Stringenz in allen Maßstäben: Zu Gast bei Prof. Andrea Wandel
Studiobesuch: Die erste Frau, der der Saarländische Kunstpreis zuerkannt wurde, öffnet ihre Ateliertür und gibt Einblicke in mehr als 35 Jahre Architekturpraxis.
Bei unserem Besuch führt uns der Weg zunächst an den Büroräumen vorbei ins Obergeschoss, in den Wohnbereich der Familie Wandel-Lorch. Dort empfängt uns die Architektin und Professorin Andrea Wandel. Wir befinden uns in einem angenehm schlichten Raum, der eine abtrennbare offene Küche sowie eine Ess- und Wohnzone mit vorgelagerter Terrasse hat.
Den Familienbereich hat die Architektin 2005 auf das bestehende – mittlerweile komplett begrünte – Büro aufgestockt. Es befindet sich in einem ursprünglichen Wohngebäude in unmittelbarer Nähe zu ihrem Elternhaus. „Das sind die Bauplätze, die wir brauchen. Nachverdichtung ist ein relevantes Thema“, erläutert Andrea Wandel nahezu nebenbei das Potenzial von Aufstockungen in der aktuellen Wohnungskrise.
Bei ihr wurde die Erweiterung des Gebäudes nötig, um Familie, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu vereinen. Beide, Andrea Wandel und ihr Mann Wolfgang Lorch, ebenfalls Architekt und Professor, sind in das Büro eingebunden. Das Büro übernahmen sie 2001 von Andrea Wandels Vater, dem im Saarland renommierten Architekten Hubertus Wandel.
Das Studio, das aktuell unter dem Namen „Wandel Lorch Götze Wach“ arbeitet, hatte seit damals unterschiedliche Konstellationen an Teilhabern. Auch Wandels Schwester Rena Wandel-Hoefer – spätere Baudezernentin der Landeshauptstadt Saarbrücken – und deren Mann Andreas Hoefer waren Mitgründer. Ein echtes Familienunternehmen. ienunternehmen.
Das Studio
Das Studio
Wandel Lorch Götze Wach ist ein bundesweit tätiges und bekanntes Architekturbüro mit Urstandort in Saarbrücken und weiteren Standorten in Frankfurt und Stuttgart. Das Büro in Frankfurt wird von den beiden jungen Partnern Florian Götze und Thomas Wach geführt. Das Team besteht aus rund 60 Mitarbeitenden.
Das Büro verfolgt ein ganzheitliches Entwurfsprinzip, das sich gegen die Reduktion auf das Bildhafte und die Austauschbarkeit von Architektur richtet. Die Palette an Bauaufgaben ist vielfältig und mit einem Schwerpunkt auf Erinnerungskultur, Gedenkstätten und Sakralbauten sehr besonders. 2026 wurde Mitgründerin Prof. Andrea Wandel mit dem Saarländischen Kunstpreis ausgezeichnet.
Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte das Paar Andrea Wandel und Wolfgang Lorch bereits im Studium. Mit wenig Stadtplanungserfahrung wollten sie sich vor dem gemeinsamen Städtebau-Diplom an der TU Darmstadt ausprobieren und nahmen als Studierende für das Büro von Hubertus Wandel an einem städtebaulichen Wettbewerb teil – und gewannen! Der Grundstein für die gemeinsame Existenz war gelegt und der Lebensmittelpunkt wurde nach Saarbrücken verlegt.
Sonderthemen als Standard
Dass sich das Studio trotz seines Standorts im kleinsten Bundesland bundesweit einen Namen gemacht hat, ist kein Zufall. „Das lag sehr früh an den Aufgaben, die wir bekommen haben. Sakralbauten, Gedenkarchitektur, Sonderthemen. Diese Bauaufgaben geht man als Architekt mit einer besonderen Denkweise an. Und diese Denkweise kann man bei sogenannten Profanbauten nicht einfach ablegen“, versucht Andrea Wandel den Erfolg des Büros zu begründen.
Diese Denkweise bestimmt die Arbeit des Büros bis heute. Konzept – Konstruktion – Material – Detail, ein stimmiges Gesamtbild, keine Reduktion auf das Bildhafte. Das waren und sind die Prämissen des Büros. Diese lassen sich auch immer wieder beim Rundgang durch die Büroräume erkennen. Uns begegnen Regale mit Modellen, Materialproben, Collagen und Reliefs. Wichtig ist Andrea Wandel vor allem, dass „in allen Maßstäben eine durchgehende Stringenz enthalten ist und im Detail auch das Ganze sichtbar wird und bleibt.“
Lieblingsprojekte, die diese Stringenz unterstreichen, hat die Kunstpreisträgerin einige. Denn viele ihrer Bauaufgaben waren besondere. Sie nennt das Besucherzentrum an der Saarschleife in Orscholz, eine Holz-Glas-Konstruktion. Die Jury des Saarländischen Kunstpreises hob ihre Arbeiten im Bereich der Erinnerungskultur, Gedenkstätten und Sakralbauten hervor, darunter die Gedenkstätten Neuer Börneplatz in Frankfurt, Gleis 17 in Berlin-Grunewald, die Synagoge in Dresden sowie das Besucherzentrum des ehemaligen KZ Ravensbrück.
Die Hochschulprofessorin Andrea Wandel hat als erste Architektin überhaupt und als dritte Architekturschaffende den Kunstpreis des Saarlandes erhalten. An der Frage, ob Architektur Kunst ist, scheiden sich oft die Geister. Andrea Wandel hat dazu eine klare Haltung: „Architektur hat ganz viel mit Kunst zu tun. Sie sortiert sich klar in Epochen. Wenn wir von Baukultur reden und uns gestalterische Aspekte wichtig sind, spielen diese in den Bereich der Kunst rein.“
Freihandzeichnen vor KI
Die Arbeit als Architektin sei sehr generalistisch. Ursprünglich wollte die Professorin Kunst studieren. Es ist Architektur geworden. Aber das Handwerkszeug braucht sie dennoch. Zeichnen, Skizzieren, Modellieren, all die analogen Fertigkeiten, die es gilt zu bewahren. Gerade in einer von der Digitalisierung und KI geprägten Entwurfswelt.
Und auch bei ihren Studierenden an der Hochschule Trier beobachtet sie, dass das Analoge wieder eine Renaissance erfährt. Modellfotos, ja selbst die analoge Fotografie, „finden die Studierenden richtig gut“. Selbstredend, dass Andrea Wandel das Freihandzeichnen lehrt. Ihr (junges) Team und den Architektennachwuchs möchte sie dazu ermuntern, die Freude an der Berufung zu erlangen und zu erfahren.
Architektur hat ganz viel mit Kunst zu tun.
Prof. Andrea Wandel
Büroinhaberin und Trägerin des Saarländischen KunstpreisesSie ist sich sicher, dass sich die Herausforderungen für jüngere Architekturschaffende ändern und sehr groß sein werden. Deshalb sollen sie einen kritischen Blick erlernen. Wandel „möchte die Begeisterungsfähigkeit für Architektur wecken“. Sie spricht von einem „Studium generale“ und hat eine Professur für Entwerfen, Raumbildung und Darstellung an der Hochschule Trier inne.
Reflektion und Transformation
Nach der Verleihung des Kunstpreises hat die Architektin innegehalten und sich und ihre Arbeit reflektiert. Die tägliche Arbeit sei eine große Verantwortung und Herausforderung. Architekturstudios gestalten die gebaute Umwelt. Sie möchte versuchen, stets den Tenor ihrer Arbeit zu bewahren und nicht von ihrem Weg abzukommen. Die Transformation im Bestand ist ein großer Schwerpunkt in der alltäglichen Arbeit.
1.
Prof. Andrea Wandel ist die erste Architektin, die den Kunstpreis des Saarlandes erhalten hat. Der Preis wird seit 1966 alle zwei Jahre verliehen und ging in der Sparte Architektur bislang an Dr. Karl Hanus (1974) und an Hanns Schönecker (2002).
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Standorte hat das Büro: in Saarbrücken, Stuttgart und Frankfurt.
Ein aktuelles Projekt ist die Umnutzung und der Umbau des ehemaligen Finanzamtes in Saarbrücken zu einem modernen Bürogebäude. Das Gebäude wird sich mit Gastronomieflächen im Erdgeschoss der Allgemeinheit öffnen. Denn: „Dort, wo Baukultur gelingt, ist Architektur für uns alle eine Bereicherung.“
Nachhaltigkeit durch Langlebigkeit
Schnelle Turbo-Architektur gibt es mit Andrea Wandel nicht. Sie vertritt die Meinung, dass Architektur langlebig ist und dadurch nachhaltig wird. Dann wird Architektur erst ernst genommen. Und das geht nur mit den richtigen Materialien, mit Handwerksfertigkeiten und einer Auffassung generale.
Ihr als Person wurde der Kunstpreis verliehen. Aber es ist der Architektin sehr wichtig zu betonen: Nicht sie allein, sondern ihr Team und das Büro zeichnen sich für ein Architekturwerk verantwortlich, das mit dem Kunstpreis ausgezeichnet wurde.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für Saarland.
Kim Ahrend
Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer des Saarlandes DAB Redaktion SaarlandDas könnte Sie auch interessieren
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