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Weiterbauen am großen Maßstab: The Q in Nürnberg

Großbauten der Nachkriegsmoderne galten lange aufgrund ihrer Größe, Raumtiefe und Umbaukosten als schwer vermittelbar. Zugleich besetzen sie jedoch Schlüsselpositionen im Stadtgefüge und prägen ganze Stadtviertel.

DAB Redaktion
23.01.2026 5min
Infrastruktur Bestand Baukultur Bundesweit
Großer Hallenraum mit orangefarbenem Regalsystem  Ein weiter, leerer Innenraum mit hoher Decke und massiven, weiß gestrichenen Betonstützen. Quer durch den Raum verläuft eine niedrige, lange Struktur aus leuchtend orangefarbenen, würfelförmigen Modulen, die an ein offenes Regalsystem erinnern. Die Halle wirkt roh und industriell, mit sichtbaren Leitungen an der Decke. Das Bild zeigt den baulichen Bestand als offenen, flexiblen Raum. Die orangefarbenen Elemente markieren eine neue Nutzung oder Intervention innerhalb der bestehenden Struktur.
Im Rohbau des „The Q“ in Nürnberg © Schnepp Renou

Ein markantes Beispiel dafür ist das ehemalige Quelle-Versandhaus in Nürnberg. Ernst Neufert entwarf den Bau nicht als Objekt, sondern als rational organisierte Arbeitsmaschine mit einem klaren Raster, großen Tiefen und einer konstruktiven Logik, die auf Dauerhaftigkeit und Wandelbarkeit zielte. Unter dem Namen „The Q“ wird der Komplex heute schrittweise transformiert. Dabei zeigt sich, dass diese Entwicklung weniger eine Frage der Form als der Struktur ist. Prof. Johannes Kister, Kister Scheithauer Gross Architekten und Stadtplaner GmbH, spricht über Bestand als urbane Infrastruktur, über materielle Zumutungen und über Entwicklungsmodelle, die Umbau überhaupt erst ermöglichen. 

Kurzinterview

DAB:  

Identitätsstiftende Bauten wie das ehemalige Quelle-Gebäude prägen ihre Umgebung oft – unabhängig von ihrer Nutzung. Inwiefern lassen sie sich als städtebauliche „Infrastrukturkörper“ verstehen?

Johannes Kister:  

Heute sind Dynamiken im Städtebau oft entscheidend mit der Transformation von industriellen und gewerblichen Großbauten verbunden. Diese besetzen Schlüsselpositionen im städtebaulichen Gefüge, was sich ganz natürlich aus den alten Funktionen ableitet. An Infrastrukturknoten sind die Projekte heute Katalysatoren der urbanen Innenentwicklung. Die großen Quadratmeterflächen zwingen zu einer Diversifizierung der Nutzung, was für eine urbane Quartiersentwicklung von Vorteil ist.

DAB:  

Die materielle Substanz des Bestands steht heute zwischen konstruktiver Leistungsfähigkeit, normativen Anforderungen und Kostendruck. Wie ordnen Sie dieses Spannungsfeld ein?

Johannes Kister:

Die räumlichen und konstruktiven Eigenheiten der Bauten hängen vom Baujahr ab. Generell gilt, dass Nachkriegsbauten bis in die 70er-Jahre zu den schwierigsten Projekten gehören, da ihre Bautechnik ‚experimental‘, oft den verfügbaren Ressourcen geschuldet war, noch ohne die Verpflichtung, ‚turmhohe‘ Stapel an gesetzlichen und DIN-Ansprüchen zu erfüllen. Das bereitet Probleme. Viele dieser Bauwerke hätten heute Gebäudeklasse E, die wir aktuell umzusetzen anstreben. Dennoch sind die energetischen Themen problematische Kostentreiber bei der Transformation. Da muss man genau hinschauen und etliches zukünftig auch anders definieren, wenn man nicht nur den Bestand erhalten, sondern auch die Baukosten senken will.

DAB:  

Die Entwicklung großer Bestände erfolgt zunehmend in vertikalen Tranchen. Was macht diese Form der Realteilung zu einem zentralen Instrument der heutigen Projektentwicklung?

Johannes Kister:

Die steuerlichen Abschreibungseffekte haben zumindest bei denkmalgeschützten Projekten eine Gebäudetypologie in unseren Städten wesentlich gefördert: die Stadthäuser. Allerdings hat dies auch die Gentrifizierung ganzer Stadtteile zur Folge. Will man das vermeiden, muss man auf andere Finanzierungsinstrumente setzen. Bestandshalter haben natürlich grundsätzlich die besten Prognosen, aber oftmals weder das Wissen noch das Können für eine Projektentwicklung im großen Maßstab. Die Realteilung ist ein Instrument der finanziellen Differenzierung, das nicht nur der Risikominimierung, sondern auch der Optimierung der Förderkulissen dient. Globalverkäufe sind im Moment nicht mehr so gefragt und etliche Projekte, die auf diese Weise veräußert werden sollen, liegen schwer in den Auslagen. Die Realteilung beim Quelle-Projekt hat die heutige Entwicklung möglich gemacht, weil jeder Teilinvestor das Projekt in dem für ihn gewählten Rahmen zu Ende bringen kann.

DAB:  

Wenn Nutzungen nicht von Beginn an festgelegt sind, sondern sich aus räumlichen, sozialen und ökonomischen Dynamiken entwickeln, was bedeutet das dann für den Entwurfsprozess im Bestand?

Johannes Kister:

Das Entwerfen mit Bestand ist zweifellos anders als auf dem freien Feld. Ein Bestandsgebäude ist ein Möglichkeitsraum, der durch seine Typologie Hinweise zur Nutzung gibt. Bei allen Projekten, die wir transformiert haben, gab es kein definitives Raumprogramm. Ein Raumprogramm aufzustellen, ist ein zur Entdeckung des Bestands paralleler Prozess der Projektentwicklung, der auch überraschende Wendungen nehmen kann.  

Detail einer Backsteinfassade  Ein enger Ausschnitt einer Gebäudefassade. Horizontale Backsteinbänder wechseln sich mit langen Fensterstreifen ab. Einige Fenster sind transparent, andere blickdicht oder provisorisch verschlossen. Die Fassade zeigt die serielle, funktionale Architektur des Gebäudes. Unterschiedliche Fensterzustände deuten auf Leerstand, Umbau oder wechselnde Nutzung hin.
Fassadenausschnitt © Schnepp Renou
Dachfläche mit Blick über die Stadt  Eine flache Dachfläche mit hellem Belag und vereinzeltem Bewuchs. Im Vordergrund steht die Fassade eines Gebäudeteils mit Backstein und langen Fensterbändern. Im Hintergrund ist eine Stadtlandschaft mit einzelnen Hochpunkten zu erkennen. Das Bild zeigt das Gebäude als Teil der Stadt. Die Dachfläche wirkt ungenutzt, bietet aber Potenzial für neue Funktionen wie Aufenthalt, Begrünung oder Technik.
Dachterrasse © Schnepp Renou
Innenhof mit markantem Turm  Ein Blick nach oben in einen rechteckigen Innenhof. Die Fassaden bestehen aus Backstein und horizontalen Fensterbändern. In der Mitte ragt ein hoher, schlanker Turm mit einer technischen Aufbauten an der Spitze in den Himmel. Der Innenhof bringt Licht und Luft in den Gebäudekomplex. Der Turm dient als technisches oder infrastrukturelles Element und ist ein prägnantes Erkennungszeichen des Ortes.
Innenhof © Schnepp Renou
Treppenhaus mit Backsteinwänden  Ein vertikaler Blick in ein Treppenhaus. Sichtbare Betontreppen verlaufen entlang der Wände, die aus rötlichem Backstein bestehen. Große Glasbausteine lassen diffuses Tageslicht in den Raum. Eine grün gestrichene Rohrleitung verläuft senkrecht durch das Bild. Das Treppenhaus verbindet die Geschosse und zeigt den Materialmix aus Beton, Ziegel und Glas. Es vermittelt Orientierung und die robuste, funktionale Bauweise des Bestands.
Treppenhaus © Schnepp Renou

 The Q – Stadtentwicklung aus dem Bestand

Mit The Q entsteht im Westen Nürnbergs eines der größten Transformationsprojekte im deutschen Bestand. Der in den 1950er-Jahren von Ernst Neufert entworfene ehemalige Quelle-Komplex wuchs in den Wiederaufbaujahren auf rund 275.000 Quadratmeter an und wird heute schrittweise zu einem offenen urbanen Gefüge weiterentwickelt. Ziel ist kein abgeschlossenes Einzelprojekt, sondern ein Quartier im Bestand, das in Etappen wächst und veränderbar bleibt.

Das Gesamtareal gliedert sich in fünf Bauteile, die jeweils mit spezifischen Strategien entwickelt werden. Drei Bauabschnitte befinden sich derzeit in Umsetzung: Die Bauteile 1 und 4 werden von Kister Scheithauer Gross realisiert, Bauteil 5 von Querwärts Architekten gemeinsam mit Bayiko auf Grundlage der Machbarkeitsstudie von KSG. Zwei weitere Bauteile sind perspektivisch vorgesehen und bleiben bewusst offen für zukünftige Programme und Akteure.  

Die gemeinsame Fassade und die konstruktiven Eigenheiten des Neufert-Baus halten diese unterschiedlichen Entwicklungen zusammen. Die historische Ziegelfassade bleibt dabei umlaufend in situ erhalten, wird fachgerecht konserviert und durch neue, filigrane Stahlfenster ergänzt, die sich am historischen Erscheinungsbild orientieren. So bleibt die äußere Lesbarkeit des Großbaus gewahrt, während im Inneren neue räumliche Konstellationen entstehen. 

Großer Innenraum mit markanten Betonstützen  Ein weiter, heller Innenraum mit hohen Decken und regelmäßig angeordneten, massiven Betonstützen. Die Stützen haben eine besondere Form: Sie sind unten breit und verjüngen sich nach oben. An der Decke verlaufen sichtbare Lüftungsrohre, Kabeltrassen und technische Installationen. Links und rechts ziehen sich lange Fensterbänder entlang, die viel Tageslicht hereinlassen. Das Bild zeigt die industrielle Tragstruktur des Gebäudes. Die Offenheit und Sichtbarkeit der Technik verweisen auf Flexibilität und auf den Charakter eines Arbeits- oder Produktionsraums.
Innenraum © Schnepp Renou
Innenhof mit Glasfassaden  Ein mehrgeschossiger Innenhof, umgeben von Glas- und Metallfassaden. Fenster und Brüstungen spiegeln sich gegenseitig. Der Boden ist leer, der Raum wirkt ruhig und geschlossen. Das Bild zeigt einen gemeinschaftlichen Innenraum, der Licht ins Gebäude bringt und visuelle Verbindungen zwischen den Ebenen schafft.
Innenhof © Schnepp Renou
Leerer Hallenraum mit Betonstützen  Ein großer, heller Raum mit regelmäßig angeordneten Betonstützen. Die Decke ist niedrig, mit sichtbaren Leuchten und technischen Installationen. Der Raum ist vollständig leer. Das Bild zeigt die räumliche Qualität des Bestands: Offenheit, Wiederholbarkeit und strukturelle Klarheit als Grundlage für neue Programme.
Innenraum © Schnepp Renou
Innenraum während des Rückbaus  Ein langer Flur mit Betonstützen und Fensterband auf der linken Seite. Auf dem Boden liegen Schutt und herausgebrochene Mauersteine. Eine Stütze ist mit einer Nummer beschriftet. Das Bild dokumentiert den Rückbauprozess. Es zeigt, wie Teile des Bestands entfernt werden, um Platz für neue Nutzungen zu schaffen.
Innenraum © Schnepp Renou

Die Größe des Gebäudes legt von Beginn an eine Vielzahl von Nutzungen nahe. Vorgesehen sind Wohnen, Arbeiten, Verwaltung, soziale und kulturelle Angebote, die sich zu einem neuen Quartier im Haus ergänzen. In den noch zu entwickelnden Bauteilen sind rund 1.000 bis 1.500 Wohnungen geplant, ergänzt durch soziale Infrastruktur wie Kitas und quartiersbezogene Einrichtungen. Die Erdgeschosszonen werden für gewerbliche und sozialinteraktive Nutzungen geöffnet und sichern die Nahversorgung für Wohnen und Arbeiten gleichermaßen. Ein wesentlicher Baustein ist das Sozialrathaus der Stadt Nürnberg, das ab 2026 entlang der Fürther Straße einziehen soll.  

Ein zentrales Element bildet künftig das Quelle-Forum im historisch ersten Bauabschnitt: ein rund 1.000 Quadratmeter großer, überdeckter öffentlicher Raum unter dem ehemaligen großen Saal im dritten Obergeschoss. Durch das Entfernen einzelner Deckenfelder wird die Konstruktion als offenes Gerüst sichtbar und macht das Tragwerk des Neufert-Baus räumlich erfahrbar. Das Forum verbindet den Stadtraum mit dem Inneren des Komplexes und fungiert als neuer öffentlicher Anker. Der große Saal von Ernst Neufert bleibt mit seiner stromlinienförmigen Deckengestaltung vollständig erhalten und wird künftig als Bürgeramt öffentlich zugänglich. 

Diagramm „Transformation des Bestands“  Drei vereinfachte Gebäudemodelle nebeneinander. Links der bestehende Zustand („Bestand“), in der Mitte gestrichelte Linien für entfernte Teile („Subtraktion“), rechts rot markierte neue Bauteile („Addition“). Pfeile zeigen die Abfolge. Das Diagramm erklärt das architektonische Konzept der Umnutzung: Erhalten, Entfernen und Ergänzen als bewusste Schritte der Transformation.
Piktogramm Transformation des Bestands © KSG
Städtebauliche Lagekarte  Eine Karte in Grautönen. Die Umgebung ist schematisch dargestellt, einzelne Gebäude sind hellgrau, das Projektgebiet ist schwarz hervorgehoben. Straßen und Blockstrukturen sind erkennbar. Die Karte verortet das Gebäude im städtischen Kontext und zeigt seine Lage innerhalb des Quartiers.
Lageplan © KSG
Grundrissdarstellung einer Etage  Eine detaillierte Grundrisszeichnung mit vielen Räumen, Fluren und Treppen. Die Linien sind fein, Wände und Einbauten teilweise rot hervorgehoben. Der Grundriss zeigt eine langgestreckte Gebäudestruktur mit klarer Gliederung. Der Plan dient der Orientierung und zeigt, wie die Räume genutzt, verbunden oder umgebaut werden sollen.
1. Obergeschoss © KSG
Architektonischer Längsschnitt des Gebäudes  Eine technische Zeichnung auf weißem Hintergrund. Der Längsschnitt zeigt ein großes Gebäude mit mehreren Ebenen, Stützen, Decken und unterschiedlichen Raumhöhen. Bestimmte Bauteile sind rot hervorgehoben. Unten steht eine Beschriftung mit Projektname, Ort (Nürnberg) und Maßstab. Die Zeichnung erklärt die räumliche Organisation des Gebäudes im Schnitt. Die roten Markierungen kennzeichnen Eingriffe oder neue Nutzungen im Bestand.
Längsschnitt © KSG

Projektdaten:

Bauherr: Bayerische Versorgungskammer (BVK)

Projektentwicklung: Accumulata Real Estate

Architektur: Kister Scheithauer Gross, Köln/Leipzig/Berlin

Bauzeit Bestand: 1954–1967

Planungszeit: seit 2018

Transformation: 2021–2026 

DAB Redaktion

Berlin