BECOMING in Barcelona: Wie Architektur sich neu erfindet
Klimakrise, Wohnungsnot und städtische Wasserwirtschaft: Die Hannoveraner Architektin Andrea Gerke reflektiert ihre Reise zum UIA-Kongress „BECOMING“ nach Barcelona.
Der Titel „BECOMING – Architectures for a Planet in Transition“ rückte den Prozess des Architekturwerdens in den Mittelpunkt – verteilt auf drei Orte in Barcelona: das Kongresszentrum CCIB, den Disseny Hub Barcelona an der Plaça de les Glòries Catalanes und das Industriedenkmal Les Tres Xemeneies in Sant Adrià de Besòs.
Das sechsköpfige Kurator:innenteam, das vor drei Jahren aus einem Wettbewerb hervorgegangen war, hatte mit seinem Konzept der Fokussierung auf Architekturprozesse sechs Themenschwerpunkte herausgearbeitet.
Keine Architektur-Leistungsshow, keine bahnbrechend neuen Grundsatzantworten – sondern das in vielfältigsten Vorträgen kommunikative Ringen und die offene Suche nach Wegen der Veränderung.
Sehen und gesehen werden
Die Liste der Architekt:innen vereinte etablierte Persönlichkeiten und aufstrebende Büros und unterstrich die Vielfalt über Regionen und Generationen hinweg. Dabei waren die Pritzker-Preisträger:innen Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, Shigeru Ban, Wang Shu vom Amateur Architecture Studio und Smiljan Radić ebenso vertreten wie die Gewinner:innen des Mies-van-der-Rohe-Preises der Europäischen Union, Jan de Vylder und Inge Vinck, sowie Büros wie Lacol und Arquitectura G.
Verteilt auf acht Vortragssäle, fanden an drei Tagen vormittags und nachmittags fast 120 Vorträge statt. Sie behandelten ein breites Themenspektrum: Strategien zur Klimaanpassung, gemeinschaftliches Wohnen, kooperative Kommunikationsansätze, die Verbindung von Forschung und Praxis zwischen Theorie und Reallabor, den architektonischen Generationenvertrag sowie die Bedeutung künstlicher Intelligenz (KI) im urbanen und architektonischen Planungsprozess – einschließlich der Frage nach Transparenz von Metadaten.
Verbesserung – im Großen wie im Kleinen
Im Laufe der Vorträge wurde klar: Die Antworten liegen in der Vielfalt, im Austausch, im Experiment, im Scheitern und im erneuten Ausprobieren. Für die drängenden Fragen von heute – Klimaanpassung, Gentrifizierung, Wirtschaftlichkeit des Bauens – gibt es nicht die eine lösende Antwort, sondern nur einen Prozess stetiger Verbesserung, im Großen wie im Kleinen. Das Bauen im Bestand bleibt eines der wichtigsten Themen, auch international, wie die auf dem Kongress vorgestellten Beispiele aus aller Welt zeigten.
Es ist wünschenswert, hierzulande mehr bauliche und kooperative Experimente zu wagen: Gebäude im Sinne von Gemeinschaft neu zu denken – etwa durch Mauern, die Kleintieren Wohnraum bieten, oder durch nächtliches Leben in der Stadt als Antwort auf die tagsüber herrschende Hitze. Dafür braucht es mutige Entscheidungen.
Diese Grundstimmung zog sich durch alle Kongresstage. Optimismus als Zuversicht und Stärkung der Berufsstände – Urbanistik, Architektur, Landschaft, Soziologie – ging einher mit der Einsicht, wie politisch dieses Wirken ist. Künstliche Intelligenz kann als richtig eingesetztes Hilfsmittel konstruktiv unterstützen, sollte jedoch nicht einfach nur passiv konsumiert werden. KI als Copytool, das Prozesse beschleunigt. Eine KI wird nie ein Mensch sein. Schwer vorstellbar, eines Tages nicht mehr Fan von einem Architekturbüro oder anderen Vorbildern zu sein, sondern von einer KI namens XYZ 123.
Parallel zu den Konferenzvorträgen bot der Kongress weitere rund 80 Kurzvorträge sowie ein umfangreiches Stadt-Exkursionsprogramm . Es gab die Wahl der Besichtigung zwischen Social-Housing-Projekten, Wasserwirtschaft sowie urbanen und klimarelevanten Infrastrukturen.
Näher ans Meer
Ich entschied mich für die Wasserwirtschaft. Den Umgang mit dem Wasser in der Stadt (nicht dem Meer...). Frühmorgens ging es los, bestens organisiert und mit einer englischsprachigen Stadtführerin. Das erste Ziel war die städtische Kläranlage – nicht als Projekt für sich, sondern als Beispiel für die Transformation der Stadtlage und die Anbindung der Innenstadt ans Meer. Ursprünglich war hier keine Verlängerung der Hauptstraße (Av. Diagonal / Rambla del Prim) bis zum Meer vorgesehen. Heute ist die Fläche mit einem großen urbanen Platz überdeckt, der für Konzerte und Außenevents genutzt wird.
Das zweite Ziel war ein 70.000 cbm fassendes Wasserreservoir unter dem zentral gelegenen Parc de Joan Miró. Die Stadt liegt am Hang. Deshalb wird das bei Starkregenereignissen anfallende Wasser kanalisiert und gesammelt. Das gesäuberte Wasser wird anschließend in den Parkanlagen eingesetzt oder wieder ins Meer abgegeben. In Barcelona gibt es 13 Anlagen dieser Art. 18 sind in Planung.
Gaudís erste Arbeiten
Nach einer kurzen Busfahrt sahen wir uns am heutigen Universitäts- und Bibliotheksgebäude wieder, gelegen am ehemaligen Weltausstellungsgelände Parc de la Ciutadella von 1888. Dipòsit de les Aigües – ursprünglich ein großer Wasserturm und ein Speicherbecken. Es diente dazu, das Wasser für den Wasserfall und die Bewässerung der Gärten im nahe gelegenen Parc de la Ciutadella zu regulieren. Damals war der noch junge Architekturstudent Antoni Gaudí an den statischen Berechnungen beteiligt.
Heute ein spektakuläres und überraschendes Gebäude. 1989 von Lluís Clotet und Ignacio Paricio neu gedacht und unter anderem mit rückbaubaren, begehbaren Zwischenpodesten ausgestattet. Das Flachdach dient heute als großflächige PV-Anlage.
Als letztes Ziel auf dem Programm stand der Wasserturm Torre de les Aigües de Dos Rius, oberhalb von Barcelona in Tibidabo gelegen. Er war vor über hundert Jahren ein sommerlicher Zufluchtsort der Barcelonesen (laut Duden: Barceloner). 1905 erbaut, ist der Wasserturm bis heute in Funktion. Er versorgte den Ort mit Wasser – als Pumpstation aus den Wasseradern des Berges und als Regenwasserauffangbecken hoch oben in der Turmspitze. Mittels des sehr gut erhaltenen Fahrstuhls durften wir die Aussicht vom obersten Außenrundgang des Turmes genießen.
Schon einige Tage vorher und auch infolge des Kongresses fanden abseits des Hauptprogramms unzählige Treffen zwischen internationalen Architekt:innen-Delegationen zum Austausch und zur Kontaktknüpfung statt.
Die Themen des Kongresses
Becoming – More than Human:
Architektur braucht resiliente Strategien für Klima, Wasser, Boden und Biodiversität.
Becoming – More than Human:
Architektur braucht resiliente Strategien für Klima, Wasser, Boden und Biodiversität.
Ökologie in der Architektur bedeutet, über die Nutzung der Natur hinauszugehen. Sie erfordert die Erforschung widerstandsfähiger und adaptiver Strategien zur Transformation von Städten und Gebieten, die sich mit Klima, Wassermanagement, Boden und Biodiversität befassen.
Becoming Circular:
Sanierung vor Neubau – für Ressourcenschonung, Nähe und weniger CO2-Fußabdruck.
Becoming Circular:
Sanierung vor Neubau – für Ressourcenschonung, Nähe und weniger CO2-Fußabdruck.
Im Gegensatz zum linearen Produktionsmodell müssen wir uns auf Praktiken zubewegen, die in räumlichen, materiellen und energetischen Zyklen verankert sind. Priorität hat die Sanierung des bestehenden gebauten Erbes, die Förderung von Nähe, Energieeffizienz und Ressourcenwirtschaft, um den CO2-Fußabdruck zu reduzieren.
Becoming Embodied:
Materialforschung verbindet Umweltwirkung, soziale Wirkung und Ausdruckskraft im Bauprozess.
Becoming Embodied:
Materialforschung verbindet Umweltwirkung, soziale Wirkung und Ausdruckskraft im Bauprozess.
Materialforschung beschäftigt sich mit Bauprozessen und Fertigungstechnologien und integriert ihre Umweltwerte, sozialen Auswirkungen und expressiven Qualitäten. Gleichzeitig untersucht sie ihr strukturelles Potenzial, Montagesysteme und Anpassungsfähigkeit im Laufe der Zeit.
Becoming Interdependent:
Raumpolitik für Wohnrecht, Geschlechtergerechtigkeit und solidarisches Zusammenleben.
Becoming Interdependent:
Raumpolitik für Wohnrecht, Geschlechtergerechtigkeit und solidarisches Zusammenleben.
Architektur erfordert eine Raumpolitik, die das Recht auf Wohnen, Geschlechterperspektive und Interdependenz fördert. Es beinhaltet das Umdenken von Formen des Zusammenlebens, die auf Sorgfalt, Zusammenarbeit und Solidarität als Treiber der sozialen Ermächtigung basieren.
Becoming Hyper-conscious:
Globale Dynamiken wie Geopolitik, Recht und KI prägen die lokale räumliche Praxis.
Becoming Hyper-conscious:
Globale Dynamiken wie Geopolitik, Recht und KI prägen die lokale räumliche Praxis.
Die Dynamik im Planetenmaßstab – geopolitische Beziehungen, Rechtsrahmen, Digitalisierung und KI – prägt die lokalen Realitäten und beeinflusst das Alltagsleben. Die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins lädt zur Erforschung von Strategien und Potenzialen für die räumliche Praxis ein.
Becoming Attuned:
Architektur als poetische, sinnliche Praxis zwischen Schönheit und Alltäglichkeit.
Becoming Attuned:
Architektur als poetische, sinnliche Praxis zwischen Schönheit und Alltäglichkeit.
Die Architektur erforscht ihre poetische Dimension; aufmerksam in Bezug auf materielle, kulturelle und affektive Kontexte. Durch eine sensible und spielerische Linse gesehen, umfasst sie unerwartete Formen der Schönheit, das Gewöhnliche und die Komposition als generative Prinzipien für Design und für die Bedeutung des Wohnens.
Bereits im Vorfeld führten internationale Studierende Workshops zu den Themen der Tage durch. Sie präsentierten ihre Arbeitsergebnisse im Les Tres Xemeneies, einem ehemaligen Heizkraftwerk am Strand im Norden der Stadt. Am letzten Abend des Kongresses bot sich mir die Gelegenheit, dieses imposante Industriedenkmal zu besuchen.
Eine sehr beeindruckende Kulisse und ein thematisch passender Ort einer noch nicht beendeten Umwandlung und Weiterführung. Ich nehme die Inspiration, die vielen Ideen und den spürbaren Willen nach Transformation, um den jetzigen Planeten zukünftig weiterhin bewohnbar zu halten, mit nach Hause.
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