Klimaresilienz trifft Denkmalschutz: Schatten für Städte aus Stein
Hitze bedroht historische Städte – doch Klimaresilienz und Denkmalschutz müssen kein Widerspruch sein. München, Regensburg und Augsburg zeigen, wie Grün, Wasser und Geschichte zusammenfinden.
„Too hot“ heißt die aktuelle Ausstellung im DAM in Frankfurt, „Heiße Städte, neue Wege“. Sie wurde im Juni eröffnet, dem Monat mit dem in Deutschland höchsten jemals gemessenen Temperatur-Einzelwert: 41,7 Grad. Hitze ist allerdings längst kein Ausnahmezustand mehr, sondern ein strukturelles Problem für unsere gebaute Umwelt und damit unsere Gesellschaft. Nicht nur verzeichnete das RKI allein bis zur ersten großen Hitzewelle dieses Jahres rund 5.100 Hitzetote, Hitze sorgt auch für sozialen Stress und erhöht das Risiko für psychische Erkrankungen, wie Prof. Dr. Mazda Adli, Stressforscher und Psychiater, beim Konvent der Baukultur Anfang Juni in Potsdam darlegte. Naturräume und Parks kühlen dementsprechend neurourbanistisch besehen nicht nur das lokale Klima, sondern auch das erhitzte Gemüt.
Erhitzte Gemüter gab es auch nach dem freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb zur Neugestaltung der Münchner Ludwigstraße: Der von MDP Michel Desvigne Paysagiste SARL mit PCA-Stream vorgelegte Siegerentwurf – er sieht eine Entsiegelung und Bepflanzung der zentralen Achse vor – stieß bei Mathias Pfeil, Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, auf Kritik oder zumindest auf noch viele nicht beantwortete Fragen hinsichtlich des Umgangs mit Leo von Klenzes Werk. Und nicht nur in München prallen die Anforderungen an Klimaresilienz, also mehr Grün, mehr Wasser, mehr Schatten, auf den Denkmalschutz. Wie also lassen sich unsere (Alt-) Städte so weiterdenken, dass sie bewohnbar bleiben, ohne ihre Identität zu verlieren?
Einen Paradigmenwechsel zur Steinernen Stadt haben bedauerlicherweise die Grünplaner der 2000er-Jahre vollzogen
Sebastian Berz
Architekt und Vorsitzender der altaugsburggesellschaftRegensburg setzt auf Beteiligung
Wie schwierig es ist, diese Balance zu finden, zeigt sich auch in Regensburg. Der Stadtrat der UNESCO-Welterbestadt beschloss 2022 ein „Integriertes Klimafolgenanpassungskonzept“ mit zehn Schlüsselmaßnahmen. Eine davon ist der Hitzeaktionsplan, inklusive des Guides „regensburg.de/hitzehelfer“, eine weitere die Errichtung von Trinkbrunnen und Wasserspendern samt Trinkwasserpatenschaften.
Im Rahmen eines VGV-Verfahrens erhielt das Büro Terra.Nova Landschaftsarchitektur 2023 den Auftrag, „Reallabore“ an der Obermünsterstraße und am Obermünsterplatz, immerhin 0,495 ha der insgesamt 180 ha Welterbefläche, zu betreuen. Diese werden durch eine umfassende Bürgerbeteiligung samt Planungskneipen, Kreativworkshops und Onlineevaluierung begleitet. Und so belebten ab Mai 2025 begrünte Sitzboxen das Obermünsterviertel, rot gewandete Pflanztröge beruhigten den Verkehr. Das Feedback aus der Abschlussveranstaltung im August 2025 fließt nun in die langfristige Planung mit Wasserlauf und Baumbepflanzung ebenso ein wie in die Weiterentwicklung der Sofortmaßnahmen.
Dabei gilt: „Gassen, Straßen und Plätze müssen jeweils für sich differenziert betrachtet werden“, heißt es aus dem Planungs- und Baureferat. Besonders die zahllosen Bau- und Bodendenkmäler der Regensburger Altstadt müssen berücksichtigt werden: „Dazu stimmen wir uns mit der Unteren Denkmalschutzbehörde ab.“ Und das konstruktiv: „Mit der wassersensiblen Planung wird hier ein historischer Bachlauf aufgegriffen und neu sichtbar gemacht sowie eine alte Zisterne reaktiviert.“ Umgesetzt werden soll das zusammen mit einem Pocketpark 2028. Darüber hinaus sind am Alten Kornmarkt sowie am Augustinerplatz nach einer Denkmalschutzanalyse und dem Beschluss zur Verkehrsberuhigung Flächen zur Entsiegelung und für Baumpflanzungen frei geworden. Im Rahmen von Vorabmaßnahmen sollen erste Teile der Platzumgestaltungen 2027 umgesetzt werden, so Planungs- und Baureferent Florian Plajer.
Das historische Augsburger Wassermanagement hat dazu geführt, dass besonders im 18. Jahrhundert eine urbane Resilienz gefördert wurde.
Prof. Stefan Lindl
Universität AugsburgAugsburg: Klimaresilienz aus UNESCO-Tradition
Auch Augsburg besitzt mit der Maximilianstraße eine große Prachtstraße, flankiert von Renaissancepalästen, Fuggerhäusern und dem Herkulesbrunnen. Wie die Münchner Ludwigstraße ist sie Denkmal und Hitzeinsel zugleich.
In Augsburg ist es das Lager des Denkmalschutzes selbst, das Lösungsansätze liefert. Die altaugsburggesellschaft, eigentlich dem Erhalt von Kulturdenkmälern verpflichtet, hat ein konkretes Konzept für die Maximilianstraße entwickelt: Bäume in der Straßenmitte sollen die historische Mittelbebauung abbilden, die bis ins frühe 19. Jahrhundert die Straße in zwei schmale Gassen teilte. Als Ergänzung schlägt die Gesellschaft eine Wasserfläche auf dem angrenzenden Ulrichsplatz nach dem Vorbild des Miroir d’Eau in Bordeaux vor: kein klassischer Brunnen, sondern ein flaches Becken, über das in Intervallen Wasser strömt oder zerstäubt wird. Das könnte nicht nur Kühlung liefern, sondern auch einen Spiegel für die monumentalen Gebäude um den Platz.
Der Bezug auf die Geschichte ist dabei programmatisch. Sebastian Berz, Architekt und Vorsitzender der „altaugsburggesellschaft“, erinnert an Augsburgs grüne Stadtbautradition, von der zahlreiche Patriziergärten und der Grüngürtel der Gründerzeit zeugen. „Einen Paradigmenwechsel zur steinernen Stadt haben bedauerlicherweise die Grünplaner der 2000er-Jahre vollzogen.“ Begrünung ist für Berz deshalb Denkmalpflege und die Rückkehr zu einer unterbrochenen Tradition.
Das gilt genauso für die blaue Infrastruktur. Das Augsburger Wassermanagement-System ist UNESCO-Weltkulturerbe und prägt die Stadt seit Jahrhunderten, wie Historiker Prof. Stefan Lindl von der Universität Augsburg betont: „Das historische Augsburger Wassermanagement hat dazu geführt, dass besonders im 18. Jahrhundert eine urbane Resilienz gefördert wurde.“ Unter diesen Bedingungen sei Augsburg eine hygienische, lebenswerte und reiche Stadt gewesen. Darin sieht Lindl Anknüpfungspunkte auch für eine zeitgemäße Klimaanpassung.
Lindl setzt sich mit historischen Argumenten auch für eine Begrünung der Maximilianstraße ein. Als sie 1608 und 1806 zu ihrer heutigen Erscheinung umgestaltet wurde, hätten mit dem Höhepunkt bzw. der Spätphase der Kleinen Eiszeit ganz andere klimatische Bedingungen geherrscht. Eine Anpassung sei geboten, zumal damit ein anderes historisches Erscheinungsbild wiederhergestellt werden könne. Lindl plädiert dafür, „mit einem historischen Zustand zu argumentieren, der uns jetzt etwas bringt.“
In Augsburg sind es also die historischen Vorbilder, die dazu führen, dass Klimaresilienz und Denkmalschutz nicht als Gegensätze begriffen werden müssen. Hinzu kommt ein wachsendes Bewusstsein in der Stadtgesellschaft, wie Lindl beobachtet: „Inzwischen hat die Klimaerhitzung Fakten geschaffen, die niemand mehr einfach so wegdiskutiert.“
Denkmalschutz ist wichtig. Was sich jedoch ändern könnte oder sollte, ist, dass man der Fassadenbegrünung den Vorrang vor Graffiti-Schmierereien gibt.
Wolfgang Heidenreich
Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit (BEN)Kompetente Beratung im Einzelfall
Dieser Handlungsdruck ist auch bei Wolfgang Heidenreich, Berater für grüne und blaue Infrastruktur bei der https://www.beratungsstelle-ben.de/ Bayerischen Architektenkammer, angekommen. Die meisten Anfragen, erzählt der Landschaftsarchitekt, betreffen Dach- und Fassadenbegrünungen. Das Bewusstsein für deren Nutzen ist inzwischen deutlich gewachsen: Bauherrschaften und Eigentümer wollten vor allem wissen, welche Möglichkeiten für ihr Gebäude bestehen und welche Förderungen sie nutzen können. Was aber nicht heißt, dass Fassadenbegrünungen an der Straßenfassade immer zugelassen werden. Heidenreich betont: „Denkmalschutz ist wichtig. Was sich jedoch ändern könnte oder sollte, ist, dass man der Fassadenbegrünung den Vorrang vor Graffiti-Schmierereien gibt – professionelle Graffitis an vorgesehenen Stellen sind damit natürlich ausdrücklich nicht gemeint.“ Denn Fassadenbegrünungen bringen nicht nur klimatische Vorteile, sondern auch optische.
Lösungen: gestalterisch, technisch, individuell
Zurück nach München: Hier rückt Heidenreich als Instrument der Klimaanpassung die historischen Stadtbäche in den Blick, die von Isarwasser gespeist und zum Teil als Eisbach durch den Englischen Garten fließen. Allerdings liegen sie heute im Innenstadtbereich oft vier bis fünf Meter tief unter der Oberfläche, wo eine Öffnung nur bedingt sinnvoll sei, da die kalte Luft nicht nach oben steigt: „Eine Wiederherstellung der historischen Situation sehe ich nicht als realistisch an.“
Sinnvoll allerdings könne es werden, „wenn das Stadtbachwasser sich mit selbst erzeugter Energie teilweise nach oben pumpt. Eine von Green City beauftragte Machbarkeitsstudie aus 2017 zeigt, dass dies mit hocheffizienten Turbinen zur Stromerzeugung möglich ist.“
Die klimaresiliente Stadt entsteht, das zeigen die vorgestellten Maßnahmen, nicht auf der grünen Wiese, sondern im Bestand, im Abwägen zwischen Bewahren und Weiterbauen, im Vermitteln, Forschen und Diskutieren. Die gute Nachricht: Die Beispiele zeigen, dass der notwendige Wandel zumindest begonnen hat, in den Köpfen und auf der Straße, mithilfe technischer und gestalterischer Eingriffe. Nur pauschale Lösungen, die wird es nicht geben.
Katharina Matzig & Jakob Irler
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