Making of – Das Jahrbuch der Architektenkammer Berlin
Seit fast zwei Jahrzehnten begleitet Louis Back das Jahrbuch der Architektenkammer Berlin als Redakteur. Ein Gespräch über Baukultur, Teamarbeit und den Wert eines Buchs im digitalen Zeitalter.
Lieber Louis Back, was ist ein alter Haudegen?
Haha, keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?
Wir meinen das natürlich metaphorisch. Aber Sie begleiten das Jahrbuch schon seit 19 Ausgaben, das macht allein an die 3.500 Seiten, die alle gefüllt, koordiniert, geprüft und freigegeben sein wollen – und natürlich auch gut aussehen müssen. Wer ist außer Ihnen als Redakteur daran beteiligt?
Sehr, sehr viele. Ein Buch ist immer Teamarbeit. An erster Stelle stehen die Büros. Ohne deren Arbeit gäb’s schlicht nichts zu zeigen. Die Geschäftsstelle der Kammer – und vor allem das Referat Medien & Öffentlichkeitsarbeit – organisiert die ganzen Prozesse. Praktisch rund ums Jahr. Sobald ein Buch erscheint, läuft schon die Themensammlung fürs nächste an. Und die Suche nach Autorinnen und Autoren, die die Beiträge recherchieren und schreiben. Verlag, Referat und Grafik sind mit im Team, wenn’s zum Beispiel um die Auswahl der Abbildungen oder das Layout geht. Dazu kommen die Leute, die übersetzen, lithografieren, Korrektur lesen, das Ganze drucken oder sich am Ende um den Vertrieb kümmern.
Gab es eine Lieblingsausgabe?
Nein. Immer die aktuelle! Natürlich gab’s und gibt’s schon mal das ein oder andere Lieblingsprojekt. Aber welche das sind oder waren, werde ich schön brav für mich behalten.
Ein Buch ist immer Teamarbeit. An erster Stelle stehen die Büros. Ohne deren Arbeit gäb’s schlicht nichts zu zeigen. Die Geschäftsstelle der Kammer organisiert die Prozesse praktisch rund ums Jahr.
Louis Back
Redakteur
Welche Entwicklungen in der Berliner Baukultur zeigt ein so verlässlich erscheinendes Jahrbuch? Vergleichen wir mal die letzten 15 Jahre …
Gehen Sie ruhig weiter zurück. In meiner allerersten Ausgabe war das Ende der Ära Stimmann ein Thema. Das war 2006 und fiel mit dem Wandel von der schrumpfenden zur Stadt, die plötzlich wieder sexy war, zusammen. Und mit den Anfängen der baukulturellen Zeitenwende: weg von Formalismen, hin zu mehr Vielfalt, weg vom Ex-und-hopp, hin zum Weiterbauen, weg von dem, was bloß ästhetisch, und hin zu dem, was gesellschaftlich wirksam ist. Man kann auch sagen: weg von Personen und angestaubten Programmen, hin zu neuen, globaleren Aufgaben, Ansprüchen und Notwendigkeiten. Was die Architekturwelt heute umtreibt, war im Grunde spätestens vor 15 Jahren absehbar. Nur ein Beispiel: 2011 hatten wir eine sensible und nachhaltige Ergänzung einer historischen Scheune im Buch. Ein Holzbau, der heute so aktuell wäre wie damals. Und im selben Buch gab es einen Essay zu urbanem Hitzeschutz und Klimaanpassung im Freiraum. Wohlgemerkt 2011, nicht 2026! Die Themen haben sich seither nur schärfer profiliert. Und natürlich deutlich ausdifferenziert.
Die Projekte wählt eine jährlich wechselnde Jury in einem offenen Einreichungsverfahren. Wie wirkt sich das auf Qualität, Vielfalt und Repräsentativität der gezeigten Arbeiten aus?
Auf viele Arten. Man kann etwa an den Auswahlen ablesen, was zu welcher Zeit gefragt war. Wann Schulen Konjunktur hatten, wann Kulturbauten, wann Baugruppen. Oder dass der Wohnungsbau immer Thema Nummer eins geblieben ist. Dass jedes Mitglied ein Projekt einreichen kann, ebnet den Weg für Unbekannteres. Auch kleinere Objekte, die in den Medien sonst selten oder gar nicht auftauchen, aber sehr gut anschaulich machen, was Qualität hat. Das ist der Kammer immens wichtig – völlig zurecht. Das Auswahlgremium ist dafür unverzichtbar. Weil es eben keine Jury ist, sondern eher ein Kuratorium. Es entscheidet selbst, was es für zeigenswert hält, findet eigene Kriterien und kann dadurch inhaltliche Schwerpunkte setzen. Das funktioniert sehr gut, wenn die Beteiligten auf Augenhöhe agieren. In meinen Anfangsjahren kam es schon mal vor, dass ein Alphatierchen im Gremium die Entscheidungen kaperte. Heute, habe ich den Eindruck, sind selbst die renommiertesten Koryphäen weit teamfähiger, diskursiver und meinungsoffener. Die Zeiten übergroßer Hybris sind vorbei. Das ist gut so.
Stichwort Essays: Wissen Sie noch, wie viele es genau waren?
Seit dem Relaunch 2011 kann ich’s auf Anhieb sagen: 120 – acht pro Ausgabe. Und davor? Da muss ich nachzählen. Das geht schwarz auf weiß leichter als aus der Erinnerung. Es waren… noch mal 35 Beiträge. Zusammen also über 150.
Ergeben 150 Essays bereits einen Architekturdiskurs? Wie gelingt es, im Jahrbuch über eine reine Projektschau hinaus die Berliner Planungslandschaft international zu positionieren?
Das Buch wird natürlich nie den ganzen Diskurs abbilden. Aber die Essays werfen gezielte Schlaglichter. Die Themen stimmen wir im Beirat ab. Da bleiben von 30 bis 40 Ideen acht übrig. Mal sind es Bestandsaufnahmen zu typischen Bauaufgaben, mal geht’s um Leuchtturmlösungen und mal um wunderbar unnützes Wissen an der Seitenlinie, das aber überraschend und spannend ist. In der Zusammenschau zeigen sich dann Trends: Du erkennst, wie und wo diese Stadt entsteht und wie Planung funktioniert. Was Berlin umtreibt. Und auch, wie die Menschen ticken, die das Werden der Stadt in unterschiedlichsten Rollen mitverantworten.
Parallel zur Publikation werden die Projekte in der jährlichen da!-Ausstellung gezeigt: Was ist Ihnen lieber? Buch oder Ausstellung?
Ernsthaft? Das fragen Sie einen Printmenschen? Das Buch natürlich. Die Ausstellungen sind leider viel zu schnell Geschichte. Eins ohne das andere will ich mir trotzdem nicht vorstellen. Die Ausstellung (und speziell ihr Opening) vertieft und belebt den Diskurs und sorgt so dafür, dass das Buch nicht zur toten Literatur verkommt.
Inwiefern verändert die räumliche Präsentation die Wahrnehmung der ausgewählten Arbeiten im Vergleich zum Buch?
Also, so sehr anders ist die Präsentation in der Ausstellung gar nicht. Die Tafeln arbeiten ja auch 2D mit Text und Bild. Es geht eher um den Raum vor den Tafeln, den ich mir mit anderen teile, wo ich ins Gespräch komme. Außerdem gibt die Ausstellung den teilnehmenden Büros Gelegenheit, ihre Sicht zu zeigen und eigene Akzente zu setzen. Das Buch muss auf eine projektübergreifend einheitliche Darstellung in sachlichem Tonfall achten, damit auch Nichtfachleute die Arbeiten verstehen. Das ist gar nicht immer einfach: Ein ingenieurtechnisch orientiertes Büro wird seine Brücke anders beschreiben als ein Innenarchitekturteam sein Interieur. Einmal stehen Kennzahlen und konstruktive Details im Fokus, einmal Atmosphäre und Design. Da gerät der eine Text schnell etwas zu fachsprachlich oder klingt für Laien verklausuliert, und der andere einen Tick zu poetisch und vollmundig. Deshalb überarbeiten wir die Projekttexte fürs Buch.
Welche Rolle kann ein kuratiertes Jahrbuch heute – im Zeitalter digitaler Bilderfluten und schneller Medienzyklen – noch für den architektonischen Diskurs und die Sichtbarkeit qualitätsvoller Baukultur spielen?
Ich würde es nicht unterschätzen. Einerseits, weil das Medium auf gute Weise unzeitgemäß ist. Ein Buch hat selbst in der Gen Z eine andere Wertigkeit, als wenn’s halt noch’n Podcast wäre. Digitales versandet schnell. Das Buch wird aufbewahrt und kann so längere Zeiträume ins Visier nehmen. Blättern Sie mal ältere Ausgaben durch! Da werden Ihnen unwillkürlich etliche „Ach, sieh mal einer an!“ rausrutschen.
Wird es in zehn Jahren noch ein Jahrbuch geben?
Das hoffe ich sehr. Das Buch richtet sich an die Kammermitglieder, an Fachöffentlichkeit, Politik und Stadtgesellschaft gleichermaßen. Es wird international wahrgenommen. So publiziert zu werden, sehen viele Büros als Auszeichnung. Den Wunsch danach wird es auch in zehn, zwanzig Jahren geben. Ob wir dagegen dann noch Instagram bespielen? Wer weiß? Wir werden es erleben.
Christine Jokerst-Pauli
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