„Wir sind dazu aufgerufen, gute Geschichten zu erzählen“
Interview: Planende dürfen ruhig selbstbewusster an die Vermittlung ihrer Arbeit herangehen, sagt Prof. Jan Krause, Leiter des Masterstudiengangs „AMM Architektur Media Management“ an der Hochschule Bochum.
Herr Krause, Sie haben mal gesagt: Architektur ist 10 % Inspiration und 90 % Kommunikation. Das überrascht auf den ersten Blick. Was ist damit gemeint?
Jan Krause (lacht): Na ja, das ist natürlich keine wissenschaftliche Berechnung. Aber es ist doch so: Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner benötigen im Planungsprozess sehr viel Sicherheit im Kommunikationsmanagement, damit aus einer guten Idee auch ein schönes Gebäude wird.
Schauen wir uns den Schaffens- und Umsetzungsprozess doch mal genauer an: Architektur entsteht von Anfang an vor allem im Dialog. Mit allen am Planungsprozess Beteiligten. Ob es jetzt die Bauherrschaft ist oder das Planungsteam im eigenen Büro. Wir kommunizieren mit der Bauaufsicht und mit Fachingenieuren, mit auf der Baustelle tätigen Unternehmen und Handwerkern. Und auch nicht selten mit Nachbar:innen oder der interessierten Öffentlichkeit. So entstehen viele Kommunikationswege rund um ein Projekt.
Wir sind dazu aufgerufen, das alles zusammenzubringen. Es fließen ständig Informationen hin und her. All dies müssen wir als Architektinnen und Planer immer wieder in Bezug zueinander setzen. Diese Rolle nimmt uns keiner ab!
Wir müssen das Besondere feiern, die vielen kleinen Konflikte, die wir im Planungsprozess erlebt haben und die gelöst wurden.
Jan Krause
Professor für Architektur Media Management AMM an der Hochschule BochumDas heißt, Architekten und Planerinnen sind – vielleicht ohne es selbst so wahrzunehmen – richtige Kommunikationsprofis.
Richtig! Natürlich braucht es die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen und die Antworten darauf zu moderieren. Aber eigentlich immer sind wir in unseren Planungsprozessen doch dazu aufgerufen, gute Geschichten zu erzählen, mit denen wir unsere Vorstellungskraft und die Idee vom entstehenden Projekt anderen vermitteln – je nach Anlass mal fachbezogener, mal emotionaler. Zielgruppengerecht eben. Kommunikation ist also eine unserer wichtigsten Kernkompetenzen. Wir müssen unsere Idee davon, wie Häuser und Gebäude, wie Städte und Landschaften gestaltet sein sollen und wirken, unser Verständnis von Baukultur, nur mehr in die Welt tragen.
Was ist daran manchmal so schwer?
Wenn man es genau nimmt, geht es uns in unserem Schaffen ja nicht einfach nur um das Haus oder das Werk an sich. Uns geht es doch um das Leben in und mit unseren Objekten. Wir Planer:innen sind von Anfang an darauf geschult, in die Zukunft zu denken. Welche drei Leben könnte das Objekt haben, das wir planen? Wie kann es genutzt werden, wenn es in seiner ursprünglichen Bestimmung keine Verwendung mehr hat? Auf dieses konzeptionelle Denken werden wir in unserer Ausbildung trainiert.
Im Gegenzug stoßen wir aber auf Auftraggeberseite häufig auf ein Gegenüber, das in Maßnahmen denkt. Unsere Planungskonzepte geben Perspektiven und sind tragfähig. Maßnahmen aber enden irgendwann. Das ist die große Herausforderung in der Architekturvermittlung: die hinter unserem Werk stehende Komplexität erlebbar zu machen. Und dem Gegenüber beizubringen, diese ganz neu zu erfassen.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen öffentlichen Dialog über ein entstehendes Objekt?
So früh wie möglich. Manchmal schon in der so viel beschworenen sogenannten „Leistungsphase 0“. Es ist generell sehr wertvoll, früh miteinander ins Gespräch zu kommen, denn so kann auch möglichst viel Wissen in den Entwurfsprozess einfließen. Aber das ist natürlich nicht immer möglich. Darum ist die Kontinuität noch viel wichtiger als der richtige Zeitpunkt. Mit nur einem Gespräch ist gar nichts erledigt.
Masterstudiengang AMM Architektur Media Management
Masterstudiengang AMM Architektur Media Management
Bewerbungsschluss für den Masterstudiengang AMM Architektur Media Management an der Hochschule Bochum ist der 15. Juli 2026. Info unter www.amm-bochum.de
Digitale Informationsveranstaltungen über Programm, Praxis und Perspektiven mit Prof. Jan Krause: am 1.7. und 8.7.2026 um 17 Uhr live auf Zoom
https://hs-bochum-de.zoom-x.de/meeting/register/b27823ceTICnLHGQjYazdQ
Sehen das auch die Bauherrschaften und Auftraggeber so? Wie kann man die überzeugen?
Generell höre ich immer wieder, dass vielen Bauherren nicht bewusst ist, was es bedeutet, Bauherr zu sein. Wichtig ist daher, dass wir schon am Anfang mit Auftraggebern Wünsche und Ziele festlegen. Was ist die zentrale Idee für ein Objekt? Oder: Wie willst du leben?
Darüber hinaus empfehle ich, sich auch immer darüber zu verständigen, wie der Prozess der Planung und Realisierung und der Kommunikationsprozess gestaltet werden sollen. Da geht es um Vertrauen. Durch Vertrauen entsteht ein Dialog. Also ein Fahrplan: Was ist wann zu entscheiden? Wie kommen wir zu den besten Entscheidungen zu den gemeinsam niedergeschriebenen Zielen?
Das ist ein Dilemma. Viele Auftraggeber haben im Gespräch mit Planern vor allem Raumgrößen, Kosten, Anordnungen, die Wahl des richtigen Materials im Fokus. Aber eigentlich müssen wir doch mehr über die Ziele sprechen, die uns leiten sollen und uns für den Prozess einen Kompass geben. Architektur ist ein gemeinsamer Entwicklungsprozess.
Hat man das in der Zusammenarbeit einmal geklärt, erleichtert das auch die Öffentlichkeitsarbeit. Die ist im Architekturbüro inzwischen eine Spezialdisziplin. Seit wann ist das so?
Als wir im Jahr 2002 den Masterstudiengang „AMM Architektur Media Management“ an der Hochschule Bochum gegründet haben, war das Thema auf jeden Fall noch ein absolutes Nischenthema. Jetzt, 24 Jahre später, sieht das natürlich ganz anders aus. Öffentlichkeitsarbeit im Architektur- und Planungsbüro ist immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Das ist ja auch folgerichtig: Wir stehen mit dem, was wir tun, in der Öffentlichkeit, weil wir öffentlich Sichtbares gestalten. Darauf müssen wir vorbereitet sein. Wir müssen uns dazu befragen lassen und auch Rede und Antwort stehen.
In unserer Kommunikation beschränken wir uns allzu häufig auf die Gestalt, auf das Werk, das für sich sprechen soll.
Jan Krause
Professor für Architektur Media Management AMM an der Hochschule BochumUnd diese Öffentlichkeit wurde durch den Wandel in der Medienlandschaft und in der Technik, durch die Digitalisierung ganz neu definiert.
Ja. Und zugleich sind auch die Möglichkeiten der Architekturvermittlung durch die Digitalisierung heute ganz andere. Blicken wir mal zurück: Im ersten Schritt eröffnete sich mit dem Internet die Chance, dass jeder mit seinem Werk in die Öffentlichkeit treten konnte, indem er sein Wirken auf Webseiten wie in einem Schaufenster zur Welt dargestellt hat. Mit Newslettern konnte man sich bald eine eigene Öffentlichkeit erzeugen. Aber einen Riesenschub gab es sicher mit der Verbreitung von „Social Media“. Plötzlich konnte jeder selbst zum „Publisher“ werden und schon mit einem Post im sozialen Netzwerk mehr Leute erreichen, als er überhaupt selbst in seinem Adressbuch stehen hat. Vor all diesen Entwicklungen gab es eine viel stärker kuratierte Öffentlichkeit. Jetzt ist Architekturvermittlung viel selbstbestimmter.
Im gleichen Zeitraum ist in der Kommunikation eine wahre Bilderflut entstanden. Nehmen wir das Beispiel Film: Noch vor wenigen Jahren war die filmische Darstellung von Architekt:innenleistung und Architektur exorbitant teuer und eine Sache für Profis. Jetzt haben wir die Kamera mit dem Smartphone quasi in der Hosentasche. Das gibt natürlich auch einen Riesenschub in der Architekturvermittlung. Und das funktioniert! Denn wer glaubt, Filmen und Architektur, das geht nicht zusammen, weil die Objekte, die wir planen, sich nicht bewegen, der irrt. Gerade die letzten Jahre haben gezeigt: Das bewegte Bild ist ein wunderbares Medium, um die Möglichkeiten von Architektur zu vermitteln, indem wir das Leben im Raum inszenieren.
Da sind wir schon bei der Frage nach dem Medium. Aber blicken wir noch mal auf den Inhalt. Was ist das „richtige“ Konzept? Wie vermittelt sich Architektur am besten der Öffentlichkeit?
Architekturvermittlung beginnt immer mit der Frage nach dem Thema: Was ist die zentrale Idee hinter einem Objekt – für den Ort und für die Menschen, für das Klima und die Gesellschaft? Angesichts der Komplexität von Bau- und Planungsprozessen geht uns manchmal das Wesentliche verloren. Das wiederzufinden, ist der erste Schritt. Im Idealfall wurde das ja zuvor umfangreich mit dem Bauherrn ausgehandelt und festgehalten.
Und dann müssen wir das auch erzählen! Das ist durchaus eine Kunst. Zum Beispiel im Dialog mit Journalist:innen. Deren klassische Nachrichtenwerte scheinen nicht zu Planung und Architektur zu passen. Medienschaffende suchen Aktualität. Wir Architekten antworten mit Zeitlosigkeit. Journalisten suchen Emotionen. Wir antworten mit Sachlichkeit.
Im Studium lernen wir, alles mit sachlichen Kriterien zu hinterlegen. Was heißt das für die Architekturvermittlung? Ganz klar: Wir dürfen uns wieder mehr trauen, Emotionen im Entwurf zu kennzeichnen. Wir müssen das Besondere feiern, die vielen kleinen Konflikte, die wir im Planungsprozess erlebt haben und die gelöst wurden. Oder wir dürfen vermitteln, was für eine Managementleistung es ist, ein Gebäude entstehen zu lassen. Und wir müssen uns wieder mehr trauen, den Begriff „Schönheit“ zu verwenden. Wir sind darauf trainiert, immer objektive Maßstäbe anzusetzen. Aber das „Schöne“ ist doch am Ende die höchste Nachhaltigkeitsdimension, die es gibt. Das „Schöne“ schmeißen wir nicht weg! Das erhalten wir möglichst lange.
Wir stehen mit dem, was wir tun, in der Öffentlichkeit, weil wir öffentlich Sichtbares gestalten. Darauf müssen wir vorbereitet sein.
Jan Krause
Professor für Architektur Media Management AMM an der Hochschule BochumEin Blick auf den Berufsstand: Was ist die große Herausforderung für die Vermittlung unserer Tätigkeiten?
Eine wesentliche Herausforderung ist, die Verantwortung von Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplanern sichtbarer zu machen. Ich finde, das darf ruhig stärker in den Wahrnehmungshorizont geraten. Architekturschaffende sind nicht nur Erfüllungsgehilfen. Wir übernehmen eine enorme Verantwortung für Bauherren, für die Umwelt, für die Gesellschaft. In guten Konstellationen nehmen wir Bauherrschaften eine Riesenverantwortung ab. In unserer Kommunikation beschränken wir uns aber allzu häufig auf die Gestalt, auf das Werk, das für sich sprechen soll.
Lasst uns die Rolle, die Architektinnen und Planer übernehmen, wieder mehr zur Sprache bringen: Wir bauen gesellschaftlichen Zusammenhalt, nicht nur für unsere Bauherrn, sondern für alle.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!