Multicodierung als Schlüssel zur klimaangepassten Stadt
Fläche ist knapp, die Anforderungen wachsen. Multicodierte Freiräume zeigen, wie sich unterschiedliche Nutzungen intelligent verbinden lassen – ohne die Qualität des Stadtraums aus dem Blick zu verlieren.
Die Zeit, da der Begriff Multicodierung im Rahmen der Planung von Stadträumen zum öffentlichen Diskussionsthema wurde, liegt schon ein gutes Jahrzehnt zurück. 2012 konnte man erste Überblicksartikel in Fachzeitschriften lesen (z. B.: Garten + Landschaft, 3/2012). Es folgten Tagungen und Konferenzen, 2017 erschien das Weißbuch Stadtgrün des Ministeriums für Umwelt und Naturschutz, das auch die Förderung von multicodierten Grün- und Freiräumen als eine Aufgabe bezeichnete und die Erarbeitung eines „Leitfadens zur multicodierten Freiraumnutzung“ durch den Bund in Aussicht stellte.
Sucht man nach einschlägigen ersten Beispielen, so stößt man bei den fortschrittlichen Niederländern auf den Rotterdamer Benthemplein, der mit seinen Bassins als „Wasserplatz“ für Jugendliche bei gutem Wetter als Spiel- und Sportbereich dient, bei Regen jedoch als Auffangbecken für Oberflächenwasser (storm water storage) genutzt wird.
Kern der Idee ist eine Mehrfachnutzung ein- und desselben Raumes, der nicht mehr sektoral in Funktionen aufgeteilt ist. Dass der Begriff heute vielleicht nicht mehr ganz so stark im Fokus steht, heißt nicht, dass die mit ihm verbundene Zielsetzung weniger dringlich geworden wäre. Im Gegenteil. Seit es vor allem darum geht, in den verdichteten Stadtraum auch Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen zu integrieren, hat die Aufgabe an Dringlichkeit erheblich zugenommen.
Hierbei scheint der Begriff der Multicodierung im Unterschied zum Begriff der Multifunktionalität, der eher von den Ergebnissen ausgeht, der geeignetere zu sein, indem er in einer frühzeitigen Planungsphase bei den unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Interessen ansetzt. Seine Schwierigkeit besteht darin, dass die Interessen oft so ausgeprägt sind, dass sie einen erwünschten Ausgleich nicht zulassen.
Vielleicht wird in dieser Situation jedoch die anstehende Novellierung des Baugesetzbuchs weiterhelfen, bei der neben den Zielen der Vereinfachung und Digitalisierung von Planungsverfahren in § 1 nun auch erstmals die Mehrfachnutzung von Flächen bei den öffentlichen Belangen als Gesichtspunkt hinzugefügt wurde; 2027 soll die Novellierung in Kraft treten.
Graue Infrastruktur als neues Handlungsfeld
Der urbane Raum, der bei all dem in Rede steht, betrifft grundsätzlich die gesamte öffentliche Stadtoberfläche, betont Carlo Becker, Geschäftsführer von bgmr Berlin Landschaftsarchitekten, der zu den Ersten gehört, die das Thema auch theoretisch reflektiert haben. Sein Credo: Es geht bei der Multicodierung heute weniger um Parks und Grünanlagen, die selbst schon weitgehend multicodiert sind (was nicht heißt, dass nicht auch hier divergente Nutzungsaspekte wie Freizeitgestaltung, Erholung, Schönheitsaspekte, Biodiversität und Klimaresilienz konkurrieren), sondern um graue Infrastrukturen wie Straßen, Stellplätze, Regenrückhaltebecken, Kanäle, Dächer, Fassaden etc.
Allein diese Aufzählung zeigt das Spektrum an möglichen Umsetzungen an, wobei ein Pilotprojekt wie das der Stadt Freiburg sich fast schon einfach ausnimmt: Hier wurde 2023 im Umfeld der Messe ein rund 300 m langer Radweg mit insgesamt 912 Glas/Glas-Modulen überdacht und eine neuartige Integration von Mobilität und Umwelt realisiert. „Europas erster Radweg mit Solardach“ war geschaffen
Vom Radweg zum Stadtplatz
Komplexer ist ein Projekt, das die Landschaftsarchitekten von bgmr in der Innenstadt von Kiel umsetzen konnten. Anfang der 2020er Jahre realisieren konnten. Hier wurde eine ehemalige Stadtstraße in einen urbanen innerstädtischen Platz mit hoher Aufenthaltsqualität transformiert, wobei die Lage am Wasser (dem ehemaligen Stadtgraben) der Konzeption gewissermaßen die Codierung vorgab.
Geschaffen wurde eine Wasser-Platz-Folge, die die Innenstadt an die Kieler Förde näher heranführt, wobei „Komfortbereiche für Fußgänger die Hauptbewegungslinien und Aufenthaltsbereiche an der Wasserlinie nachzeichnen“, während ein breiter, mit Schilf bewachsener Bodenfilter den Aufwand für Pflege und Unterhaltung reduziert. Der Schilffilter sichert zudem die Gewässergüte und wirkt als klimaaktive Verdunstungsfläche. Als Verkehrsraum bleibt die Platzfolge für Bus, Radfahrer und Fußgänger nutzbar. Das Projekt wurde im Dezember 2020 fertiggestellt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (unter anderem der Landschaftsarchitekturpreis 2021, Landespreis für Baukultur Schleswig-Holstein 2022, Deutscher Städtebaupreis 2023).
Aufschlussreich und für den Prozess vermutlich ausschlaggebend ist die Erkenntnis seitens der Stadt, dass der motorisierte Individualverkehr nicht mehr die Rolle wie ehedem spielt und konkret in jenem Bereich mehr als 50 % des motorisierten Individualverkehrs ( lediglich Durchgangsverkehr darstellt. Von daher war die Zielsetzung klar – nämlich einen andersartigen Ort zu kreieren, der sich in seiner Aufenthaltsqualität deutlich von den lange schon in die Jahre gekommenen Fußgängerzonen absetzt und neuen Attraktivität ausstrahlt.
Offene Trassen, offene Zukunft
Ein anderes Beispiel großflächiger Transformation wurde von der gruppe F – Freiraum für alle, landschaftsarchitekten, Berlin in Form einer Machbarkeitsstudie auf den Weg gebracht. „Der grüne Gleisbogen“, eine ehemalige Industriebahntrasse zwischen Tegel und Friedrichsfelde im Berliner Nordosten, soll zu einem grünen Verbindungsweg entwickelt werden, das die Ziele Stadtnatur, Naherholung und Klimaanpassung miteinander verbindet. Die Studie von 2022 zeigte das Potenzial zur Entwicklung einer durchgehenden Grün- und Wegeverbindung für den Fuß- und Radverkehr auf und berücksichtigte dabei vor allem auch deren Rolle als Biotopverbund. Erste Realisierungsschritte stehen nun mithilfe des KfW-Förderprogramms „Natürlicher Klimaschutz in Kommunen“ unmittelbar bevor.
Dass solche multicodierten Perspektiven am ehesten auf Brach- oder ehemaligen Industrieflächen gelingen können, wo Nutzungsinteressen noch nicht in offener Konkurrenz zueinander liegen, ist offensichtlich. Schwieriger wird es möglicherweise auf kleineren innerstädtischen Räumen. Geschäftsführer der gruppe F – Freiraum für alle, Andreas Kurths, hat kürzlich seine Erfahrungen in einem Aufsatz zusammengefasst, dessen Titel „Über die Möglichkeiten, Grenzen und Kriterien der Codierung von urbanen Freiräumen. Wieviel ist zu viel?“ (Jahrbuch 2025/2026 „Architektur in Hamburg“, herausgegeben von der Hamburgischen Architektenkammer) vor allzu großen Hoffnungen zu warnen scheint.
Kurths sieht inzwischen auch die Gefahr einer Übercodierung des urbanen Freiraums infolge zusätzlicher biodiversitätsfördernder und klimaangepasster Anforderungen. „Kann der Freiraum dann noch unserem Anspruch gerecht werden und der Öffentlichkeit dienen, Gemeinschaft befördern und gesellschaftlichen Zusammenhalt hervorbringen?“ Nach wie vor nämlich gelte, dass im öffentlichen Freiraum trotz der weiter wachsenden Anforderungen die Qualität der Gestaltung und die Angemessenheit für den Ort an erster Stelle stehen müsse, wozu der sichere Aufenthalt und die gleichberechtigte Begegnung der Menschen gehören. Rücke dies aus dem Blick und kommen Listen von „Nice-to-haves“ in den Vordergrund der an die Entwerfenden herangetragenen Aufgabenstellungen, dann führt dies allzu oft zu einem „raumgewordenen Nebeneinander von Objekten partikularer Wunschvorstellungen“.
Ob diese Zweifel berechtigt sind oder nicht, kann nur der Einzelfall belegen. Eine möglichst offene, nichts von vorneherein priorisierende Einstellung der Kommunen scheint jedoch die beste Voraussetzung.
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