„Die Uni bietet einen Safe Space, um neue Haltungen und Technologien erst einmal testen zu können.“
Die Landschaftsarchitektin Prof. Antje Stokman plädiert für ein neues Verständnis des Planens. Im Interview erläutert sie, warum Landschaft nicht länger das Ergebnis eines Entwurfs ist, sondern dessen Ausgangspunkt, und warum Klima, Biodiversität und interdisziplinäre Zusammenarbeit die Architektur grundlegend verändern.
DAB: Frau Professor Stokman, Sie sagen über Ihre Disziplin einen bemerkenswerten Satz: „Wir sind Prozessgestalter:innen.“ Was meinen Sie damit?
Antje Stokman: Wenn wir Landschaften entwerfen, dann entwerfen wir immer Prozesse. Architektur wurde in der Vergangenheit häufig eher als etwas Statisches, Objekthaftes verstanden. Landschaft entwickelt sich hingegen über die Zeit. Jeder Park ist am Anfang überhaupt nicht fertig. Das ist nur ein Startpunkt, den man sich eigentlich auf hundert Jahre vorstellen muss, weil Bäume sehr lange brauchen, um zu wachsen. Deshalb gehört das Denken in Zeit für uns selbstverständlich dazu – nicht nur in Jahreszeiten und Zyklen, sondern auch in langfristigen Entwicklungen. Ebenso selbstverständlich ist die Frage, wie etwas gepflegt und weiterentwickelt wird. Dieser gesamte Pflegediskurs begleitet die Landschaftsarchitektur von Anfang an. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie sich Orte verändern, wie sie angeeignet werden und welche Mittel überhaupt zur Verfügung stehen, um diese Entwicklung zu begleiten.
Ich glaube, genau dieses Denken wird inzwischen auch für Architektur und Stadtplanung immer wichtiger. Der Diskurs über das Bauen im Bestand oder über Transformation bedeutet schließlich, Gebäude nicht mehr als fertige Objekte zu betrachten, sondern als etwas, das sich umbauen, anpassen und weiterentwickeln lässt. Man muss sich fragen: Wer kümmert sich eigentlich um diese Orte? Welche Rolle spielen die Bewohnerinnen und Bewohner? Welche Rolle spielen Formen der Co-Creation zwischen Stadtgesellschaft, Verwaltung und Planenden?
Hat sich dadurch auch das Verhältnis zwischen Architektur und Landschaft verändert?
Ja, sehr. Vor dem Hintergrund von Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Bauen im Bestand rücken wir als Disziplinen viel stärker zusammen. Ich sehe heute ein viel größeres Interesse und auch eine größere Offenheit für die Frage, wie Bauen und Planen Teil der Veränderung von Landschaften ist. Wir gestalten schließlich das Klima mit. Wir verändern Böden. Wir verändern Lebensräume – auch für nichtmenschliche Lebewesen. Dieses Bewusstsein ist heute sehr viel stärker ausgeprägt.
Früher wurden Landschaftsarchitekt:innen oft eher so gesehen: „Die machen den Außenraum noch ein bisschen schick und wählen ein paar Baumarten aus.“ Das war eher peripher. Heute stehen diese Fragen plötzlich im Zentrum der Disziplin. Man beginnt vom Ort her zu denken. Welche Potenziale bietet dieser Standort? Welche klimatischen Zusammenhänge gibt es? Und ist Bauen überhaupt die richtige Antwort, oder braucht es vielleicht eine andere Art zu bauen und zu denken? Das konnte man übrigens auch sehr gut auf der letzten Architekturbiennale beobachten. Plötzlich spielte Landschaft dort eine ganz zentrale Rolle. Da merkt man, finde ich, dass sich in der Architektur sehr viel verändert hat. Darüber freue ich mich, denn dadurch haben wir heute eine richtig gute Basis für die interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Sie sprechen häufig davon, nicht nur für Menschen zu planen. Was bedeutet das konkret?
Wir überlegen uns selbstverständlich, wie ein Raumprogramm für Menschen aussieht. Mich interessiert aber genauso die Frage: Wie könnte ein Raumprogramm für nichtmenschliche Lebewesen aussehen? Welche Potenziale bietet ein Standort? Welche Lebensräume entstehen dort? Und wie können diese Bedürfnisse von Anfang an Teil des Entwurfs werden?
Ein gutes Beispiel dafür ist das Animal Aided Design. Dahinter steckt die Idee, die Bedürfnisse bestimmter Tierarten von Beginn an mitzudenken. Dafür ist natürlich Grundlagenwissen erforderlich. Doch genau dadurch wird Biodiversität zu einem konkreten Bestandteil des Entwurfs und nicht zu etwas, das erst nachträglich ergänzt wird. Ich glaube, das ist ein wichtiger Perspektivwechsel. Mit unseren Projekten gestalten wir immer auch Lebensräume – nicht nur für Menschen. Wenn wir das anerkennen, verändert sich automatisch auch die Art, wie wir entwerfen.
Warum hilft ein anderes Wording dabei, solche Themen voranzubringen?
Gute Begriffe allein reichen natürlich nicht aus. Sie machen jedoch komplexe Zusammenhänge erst einmal sichtbar. Gleichzeitig müssen sie mit einem handhabbaren methodischen Werkzeugkasten hinterlegt sein. Die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung gibt es schon sehr lange. Doch erst durch den Begriff „Schwammstadt“ hat das Thema eine ganz andere Aufmerksamkeit erhalten. Heute findet es Eingang in Ausschreibungen und Planungsverfahren. Entscheidend ist jedoch, dass dahinter Methoden stehen. Wenn ich nachvollziehbare Schritte habe und gute gebaute Beispiele sehe, bekomme ich auch Lust, damit zu arbeiten.
Mich interessiert beim Wasser vor allem das gestalterische Potenzial. Es geht nicht nur darum, Wasser möglichst schnell abzuleiten. Spannend sind atmosphärische, veränderliche Räume, die sich im Rhythmus des Wassers verändern. Wenn bestimmte Flächen zeitweise überflutet werden, entsteht eine ganz neue Choreografie des Wassers. Das eröffnet ein zusätzliches Gestaltungsrepertoire.
Welche Rolle spielen Hochschulen in diesem Wandel?
Ich glaube, Hochschulen können heute viel mehr sein als nur Ausbildungsorte. Sie bieten einen Safe Space, in dem neue Haltungen, Technologien und Formen der Zusammenarbeit erst einmal ausprobiert werden können. Wir arbeiten beispielsweise mit Kollektiven oder jungen Büros zusammen, die ihre Ideen gemeinsam mit Studierenden weiterentwickeln. Die Universität bietet dafür eine Plattform. Plötzlich merkt man: Da ist eine Initiative oder ein Kollektiv, das neue Wege geht. Das wiederum macht anderen Studierenden Mut. Viele fragen sich heute: Wo kann ich mit diesen Ideen überhaupt arbeiten? Deshalb versuchen wir, Räume zu schaffen, in denen sie experimentieren und Dinge ausprobieren können. Dabei merken wir gleichzeitig, dass wir als Lehrende mindestens genauso viel von den jungen Leuten lernen wie sie von uns.
Was wünschen Sie sich für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik?
Ich glaube, wir müssen uns auch selbstkritisch fragen, wie wir unsere Forschung nach außen tragen. Wenn wir unsere Projekte immer nur innerhalb der Universität präsentieren, können wir nicht erwarten, dass Politik oder Verwaltung von allein darauf aufmerksam werden. Es reicht nicht zu sagen: „Die Politik müsste.“ Mein Bestreben ist deshalb immer, Themen zu finden, bei denen wir wirklich etwas anbieten können. Politikerinnen und Politiker müssen sich in sehr viele Themen gleichzeitig einarbeiten. Wir müssen lernen, unsere Erkenntnisse so auf den Punkt zu bringen, dass wir diese Zielgruppe überhaupt erreichen. Ich sehe die Verantwortung auf beiden Seiten. Wir müssen stärker aufeinander zugehen. Und ich glaube, dass Hochschulen dabei eine wichtige Brückenfunktion übernehmen können.
DAB Redaktion
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