Klimaanpassung als Umbaukultur – der Johannes-Kepler-Platz in Potsdam
Klimaresiliente Städte entstehen nicht durch neue Parks oder Modellquartiere, sondern durch die Transformation der bestehenden öffentlichen Räume. Der nachhaltigste Stadtplatz ist häufig der, dessen Identität erhalten bleibt.
Die Anpassung unserer Städte an den Klimawandel zählt zu den zentralen Aufgaben der Landschaftsarchitektur. Doch die Zukunft der klimaresilienten Stadt entscheidet sich nur selten auf der grünen Wiese. Sie entsteht vielmehr dort, wo bestehende öffentliche Räume an veränderte klimatische Bedingungen angepasst werden müssen – auf Stadtplätzen, Straßenräumen und Freiflächen, die vielfach aus einer Zeit stammen, in der Hitzestress, Starkregen oder lang anhaltende Trockenperioden noch keine maßgeblichen Entwurfsparameter waren.
Damit verändert sich auch das Selbstverständnis der Disziplin. Klimaanpassung bedeutet heute weit mehr als das Ergänzen technischer Maßnahmen oder zusätzlicher Vegetation. Sie wird zu einer Form des Weiterbauens im Bestand, bei der bestehende räumliche Qualitäten erhalten, weiterentwickelt und zugleich um neue ökologische Funktionen ergänzt werden. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur die Reduzierung von CO₂-Emissionen, sondern ebenso einen sparsamen Umgang mit den materiellen und kulturellen Ressourcen, die bereits vorhanden sind.
Der Johannes-Kepler-Platz in Potsdam steht exemplarisch für diesen Wandel. Als Zentrum der zwischen 1970 und 1980 errichteten Großwohnsiedlung Am Stern erfüllt der Platz bis heute vielfältige Funktionen: Er verbindet Wohnquartiere, nimmt Wochenmärkte und Stadtteilfeste auf und bildet den wichtigsten öffentlichen Treffpunkt des Quartiers. Gleichzeitig ist die weitgehend versiegelte Fläche den Folgen des Klimawandels unmittelbar ausgesetzt. Während sommerlicher Hitzeperioden entwickelt sich der Platz zu einer ausgeprägten Wärmeinsel; schattige Aufenthaltsbereiche fehlen weitestgehend.
Im Rahmen des Förderprogramms Smart City wird der Platz deshalb behutsam zu einem klimaangepassten Stadtplatz – einem „Cooling Point“ – weiterentwickelt, um die Anwohner:innen besser vor extremer Hitze zu schützen. Die Umgestaltung soll das urbane Leben auf dem Platz stärken: als Treffpunkt, Ort der Begegnung, mit Geschäften des täglichen Bedarfs und als Veranstaltungsort. Ziel ist es jedoch ausdrücklich nicht, den Platz neu zu entwerfen. Vielmehr geht es darum, den vorhandenen Ort so zu transformieren, dass seine Identität erhalten bleibt und gleichzeitig neue klimatische Funktionen entstehen.
Was funktional gedacht war, wird für die Nutzenden klimatisch zur Belastung.
Sibylle Tinius
Der Bestand als Ressource
Der Entwurf versteht den Bestand nicht als Defizit, sondern als Ausgangspunkt. Das markante Pflasterbild mit seinen konzentrischen Kreisen um geometrisch angeordnete Leuchtstelen als Reminiszenz an Kepler bleibt als identitätsstiftendes Element erhalten. Statt den Platz neu zu ordnen, wird seine Gestalt behutsam weitergeschrieben. Zwei großzügige Vegetationsflächen an der Ost- und Westseite legen sich wie grüne Lungenflügel auf den steinernen Platzteppich und ergänzen die vorhandene Struktur. Baumreihen stärken die Platzkanten, umlaufende Sitzkanten schaffen neue Aufenthaltsorte im Schatten, während die Platzmitte weiterhin Raum für Märkte, Stadtteilfeste oder die alltägliche Aneignung bietet.
Diese Haltung ist nicht allein Ausdruck gestalterischer Zurückhaltung. Sie folgt einem ressourcenschonenden Planungsverständnis, das die soziale Erinnerung der Bewohner des Quartiers an einen vertrauten Ort ebenso wertschätzt wie den Erhalt vorhandener Materialien. Die Klimaanpassung versteht sich als Teil einer zeitgemäßen Umbaukultur.
Die neue Ästhetik klimaresilienter Plätze
Mit dem Ziel des sommerlichen Hitzeschutzes verändert sich zugleich die Gestaltsprache öffentlicher Räume. Lange Zeit galt der möglichst offene, multifunktionale Platz als Leitbild der Stadtplanung. Großzügige befestigte Flächen versprachen Flexibilität und vielfältige Nutzbarkeit. Unter den Bedingungen zunehmender Hitze zeigen sich jedoch die Grenzen dieses Verständnisses. Was funktional gedacht war, wird für die Nutzenden klimatisch zur Belastung. Der klimaangepasste Stadtplatz folgt daher einer anderen Logik. Seine Qualität entsteht nicht trotz, sondern gerade durch Verschattung, Verdunstung und Vegetation. Bäume sind nicht mehr nur dekorative Ergänzungen oder Möblierungselemente, sondern werden zu tragenden Bestandteilen der räumlichen Komposition. Sie definieren Räume, strukturieren Bewegungen, verbessern das Mikroklima und schaffen Aufenthaltsqualität zugleich.
Die Ästhetik klimaresilienter Stadträume entwickelt sich damit aus ihrer ökologischen Leistungsfähigkeit. Klimatische Funktionen und räumliche Gestaltung bilden eine gestalterische Einheit.
Das Wasser als Ressource
Diese neue Haltung zeigt sich ebenso im Umgang mit Regenwasser. Während Niederschlagswasser lange Zeit möglichst schnell aus der Stadt abgeführt wurde, wird es heute zunehmend als wertvolle Ressource verstanden. Verdunstungskühlung, Bodenfeuchte und gesunde Stadtbäume sind unmittelbar von seiner Verfügbarkeit abhängig.
Auf dem Johannes-Kepler-Platz werden deshalb rund 360 qm Fläche entsiegelt. Es werden zahlreiche klimaresiliente Großbäume – Platanen und Gleditschien – in Baumrigolen gepflanzt. Sie nehmen das Regenwasser auf, speichern es und stellen es den Bäumen und Pflanzflächen langfristig zur Verfügung. Das Prinzip lautet: Entwässern, Speichern, Verdunsten und Versickern statt Ableiten.
Die Qualifizierung der angrenzenden Stadtteilbibliothek wurde innerhalb des Rahmenplans „Am Stern“ bereits 2024 als Initialprojekt zur Belebung der Erdgeschosszone und Ausweitung des Angebots im Quartier identifiziert. Durch die fast zeitgleiche Sanierung der Bibliothek ergeben sich in diesem Projekt besondere Synergien. Das Niederschlagswasser der Dachfläche wird künftig zusätzlich zur Platzfläche in die Baumrigolen entwässert. Gebäude und Freiraum werden als gemeinsames wasserwirtschaftliches System gedacht – ein ganzheitlicher Ansatz, der nur durch die koordinierte Planung beider Projekte möglich wurde.
Die Klimaanpassung des Platzes greift tief in bestehende Funktionszusammenhänge ein.
Sibylle Tinius
Klimaanpassung ist vor allem Prozessplanung
Die größte Herausforderung lag jedoch nicht in der gestalterischen oder technischen Umsetzung. Die Klimaanpassung des Platzes greift tief in bestehende Funktionszusammenhänge ein. Leitungsinfrastruktur, Feuerwehrbewegungsflächen, Marktbetrieb, Veranstaltungsnutzung und Anforderungen an den Betrieb der Baumrigolen müssen in Einklang gebracht werden. Dies alles erfordert komplexe Abwägungen zwischen technischen Zwängen, funktionalen Ansprüchen und gestalterischen Zielen. Ebenso anspruchsvoll ist der Dialog mit Verwaltung, Politik und Bürgerschaft. Die Anpassungen auf dem Platz verändern vertraute Stadträume und verlangen häufig Entscheidungen, deren Nutzen sich erst langfristig entfaltet. Daran wird deutlich, dass Resilienz nicht allein eine technische oder gestalterische Kategorie ist. Sie ist ebenso gefragt bei der Kommunikation, Beteiligung und der Bereitschaft, unterschiedliche Interessen über längere Zeiträume hinweg auszuhandeln. Die Fertigstellung des Gesamtprojekts ist für 2027 vorgesehen.
Fazit
Der Johannes-Kepler-Platz ist als Reallabor zu betrachten. Klimaanpassung bedeutet hier nicht, bestehende Stadträume vollständig neu zu erfinden. Sie bedeutet, sie weiterzubauen: mit Respekt vor dem Vorhandenen, mit einem bewussten Umgang mit Ressourcen und mit dem Anspruch, ökologische Leistungsfähigkeit und räumliche Qualität zusammenzudenken. Die klimaresiliente Stadt der Zukunft wird deshalb nicht allein durch neue Quartiere entstehen. Sie entsteht dort, wo wir die gebaute Stadt als Ressource begreifen und ihre öffentlichen Räume behutsam, aber konsequent an die Bedingungen eines veränderten Klimas anpassen.
Der zeitliche Mehraufwand verdeutlicht eine weitere grundlegende Erkenntnis: Klimaresiliente Planung ist interdisziplinär, verändert die Planungskultur selbst und verlangt gerade bei der Anpassung im Bestand Flexibilität und Kompromissbereitschaft von allen Beteiligten.
Projektdaten
Johannes-Kepler-Platz in Potsdam
Projektdaten
Johannes-Kepler-Platz in Potsdam
Ort: Potsdam
Bauherr: Landeshauptstadt Potsdam
Landschaftsarchitektur: Tinius Architekten PartGmbB
Flächentsiegelung: ca. 360 qm
Neupflanzung
4 × Platanus acerifolia – Platane
9 × Gleditsia triacanthos „Skyline“ – dornenlose Gleditschie
5 × Gleditsia triacanthos „Sunburst“ – Gold-Gleditschie
Zur Person
Sibylle Tinius
Zur Person
Sibylle Tinius
Sibylle Tinius ist freischaffende Landschaftsarchitektin und Partnerin im Büro Tinius Architekten PartGmbB. Sie ist Mitglied des Ausschusses Wettbewerbe und Vergabe der Brandenburgischen Architektenkammer und engagiert sich im Naturschutzbeirat der Stadt Brandenburg an der Havel.
Dipl.-Ing. Maria Pegelow
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Wettbewerb und Vergabe , Brandenburgische Architektenkammer DAB Redaktion BrandenburgDas könnte Sie auch interessieren
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