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Schatten als Baustoff: Wie Berliner Projekte gegen Hitze reagieren

Wie sieht die Antwort der Hauptstadt auf zunehmend hohe Temperaturen aus? Drei Projekte zeigen es: Superland als Waldgarten, das Kornelius Forum als Lowtech-Gebäude, AERA als begehbare Dachlandschaft

Architektenkammer Berlin
12.08.2026 7min
"Erhöhter Blick auf einen begrünten Dachgarten mit natürlichen Wegen, diversen Stauden, Gräsern und jungen Bäumen. Ein einzelner Besucher läuft durch den Garten. Rundherum moderne Gebäude mit Glastüren, Metallgeländer und Sichtbeton. Im Hintergrund urbane Stadtlandschaft mit Dächern verschiedener Gebäude und klarem Himmel."
Wege, Terrassen, Bäume und Pflanzflächen bilden auf dem Dach von AERA eine zusammenhängende Parklandschaft mit Ausblick über Charlottenburg.
©Boris Trenkel

Hitzeschutz ist kein abstraktes Fachthema. Auf versiegelten Plätzen, in Gebäuden und auf Dächern entscheidet sich, wie gut Berlin mit zunehmend heißen Sommern umgehen kann. Schatten, Boden, Pflanzen, Material, Speichermasse, Wasser und Betrieb prägen dabei nicht nur das Stadtklima, sondern auch die unmittelbare körperliche Erfahrung.

Mit der temporären Installation „Superland“ am Futurium, dem Kornelius Forum im Wedding und AERA in der Darwinstraße zeigen drei sehr unterschiedliche Berliner Projekte, welche Antworten Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung geben können: als temporärer Waldgarten, als robustes Lowtech-Gebäude und als begehbare Dachlandschaft.

"Nahaufnahme eines begrünten Hochbeetes aus dunklem Holz vor dem FUTURIUM-Gebäude. Das Beet ist vollbepflanzt mit grünen Stauden, weißen Blüten, gelben Wildblumen und Gemüsepflanzen. Dahinter eine moderne Holzkonstruktion mit geschwungenen Elementen und grünem Rankenwerk. Links modernes Gebäude, rechts schräge Holzstützen. Sonnige Situation."
Mitten im weitgehend versiegelten Umfeld des Futuriums schafft „Superland“ einen dicht bepflanzten Waldgarten mit neuen Schatten-, Aufenthalts- und Lebensräumen.
© Boris Trenkel
"Nahaufnahme einer bedruckten Planungskarte mit dem Titel 'Pflanzplan Superland', die mehrere farbige Grundrisse verschiedener Bereiche zeigt. Ein Mann in dunklem Hoodie und Baseballkappe hält die Karte fest. Im Hintergrund ist eine Gruppe von etwa fünf Personen unter einer modernen Holzkonstruktion aus gebogenen Ästen zu sehen, die eine Art Pavillon bildet. Die Szene spielt sich in einem modernen urbanen Park mit begrünten Wänden ab."
Während einer Hitzeschutz-Pressetour im Juni erläutern die Planenden das Prinzip des Waldgartens: Unterschiedliche Pflanzenschichten verbinden ökologische Vielfalt, essbare Pflanzen und Verdunstungskühlung.
© Boris Trenkel
"Nahaufnahme eines begrünten Hochbeetes aus dunklem Holz vor dem FUTURIUM-Gebäude. Das Beet ist vollbepflanzt mit grünen Stauden, weißen Blüten, gelben Wildblumen und Gemüsepflanzen. Dahinter eine moderne Holzkonstruktion mit geschwungenen Elementen und grünem Rankenwerk. Links modernes Gebäude, rechts schräge Holzstützen. Sonnige Situation."
Mitten im weitgehend versiegelten Umfeld des Futuriums schafft „Superland“ einen dicht bepflanzten Waldgarten mit neuen Schatten-, Aufenthalts- und Lebensräumen.
© Boris Trenkel

Superland: Waldgarten auf heißem Pflaster

Der Kontrast könnte kaum deutlicher sein: Das Futurium liegt zwischen Regierungsviertel, S-Bahn, Verkehr und einem weitgehend versiegelten Vorplatz. Mit „Superland“, der temporären Zukunftsfeldinstallation von PARZELLE X mit Benjamin Frick, entstand dort im Rahmen des Futurium-Themenschwerpunkts zu Landwirtschaft und Landnutzung ein grüner Gegenentwurf. Wo zuvor kaum Schatten und wenig Aufenthaltsqualität vorhanden waren, schaffen Holzstrukturen, Erde, Rankpflanzen, essbare Stauden und Bäume neue Räume. Rund 40 t Erde wurden auf den Platz gebracht, vorhandene Pflanzinseln integriert sowie Wege und Sitzorte angelegt.

Das Prinzip ist ein Waldgarten: nicht die landwirtschaftliche Monokultur als Bild, sondern die produktive Randzone, in der sich Wiese und Wald überlagern. Spaliere deuten Baumschichten an, darunter wachsen Sträucher, Kräuter, Bodendecker, Wurzel- und Kletterpflanzen. Vieles ist essbar, manches blüht, manches kühlt über Verdunstung. Alles zusammen bildet eine kleine Infrastruktur aus Boden, Schatten, Nahrung, Wissen und Aufenthalt.

Temporäre Projekte können Türöffner für langfristige Veränderungen sein.

Lulu Dombois

Landschaftsarchitektin, Parzelle X

Die Installation wurde als Pausenort angenommen: Passantinnen und Passanten blieben stehen, lasen die Tafeln, bestimmten Pflanzen und probierten Früchte. Insekten kamen bereits während der Pflanzarbeiten, Vögel nisteten in der Struktur, sogar ein Fuchs wurde gesichtet. Der Ort ist damit mehr als eine Ausstellung: ein Versuchsfeld, in dem ökologisches und soziales Leben ineinandergreifen.

Für den Hitzeschutz ist vor allem die öffentliche Zugänglichkeit entscheidend: Die Installation schafft einen kühleren Ort, der ohne Zugangshürden genutzt werden kann. Der Maßstab ist klein, doch die Wirkung ist exemplarisch. Temporäre Interventionen können Türöffner sein und zeigen, was auf versiegelten Stadtflächen möglich wäre. Wenn „Superland“ nach dem Abbau in Kreisläufe übergeht, bleibt dennoch die Frage: Warum muss ein angenommener, kühlender Ort überhaupt wieder verschwinden? 

"Etwa 20 Personen stehen im Halbkreis auf sandigem Untergrund vor einem mehrstöckigen Neubau. Das weiße Wohngebäude mit Holz- und Metallfassadenelementen ist mit Bauzäunen und orangenen Sicherheitsmarkierungen umgeben. Links grüne Vegetation und Bäume. Im Vordergrund ein Fahrrad. Sonnige Tageslichtsituation. Banner mit Text 'Architektur' sichtbar."
Beim Kornelius Forum wird die architektonische Strategie des Hitzeschutzes bereits an der Fassade sichtbar: Tiefe Fensterlaibungen sorgen für eine wirksame Eigenverschattung.
@ Boris Trenkel
"Raumansicht einer modernen, leeren Halle mit hellen Betonböden und großflächigen Glaswänden. Etwa 15 Personen stehen verteilt im Raum, viele tragen Namensschilder. Eine ältere Person in blauem Hemd und Rucksack mit Baseballkappe steht im Fokus. Hell- und Seitenlicht fällt durch Fenster ein. Im Hintergrund grünes Laub von außen sichtbar."
Prof. Gerd Jäger erläutert während der Pressetour der Architektenkammer Berlin im Juni 2026 das Gebäudekonzept 22·26, das mit Speichermasse, natürlicher Lüftung und intelligenter Fenstersteuerung auf konventionelle Kühltechnik verzichtet.
© Boris Trenkel

Kornelius Forum: Klimakomfort aus Architektur

Das Kornelius Forum von Baumschlager Eberle Architekten Berlin liegt im Wedding, an der Ecke Dubliner Straße und Edinburger Straße. Der Neubau für den Evangelischen Kirchenkreisverband Berlin Mitte-Nord verbindet Verwaltung, Seminarräume, Café, Büros und Wohnungen. Städtebaulich versteht sich das Gebäude als Solitär und Gelenk zwischen Park, Kirchhof und bestehendem Quartier. Es ergänzt Kirche und Kita nicht um eine bloße Verwaltungsadresse, sondern um einen Ort der Begegnung.

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Im Zentrum steht das Gebäudekonzept 22·26: ein Haus, das ohne konventionelle Heiz- und Kühltechnik einen Temperaturkorridor von etwa 22 bis 26 °C anstrebt. Es setzt auf massive Bauteile, monolithische Außenwände, tiefe Fensterlaibungen, Speichermasse, robuste Oberflächen und eine präzise gesteuerte natürliche Lüftung. Wetterstation, Sensorik und CO₂-Werte bestimmen, wann Fensterflügel öffnen und schließen. Das Gebäude regelt den Großteil des Betriebs selbst – über das Zusammenspiel von Hülle, Masse, Öffnung und Nutzung. 

Wir sind es gewohnt, Häuser immer leichter zu machen. Dieses Gebäude geht bewusst den entgegengesetzten Weg.

Prof. Gerd Jäger

Gründer und Inhaber Baumschlager Eberle Architekten Berlin

Die tief in der Fassade sitzenden Fenster erzeugen Eigenverschattung, bevor die Sonne überhaupt in den Raum fällt. Massive Wände und Decken puffern Temperaturschwankungen, speichern Wärme und Kühle, verlangsamen den Wechsel zwischen Tag und Nacht. Viele Gebäude werden auf technische Spitzenlasten ausgelegt, die selten auftreten, aber dauerhaft Material, Wartung, Energie und Komplexität erzeugen. Das Kornelius Forum fragt anders: Welche klimatische Leistung kann Architektur selbst erbringen? Hitzeschutz ist hier nicht grün im engeren Sinn, sondern träge, schwer, genau proportioniert und diszipliniert.

"Breite dunkle Betontreppen in einem Park, auf denen etwa 30-40 Personen sitzen und stehen. Ein Mann und eine Frau im schwarzen Outfit moderieren die Veranstaltung unten links. Die Treppen sind umgeben von hohen grünen Laubbäumen und blühenden Stauden mit lila-rosa Blüten (Phlox) im Vordergrund. Klarer blauer Himmel mit leichten Wolken. Moderne Architektur und Betonelemente rahmen den Raum ein."
Die kaskadenartig angelegte Dachlandschaft von AERA dient nicht nur als Arbeits- und Aufenthaltsort, sondern auch als anschaulicher Raum für Austausch und Vermittlung.
@ Boris Trenkel

AERA: Parklandschaft über der Stadt

AERA liegt in Charlottenburg auf einem ehemaligen Kraftwerksareal an der Darwinstraße. Das von Grüntuch Ernst Architektur geplante Projekt verbindet ein Bürogebäude mit einer kaskadenartigen Dach- und Terrassenlandschaft, die in Zusammenarbeit mit capattistaubach urbane landschaften entstanden ist. Der Ort ist Teil eines Transformationsraums, in dem aus industriell geprägten Flächen ein neues Stück Stadt entsteht. Die Frage, was ein Neubau dem Gemeinwohl zurückgeben kann, ist im Entwurf deutlich ablesbar.

Statt das Dach als technische Restfläche zu behandeln, wird es zum Park. Über Treppen, Terrassen und Wege steigt die Landschaft bis in die oberen Geschosse. Arbeitsbereiche öffnen sich nach außen, Sitzplätze und Tische erlauben Arbeiten im Freien, WLAN-Säulen machen die Nutzung selbstverständlich. Die Freiräume sind nicht einzelne Balkone, sondern eine zusammenhängende Abfolge von Wegen, Pflanzflächen, Ausblicken und Aufenthaltsorten. 

Rund 7 % der Baukosten erzeugen hier eine große klimatische, räumliche und soziale Wirkung.

Armand Grüntuch

Architekt, Grüntuch Ernst Architekten

Die Planung ist technisch anspruchsvoll. Rund 13.000 Pflanzen und 22 Bäume wurden gesetzt, einige Arten sind für die exponierte Lage besonders ausgewählt. Wind, Gewicht, Substrathöhe, Wasserführung, Wartung und Reparierbarkeit mussten von Anfang an mitgedacht werden. Retentionsboxen sammeln Regenwasser geschossweise und leiten es kaskadenartig weiter; Substrate ersetzen schweren Boden; Stahlkonstruktionen sichern Bäume gegen Windlasten. Biodiversität wird mit Blühaspekten über die Jahreszeiten und Sandlinsen für Wildbienen mitgeplant.

AERA zeigt Hitzeschutz als räumliche und ökonomische Strategie. Die begrünten Außenflächen erhöhen die Aufenthaltsqualität, erweitern nutzbare Flächen, verbessern das Mikroklima und schaffen einen identitätsstiftenden Ort. Vor Ort ist von zwei bis drei Grad niedrigerer Lufttemperatur die Rede; wichtiger noch sei die gefühlte Temperatur, die durch Schatten und Verdunstung deutlich stärker sinke. Unter den Bäumen entsteht eine Atmosphäre, die kein Sonnenschutzsegel und keine technische Verschattung allein herstellen kann. 

Die Außentemperatur liegt hier messbar 2 bis 3 °C niedriger – die gefühlte Abkühlung ist noch deutlich größer.

Tancredi Capatti

Landschaftsarchitekt, Partner capattistaubach – urbane Landschaften

Der Dachpark ist kein vollständig freier Stadtraum, aber er ist mehr als eine private Dachterrasse. Eine öffentlich zugängliche Terrasse ist vorgesehen, kontrolliert über den Betrieb des Hauses. Das verschiebt die übliche Logik des Dachgartens: Nicht Rückzug nach oben, sondern ein Angebot an Stadt, Nachbarschaft und Nutzer:innen.

Handreichung zum klimaresilienten und gesunden Bauen

Die gemeinsame Handreichung „A wie Hitzeschutz“ der Architektenkammer Berlin und der Ärztekammer Berlin zeigt, wie Gebäude, Freiräume und Stadtquartiere wirksam an zunehmende Hitzeperioden angepasst werden können. Im Mittelpunkt stehen integrierte Lösungen wie Verschattung, Begrünung, Entsiegelung, Regenwassermanagement, natürliche Lüftung und baulicher Wärmeschutz. Die Publikation verbindet planerische und gesundheitliche Perspektiven und bietet konkrete Empfehlungen sowie Praxisbeispiele für klimaresilientes und gesundes Bauen.

“A wie Hitzeschutz” 

 

Drei Wege, ein gemeinsamer Maßstab

Superland, Kornelius Forum und AERA könnten unterschiedlicher kaum sein: eine temporäre Intervention auf einem versiegelten Vorplatz, ein massives Lowtech-Haus und ein technisch präzise aufgebauter Dachpark. Gerade diese Unterschiede zeigen, dass Hitzeschutz weder auf ein einzelnes Bauteil noch auf nachträgliche Begrünung reduziert werden kann. Er entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Entscheidungen: Entsiegelung, Bodenaufbau, Schatten, Wasser, Material, Speichermasse, Lüftung, Pflege, Zugänglichkeit, Betrieb und soziale Teilhabe.

Die drei Projekte stehen exemplarisch für die Vielfalt der Berliner Baukultur und für unterschiedliche Wege, die Stadt auf heißere Sommer vorzubereiten. Ihre Wirkung erschließt sich nicht allein über fertige Bilder, sondern über die räumliche Erfahrung und den Austausch mit Planenden, Bauherrschaften sowie Nutzerinnen und Nutzern.

Hitzeschutz beginnt nicht erst, wenn die Klimaanlage eingeschaltet wird. Er beginnt beim Boden unter unseren Füßen, bei der Tiefe einer Laibung, bei der Frage, ob Regenwasser abfließt oder gespeichert wird, ob ein Dach Technikfläche bleibt oder Park werden darf. Schatten ist dann kein Nebeneffekt mehr. Er wird zu einem Baustoff der Zukunft.

Architektenkammer Berlin

DAB Redaktion Berlin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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Blick über eine große, gepflasterte Fläche auf ein modernes Gebäude mit schrägen Stützen und Glasfassade, im Hintergrund Stadtgebäude und Bäume.

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