Kratzen am Schorf: Lässt sich die Stadt billiger und besser entsiegeln?
Hitzeschutz: Louis Back zeigt in seinem Essay am Beispiel von Berlin, wie man Städte günstiger entsiegeln und kühlen kann – mit Pionierpflanzen, recyceltem Aufbruch und dem Beispiel Atelier Gardens.
Wenn die Hitze fett auf der Stadt hockt, überlegst du sehr genau, wie weit es zum nächsten kühlen Fleckchen ist. Oder wie man ohne Sonnenstich von A nach B kommt. Jeder Weg, ob zu Fuß oder mit dem Rad, wird zum Feuerlauf, der erträglicher ist, wenn es ab und zu die Chance gibt, Luft zu holen.
Keine Frage: Berlin braucht dringend ein Mosaik kleiner Orte, die kühler sind als glühender Beton und Asphalt. „Klimakomfortplätze“ nennt sie der Stadtentwicklungsplan Klima. Im öffentlichen Raum entstehen solche Kühlkissen auf Brachen, Restzwickeln und anderen Eh-da-Flächen, aber auch an Straßen und in Parks. Das ist gut, nur wird das nicht reichen. Entscheidend ist, dass ein weit feinmaschigeres Netz dieser Kleinstoasen zusammenkommt: auch auf Privatgrund und Firmengeländen.
Schatten schaffen: Von Bäumen bis Pergolen
Was haben wir stattdessen? Gepflasterte Bratpfannen und die geteerten Backformen unserer Straßen, Höfe und Gewerbeparkplätze; dazwischen Rasenwüsten, deren verdorrte, von tausend Füßen festgestampfte Böden hart sind wie Ziegel. Gut finden kann das nur, wer Sonnenschirme verkauft. Oder Klimaanlagen.
Besserung verheißen die vier Kernansätze urbaner Klimaanpassung: mehr Schatten, mehr Grün, mehr Wasser, mehr offener Boden. Wo Schatten fehlt, heißt es Bäume pflanzen. Oder Schatten bauen. Letzteres hat zu einem Revival von Pergolen und Schutzdächern im Freien geführt – vom Grünzug im Lichtenberger Kosmosviertel bis zum Sonnendach auf dem Spore Haus, das AFF Architekten aus dem Schalholz haben zimmern lassen. Auch der Trend zum (möglichst berankten) Laubengang an Neubauten rührt daher.
Aktiv kühlen, sprich: Hitze abbauen gelingt technikfrei jedoch nur, wo wir den Gratisservice der Natur in Anspruch nehmen. Deshalb werden zurzeit so viele Plätze aufgemöbelt: mit Wasserspielen und Grün. Um für genug Boden zu sorgen, auf dem etwas wachsen kann, müssen wir die Stadt allerdings nicht nur dort entkrusten.
Entsiegeln kostet Geld. Viel Geld.
Louis Back
PublizistAllein, Entsiegeln kostet Geld. Viel Geld. Das bisschen eingesparte Niederschlagswassergebühr deckt die Kosten nicht annähernd. Es ist ja nicht nur das Aufbrechen allein. Auch Abtransport, Behandlung und Entsorgung des Materials wollen bezahlt sein. Wer Pech hat, muss obendrein den freigelegten Boden erst sanieren, vulgo: entgiften. Das hält viele davon ab zu handeln.
Dabei gibt es Mittel und Wege zu sparen. Es muss schließlich nicht gleich naturnaher Moorboden sein, der den Asphalt im Hof ersetzt. Genügsamkeit in Sachen Ergebnis heißt, den Suffizienzgedanken der Nachhaltigkeitsdebatte zu Ende zu denken. Das probateste und bislang verbreitetste Mittel dafür ist, Stein erstmal Stein sein zu lassen und Substrat obenauf zu packen. Die vielen Hochbeetgärten machen das so, genau wie der neue Waldgarten vor dem Futurium oder das temporäre Grün ums Haus der Statistik, wo bald mit Erde gefüllte Leinensäcke als Pflanzkissen dienen sollen.
Kreislaufwirtschaft beim Rückbau: Vom Asphalt zur Grünfläche
Ein anderer Weg: aufbrechen und der Sukzession ihren Lauf lassen. Beim Alten Flugplatz Bonames hat dieser Ansatz dem Büro GTL schon 2005 den Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis eingebracht. Und es gibt weitere In-situ-Lösungen: Der Aufbruch lässt sich stapeln oder schreddern und weiterverwenden, als Sitzbank etwa oder als Podest, als Habitat für Eidechsen und selbst als Substrat für Überlebenskünstlerinnen unter den Pflanzen.
Auch die Bodensanierung kennt wirtschaftlichere Methoden als das übliche dig and dump. Die wohl überraschendste heißt Phytosanierung. Manche Pflanzen sind Hyperakkumulatoren. Sie extrahieren bestimmte Gifte aus dem Boden und lagern diese (vermutlich gegen Fressfeinde oder um die Stoffe von ihren Chlorophyllkraftwerken fernzuhalten) in extrem hoher Konzentration im Gewebe ein. „Bio-Staubsauger“ hat die Süddeutsche sie vor ein paar Jahren genannt und konstatiert: „Warum die Pflanzen kaum zum Einsatz kommen, ist ein großes Rätsel.“
Die Wissenschaft kennt diese erstaunlichen Fähigkeiten der Flora schon länger, doch jenseits der Fachwelt bleiben sie ein blinder Fleck: 2024 setzte die unabhängige Initiative Nachrichtenaufklärung die Phytosanierung in der von ihr herausgegebenen Liste vernachlässigter Themen auf Platz 1. Das mag daran liegen, dass pflanzliche Bodenmelioration ein höchst diffiziles, interdisziplinäres Feld ist, in dem viele Faktoren und Mechanismen zusammenwirken. Wer mehr sagen will als „Da geht was!“, muss sich tief in die Spezifika von Ort, Belastung, Wasserhaushalt, Ökologie und Pflanzenkunde einarbeiten.
Phytosanierung in der Praxis: Von Tschernobyl bis zum Nickelabbau
Ein Allheilmittel ist die Phytosanierung deshalb kaum. Sie ist zwar kostengünstiger und auch umweltfreundlicher als ein Bodenaustausch, weil der Boden samt seiner Funktionen erhalten bleibt. Aber sie ist langwierig und taugt zudem eher für Schwermetalle als für organische Schadstoffe. Nach den Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima etwa halfen Sonnenblumen, radioaktives Cäsium und Strontium aus den verseuchten Böden zu holen. Und in Albanien bauen Landwirte unweit des Ohridsees heute schon Steinkrautarten an – und ernten Nickel statt Feldfrüchten. Erzabbau 2.0, wenn man so will.
Dennoch: Im Zusammenspiel mit anderen suffizienten Methoden, etwas Geduld und dem Willen, einfach anzufangen und alles Weitere als Prozess zu verstehen, kann Phytosanierung auch in der Stadt Sinn ergeben – in bescheidenerem Umfang. Beim Umbau der Berliner Union-Film-Ateliers zum Innovationscampus Atelier Gardens setzte das Londoner Studio Harris Bugg in der Freiraumplanung auf eine allmähliche Regeneration durch schadstoff- und trockenheitsresistente Pionierpflanzen, ganz im Sinne der schrittweisen Lowtech-Transformation, die der von MVRDV entworfene Masterplan auch baulich für das gut 23.000 qm große Gelände vorgibt.
Altlasten durchkreuzen Pläne: Wenn der Waldgarten vom Tisch muss
Weil das Gelände im Bodenbelastungskataster bereits als Altlastenverdachtsfläche ausgewiesen war, verzichtete man auf systematische Vorabtests. Stichproben bestätigten später: Der Boden ist tatsächlich belastet, vor allem mit organischen Giften, die entstanden, als im Krieg die Dächer (und die dort installierten Teerpappenbahnen) brannten. Der anfangs gehegte Plan, einen essbaren Waldgarten anzulegen, war damit vom Tisch. Wer auf Prozesse setzt, muss beweglich bleiben.
Das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen: Wo einst Filme wie Fritz Langs „Dr. Mabuse“, Sternheims „Der blaue Engel“ oder Bob Fosses „Cabaret“ entstanden, grünt es heute aus allen Ritzen. 2019 kümmerten hier gerade einmal sechs Platanen. Nun gibt es nach Angaben der Verantwortlichen weit über 100 Bäume und 25.000 andere Pflanzen. Etwa ein Drittel des zuvor vollversiegelten Campus ist mittlerweile entsiegelt. Bravourstück ist der große Parkplatz, der zum Hofgarten avanciert ist.
Der Aufbruch wurde dafür vor Ort zerkleinert und fand als Pflanzsubstrat, Mulch und Insektenzuhause Verwendung. Hunderte Tonnen Altmaterial wanderten so nicht auf die Deponie. Auf den kargen urbanen Böden gedeihen ausdauernde Pflanzen wie Zitronenmelisse, Rosmarin, Sanddorn, Birke, Erle oder Ölweide. Für ihre Tröpfchenbewässerung (und zugleich für die WC-Spülung) wird Regenwasser in mehreren Anlagen aufgefangen, aufbereitet und gespeichert.
Wo Schatten fehlt, heißt es Bäume pflanzen.
Louis Back
Um die weitere Entwicklung des Grüns kümmert sich eine hauseigene Gärtnerin. Sie kann dabei auch auf Ideen und Engagement der Menschen zählen, die in den mittlerweile hier ansässigen Thinktanks arbeiten. 900 Liter Terra preta (ein fruchtbares Substrat aus Humus und Holzkohle) hat beispielsweise ein eigens gegründeter „Soil Social Club“ in nur einem Jahr aus dem Küchenabfall auf dem Gelände gewonnen. Für den allmählichen Bodenaufbau kann das nur gut sein.
So groß der Nutzen des Langzeitprojekts für den Ort selbst ist, den eigentlichen Gewinn dürfte die Stadt haben, weil der Erfolg zur Nachahmung inspirieren kann. Der Umbau macht vor, wie sich großflächige Entsiegelungen und Bodensanierungen bezahlbar und mit Augenmaß bewerkstelligen lassen, solange man sie als Vor-Ort-Prozess begreift, der rasch erste Ergebnisse liefern mag, im Weiteren aber Zeit braucht.
Prozess statt Maximallösung: Der Erfolg inspiriert zur Nachahmung
Mit dem Vorgefundenen arbeiten und den Unfug, den wir über Jahrzehnte angerichtet haben, Stück für Stück geradebiegen, statt die Missstände in Maximallösungen auf einen Schlag beseitigen zu wollen? Das könnte sehr wohl ein Augenöffner sein, der der Stadt am Ende doch noch die halböffentlichen Klimakomfortplätze verschafft, die sie so dringend braucht. Wie meinte Bettina Schneuer im Frankfurter Allgemeine Quarterly zu den Atelier Gardens? „Manchmal gelingt ein kleines Wunder.“
Erstveröffentlichung in „Architektur Berlin I Building Berlin Band 15“
Louis Back
Publizist DAB Redaktion BerlinDas könnte Sie auch interessieren
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