Unsere Mission: „Reconnecting people with nature“
Global-Award-Gewinner Andreas Kipar spricht im Interview mit Journalist Frank Maier-Solgk über Hitzekonzepte, Naturschutz und Nachhaltigkeit in der Architektur.
Frank Maier-Solgk: Herr Kipar, Sie haben im Frühjahr als einer von fünf Preisträgern den Global Award für nachhaltige Architektur gewonnen. Der Award – die Würdigung Ihres Lebenswerks oder auch ein Signal für die Zukunft?
Andreas Kipar: Noch nicht ganz das Lebenswerk; ich habe noch einiges vor. Außerdem sagt man dem Global Award nach, dass bald nach ihm der Pritzker-Preis komme. Aber im Ernst, ich fühle mich in meinem ganzheitlichen Ansatz bestätigt, den wir mit LAND seit bald vier Jahrzehnten verfolgen. Nachdem letztes Jahr der Preis für Nachhaltigkeit an Landschaftsarchitektin und BAK-Präsidentin Andrea Gebhard ging, bin ich nun der zweite Landschaftsarchitekt, der ausgezeichnet wurde. Vielleicht markiert das eine Trendwende.
In diesen Tagen haben wir in Europa mit einer extremen Hitze zu kämpfen. In den Kommunen werden seit einiger Zeit verstärkt Klimaanpassungs- beziehungsweise Hitzekonzepte entwickelt. Ist das die Lösung?
Die Konzepte der Kommunen in diesem Zusammenhang, die sogenannten Klimaaktionspläne, sind nicht falsch, aber aus meiner Sicht zu kurz gegriffen. Wir müssen ganzheitlicher vorgehen und den öffentlichen Raum, den wir seit vielen Jahren vernachlässigt haben, insgesamt betrachten – neben funktionalen und ästhetischen Kriterien immer auch mit Blick auf die ökologische Seite. Öffentliche Räume müssen zu einer klimagerechten Lösung aktiv etwas beitragen; Biodiversität, Temperatursenkung und Wassermanagement sind dabei gleichermaßen zu berücksichtigen. Notwendig ist als erster Schritt vor allem eine konsequente Politik der Entsiegelung öffentlicher Räume.
Apropos Hitzewelle: Man könnte einwenden, dass nachhaltige Klimapolitik gesellschaftspolitisch wieder in den Hintergrund rückt, sobald keine Hitzewelle oder Umweltkatastrophe die öffentliche Aufmerksamkeit prägt. Seit einigen Jahren dominieren ökonomische Themen. Wie sehen Sie die Chancen für eine nachhaltigere Politik?
Ich befasse mich seit 40 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit, vor allem mit dem urbanen und suburbanen Grün. Was mich in dieser vielfach depressiven Zeit hoffnungsvoll stimmt, ist die Tatsache, dass das Thema Natur und speziell der Begriff Landschaft nach wie vor grundsätzlich positiv besetzt sind: Wir Menschen suchen die Nähe von Natur. Was die politischen Konsequenzen betrifft, bestehen allerdings durchaus nationale Unterschiede. Deutschland ist nicht unbedingt länger Vorreiter. Es hat zum Beispiel als eines von ganz wenigen Ländern die europäische Landschaftskonvention, das erste völkerrechtliche Übereinkommen zur Förderung, zum Schutz, zur Pflege und Gestaltung der europäischen Landschaften (seit 2004 in Kraft), noch nicht unterschrieben.
Italien scheint mir hier weiter. Die europäische Wiederherstellungsverordnung zum Beispiel wird in Italien in einem nationalen Plan, dem Piano Nazionale di Ripristino, umgesetzt. Sein Ziel ist es, degradierte Ökosysteme durch naturbasierte Lösungen ökologisch aufzuwerten. Unser Büro unterstützt aktuell eine ganze Reihe Südtiroler Kommunen bei der Umsetzung eines neuen, von der Landesregierung vorgegebenen Landschaftsleitbildes als Instrument der nachhaltigen Gemeindeentwicklung. Dabei sollen Klimaschutz, nachhaltige Raumentwicklung, Schutz der Landschaft und ein sparsamer Umgang mit natürlichen Ressourcen miteinander in Einklang gebracht werden. Landschaft wird so vom Schutzgegenstand zum produktiven Entwicklungstreiber, der langfristigen Mehrwert für Natur und Mensch schafft.
Wir müssen ganzheitlicher vorgehen und den öffentlichen Raum, den wir seit vielen Jahren vernachlässigt haben, insgesamt betrachten.
Andreas Kipar
Landschaft ist für Sie der Oberbegriff für beides, die Stadt und das Umland?
Wir müssen Stadt und Umland heute weit stärker in Zusammenhängen denken – und das in Deutschland übliche Gegensatzdenken von städtischem Innenraum und ländlichen Außenraum überwinden. Beides sind Landschaften in wechselseitiger Abhängigkeit. Gleiches gilt für den angeblichen Gegensatz von Naturschutz und Stadtplanung. Das zeigt sich etwa beim Luftaustausch und bei der Zufuhr kühlender Frischluft aus dem Umland in überhitzte Städte. Architekten, Ingenieure, Brückenbauer oder Landschaftsarchitekten, Frauen und Männer, sind an der Wiederherstellung von Landschaft beteiligt. Auch manche alte Gegnerschaft ist überholt – etwa die zwischen grüner Stadtentwicklung und Industrieunternehmen, die infolge der Digitalisierung oft deutlich weniger Fläche benötigen.
Für ein Unternehmen in Düsseldorf entwickeln wir derzeit einen Plan für die Umwandlung ihrer Industrieflächen in grüne Parkschneisen. Um es grundsätzlicher zu sagen: Wir müssen die Stadt in diesen Transformationsprozessen stärker von ihrer landschaftlichen Begabung aus betrachten, von ihrer räumlichen Identität oder DNA, von ihrer Lage an einem Fluss, in einem Tal etc. Wir müssen sie aus den entsprechenden landschaftlichen Entwicklungen heraus verstehen und daraus entsprechende urbane Konzepte und Maßnahmen entwickeln. Unsere Mission, die wir mit Leben füllen wollen, ist es, Mensch und Natur wieder zu verbinden: „Reconnecting people with nature“.
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