Weiterbauen am großen Maßstab: The Q in Nürnberg
Großbauten der Nachkriegsmoderne galten lange aufgrund ihrer Größe, Raumtiefe und Umbaukosten als schwer vermittelbar. Zugleich besetzen sie jedoch Schlüsselpositionen im Stadtgefüge und prägen ganze Stadtviertel.
Ein markantes Beispiel dafür ist das ehemalige Quelle-Versandhaus in Nürnberg. Ernst Neufert entwarf den Bau nicht als Objekt, sondern als rational organisierte Arbeitsmaschine mit einem klaren Raster, großen Tiefen und einer konstruktiven Logik, die auf Dauerhaftigkeit und Wandelbarkeit zielte. Unter dem Namen „The Q“ wird der Komplex heute schrittweise transformiert. Dabei zeigt sich, dass diese Entwicklung weniger eine Frage der Form als der Struktur ist. Prof. Johannes Kister, Kister Scheithauer Gross Architekten und Stadtplaner GmbH, spricht über Bestand als urbane Infrastruktur, über materielle Zumutungen und über Entwicklungsmodelle, die Umbau überhaupt erst ermöglichen.
Kurzinterview
DAB:
Identitätsstiftende Bauten wie das ehemalige Quelle-Gebäude prägen ihre Umgebung oft – unabhängig von ihrer Nutzung. Inwiefern lassen sie sich als städtebauliche „Infrastrukturkörper“ verstehen?
Johannes Kister:
Heute sind Dynamiken im Städtebau oft entscheidend mit der Transformation von industriellen und gewerblichen Großbauten verbunden. Diese besetzen Schlüsselpositionen im städtebaulichen Gefüge, was sich ganz natürlich aus den alten Funktionen ableitet. An Infrastrukturknoten sind die Projekte heute Katalysatoren der urbanen Innenentwicklung. Die großen Quadratmeterflächen zwingen zu einer Diversifizierung der Nutzung, was für eine urbane Quartiersentwicklung von Vorteil ist.
DAB:
Die materielle Substanz des Bestands steht heute zwischen konstruktiver Leistungsfähigkeit, normativen Anforderungen und Kostendruck. Wie ordnen Sie dieses Spannungsfeld ein?
Johannes Kister:
Die räumlichen und konstruktiven Eigenheiten der Bauten hängen vom Baujahr ab. Generell gilt, dass Nachkriegsbauten bis in die 70er-Jahre zu den schwierigsten Projekten gehören, da ihre Bautechnik ‚experimental‘, oft den verfügbaren Ressourcen geschuldet war, noch ohne die Verpflichtung, ‚turmhohe‘ Stapel an gesetzlichen und DIN-Ansprüchen zu erfüllen. Das bereitet Probleme. Viele dieser Bauwerke hätten heute Gebäudeklasse E, die wir aktuell umzusetzen anstreben. Dennoch sind die energetischen Themen problematische Kostentreiber bei der Transformation. Da muss man genau hinschauen und etliches zukünftig auch anders definieren, wenn man nicht nur den Bestand erhalten, sondern auch die Baukosten senken will.
DAB:
Die Entwicklung großer Bestände erfolgt zunehmend in vertikalen Tranchen. Was macht diese Form der Realteilung zu einem zentralen Instrument der heutigen Projektentwicklung?
Johannes Kister:
Die steuerlichen Abschreibungseffekte haben zumindest bei denkmalgeschützten Projekten eine Gebäudetypologie in unseren Städten wesentlich gefördert: die Stadthäuser. Allerdings hat dies auch die Gentrifizierung ganzer Stadtteile zur Folge. Will man das vermeiden, muss man auf andere Finanzierungsinstrumente setzen. Bestandshalter haben natürlich grundsätzlich die besten Prognosen, aber oftmals weder das Wissen noch das Können für eine Projektentwicklung im großen Maßstab. Die Realteilung ist ein Instrument der finanziellen Differenzierung, das nicht nur der Risikominimierung, sondern auch der Optimierung der Förderkulissen dient. Globalverkäufe sind im Moment nicht mehr so gefragt und etliche Projekte, die auf diese Weise veräußert werden sollen, liegen schwer in den Auslagen. Die Realteilung beim Quelle-Projekt hat die heutige Entwicklung möglich gemacht, weil jeder Teilinvestor das Projekt in dem für ihn gewählten Rahmen zu Ende bringen kann.
DAB:
Wenn Nutzungen nicht von Beginn an festgelegt sind, sondern sich aus räumlichen, sozialen und ökonomischen Dynamiken entwickeln, was bedeutet das dann für den Entwurfsprozess im Bestand?
Johannes Kister:
Das Entwerfen mit Bestand ist zweifellos anders als auf dem freien Feld. Ein Bestandsgebäude ist ein Möglichkeitsraum, der durch seine Typologie Hinweise zur Nutzung gibt. Bei allen Projekten, die wir transformiert haben, gab es kein definitives Raumprogramm. Ein Raumprogramm aufzustellen, ist ein zur Entdeckung des Bestands paralleler Prozess der Projektentwicklung, der auch überraschende Wendungen nehmen kann.
The Q – Stadtentwicklung aus dem Bestand
Mit The Q entsteht im Westen Nürnbergs eines der größten Transformationsprojekte im deutschen Bestand. Der in den 1950er-Jahren von Ernst Neufert entworfene ehemalige Quelle-Komplex wuchs in den Wiederaufbaujahren auf rund 275.000 Quadratmeter an und wird heute schrittweise zu einem offenen urbanen Gefüge weiterentwickelt. Ziel ist kein abgeschlossenes Einzelprojekt, sondern ein Quartier im Bestand, das in Etappen wächst und veränderbar bleibt.
Das Gesamtareal gliedert sich in fünf Bauteile, die jeweils mit spezifischen Strategien entwickelt werden. Drei Bauabschnitte befinden sich derzeit in Umsetzung: Die Bauteile 1 und 4 werden von Kister Scheithauer Gross realisiert, Bauteil 5 von Querwärts Architekten gemeinsam mit Bayiko auf Grundlage der Machbarkeitsstudie von KSG. Zwei weitere Bauteile sind perspektivisch vorgesehen und bleiben bewusst offen für zukünftige Programme und Akteure.
Die gemeinsame Fassade und die konstruktiven Eigenheiten des Neufert-Baus halten diese unterschiedlichen Entwicklungen zusammen. Die historische Ziegelfassade bleibt dabei umlaufend in situ erhalten, wird fachgerecht konserviert und durch neue, filigrane Stahlfenster ergänzt, die sich am historischen Erscheinungsbild orientieren. So bleibt die äußere Lesbarkeit des Großbaus gewahrt, während im Inneren neue räumliche Konstellationen entstehen.
Die Größe des Gebäudes legt von Beginn an eine Vielzahl von Nutzungen nahe. Vorgesehen sind Wohnen, Arbeiten, Verwaltung, soziale und kulturelle Angebote, die sich zu einem neuen Quartier im Haus ergänzen. In den noch zu entwickelnden Bauteilen sind rund 1.000 bis 1.500 Wohnungen geplant, ergänzt durch soziale Infrastruktur wie Kitas und quartiersbezogene Einrichtungen. Die Erdgeschosszonen werden für gewerbliche und sozialinteraktive Nutzungen geöffnet und sichern die Nahversorgung für Wohnen und Arbeiten gleichermaßen. Ein wesentlicher Baustein ist das Sozialrathaus der Stadt Nürnberg, das ab 2026 entlang der Fürther Straße einziehen soll.
Ein zentrales Element bildet künftig das Quelle-Forum im historisch ersten Bauabschnitt: ein rund 1.000 Quadratmeter großer, überdeckter öffentlicher Raum unter dem ehemaligen großen Saal im dritten Obergeschoss. Durch das Entfernen einzelner Deckenfelder wird die Konstruktion als offenes Gerüst sichtbar und macht das Tragwerk des Neufert-Baus räumlich erfahrbar. Das Forum verbindet den Stadtraum mit dem Inneren des Komplexes und fungiert als neuer öffentlicher Anker. Der große Saal von Ernst Neufert bleibt mit seiner stromlinienförmigen Deckengestaltung vollständig erhalten und wird künftig als Bürgeramt öffentlich zugänglich.
Projektdaten:
Bauherr: Bayerische Versorgungskammer (BVK)
Projektentwicklung: Accumulata Real Estate
Architektur: Kister Scheithauer Gross, Köln/Leipzig/Berlin
Bauzeit Bestand: 1954–1967
Planungszeit: seit 2018
Transformation: 2021–2026