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Kirchen im Umbau: Wie sakrale Räume Zukunft gewinnen

Tag der Architektur: Kirchen-Umbauten in der Stadt und auf dem Land zeigen, wie sakrale Räume für veränderte Anforderungen geöffnet werden können – und zwar mit Respekt vor der Historie.

Barbara Hallmann
12.06.2026 3min
Die Dorfkirche in Vogelsberg (Thüringen) erhielt einen Einbau nach dem Haus-im-Haus-Konzept. Architektur: B19 ARCHITEKTEN BDA, Weimar. © Thomas Müller.

Dass das Bauen im Bestand zunehmend an Bedeutung gewinnt, gehört inzwischen zum Grundkonsens. Erhaltenswerte Bausubstanz zu bewahren und weiterzuentwickeln, statt Abriss und Neubau zu forcieren, ist vor allem aus ökologischen Gründen der sinnvollere Weg. Dafür setzen sich auch die Architektenkammern ein – von der Initiative für mehr Aufstockungen über einen verpflichtenden Bestands-Check vor Abrissentscheidungen bis hin zu erleichterten Genehmigungen für Umbauten.

Beim diesjährigen Tag der Architektur lässt sich diese Haltung an zahlreichen Beispielen studieren: vom Umbau einer Scheune aus den 1920er-Jahren zum Wohnhaus bis zur Revitalisierung eines zwölfgeschossigen Bürohochhauses. Besonders aufschlussreich sind jedoch jene Projekte, die sich einer Bauaufgabe widmen, die lange nur zögerlich öffentlich diskutiert wurde: der Transformation von Kirchen.

Anders als etwa in den Niederlanden, wo Kirchenumnutzungen seit Jahrzehnten erprobt werden, beginnt hierzulande erst seit wenigen Jahren eine breitere Debatte darüber, wie sich sakrale Gebäude angesichts sinkender Mitgliederzahlen, veränderter Gemeindestrukturen und hoher Unterhaltskosten zukunftsfähig weiterdenken lassen. Die Herausforderung ist komplex. Viele Kirchen sind denkmalgeschützt, stadtbildprägend und emotional tief im kollektiven Gedächtnis ihrer Orte verankert. Umso spannender ist, dass beim Tag der Architektur gleich mehrere gelungene Umbauten zu besichtigen sind.

Leitfaden „Kirchenräume neu denken“

Wie Kommunen, Engagierte und Gemeinden den Wandel sakraler Bestandsbauten gestalten können, zeigt der neue Leitfaden von Baukultur NRW. Die Publikation bündelt Praxisbeispiele, Checklisten und Handlungsempfehlungen für Umnutzung und Weiterbau. Ausgangspunkt: In Nordrhein-Westfalen könnten künftig bis zu 3.000 Kirchen ihre ursprüngliche Funktion verlieren. Der Leitfaden steht kostenlos als PDF und Printausgabe bereit. Zum Download bei Baukultur NRW.

Die Beispiele zeigen, wie viel Potenzial in sensibel durchdachten Kirchenumbauten steckt. Sie bewahren wertvolle Bausubstanz, entwickeln sie für neue Anforderungen weiter und schaffen Orte, an denen sich architektonische Kontinuität und gesellschaftlicher Wandel produktiv verbinden. 

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Die Kirche in Sarstedt in Niedersachsen. Architektur: springmeier architekten. © Marc Stantien

Im niedersächsischen Sarstedt wurden zwei Kirchengemeinden zusammengelegt. Im Dialog mit der Gemeinde entstand ein neues Raumkonzept, das sich von der klassischen Frontalausrichtung löst: Das Kirchenschiff wird zur kommunikativen Mitte, der ehemalige Altarbereich dient Taufen und kleineren Zusammenkünften. „Schwebende“ Deckenelemente ermöglichen variable Lichtstimmungen und verbessern gemeinsam mit Infrarotwärme die Nutzbarkeit des zuvor dunklen Raums. Mit wenigen gezielten Eingriffen entsteht eine neue räumliche Atmosphäre. 

Noch weiter geht der Umbau der Kirche im thüringischen Vogelsberg. Aufgrund des baulichen Zustands stand der Abriss im Raum, bevor ein „Haus-im-Haus“-Konzept den Erhalt der Hülle sicherte. Innerhalb der sanierten Außenwände wurde eine ovale, vier Meter hohe Holzkonstruktion als eigenständiger Raumkörper eingesetzt. Diese „Arche“ ermöglicht eine flexible Nutzung für Gottesdienste, Konzerte und Gemeindeveranstaltungen – ganzjährig, barrierefrei und energieeffizient.

Die Dorfkirche in Vogelsberg (Thüringen) erhielt einen Einbau nach dem Haus-im-Haus-Konzept. Architektur: B19 ARCHITEKTEN BDA, Weimar. © Thomas Müller.

Das radikalste Beispiel ist die ehemalige Thomas-Morus-Kirche in Schlebusch in Nordrhein-Westfalen, erbaut 1962. Hinter den erhaltenen Außenwänden wurde der Sakralbau vollständig entkernt und zu einer sozialen Wohneinrichtung mit 15 Appartements für ehemals obdachlose Menschen umgebaut. Der prägende Baukörper bleibt im Stadtraum präsent, während das Innere eine völlig neue soziale Funktion erhält. 

Die denkmalgeschützte Thomas-Morus-Kirche in Leverkusen wurde umgebaut und beherbergt jetzt unter anderem Kleinstwohnungen für 15 ehemals obdachlose Menschen. Architektur: Kollbach Bansi Architekten. © Kollbach Bansi
Die denkmalgeschützte Thomas-Morus-Kirche in Leverkusen wurde umgebaut und beherbergt jetzt unter anderem Kleinstwohnungen für 15 ehemals obdachlose Menschen. Architektur: Kollbach Bansi Architekten. © Kollbach Bansi

Die Beispiele zeigen, wie viel Potenzial in sensibel durchdachten Kirchenumbauten steckt. Sie bewahren wertvolle Bausubstanz, entwickeln sie für neue Anforderungen weiter und schaffen Orte, an denen sich architektonische Kontinuität und gesellschaftlicher Wandel neu zu etwas Stimmigem verbinden.

Diese Auseinandersetzungen sind am Tag der Architektur unmittelbar erfahrbar. In städtischen wie ländlichen Räumen wird deutlich, dass gerade im sensiblen Weiterbauen die innovativsten Antworten entstehen können.

Barbara Hallmann

DAB Redaktion

Nach ihrem Kulturwissenschaftsstudium in Lyon und Weimar ließ sich Barbara Hallmann in der ARD zur Radio- und Fernsehjournalistin ausbilden. Seit knapp 20 Jahren schreibt sie hauptsächlich über Architektur und Design. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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