Gestaltungsraum verteidigen: Proaktive Berufsgestaltung
Nachwuchs-Kolumne: Für progressive Architekt:innen stellt sich angesichts rechter Landesregierungen und blockierter Kommunen die Frage, wie sie weiterhin soziale und ökologische Aufträge erhalten können. Doch müssen Planende tatsächlich darauf warten, dass Investor:innen, Kommunen, Länder oder der Bund entsprechende Projekte beauftragen und bezahlen?
Wer dieser Logik folgt, macht sich von progressiven Auftraggeber:innen abhängig und zieht sich damit in eine freiwillige Ohnmacht zurück. Der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt warnt vor diesem Missverhältnis im Berufsalltag: „Man sollte nicht darauf warten, bis eine Kommune sagt: ‚Hier, lieber Architekt, hast du einen Auftrag, einen demokratischen Raum auszugestalten.‘“ Statt sich in die passive Rolle zu fügen, fordert er ein Umdenken im Berufsstand: „Ich glaube, es geht in diesem Sinne eigentlich um ein Selbstempowerment. Sich über die Gestaltungsmacht, die man hat, bewusst zu werden und sie zu nutzen.“ Die Konsequenz daraus? „Also ich meine, die radikalste ist sicherlich der Architekt, der zu seinem eigenen Bauherrn wird.“
Keine Komplizenschaft im Entwurf
Die eigene Gestaltungsmacht zu nutzen, bedeutet auch, Verantwortung für die politischen und sozialen Folgen des Entwerfens zu übernehmen. Denn Architektur ist niemals politisch neutral. Wenn Luxusneubauten den spekulativen Markt anheizen und Obdachlose aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden, dann sind Planende nicht selten aktive Komplizen dieser Verhältnisse. Die Wiener Architektin Gabu Heindl fordert deshalb eine klare Haltung und das Ziehen roter Linien: „Wir brauchen eine Parteiergreifung im Entwerfen, um zu sagen: Für wen planen wir eigentlich? Für wen planen wir nicht?“ Ein unkritischer Dienstleistungsanspruch reicht nicht aus. Vielmehr gilt es, die eigenen Handlungsspielräume im Hier und Jetzt auszureizen. Heindl sagt dazu: „Das Credo ‚Use your Privilege‘ gilt natürlich auf jeden Fall auch für uns alle, die wir in der Architektur tätig sind.“
Dazu gehöre auch die bewusste Verweigerung von Aufträgen: „Wir müssen uns sehr explizit vor Augen führen, mit wem, für wen, wo und woran wir letztlich planen wollen und wo wir nicht mitmachen.“
Finanzmodelle entwerfen
Doch wie lässt sich diese Haltung in eine proaktive Berufspraxis übersetzen? Wie können Architekt:innen selbst Projekte anstoßen, statt auf entsprechende Ausschreibungen zu warten? Einen Ansatz zeigt Jurek Brüggen. Er versteht gestalterische Kompetenz nicht nur als das Entwerfen von Räumen und Gebäuden, sondern auch als das Entwerfen der ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen möglicher Aufträge. „Ich glaube, diese Denkweise, ein Konzept zu entwickeln, besteht darin, aus vielen verschiedenen Dingen eine kohärente Struktur zu planen.“
Diese Struktur muss sich nicht auf das klassische Bauteil beschränken. Brüggen beschreibt: „Das können Gebäude sein, das kann ein Fensterdetail sein, das können aber auch Gesetze sein, das können Finanzierungsmodelle sein, das können Organisationsmodelle des Wohnens sein.“ Damit erweitert sich das Berufsfeld über die klassische Auftragsabwicklung hinaus. Brüggen folgert daraus: „Meine Idealvorstellung wäre, dass alle Architekten zwar gerne auch Aufträge ausführen, aber darüber hinaus die Möglichkeit haben, immer auch selbst Initiativprojekte anzustoßen.“
Die Praxis der Vorleistung
Wie eine solche Initiativkultur konkret aussehen kann, zeigen Aimée Michelfelder, Jurek Brüggen und ihr Kollektiv AFEA mit dem Projekt „Alles bleibt anders“ im Schweizer Uzwil. Die Gemeinde suchte nach Flächen für neuen Wohnraum. Anstatt auf eine Ausschreibung zu warten, ging das Kollektiv proaktiv auf die Gemeinde zu und schlug vor, gemeinsam mit den Bewohner:innen die leer stehenden Flächen in untergenutzten Einfamilienhäusern zu aktivieren. So sollte neuer Wohnraum durch ökologisch nachhaltige Verdichtung im Bestand entstehen. Für zehn ausgewählte Häuser erarbeitete das Kollektiv individuelle Transformationskonzepte – kostenlos und in Vorleistung, ähnlich wie bei einem Wettbewerb, ohne Gewissheit, dass daraus ein Auftrag entstehen würde. Doch der Entwurf beschränkte sich nicht auf die räumliche Transformation. Das Team entwickelte zugleich ein unkonventionelles Finanzierungsmodell und schlug vor, die Planungskosten zwischen Eigentümer:innen und Gemeinde aufzuteilen. „Und das hat total unkompliziert, einfach und schnell funktioniert“, berichtet Brüggen.
Das Projekt zeigt, wie Architekt:innen durch eigene Initiative ökologische und soziale Handlungsfelder eröffnen können, die auf dem Markt gar nicht erst ausgeschrieben würden. Es werden nicht nur Gebäude, sondern auch Kooperationen, Finanzierungsmodelle und damit die Voraussetzungen für neue Aufträge zum Gegenstand des Entwerfens.
Den Gestaltungsraum verteidigen
Genau hier setzen auch die Kernforderungen des Ooffenen Briefes „Gestaltungsraum verteidigen“ an. Eine demokratisch wehrhafte Architekturpraxis beginnt nicht erst mit dem fertigen Entwurf, sondern bereits bei den alltäglichen Entscheidungen im Büro: Welche Aufträge nehmen wir an? Welche lehnen wir ab? Und welche Projekte stoßen wir selbst an? Wer den Beruf als unpolitische Auftragsabwicklung versteht, gibt die Gestaltungshoheit kampflos ab. Wer dagegen die eigenen Privilegien und Kompetenzen offensiv nutzt, kann Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten und Räume im Sinne des Gemeinwohls sichern.
Bauen wir an einer Demokratie, die Bestand hat, indem wir nicht länger nur auf Aufträge warten, sondern selbst demokratiefördernde Projekte initiieren und organisieren!
Disclamer
Der offene Brief „Gestaltungsraum verteidigen“ sowie die vier Folgekolumnen gehen aus der Masterarbeit von Lorenz Hahnheiser und Teresa Immler an der TU Berlin hervor.
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