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Bestand als Co-Autor

Wann ist ein Gebäude fertig? Diese Frage zieht sich durch das Gespräch mit Max Otto Zitzelsberger. Sie führt vom Umbau zur Forschung, vom Handwerk zur Lehre und schließlich zu einer anderen Vorstellung davon, was Architektur überhaupt ist. Denn, so Zitzelsberger, ein Gebäude wird ständig weitergeschrieben.

DAB Redaktion
26.08.2026 7min
Eine perspektivische Aufnahme eines Ateliers oder Ausstellungsraums, in dem zwei hohe Architekturmodelle auf Sperrholzsockeln vor einer mit Zeichnungen bedeckten Wand stehen. Das linke Modell zeigt eine komplexe, fragmentarische Gebäudestruktur mit Holzkonstruktionen, einem Kamin und einer grünen Dachstütze. Das rechte Modell hat eine rosa Wand und große Fenster. Die gesamte Rückwand ist dicht mit architektonischen Skizzen, Plänen, kleinen Fotos und gefalteten Papiermodellen bedeckt. Die Fülle an Studien vermittelt den Eindruck eines intensiven kreativen Prozesses. Der Boden ist aus dunklem Holz.
„Fictional Ruins“: Modellarbeit aus einer Bachelorarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar (Wintersemester 2025/26). Betreuung: Max Otto Zitzelsberger und Charlotte Pfrommer. Studierende: Nathalie Berrier, Manuel Heredia Behne und Anton Mueller.
© Sebastian Schels

Ein Gebäude beginnt für ihn nicht mit dem Entwurf. Es ist bereits da. Wände wurden versetzt, Dächer erneuert, Fenster zugemauert, Anbauten ergänzt. Manche dieser Eingriffe sind geplant, andere entstehen aus pragmatischen Entscheidungen auf der Baustelle oder im Alltag der Nutzer. Wer heute weiterbaut, trifft auf all diese Spuren gleichzeitig. „Wir sind auch nur jemand, der an diesem Bestand weiterdenkt, und in 20 Jahren tut es vielleicht wieder jemand.“ Für Zitzelsberger ist das keine romantische Vorstellung vom Weiterbauen. Es beschreibt eine Realität, die im Entwurf oft übersehen wird. Der Architekt ist nicht der erste und selten der letzte Autor eines Gebäudes. „Wir reihen uns ein in diese Autorenschaft.“ Zu dieser gehören Bauherrschaften ebenso wie Handwerker, Eigentümer und Nutzer. Für ihn entsteht Architektur im Zusammenwirken vieler Entscheidungen, die sich über Jahrzehnte überlagern. 

Entwerfen als Forschung

Sein Weg beginnt am Lehrstuhl von Florian Nagler an der Technischen Universität München. Anschließend übernimmt er die Juniorprofessur für Tektonik im Holzbau in Kaiserslautern. Dort wird ihm zunehmend bewusst, dass ihn die Grenzziehungen innerhalb der Disziplin kaum interessieren. Konstruktion und Gestaltung erscheinen als getrennte Bereiche, obwohl sich beides im Entwurf ständig überlagert. Eine konstruktive Entscheidung verändert den Raum, eine räumliche Entscheidung verändert die Konstruktion. Architektur entsteht genau dort, wo beides zusammenkommt. Auch sein Verständnis von Forschung entwickelt sich aus dieser Erfahrung heraus. An technischen Universitäten wird Forschung hingegen zunehmend über Drittmittel definiert. Zitzelsberger stellt eine andere Frage. Ihn interessiert, ob das Entwerfen selbst Wissen hervorbringen kann. Nicht als Illustration wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern als architektonische Erkenntnisform.  

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Eine Außenaufnahme, die zwei Gebäude nebeneinander auf einer Wiese zeigt. Links steht das große, neue Holzgebäude, das jetzt mit einer weißen Wetterschutzfolie verkleidet ist und ein glänzendes Metalldach hat. Die markanten runden und rautenförmigen Fensteröffnungen sind mit schwarzer Folie abgedeckt. Rechts daneben steht ein kleineres, historisches Fachwerkgebäude mit einem dunklen Schindeldach. Beide Gebäude stehen vor einem dichten Wald unter einem bewölkten Himmel. Im Vordergrund ist ein Feld mit hohem Gras und Wildblumen.
Das Lernhaus für Umweltbildung im Freilandmuseum Oberpfalz in Neusath-Perschen ist ein innovatives Holzbau- und Forschungsprojekt. Es ersetzt ein früher abgebranntes Gebäude eines Vierseithofs und dient als Seminar- und Workshopraum. 
© Sebastian Schels

Mit dem Lernhaus für Umweltbildung im Freilandmuseum Oberpfalz findet diese Überlegung eine konkrete Form. Das Projekt verbindet Materialforschung, Handwerk, regionale Wertschöpfung und Entwurf. Gleichzeitig verschiebt sich der Blick auf den Bauprozess selbst. Gebaut wird nicht nach einem linearen Ablauf. Das Gebäude wächst über mehrere Jahre hinweg. Es bleibt stehen, wenn Zeit oder Geld fehlen. Gerade diese Unterbrechungen werden Teil des Projekts. „Was ist eigentlich ein fertiges Gebäude?“, fragt Zitzelsberger. „Prozessforschung ist auch etwas, das uns interessiert.“ 

Eine Außenaufnahme im Halbnahbereich, die zwei Gebäude nebeneinander zeigt. Links ist ein historisches Fachwerkgebäude mit dunklen Holzbalken und hellen Gefachen, bedeckt von einem alten Schindeldach. Rechts daneben steht ein modernes, im Bau befindliches Gebäude in Holzrahmenbauweise. Die Wände sind mit OSB-Platten verkleidet und es hat ein großes, helles, gewelltes Metalldach. Das Gebäude ruht auf Betonpfeilern. Der Himmel ist bewölkt.
Gebaut wird immer dann, wenn Geld, Material und Arbeitskraft verfügbar sind.
© Sebastian Schels
 Ein Blick in den Rohbau des Holzgebäudes, aufgenommen durch die Pfosten-Riegel-Konstruktion der Holzrahmen. Man schaut durch das Gitterwerk der vertikalen und horizontalen Holzbalken auf den dahinter liegenden Raum. Die Deckenbalken sind freigelegt. Ein großes, schwarzes Kunststoffrohr verläuft vertikal auf der rechten Seite. Im Hintergrund ist eine runde Fensteröffnung in der mit OSB-Platten verkleideten Wand zu sehen.
Im Innenraum ist die Holzkonstruktion offen sichtbar.
© Sebastian Schels
Eine Weitwinkelaufnahme einer ländlichen Szene im Freilichtmuseum. Im Vordergrund teilt sich ein Schotterweg. Links steht eine dunkle Holzscheune mit einem verwitterten Holzdach. Rechts sieht man die Ecke eines traditionellen Fachwerkhauses mit rotem Fachwerk und weißen Gefachen. Dahinter, in der Mitte, befindet sich ein neues, im Bau befindliches Gebäude in Holzrahmenbauweise mit einem glänzenden, gewellten Metalldach. Es hat eine runde und eine achteckige Fensteröffnung. Ein kleiner Teich liegt vor dem Neubau.
Im Freilandmuseum entsteht seit 2021 das Lernhaus für Umweltbildung als Erweiterung der Anlage.
© Sebastian Schels

Projektdaten

Neubau Lernhaus im Freilandmuseum Oberpfalz

Ort: Neusath-Perschen
Projektteam: Lorenz Einzinger, Anton Götz, Tobias Hammerl, Eugen Happacher, Johannes Hiesl, Ferdinand Klar, Gordian Kley, Anton Kraus, Bettina Kraus, Jonas Maczioschek, Gerhard Rieder, André Ries, Christian Wundsam, Max Zitzelsberger, Students of Bauhaus-Universität Weimar and Rheinland-Pfälzische Technische Universität
Projektmanagement: Jonas Maczioschek, André Ries
Tragwerksplanung: merz kley partner GmbH
Bauherr: Dr. Tobias Hammerl, Freilandmuseum Oberpfalz
Organisation: Prof. Max Otto Zitzelsberger, Bauhaus-Universität Weimar  

Produktive Zerstörung

Mit seiner Berufung nach Weimar, wo er seit dem Wintersemester 2025/26 die Professur „Entwerfen und Raumgestaltung“ innehat, verschieben sich die Interessenslagen erneut. Im Mittelpunkt steht jetzt die Frage, wie sich bestehende Gebäude weiterdenken lassen und welche gesellschaftlichen Vorstellungen in ihren Räumen eingeschrieben sind. Räume sind für ihn nie neutral. Sie organisieren Beziehungen, Hierarchien und Formen des Zusammenlebens.  

Er versteht Gebäude als räumliche Palimpseste, als Schichtungen unterschiedlicher Eingriffe, die sich über Jahrzehnte überlagern. Jeder Umbau ergänzt diese Geschichte um eine weitere Schicht. Deshalb beginnt der Entwurf nicht mit dem Entwerfen des Neuen, sondern mit dem Lesen des Vorhandenen. Diese Haltung prägt auch die Aufgabenstellungen seiner Professur. Oft steht zu Beginn keine Nutzung und kein Raumprogramm, sondern ein gewöhnlicher Bestandsbau irgendwo in Thüringen. Die erste Aufgabe besteht nicht darin, etwas hinzuzufügen, sondern etwas wegzunehmen.

Durch zeichnerische Analyse und Modellbau entstehen Fragmente, Torsi eines Gebäudes. Zitzelsberger spricht in diesem Zusammenhang von einer „produktiven Zerstörung“. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen destruktiven Akt des Abrisses, sondern um eine Entwurfsmethode. Erst indem entschieden wird, was bleibt und was verschwindet, wird das räumliche Potenzial des Bestands sichtbar. „Du musst eigentlich zweimal entwerfen. Erst entwirfst du die Ruine und dann entwirfst du mit der Ruine noch einmal etwas Neues.“ Verstehen und Verändern gehören für ihn untrennbar zusammen. Die Analyse eines Gebäudes ist bereits Teil des Entwurfs. Das Modell dient nicht der Darstellung einer fertigen Idee, sondern ihrer Entwicklung.  

Deshalb entstehen in seinen Studios große Modellfragmente aus Gips, Wellpappe, Metall oder gebrauchtem Material. Sie sind Analysewerkzeug und Entwurf zugleich. Für die Studierenden bedeutet das eine ungewohnte Freiheit. Sie erhalten keine vollständig formulierte Aufgabe, sondern entwickeln sie selbst. Das funktioniert nicht immer sofort. Manche wünschen sich ein Raumprogramm, andere eine eindeutige Nutzung. Gerade diese Unsicherheit gehört für Zitzelsberger zum Entwurfsprozess dazu. „Die Freiheit ist erst einmal auch anstrengend“, sagt er. „Mehr Freiheit bedeutet nämlich auch, dass man mehr Engagement aufbringen muss.“ 

 Eine Seitenansicht des zweiten Modells, die die Schichtung der Materialien und die komplexen räumlichen Beziehungen weiter verdeutlicht. Man sieht die gläserne Fassade, die verschiedenen Wandfarben (rosa und gelb), die Holzkonstruktion und die Metalldetails. Der Sockel ist aus Spanplatten und ragt hoch auf. Der Hintergrund ist wiederum die weiße Wand mit dem gefliesten Bereich.
„Fictional Ruins“: Modellarbeit aus einer Bachelorarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar (Wintersemester 2025/26). Betreuung: Max Otto Zitzelsberger und Charlotte Pfrommer. Studierende: Nathalie Berrier, Manuel Heredia Behne und Anton Mueller.
© Sebastian Schels
Diese Seitenansicht des gleichen Modells bietet tiefere Einblicke in die Innenraumgestaltung und Materialität. Sichtbar sind verschiedene Wandabschnitte aus rosa gestrichenem Material und Holz, eine Treppe aus Sperrholz mit roter Wange, eine Balkonbrüstung aus filigranem Metall und große Glasfassadenelemente. Der offene, fragmentierte Charakter des Modells wird durch die freiliegenden Holzkonstruktionen betont. Der hohe Sockel aus Spanplatten ist hier ebenfalls zu sehen. Der Hintergrund ist wiederum die weiße Wand mit dem gefliesten Bereich.
„Fictional Ruins“: Modellarbeit aus einer Bachelorarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar (Wintersemester 2025/26). Betreuung: Max Otto Zitzelsberger und Charlotte Pfrommer. Studierende: Nathalie Berrier, Manuel Heredia Behne und Anton Mueller.
© Sebastian Schels
Eine detaillierte Seitenansicht des zweiten Modells, die die Konstruktion und die verwendeten Materialien fokussiert. Die Holzskelettkonstruktion, die verschiedenen Wandelemente aus Spanplatte, Holz und Glas sowie die Dachformen sind gut erkennbar. Der hohe Sockel aus Spanplatten bildet die Basis für das komplexe Modell. Das Bild ist vor dem gleichen neutralen Hintergrund aufgenommen wie die vorherigen Aufnahmen.
„Fictional Ruins“: Modellarbeit aus einer Bachelorarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar (Wintersemester 2025/26). Betreuung: Max Otto Zitzelsberger und Charlotte Pfrommer. Studierende: Nathalie Berrier, Manuel Heredia Behne und Anton Mueller.
© Sebastian Schels
 Eine Frontalansicht eines architektonischen Architekturmodells, das auf einem hohen Sockel aus Spanplatten steht. Das Modell zeigt eine detaillierte Schnittdarstellung eines mehrstöckigen Gebäudes mit weißem Verputz, Holzskelettkonstruktion und verschiedenen Dachformen. Zu den Details gehören Fensterrahmen aus Holz, ein grünes Fachwerkelement im Dachstuhl und ein schwarzer Kamin. Der Sockel ist schmal und ragt weit auf. Das Bild ist vor einem neutralen weißen Hintergrund mit einem gefliesten Bereich auf der rechten Seite aufgenommen.
„Fictional Ruins“: Modellarbeit aus einer Bachelorarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar (Wintersemester 2025/26). Betreuung: Max Otto Zitzelsberger und Charlotte Pfrommer. Studierende: Nathalie Berrier, Manuel Heredia Behne und Anton Mueller.
© Sebastian Schels

Umbaumethodik  

Der Umbau wird dabei nicht zum Synonym für Nachhaltigkeit. Zitzelsberger und sein Team interessieren sich zunächst für den Raum. Im Bestand finden sie Situationen, die sich im Neubau gar nicht entwerfen lassen. Überlagerungen unterschiedlicher Bauphasen, mehrfach veränderte Konstruktionen und räumliche Zufälle, die erst durch jahrzehntelanges Weiterbauen entstehen. „Uns interessiert Umbau aus einer räumlichen Perspektive und nicht aus einer Nachhaltigkeitslogik.“  

Aus dieser Beobachtung entwickelt sich nach und nach ein Forschungsprogramm. Für den Neubau existiert ein Kanon aus Lehrbüchern, Typologien und Architekturtheorie. Für den Umbau findet Zitzelsberger wenig Vergleichbares. „Zum Neubau gibt es ein Jahrhunderte altes Kompendium von Methoden. Zum Umbau gibt es praktisch keines. Eigentlich muss man diese Umbaumethodik erst entwickeln.“ Dass es dafür kaum Vorbilder gibt, sieht Zitzelsberger nicht als Mangel an. Er spricht lieber von „professionellem Dilettantismus“.  

Damit ist keine Beliebigkeit gemeint, sondern die Bereitschaft, sich immer wieder in unbekannte Themen einzuarbeiten, Wissen aus anderen Disziplinen aufzunehmen und Methoden erst im Arbeitsprozess zu entwickeln. Für ihn entsteht Architektur dort, wo Neugier auf Erfahrung trifft – nicht dort, wo Antworten bereits feststehen.

Auch im Büro setzt sich dieser Gedanke fort. Jede Aufgabe beginnt mit der einfachen Frage: Ist das eigentliche Problem überhaupt richtig beschrieben? Ein Raumprogramm wird nicht als gegeben akzeptiert, sondern zunächst hinterfragt. Bevor über Eingriffe entschieden wird, wird der Bestand analysiert. Lösungen entstehen häufig erst im Gespräch mit Bauherrschaften, Handwerkern oder Mitarbeitenden. Auf Baustellen erlebt Zitzelsberger immer wieder, dass Handwerker Lösungen entwickeln, auf die im Entwurf niemand gekommen wäre. Das Verständnis von Architektur als Gemeinschaftsarbeit zieht sich deshalb konsequent durch seine Arbeit.  

Die Frage, wann ein Gebäude fertig ist, kann Zitzelsberger auch am Ende des Gesprächs nicht beantworten. Vielleicht, weil sie sich gar nicht eindeutig beantworten lässt. Gebäude verändern sich durch ihre Nutzung, Umbauten und Bewohner und es gibt nie einen endgültigen Zustand.  

Zur Person

Max Otto Zitzelsberger

Max Otto Zitzelsberger ist seit 2025 Professor für Entwerfen und Raumgestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar. Zuvor lehrte und forschte er an der Technischen Universität München und der RPTU Kaiserslautern-Landau. Er studierte Architektur an der TU München und wurde unter anderem mit dem Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo sowie dem Weißenhof Architekturförderpreis ausgezeichnet.

Forschung, Lehre und Praxis versteht er als kollektive Prozesse.  

Lehrstuhl: Tobias Becker, Charlotte Pfrommer, Juliane Steffen, Sarah Wanke
Büro: Jonas Maczioschek, Jakob Hügues 

DAB Redaktion

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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