Immer modern – oder immer übergriffig?
In meiner letzten Kolumne habe ich die neuen Pläne für die Friedrichstraße kritisch betrachtet. In diesem Text geht es darum, wie es aus meiner Sicht zu diesen Plänen gekommen ist – und was dieser Weg über den Umgang mit Freiräumen in Berlin zeigt.
Im vergangenen Jahr veranstaltete der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg (AIV) anlässlich seines 200-jährigen Bestehens unter dem Titel „immer modern!" eine Freiluftausstellung zu Berlins Straßen. Während ein Teil der Ausstellung die historische Entwicklung ausgewählter Straßen thematisierte, wurden im zweiten Teil unter dem Titel „Große Straßen für morgen“ zehn Straßen von zehn Hochbau-Architekturbüros neu entworfen. Ob Landschaftsarchitekturbüros beteiligt wurden, blieb den Büros überlassen – immerhin zwei entschieden sich dafür.
Ich verstehe, dass ein solches Jubiläum gefeiert werden will und dass Entwürfe gezeigt werden, die als Visionen gedacht sind. Gleichzeitig irritiert mich, dass die Gestaltung von Straßenräumen hier überwiegend aus der Perspektive des Hochbaus erfolgte. Als Studentin der Landschaftsarchitektur beschäftige ich mich täglich mit der Frage, wie komplex öffentliche Räume sind: Es geht um Böden, Wasser, Pflanzen, Mikroklima, Nutzung und langfristige Entwicklung. Diese Aspekte sind zentral für die Qualität von Freiräumen – und lassen sich nicht nebenbei mitdenken. Aus meiner Sicht geht es dabei nicht um ein Gegeneinander der Disziplinen. Hochbau-Architektinnen und -Architekten leisten wichtige Arbeit. Aber Freiräume sind keine Restflächen, sondern eigenständige Räume mit eigenen Anforderungen und Fachlichkeiten.
Doch nun wird es kurios. Ein Jahr nach der Ausstellung taucht – quasi außer Konkurrenz – ein neuer Entwurf auf. Der Initiator der besagten Ausstellung, der damals noch als Vorsitzender des AIV zu Berlin-Brandenburg die zehn Berliner Architekturbüros eingeladen hatte, präsentierte nun im Rahmen einer Pressekonferenz des Regierenden Bürgermeisters einen eigenen Entwurf für die „notleidende“ Friedrichstraße. Gelabelt wie ein Ausstellungsbeitrag mit Logo des AIV zu Berlin-Brandenburg und dem Emblem der Ausstellung versteht sich der Vorschlag „als Teil des gemeinnützigen Ausstellungs- und Veranstaltungsprojektes ‚immer modern! Berlin und seine Straßen‘ ... Im Unterschied zu den Visionen der Kollegen zu zukünftigen Stadträumen ist dieses Konzept sofort und ohne Voraussetzungen umsetzbar.“ Ernsthaft?
Genau hier beginnt für mich das Problem. Wenn Entwürfe für hochpolitische Orte wie die Friedrichstraße öffentliche Relevanz bekommen, ohne dass ein offenes Verfahren oder ein Wettbewerb stattgefunden hat, stellt sich die Frage nach Zuständigkeiten und Qualitätssicherung. Öffentliche Räume sind für Menschen gestaltet – oft über Jahrzehnte hinweg. Umso wichtiger ist es, wie Entscheidungen vorbereitet werden und wessen Expertise einbezogen wird – die der Architektinnen und Architekten oder die der Landschaftsarchitektur. Es gibt durchaus berechtigte Gründe, warum es sich um verschiedene Studiengänge handelt. Auch wenn wir ähnliche Entwurfsprinzipien verfolgen mögen, lernen wir doch unterschiedliche Inhalte. Niemand käme auf die Idee, das Bundeskanzleramt von einem Laien planen zu lassen. Aber ganze Straßenzüge in der Innenstadt ohne Landschaftsarchitekten? Scheinbar kein Problem.
Gerade in Zeiten des Klimawandels und angesichts der Anforderungen, langfristig klimaresilient und lebenswert zu gestalten, brauchen wir mehr Fachwissen zu Pflanzen und ihren Ansprüchen an einen Standort als je zuvor. Die Landschaftsarchitektur besteht nicht darin, Bäume in regelmäßigen Abständen aufzustellen. Sie besteht darin, zu verstehen, was ein Ort braucht, welche Pflanzen ihn aufwerten, welche räumlichen Qualitäten entstehen und wie Freiräume den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden können, für die sie geplant sind.
Mein Wunsch richtet sich daher an Politik und Planung gleichermaßen: Öffentliche Räume sollten als eigenständige planerische Aufgabe ernst genommen werden. Dazu gehören transparente Verfahren, interdisziplinäre Zusammenarbeit auf Augenhöhe und eine stärkere Sichtbarkeit der Landschaftsarchitektur – von der Ausbildung über die Vergabe bis zur öffentlichen Kommunikation. Denn Straßen, Plätze und Parks sind keine Nebenprodukte, sondern eigenständige Räume, für deren Qualität landschaftsarchitektonisches Fachwissen zentral ist.
Disclaimer
Diese Kolumne enthält persönliche Meinungen und kritische Einschätzungen der Autorin/des Autors. Sie stellt keine offizielle Stellungnahme dar und entspricht nicht notwendigerweise der Auffassung der Vertreterinnen und Vertreter der Kammern.