Der Fluss als öffentlicher Raum
Anlässlich der Olympischen Spiele kehrte das Baden in die Seine zurück. Doch Paris ist kein Einzelfall: Immer mehr Städte entdecken Flüsse, Kanäle und Hafenbecken als öffentliche Räume neu. Dahinter steht ein grundlegender Wandel im Umgang mit urbanen Gewässern – und mit der Stadt selbst.
Schwimmen im Rhein seit Jahrzehnten zum Stadtbild, Kopenhagens Hafen ist längst ein Badegewässer und in Brüssel, London, Berlin oder New York arbeiten Initiativen daran, Flüsse und Kanäle wieder zugänglich zu machen.
Was wie ein Freizeittrend aussieht, ist tatsächlich eine Verschiebung im Verständnis von Stadt. Lange galten urbane Gewässer vor allem als Funktionsräume: Verkehrswege, technische Infrastruktur, Hochwasserschutz. Diese Lesart bekommt jedoch Risse.
Auch in Berlin hat sich der Blick verändert. Der Verein Flussbaden Berlin e.V., der über Jahre hinweg vor allem für sein Projekt im Spreekanal bekannt war, versteht sich heute nicht mehr als Initiator eines einzelnen Bauvorhabens. „Wir reden eigentlich nicht mehr von diesem einen Projekt“, sagt Mitinitiator Tim Edler. Das Ziel sei inzwischen, das Baden in der Spree grundsätzlich zu ermöglichen. Inzwischen geht es nicht mehr nur um ein einzelnes Flussbad, sondern um die grundsätzliche Frage, wie eine Stadt ihre Gewässer neu nutzt.
Vom Großprojekt zum Prozess
Spektakuläre Neubauten sind dafür meist nicht nötig. Oft reichen bereits Zugänge zum Wasser, Stege, Umkleiden und eine Rettungsinfrastruktur. Für Edler liegt darin die eigentliche Chance. Statt jahrelang auf die perfekte Lösung zu warten, sollten Städte einfach anfangen. „Wenn wir erst einmal drin sind“, sagt er, „lassen sich Treppen, Stege oder Filteranlagen nach und nach ergänzen.“ So wird die Planung zum laufenden Prozess statt zum einmaligen Großprojekt.
Verwaltung bremst technische Möglichkeiten
Technisch ist das heute leichter möglich als noch vor wenigen Jahren. Die Wasserqualität wird regelmäßig überwacht. Ergänzend berechnen Prognosesysteme anhand von Messdaten und Wetterinformationen, wann ein Gewässer voraussichtlich genutzt werden kann und wann wegen Starkregens oder erhöhter Keimbelastung eine Sperrung nötig ist.
Das eigentliche Hindernis sieht Edler deshalb woanders: „Das Haupthindernis in Berlin ist nicht die Wasserqualität, sondern die Verwaltung, die passiv am Badeverbot festhält, anstatt Wege zu eröffnen, um das Baden wieder zu ermöglichen.“ Dabei geht es ihm nicht darum, Risiken kleinzureden. Städte müssten lernen, mit wechselnden Bedingungen umzugehen – ähnlich wie an Küsten, wo Warnflaggen den Badebetrieb zeitweise einschränken. Ein pauschales Verbot ist das eine, ein Management, das auf Bedingungen reagiert, das andere.
Vom Handelsweg zum Freiraum
International nimmt diese Bewegung Fahrt auf. Mit der „Swimmable Cities Charter“ haben sich Initiativen, Kommunen und Forschungseinrichtungen aus zahlreichen Städten auf gemeinsame Leitlinien verständigt. Sauberes Wasser wird darin nicht nur als Umweltfrage behandelt, sondern als Teil einer klimaresilienten Stadt. Edler sieht darin einen größeren historischen Bogen: Jahrhundertelang waren Flüsse vor allem Verkehrs- und Handelsräume. Wo früher Lastkähne fuhren, dominieren heute vielerorts Freizeit und Erholung. „Die Entwicklung des Flusses in der europäischen Stadt geht eher in diese Richtung“, sagt er. Statt sich allein auf die Schifffahrt zu konzentrieren, könnten Städte ihre Gewässer als Teil des öffentlichen Lebens begreifen.
Die Fragestellung hat sich jedoch verschoben: Trotz unterschiedlicher Voraussetzungen und Nutzungskonflikte geht es nicht mehr nur um die Verwaltung eines Gewässers, sondern um seine Gestaltung als Teil der städtischen Freiraumstruktur. Am Ende geht es weniger ums Schwimmen als um die Stadt selbst. Tim Edler bringt es auf eine knappe Formel: Berlin soll „Bad Berlin“ werden. Der Slogan mag wie ein Wortspiel klingen, meint aber etwas Konkretes: Städte wieder vom Wasser her zu planen.
Termine Schwimmdemos
- Montag, 20. Juli 2026, 17:00 bis 19:00 Uhr
- Donnerstag, 20. August 2026, 17:00 bis 19:00 Uhr
- Sonntag, 20. September 2026, 13:00 bis 16:00 Uhr
Swimmable Cities
Swimmable Cities
Die internationale Initiative entstand 2024 aus einem Netzwerk von Fachleuten und Initiativen, die sich für das Schwimmen in urbanen Gewässern einsetzen. Ihre Swimmable Cities Charter formuliert Leitlinien für den Umgang mit Flüssen, Kanälen und Hafenbecken als öffentliche Räume und richtet vom 11. bis 12. August 2026 in Basel das „Swimmable Cities European Forum 2026“ aus.
Weitere Informationen unter: www.swimmablecities.org
DAB Redaktion
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