Deutsches Architektenblatt Logodab-logo
Finden Sie genau die Themen,
die Sie interessieren

Die beliebtesten Themen:

Deutsches Architektenblatt Logodab-logo Deutsches Architektenblatt Logodab-logo-description

Unsere Mission: „Reconnecting people with nature“

Global-Award-Gewinner Andreas Kipar spricht im Interview mit Journalist Frank Maier-Solgk über Hitzekonzepte, Naturschutz und Nachhaltigkeit in der Architektur.

Frank Maier-Solgk
17.08.2026 4min
Portrait von Andreas Kipar.
Andreas Kipar
© LAND

Frank Maier-Solgk: Herr Kipar, Sie haben im Frühjahr als einer von fünf Preisträgern den Global Award für nachhaltige Architektur gewonnen. Der Award – die Würdigung Ihres Lebenswerks oder auch ein Signal für die Zukunft?

Andreas Kipar: Noch nicht ganz das Lebenswerk; ich habe noch einiges vor. Außerdem sagt man dem Global Award nach, dass bald nach ihm der Pritzker-Preis komme. Aber im Ernst, ich fühle mich in meinem ganzheitlichen Ansatz bestätigt, den wir mit LAND seit bald vier Jahrzehnten verfolgen. Nachdem letztes Jahr der Preis für Nachhaltigkeit an Landschaftsarchitektin und BAK-Präsidentin Andrea Gebhard ging, bin ich nun der zweite Landschaftsarchitekt, der ausgezeichnet wurde. Vielleicht markiert das eine Trendwende.

In diesen Tagen haben wir in Europa mit einer extremen Hitze zu kämpfen. In den Kommunen werden seit einiger Zeit verstärkt Klimaanpassungs- beziehungsweise Hitzekonzepte entwickelt. Ist das die Lösung?

Die Konzepte der Kommunen in diesem Zusammenhang, die sogenannten Klimaaktionspläne, sind nicht falsch, aber aus meiner Sicht zu kurz gegriffen. Wir müssen ganzheitlicher vorgehen und den öffentlichen Raum, den wir seit vielen Jahren vernachlässigt haben, insgesamt betrachten – neben funktionalen und ästhetischen Kriterien immer auch mit Blick auf die ökologische Seite. Öffentliche Räume müssen zu einer klimagerechten Lösung aktiv etwas beitragen; Biodiversität, Temperatursenkung und Wassermanagement sind dabei gleichermaßen zu berücksichtigen. Notwendig ist als erster Schritt vor allem eine konsequente Politik der Entsiegelung öffentlicher Räume.

Portrait von Andreas Kipar.
© LAND
Zur Person

Andreas Kipar

Architekt

Andreas Kipar ist Architekt, Landschaftsarchitekt, Urbanist und Lehrbeauftragter für Landschaftsarchitektur. Führt seit 1990 in Mailand gemeinsam mit Giovanni Sala das internationale Beratungsunternehmen Landscape Architecture Nature Development (LAND) für nachhaltige Landschaftsstrategie.

ANZEIGE
ANZEIGE

Apropos Hitzewelle: Man könnte einwenden, dass nachhaltige Klimapolitik gesellschaftspolitisch wieder in den Hintergrund rückt, sobald keine Hitzewelle oder Umweltkatastrophe die öffentliche Aufmerksamkeit prägt. Seit einigen Jahren dominieren ökonomische Themen. Wie sehen Sie die Chancen für eine nachhaltigere Politik?

Ich befasse mich seit 40 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit, vor allem mit dem urbanen und suburbanen Grün. Was mich in dieser vielfach depressiven Zeit hoffnungsvoll stimmt, ist die Tatsache, dass das Thema Natur und speziell der Begriff Landschaft nach wie vor grundsätzlich positiv besetzt sind: Wir Menschen suchen die Nähe von Natur. Was die politischen Konsequenzen betrifft, bestehen allerdings durchaus nationale Unterschiede. Deutschland ist nicht unbedingt länger Vorreiter. Es hat zum Beispiel als eines von ganz wenigen Ländern die europäische Landschaftskonvention, das erste völkerrechtliche Übereinkommen zur Förderung, zum Schutz, zur Pflege und Gestaltung der europäischen Landschaften (seit 2004 in Kraft), noch nicht unterschrieben.

Luftaufnahme einer mehrspurigen Stadtautobahn mit angrenzenden Grünflächen und Wohngebieten.
Im Rahmen des Global Award for Sustainable Architecture ausgezeichnete Projekte von LAND srl: Parco Rubattino, Milano, 2020
© N.Colella for LAND
Landschaftspark mit Teich, Wegen, Grünflächen und einem Spielplatz.
Im Rahmen des Global Award for Sustainable Architecture ausgezeichnete Projekte von LAND srl: Krupp Park Five Hills, Essen, 2016
© J.Kassenberg for LAND
Weitläufige Parkanlage mit bepflanzter Fußgängerbrücke, Wasserflächen und zahlreichen Menschen.
Im Rahmen des Global Award for Sustainable Architecture ausgezeichnete Projekte von LAND srl: Al Urubah Park, Riyadh
© LAND

Italien scheint mir hier weiter. Die europäische Wiederherstellungsverordnung zum Beispiel wird in Italien in einem nationalen Plan, dem Piano Nazionale di Ripristino, umgesetzt. Sein Ziel ist es, degradierte Ökosysteme durch naturbasierte Lösungen ökologisch aufzuwerten. Unser Büro unterstützt aktuell eine ganze Reihe Südtiroler Kommunen bei der Umsetzung eines neuen, von der Landesregierung vorgegebenen Landschaftsleitbildes als Instrument der nachhaltigen Gemeindeentwicklung. Dabei sollen Klimaschutz, nachhaltige Raumentwicklung, Schutz der Landschaft und ein sparsamer Umgang mit natürlichen Ressourcen miteinander in Einklang gebracht werden. Landschaft wird so vom Schutzgegenstand zum produktiven Entwicklungstreiber, der langfristigen Mehrwert für Natur und Mensch schafft.

Wir müssen ganzheitlicher vorgehen und den öffentlichen Raum, den wir seit vielen Jahren vernachlässigt haben, insgesamt betrachten.

Andreas Kipar

Landschaft ist für Sie der Oberbegriff für beides, die Stadt und das Umland? 

Wir müssen Stadt und Umland heute weit stärker in Zusammenhängen denken – und das in Deutschland übliche Gegensatzdenken von städtischem Innenraum und ländlichen Außenraum überwinden. Beides sind Landschaften in wechselseitiger Abhängigkeit. Gleiches gilt für den angeblichen Gegensatz von Naturschutz und Stadtplanung. Das zeigt sich etwa beim Luftaustausch und bei der Zufuhr kühlender Frischluft aus dem Umland in überhitzte Städte. Architekten, Ingenieure, Brückenbauer oder Landschaftsarchitekten, Frauen und Männer, sind an der Wiederherstellung von Landschaft beteiligt. Auch manche alte Gegnerschaft ist überholt – etwa die zwischen grüner Stadtentwicklung und Industrieunternehmen, die infolge der Digitalisierung oft deutlich weniger Fläche benötigen.

Für ein Unternehmen in Düsseldorf entwickeln wir derzeit einen Plan für die Umwandlung ihrer Industrieflächen in grüne Parkschneisen. Um es grundsätzlicher zu sagen: Wir müssen die Stadt in diesen Transformationsprozessen stärker von ihrer landschaftlichen Begabung aus betrachten, von ihrer räumlichen Identität oder DNA, von ihrer Lage an einem Fluss, in einem Tal etc. Wir müssen sie aus den entsprechenden landschaftlichen Entwicklungen heraus verstehen und daraus entsprechende urbane Konzepte und Maßnahmen entwickeln. Unsere Mission, die wir mit Leben füllen wollen, ist es, Mensch und Natur wieder zu verbinden: „Reconnecting people with nature“. 

© privat

Frank Maier-Solgk

Düsseldorf / München

Frank Maier-Solgk ist von der Gartenkunst auf die Architektur gekommen. Er hat Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften und Philosophie in München und Heidelberg studiert und mit einer Arbeit über den Österreicher Robert Musil promoviert. Nach Tätigkeiten als Berater von Institutionen und Unternehmen im kulturellen Bereich schreibt er seit vielen Jahren für überregionale Tageszeitungen sowie für Kunst- und – natürlich und hauptsächlich für Architekturmagazine.

Für das DAB schreibt Frank Maier-Solgk sowohl überregional als auch für den NRW-Teil. Das Spektrum seiner Themen reicht von Städtebau über Landschaftsarchitektur bis zum zirkulären Bauen. Er hat ferner Lehraufträge über journalistisches Arbeiten in Berlin und Düsseldorf wahrgenommen.

Eigentlich hat sich Frank Maier-Solgks Interesse für Architektur aus einer Leidenschaft für die europäische Gartenkunst entwickelt. Mehrere Bücher zum Beispiel über englische Landschaftsgärten in Deutschland, Renaissancegärten in Italien und französische Gärten in und um Paris sind dazu erschienen. Seine jüngste Publikation behandelt Skulpturengärten und Kunst in grünen Umfeldern („Green Fields“). Er lebt und arbeitet in Düsseldorf sowie gelegentlich in München.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

Bauen Sie Ihre
Zukunft – jetzt
Stellen entdecken

Das könnte Sie auch interessieren

Zahlreiche Menschen schwimmen in einem Fluss unter einer Brücke in einer Großstadt. Im Hintergrund sind ein historischer Dom und ein Fernsehturm zu sehen, während Menschen das Geschehen vom Ufer aus beobachten.

Der Fluss als öffentlicher Raum

Kanäle, Häfen, Flüsse: Was passiert, wenn Städte ihre Gewässer nicht länger nur als Infrastruktur begreifen, sondern als Teil des öffentlichen Lebens?

Baukultur Bundesweit
13.07.2026
Menschenmenge in roten Fantrikots mit Wikingerhelmen feuert gemeinsam bei einem Public Viewing ihre Mannschaft an.

„Illusion einer globalisierten Welt“

Alexander Gutzmer im Gespräch mit Silke Steets und Bruno Arich-Gerz über die Fußball-WM, Stadionarchitektur und die Politisierung des Sports.

Baukultur Bundesweit
30.07.2026

Chance oder Risiko für die Architektur? Wie Wandel zu Obsoleszenz führen kann

Teil 1 von 3: Die Polykrise dominiert als Thema die Diskussionen – auch in der Stadt- und Regionalplanung. Doch das alte Gewissheiten verschwinden, um Neuem Platz zu machen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Es lohnt ein konstruktiver Blick auf Transformation, abseits des grassierenden Pessimismus.

Baukultur Bundesweit
28.01.2026
Mann mit dunklem Hemd und beiger Hose steht vor einer Glasfront mit Blick auf Garten und Bäume.
Geschwungene Holzstruktur mit parallelen Linien, die eine organische, fließende Form bilden.
Freitreppe mit grasbedeckten Seitenflächen vor einem modernen, geschwungenen Gebäude mit weißer Fassade und dunklem Unterbau.
Blick über eine große, gepflasterte Fläche auf ein modernes Gebäude mit schrägen Stützen und Glasfassade, im Hintergrund Stadtgebäude und Bäume.

Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen

Entdecken Sie die Welt der Architektur – 
jetzt im exklusiven DAB Update!

Bitte gültige E-Mail-Adresse eingeben. Bestätigung der Datenschutzerklärung ist erforderlich.