„Sehen durch Verstehen“
Kammerkommentar: Mit „schönen“ Gebäuden und klugen Vorträgen ist es bei der Architekturvermittlung längst nicht getan
Die Architektenkammer „hat die Baukultur und das Bauwesen unter Beachtung des Schutzes des architektonischen Erbes […] zu pflegen und zu fördern“. So steht es im Architektengesetz des Landes Baden-Württemberg. Doch was heißt das? Mit klugen Vorträgen, das wissen wir, ist es ebenso wenig getan wie damit, „schöne“ Gebäude zu bewerben.
Unsere Auszeichnungsverfahren zielen darauf, Bürgerinnen und Bürgern „Beispielhaftes Bauen“ nahezubringen. Der Gedanke, dass ausgezeichnete Architektur außerarchitektonisch nachvollziehbar sein muss, prägt die Jurys. Deshalb muss Architekturvermittlung weiter ausholen. Wir dürfen uns nichts vormachen: Architekturrezipienten bekommen von den komplexen Prozessen, die notwendigerweise in der Planung stattfinden, wenig mit. Sie sehen das Ergebnis, das man schön finden kann oder nicht.
Ästhetik ist ein legitimes Motiv der Gestaltung, aber kein hinreichendes für gute Architektur. Architektur muss ein Beitrag zur Gestaltung von Lebenswelten sein. Architekturvermittlung ist dann besonders fruchtbar, wenn sie konkret wird. Wenn wir in den Diskurs gehen, etwa in wettbewerblichen Verfahren, als Gestaltungsbeiräte oder in der Stadtplanung, wo Bürgerbeteiligung gang und gäbe ist. Dort besteht die Chance, die Prozesshaftigkeit des Entwerfens transparent zu machen. Dort wird diskutiert, welche Parameter unerlässlich sind und wie sie die äußere Form beeinflussen. Aus diesem „eschatologischen Prinzip des Entwerfens“ zwischen Pragmatismus, Struktur und ästhetischer Vorstellung leitet sich der Wert guter Architektur und Stadtplanung ab.
Kurz gesagt: Architekturvermittlung gelingt, wenn die Menschen verstehen, was die Entwerfenden tun, wenn sie sich ein Gebäude ausdenken. Wenn ein bestimmtes Menschen- und Weltbild dahinter sichtbar wird. Architektur ist in pluralistischen Gesellschaften zwingend vielfältig: Folgt sie dem klassischen Prinzip von klärenden Ordnungsnotwendigkeiten oder dem Prinzip der technologischen Innovation? Ist die Endlichkeit von Ressourcen leitend oder größtmögliche Freiheit. Unterschiedliche Haltungen führen zu unterschiedlichen architektonischen Lösungen. Und das ist gut so.
Beim landesweiten Schülerwettbewerb, den die AKBW 2027 mit der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart aufsetzt, versetzen wir die Kinder und Jugendlichen in den Stand, einen solchen Entwurfsdiskurs selbst zu durchschreiten. Der finnische Architekturtheoretiker Juhani Pallasmaa prägte den Satz: „Bei wirklich großer Architektur geht es nicht um einen ästhetischen Stil, sondern um verkörperte Bilder authentischen Lebens mit all seinen Widersprüchen und Gegensätzen.“ Oft erkenne man in diesem Sinne schöne Bauten erst auf den zweiten Blick. Architekturvermittlung, wie wir sie verstehen, ist Befähigung: Sie schult den Blick.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für Baden-Württemberg
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