Gebaut für die Hitze?
Das Wochenende vom 28./29. Juni 2026 bleibt in Erinnerung. Nicht nur wegen des jährlich stattfindenden Tags der Architektur, sondern auch wegen der Hitzewelle, die Europa fest im Griff hatte. Allein in Deutschland wurden an 46 Stationen über 40 Grad gemessen und über 250 Wetterstationen verzeichneten Allzeithöchstwerte. Worüber nur wenige sprechen: die über 10.000 zusätzlichen Hitzetote in Europa.
Aber nicht nur in dieser Woche kämpfte Deutschland gegen die Hitze. Mit jedem Sommer steigen die Temperaturen, die Anzahl der Hitzetage und mit ihnen auch die gesundheitlichen Belastungen für Menschen. In den Hintergrund rückt die Rolle unserer gebauten Umwelt. Es stellt sich die Frage: Sind Hitzetote die Folge räumlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen?
(Keine) Zukunftsmusik
Bis zu 68.000 Todesfälle in einem Jahr: So könnte es in Europa bis 2030 aussehen. Aber der Klimawandel verändert die Welt schon heute. Allein 2025 sind in Deutschland 2.600 Personen an den Folgen von Hitze verstorben. Im Hitzesommer 2018 lag die Zahl der hitzebedingten Todesfälle bei über 8.000 Menschen. In Europa war die Hitze, laut des Imperial College London, für 42 % zusätzliche Todesfälle verantwortlich. Man spricht bei der vergangenen Hitzewelle von einer „Übersterblichkeit“. Ein Grund hierfür sind Vorerkrankungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen, aber eine weitere Ursache für diese Todesfälle sind stadtplanerische Entscheidungen und die von privaten Besitzern und Investoren
Hitzetote
68.000
Laut des französischen Gesundheitsinstituts Inserm und des spanischen Instituts ISGlobal könnten in Europa bis 2030 im Schnitt so viele Menschen jedes Jahr an Hitze sterben – sofern es keine angemessenen Schutzmaßnahmen gibt.
Hitze trifft nicht alle gleich
Anders als bei anderen Naturkatastrophen verhalten sich hitzebedingte Todesfälle schleichend. Dieser stille Prozess wird gesellschaftlich meist nicht wahrgenommen. Besonders betroffen ist eine vom Robert Koch-Institut (RKI) definierte Risikogruppe: vorerkrankte Menschen, die das 75. Lebensjahr bereits überschritten haben. Zu den Vorerkrankungen zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenerkrankungen oder Demenz. Die höchsten Sterblichkeitsraten verzeichnet das RKI bei Menschen mit über 85 Jahren.
Entscheidend ist dabei nicht nur die Temperatur auf dem Thermometer, sondern auch, wie der Körper diese wahrnimmt. Wichtige Einflussfaktoren sind Wind, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und die eigene Bewegung. Je nach Ausprägung kann der Körper stärker belastet werden.
Ansteigende Temperatur, sinkende Lebensqualität
Bevor anhaltendende Hitze zu gesundheitlichen Notfällen führt, schränkt sie den Alltag vieler Menschen ein. Öffentliche Plätze verlieren an Aufenthaltsqualität, Wohnungen heizen sich über Tage hinweg auf und nachts fehlen Erholungsphasen, wenn Innenräume nicht ausreichend abkühlen. Besonders betroffen sind Menschen, die sich der Hitze kaum entziehen können, weil sie in dicht bebauten Quartieren leben. Hier lautet das Stichwort: räumliche Verwundbarkeit. Finanziell ist es vielen Menschen nicht möglich, sich Wohnraum zu leisten, der entsprechenden sommerlichen Wärmeschutz besitzt.
Bei diesem Thema lohnt sich ein Blick in andere Länder. Frankreich verzeichnete 2026 bereits drei Hitzewellen in zwei Monaten. Frankreichs Maßnahmen sind im Hitze-Notfallplan festgelegt. Dazu gehören unter anderem die Schaffung von Abkühlungszentren für besonders gefährdete Menschen oder die Öffnung von Schulhöfen, Parks und Grünflächen in der Nacht. Ältere Menschen und Obdachlose können sich für einige Stunden oder über Nacht in den Zentren aufhalten.
Gebaut für ein anderes Klima
Neben dem Alter und möglichen Vorerkrankungen spielt auch der Wohnort eine entscheidende Rolle. Der überwiegende Teil deutscher Städte entstand, in einer Zeit in der Extremhitze noch nicht als Planungsfaktor galt. Verdichtung, Verkehrsflächen und Flächeneffizienz standen im Vordergrund. Sommerliche Überhitzung spielte allenfalls eine untergeordnete Rolle. Besonders deutlich wird das im Vergleich zwischen Stadt und Land. Man spricht vom Urban Heat Effekt. Durch drei Hauptfaktoren kommt es in Städten zur extremen Aufheizung. Zum einen werden 80 % der Sonneneinstrahlung tagsüber durch dunkle Straßen und Gebäude absorbiert. Zudem fehlt es in Städten oft an Bäumen, Wiesen und Wasserflächen. Daher entfällt ein Kühlungseffekt durch verdunstendes Wasser. Der dritte Punkt ist anthropogene Wärme durch Abwärme von Industrie, Wärmekraftwerken, Verbrennerfahrzeugen und Klimaanlagen, die die Luft aufheizen. So kann es laut der Helmholtz Klimainitiative vorkommen, dass es in großen Ballungsräumen bis zu 10 °Celsius wärmer sein kann als im entsprechenden Umland.
10° C
So viel höher kann laut der Helmholtz Klimainitiative die Temperatur in großen Ballungsräumen im Vergleich zu ihrem Umland sein.
Mehr als ein Wetterphänomen
Hitzewellen lassen sich nur schwer verhindern. Ihre gesundheitlichen Folgen sind jedoch viel mehr als ausschließlich Naturereignisse. Denn die Zahl der Hitzetoten zeigt nicht nur, dass sich das Klima verändert, sondern auch, wie verletzlich unsere Städte geworden sind. Wo Straßen, Gebäude und Freiräume Hitze speichern, wo viele vorerkrankte Menschen wohnen und wo Erholungsräume fehlen, steigt das Risiko.
Für die Stadtplanung heißt das, klimaresiliente Räume mitzudenken. Stadtplanung wirft einen Blick in die Zukunft und Hitze und ihre Folgen sind Teil dieser Zukunft. So ist es möglich, klimabewusstes Bauen zu etablieren. Aber auch die anderen 80 % des Gebäudebestandes müssen mitgedacht werden. Genau der Anteil, der privaten Eigentümern und Investoren gehört. Dort sind auch jetzt schon Anpassungen an die zunehmenden Hitzetage möglich.
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