Too hot? Die Lösungen sind längst da
Wenn über Klimawandel gesprochen wird, dominieren oft Rekordtemperaturen, Hitzetote oder Starkregen. Die Ausstellung „Too Hot – Heiße Städte, neue Wege“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main wählt einen anderen Zugang: Sie fragt nicht mehr, ob sich Städte verändern müssen, sondern wie sie das bereits tun.
Im Mittelpunkt stehen 13 europäische Städte – von Barcelona bis Lappeenranta, von Kopenhagen bis Kalamata. Sie alle reagieren auf unterschiedliche Weise auf die Folgen des Klimawandels: mit begrünten Straßen und Plätzen, neuen Mobilitätskonzepten, Regenwassermanagement, klimagerechter Sanierung des Gebäudebestands oder der Umgestaltung öffentlicher Räume.
„In den letzten 100 Jahren ist die Durchschnittstemperatur in Europa um 2,4 Grad gestiegen. Das Pariser Abkommen sieht vor, die globale Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad zu begrenzen – aber wenn wir weitermachen wie bisher, gehen wir eher von 2,8 Grad aus.“ Für Kurator Mathias Schnell war deshalb früh klar, dass die Ausstellung bei den Städten ansetzen muss. „Unsere urbanen Räume sind für rund 75 % der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich. Das heißt, in den Städten liegt eine starke Verantwortung, aber vor allem auch das Potenzial für die Lösungen.“ Denn hier treffen die Auswirkungen der Klimakrise auf die planerischen Möglichkeiten, ihnen zu begegnen.
Keine Patentrezepte
Die Auswahl der Städte folgt dabei keiner Rangliste erfolgreicher Vorbilder. Gezeigt werden große und kleine Kommunen, wohlhabende und finanzschwächere Städte sowie unterschiedliche Klimaräume Europas.
Gemeinsam bilden sie eine Art Reallabor, das sehr verschiedene Ansätze sichtbar macht. So zeigt zum Beispiel Barcelona, wie Straßen durch Superblocks und grüne Achsen wieder zu Aufenthaltsräumen werden. Kopenhagen reagiert nach verheerenden Starkregenereignissen mit einem groß angelegten Schwammstadt-Konzept (Skybrudsplan) und mehr als 300 Einzelmaßnahmen. Wien verbindet Klimaanpassung mit seiner Wohnbaupolitik, Paris sucht Lösungen für die Überhitzung der historischen Zinkdächer, während Lappeenranta die Energiewende mit Klimabildung an Schulen verknüpft. „Wir haben versucht, mit dieser Auswahl eine Bandbreite Europas zu zeigen“, sagt Schnell. Entscheidend seien weniger einzelne Leuchtturmprojekte als die unterschiedlichen Rahmenbedingungen, unter denen Städte ihre Strategien entwickeln. Dabei geht es nicht nur um technische Lösungen. Die Ausstellung macht auch deutlich, dass Klimaanpassung immer eine soziale Dimension besitzt.
Die Viertel mit dem höchsten Migrationsanteil und den einkommensschwächsten Haushalten sind am stärksten von Hitze betroffen. Das sind oft dicht bebaute Bereiche, die keinen hohen Anteil an Grünräumen haben. Deshalb ist es auch eine soziale Frage.
Mathias Schnell
Auffällig ist, dass die Ausstellung Architektur und Stadtplanung nicht isoliert betrachtet. Neben gebauten Projekten werden strategische Planungen und zivilgesellschaftliche Initiativen vorgestellt. Klimaanpassung erscheint damit nicht allein als planerische oder technische Aufgabe. Bei aller Vielfalt zeigen sich laut Schnell wiederkehrende Muster: „Wir zeigen immer drei verschiedene Maßnahmen: bauliche Maßnahmen, strategisch-planerische Ansätze und zivilgesellschaftliche Initiativen. Uns war wichtig, dass das nicht nur Top-down ist, sondern auch Bottom-up, um zu zeigen, dass dieser Wandel sehr vielfältig sein kann.“
Vom Gefühl zur Erkenntnis
Warum die Ausstellung Messgeräte zeigt, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Der Messtisch mit Instrumenten für Temperatur, Luft, Boden und Wasser soll Klimawandel aus der Ebene des subjektiven Empfindens holen und wissenschaftlich nachvollziehbar machen.
„Dass es zu heiß ist, ist nicht nur ein subjektiv erlebtes Gefühl – es lässt sich wirklich messen“, erklärt Schnell. Erst belastbare Daten ermöglichten es Städten, Maßnahmen zu entwickeln und ihre Wirkung zu überprüfen. Ergänzt werden die wissenschaftlichen Grundlagen durch Interviews mit Expertinnen und Experten zu Gesundheit, sozialer Gerechtigkeit, Ressourcenverbrauch und Greenwashing. So spannt die Ausstellung den Bogen von der naturwissenschaftlichen Einordnung bis zu den gesellschaftlichen Folgen des Stadtumbaus.
Ein wiederkehrendes Motiv der Ausstellung: Klimaanpassung muss nicht mit Verzicht einhergehen. Am Beispiel Barcelona macht Schnell das deutlich: „Eine Umgestaltung muss nicht immer mit Verzicht zu tun haben, sondern kann wirklich Mehrwert bieten. Barcelona verbindet mit dieser Umgestaltung des öffentlichen Raums Klimaschutz und Klimaanpassung mit einer Steigerung der Lebensqualität.“
Gleichzeitig warnt der Kurator vor der Annahme, dass einmal eingeschlagene Wege dauerhaft Bestand haben. Am Beispiel der Barcelona-Superblocks, von denen einst 500 geplant waren und inzwischen rund 20 realisiert sind, zeigt sich: Politische Kurswechsel können Klimaanpassungsprozesse ausbremsen. Sein Appell ist daher deutlich: „Ich wünsche mir von den Planenden, dass sie dranbleiben, dass sie Allianzen bilden mit Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft, um mutigere Schritte zu gehen.“
DAB Redaktion
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