im selben Jahr ihr Unternehmen gegründet. „Wir waren frisch verliebt und damit auf positive Weise verblendet“, sagt Annelen Vollenbroich. „Man sieht Risiken dann manchmal nicht ganz so stark. Aber das war halt auch unser Motor.“ Was sie seitdem aufgebaut haben, ist für die Architekturbranche ungewöhnlich: ein Studio, das Häuser kauft, entwickelt, umbaut, vermarktet und selbst entwirft. Das könnte einen Interessenkonflikt darstellen, bei Nidus erscheint es jedoch als der einzig logische Weg.
Abriss und Neubau sind nicht immer die richtige Antwort. Bestandsgebäude tragen Geschichte, Materialqualität und Identität in sich – das freizulegen ist architektonisch die interessantere Aufgabe.
Annelen Vollenbroich
Wir verstehen uns eher als Labor
Das erste Projekt kam noch während des Studiums über einen Familienkontakt zustande und wurde mit einem externen Architekturbüro bearbeitet. Die Zusammenarbeit war gut, aber schnell wurde klar, dass es so nicht weitergehen würde. „Entweder wir nehmen das Ganze jetzt in die Hand oder die werden wahnsinnig mit uns. Und am Ende wird das Ergebnis wahrscheinlich auch nicht so, wie wir es uns vorstellen.“ Also bauten sie ihr eigenes Projektteam auf und gründeten das Architekturbüro. Was sich wie ein Plan anhört, „war zu Beginn keine Strategie“, sagt Vollenbroich. „Ich glaube, darin liegt auch der Zauber einer Gründung. Wenn man zu lange plant, wagt man den Schritt vielleicht gar nicht. Das ist vielleicht auch eine Charakterfrage.“
Was Nidus von anderen unterscheidet, ist die DNA des Unternehmens. „Wir sind kein renditegetriebenes Unternehmen“, merkt Annelen Vollenbroich an. „Wir arbeiten nicht für Rentenkassen oder institutionelle Anleger. Wir verstehen uns eher als Labor.“ Das heißt, zu zeigen, dass Abbruch und Neubau eben nicht die natürliche Antwort auf ein altes Gebäude sein müssen. Nidus arbeitet hauptsächlich im Bestand – von Gründerzeitbauten der 1890er-Jahre bis zur Nachkriegsarchitektur der 1950er- und 1970er-Jahre. Letztere sind das eigentliche Steckenpferd.
Die Komfortansprüche, die niemand hinterfragt
„In Deutschland gibt es sehr wenig Sensibilität für das, was schon da ist“, sagt Annelen Vollenbroich. Wer ein Haus aus den 1950er-Jahren kauft und es so belässt, wie es ist – mit dem Treppenhaus, in das kein Aufzug passt, und dem Kreuz in der Kirchenfassade, das nicht entfernt werden kann, ohne eine bleibende Wunde zu hinterlassen –, wird schnell von Komfortansprüchen eingeholt, die niemand hinterfragt.
Doch die Käufer von Nidus-Projekten wissen genau diese vermeintliche Fehlstelle zu schätzen. „Das ist eine Denkweise, die in Deutschland fast verloren gegangen ist“, sagt Vollenbroich. „Wir werden von der Politik geimpft, wie man zu leben hat. Und das ist ein Problem in unserer Baukultur.“
Ihr aktuelles Projekt ist eine ehemalige Glasmalerei aus den 1950er-Jahren in Düsseldorf. Sie kannten das Gebäude schon lange, boten bei der Versteigerung, erhielten jedoch keinen Zuschlag. Daraufhin landete das Gebäude in den Händen eines Käufers, der es für den Bau mehrerer Einfamilienhäuser abreißen wollte. Die Stadt stoppte den Abriss – und plötzlich war das Gebäude wieder zu haben.
Inzwischen haben Annelen und Ana Vollenbroich dort ihr Büro und betreiben das, was sie selbst „die eigene Zwischennutzung“ nennen. Sie sind Mieterin und Bauherrin in einem, wohnen und arbeiten im unfertigen Projekt und testen aus, wie wenig man wirklich machen muss, damit ein Gebäude erhalten bleibt. „Was verstehen wir unter nachhaltig? Bedeutet das, maximal viel zu dämmen und eine Wärmepumpe vor die Haustür zu stellen?“
Die Antwort auf diese Frage soll in einer kleinen Publikation erscheinen. Es ist eine neue Projektentwicklungsrechnung mit zwei Währungen: einmal in Euro und die zweite in CO₂.
Jeden Tag wieder loslassen
Seit September 2025 lehrt Annelen Vollenbroich an der Hochschule RheinMain im Fachgebiet Projektentwicklung und Entwerfen. Die Professur ist genau so konzipiert, wie sie die Welt sieht. „Die Projektentwicklung muss aus dieser Ecke raus und rein ins Entwerfen“, sagt sie. Im Wahlmodul „Ökonomie des Einfachen“ analysieren Studierende reale Bauprojekte hinsichtlich ihrer Baukostenstruktur und verwenden dabei dieselben Referenzen, die sie aus Entwurfskursen kennen. Plötzlich haben die Zahlen ein Gesicht. Entwurfsentscheidungen und finanzielle Folgen sind nicht mehr zwei verschiedene Welten.
Doch auch was Projektentwicklung von Architektur unterscheidet, lernen die Studierenden auf die harte Tour: Der Entwurf steht, das Konzept überzeugt, doch die Entwicklerrechnung sagt: unrentabel. „Das ist heilsam für das Gehirn“, sagt Annelen Vollenbroich. „Man trainiert eine Flexibilität, die man in der Architekturausbildung sonst nicht lernt.“
Was sie den Studierenden beibringt, hat sie selbst in zehn Jahren gelernt: loslassen. „Wir werden in der Architekturausbildung geschult, Konzepte zu entwickeln, die stark sind und perfekt ineinandergreifen. Aber wie man loslässt, wird uns nicht beigebracht. Innerhalb eines Projektentwicklungsprozesses muss man aber jeden Tag wieder loslassen und von Neuem anfangen.“
Was kommt, wenn man Raum dafür lässt
Die Möbel entstanden als Nebenprodukt. Beim ersten großen Hausprojekt, dem Haus Bruno Lambart in Düsseldorf aus den 1950er-Jahren, tauchten Tuschezeichnungen mit Möbelentwürfen auf. Die Witwe des Architekten überließ ihnen die Pläne. Nidus ließ zunächst eine Leuchte nachbauen und entwickelt seither eigene Möbel auf Basis der jeweiligen Entwürfe. „Das hat uns nicht losgelassen“, sagt Annelen Vollenbroich. Trotz der Warnung von Kennern der Möbelbranche.
Heute ist die Möbelkollektion Teil des Portfolios. Das im Nidus Kosmos etablierte Galeriekonzept soll künftig auch im neuen Standort, in der Glasmalerei, fortgeführt werden. „Kunst ist ein Schulfach. Architektur nicht“, sagt Vollenbroich. Die Nidus Galerie ist der Versuch, das zu ändern.
Hätte sie vor zehn Jahren gewusst, wo sie heute stehen würde? Vollenbroich überlegt kurz. „Nein, überhaupt nicht.“ Es gab Ideen und Träume, die sich alle verändert haben. Was blieb, ist der Instinkt, nicht zu lange zu warten, sowie das Gespür dafür, dass das Richtige kommt, wenn man ihm Raum lässt.
Nidus
Nidus
Nidus wurde 2016 von Annelen und Ana Vollenbroich in Düsseldorf gegründet. Das Studio vereint Immobilienentwicklung, Architektur, Interior Design und Baukulturvermittlung unter einem Dach. Schwerpunkt ist die Transformation von Bestandsgebäuden, vom Gründerzeithaus bis zur Nachkriegsarchitektur. Mit Nidus Kosmos betreibt das Studio die erste Architekturgalerie Düsseldorfs. Seit 2024 ist Nidus auf der internationalen AD-100-Liste von Architectural Digest vertreten.
DAB Redaktion
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