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Stringenz in allen Maßstäben: Zu Gast bei Prof. Andrea Wandel

Studiobesuch: Die erste Frau, der der Saarländische Kunstpreis zuerkannt wurde, öffnet ihre Ateliertür und gibt Einblicke in mehr als 35 Jahre Architekturpraxis.

Kim Ahrend
08.10.2026 6min
"Porträt einer Frau mittleren Alters mit schulterlangenm dunklem Haar und Brille mit schwarzem Rahmen. Sie trägt einen leuchtend roten Anzug aus Hemd und Hose mit Perlmuttknöpfen. Sie steht aufrecht in einem hellen Wohnraum mit Holzboden. Im Hintergrund sind ein beige gefülltes Bücherregal auf der linken Seite und großflächige Fenster mit braunem Holzrahmen auf der rechten Seite sichtbar. Ein Beistelltisch und weitere Einrichtungselemente sind unscharf im Hintergrund erkennbar."
Andrea Wandel in ihrem Wohnbereich oberhalb der Büroräume
© Iris Maurer

Bei unserem Besuch führt uns der Weg zunächst an den Büroräumen vorbei ins Obergeschoss, in den Wohnbereich der Familie Wandel-Lorch. Dort empfängt uns die Architektin und Professorin Andrea Wandel. Wir befinden uns in einem angenehm schlichten Raum, der eine abtrennbare offene Küche sowie eine Ess- und Wohnzone mit vorgelagerter Terrasse hat.  

Den Familienbereich hat die Architektin 2005 auf das bestehende – mittlerweile komplett begrünte – Büro aufgestockt. Es befindet sich in einem ursprünglichen Wohngebäude in unmittelbarer Nähe zu ihrem Elternhaus. „Das sind die Bauplätze, die wir brauchen. Nachverdichtung ist ein relevantes Thema“, erläutert Andrea Wandel nahezu nebenbei das Potenzial von Aufstockungen in der aktuellen Wohnungskrise.  

Bei ihr wurde die Erweiterung des Gebäudes nötig, um Familie, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu vereinen. Beide, Andrea Wandel und ihr Mann Wolfgang Lorch, ebenfalls Architekt und Professor, sind in das Büro eingebunden. Das Büro übernahmen sie 2001 von Andrea Wandels Vater, dem im Saarland renommierten Architekten Hubertus Wandel.  

Das Studio, das aktuell unter dem Namen „Wandel Lorch Götze Wach“ arbeitet, hatte seit damals unterschiedliche Konstellationen an Teilhabern. Auch Wandels Schwester Rena Wandel-Hoefer – spätere Baudezernentin der Landeshauptstadt Saarbrücken – und deren Mann Andreas Hoefer waren Mitgründer. Ein echtes Familienunternehmen. ienunternehmen. 

Das Studio

Wandel Lorch Götze Wach ist ein bundesweit tätiges und bekanntes Architekturbüro mit Urstandort in Saarbrücken und weiteren Standorten in Frankfurt und Stuttgart. Das Büro in Frankfurt wird von den beiden jungen Partnern Florian Götze und Thomas Wach geführt. Das Team besteht aus rund 60 Mitarbeitenden.

 

Das Büro verfolgt ein ganzheitliches Entwurfsprinzip, das sich gegen die Reduktion auf das Bildhafte und die Austauschbarkeit von Architektur richtet. Die Palette an Bauaufgaben ist vielfältig und mit einem Schwerpunkt auf Erinnerungskultur, Gedenkstätten und Sakralbauten sehr besonders. 2026 wurde Mitgründerin Prof. Andrea Wandel mit dem Saarländischen Kunstpreis ausgezeichnet.

wlgw.de 

Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte das Paar Andrea Wandel und Wolfgang Lorch bereits im Studium. Mit wenig Stadtplanungserfahrung wollten sie sich vor dem gemeinsamen Städtebau-Diplom an der TU Darmstadt ausprobieren und nahmen als Studierende für das Büro von Hubertus Wandel an einem städtebaulichen Wettbewerb teil – und gewannen! Der Grundstein für die gemeinsame Existenz war gelegt und der Lebensmittelpunkt wurde nach Saarbrücken verlegt.  

Sonderthemen als Standard

Dass sich das Studio trotz seines Standorts im kleinsten Bundesland bundesweit einen Namen gemacht hat, ist kein Zufall. „Das lag sehr früh an den Aufgaben, die wir bekommen haben. Sakralbauten, Gedenkarchitektur, Sonderthemen. Diese Bauaufgaben geht man als Architekt mit einer besonderen Denkweise an. Und diese Denkweise kann man bei sogenannten Profanbauten nicht einfach ablegen“, versucht Andrea Wandel den Erfolg des Büros zu begründen.  

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Diese Denkweise bestimmt die Arbeit des Büros bis heute. Konzept – Konstruktion – Material – Detail, ein stimmiges Gesamtbild, keine Reduktion auf das Bildhafte. Das waren und sind die Prämissen des Büros. Diese lassen sich auch immer wieder beim Rundgang durch die Büroräume erkennen. Uns begegnen Regale mit Modellen, Materialproben, Collagen und Reliefs. Wichtig ist Andrea Wandel vor allem, dass „in allen Maßstäben eine durchgehende Stringenz enthalten ist und im Detail auch das Ganze sichtbar wird und bleibt.“ 

"Modernes Wohnhaus mit zwei Geschossen, teilweise überwuchert von dichtem grünem Efeu und wild wachsenden Pflanzen. Das Gebäude hat eine asymmetrische Form mit horizontalen Bändern aus rotbraunem Holz und weißen Wandflächen. Die obere rechte Ecke zeigt ein modernes Vordach mit vertikalen Holzlatten und schwarzem Stahlrahmen. Ein großes quadratisches Fenster mit blauem Rahmen ist auf der linken Seite sichtbar. Das Haus ist umgeben von hohen Bäumen unter klarem, blauem Himmel. Ein Asphaltweg führt an der rechten Seite des Hauses vorbei. Die wilde Begrünung verleiht dem modernen Gebäude einen organischen, naturverbundenen Charakter."
Das Gebäude, in dem sich der Saarbrücker Standort des Büros befindet, war ursprünglich ein Wohnhaus. Es wurde zum Architekturbüro umgenutzt und diente seit der Aufstockung 2005 auch der Familie Wandel-Lorch mit ihren beiden Kindern als Zuhause
© Iris Maurer
"Moderner, offener Wohnbereich mit großzügiger Architektur. Im Vordergrund ein langer weißer Esstisch mit sechs hölzernen Stühlen im Vintage-Design. Am Tisch links ein Glasvase mit gelben Blüten und ein Kerzenständer. Dahinter ein großes Bücherregal mit dicht besetzten Regalfächern. Die linke Wand wird von bodenhohen Terrassentüren mit rotem Holzrahmen dominiert, dahinter grüne Vegetation sichtbar. Rechts weitere Fenster mit Blick auf ein blaues Meer. Im Hintergrund ein Arbeitsbereich mit Schreibtisch. Der Boden ist mit dunklem Holzparkett belegt. Moderne Hängeleuchten mit grauer Färbung hängen von der weißen Decke herab."
Der offene Wohn- und Essbereich der Familie Wandel-Lorch
© Iris Maurer
"Eine Frau in rotem Anzug geht durch einen langen, hellen Ausstellungsflur mit Holzparkett. Die Wände sind beidseitig mit zahlreichen architektonischen Plänen, Fotografien und Entwurfszeichnungen in schwarzen und beigen Rahmen tapeziert. Die linke Wand ist hellgrün gestrichen, die rechte Wand weiß. Ein weißer Deckenlüfter ist sichtbar. Die Ausstellung präsentiert ein umfassendes Spektrum von Architekturprojekten und Designkonzepten."
Entwurfsprozesse zum Anschauen und Anfassen
© Iris Maurer

Lieblingsprojekte, die diese Stringenz unterstreichen, hat die Kunstpreisträgerin einige. Denn viele ihrer Bauaufgaben waren besondere. Sie nennt das Besucherzentrum an der Saarschleife in Orscholz, eine Holz-Glas-Konstruktion. Die Jury des Saarländischen Kunstpreises hob ihre Arbeiten im Bereich der Erinnerungskultur, Gedenkstätten und Sakralbauten hervor, darunter die Gedenkstätten Neuer Börneplatz in Frankfurt, Gleis 17 in Berlin-Grunewald, die Synagoge in Dresden sowie das Besucherzentrum des ehemaligen KZ Ravensbrück.   

"Porträt einer Frau mittleren Alters mit schulterlangenm dunklem Haar und Brille mit schwarzem Rahmen. Sie trägt einen leuchtend roten Anzug aus Hemd und Hose mit Perlmuttknöpfen. Sie steht aufrecht in einem hellen Wohnraum mit Holzboden. Im Hintergrund sind ein beige gefülltes Bücherregal auf der linken Seite und großflächige Fenster mit braunem Holzrahmen auf der rechten Seite sichtbar. Ein Beistelltisch und weitere Einrichtungselemente sind unscharf im Hintergrund erkennbar."
© Iris Maurer
Zur Person

Prof. Andrea Wandel

Architektin und Hochschulprofessorin

Die gebürtige Saarbrückerin hat an der TU Darmstadt Architektur studiert. Seit 1994 ist sie selbstständige Architektin und seit 2001 Mitinhaberin ihres Büros, mit dem sie und ihre Büropartner bundesweit erfolgreich tätig sind. Ihre Professur für Entwerfen, Raumbildung und Darstellung an der Hochschule Trier hat sie seit 2011 inne.

Die Hochschulprofessorin Andrea Wandel hat als erste Architektin überhaupt und als dritte Architekturschaffende den Kunstpreis des Saarlandes erhalten. An der Frage, ob Architektur Kunst ist, scheiden sich oft die Geister. Andrea Wandel hat dazu eine klare Haltung: „Architektur hat ganz viel mit Kunst zu tun. Sie sortiert sich klar in Epochen. Wenn wir von Baukultur reden und uns gestalterische Aspekte wichtig sind, spielen diese in den Bereich der Kunst rein.“  

Freihandzeichnen vor KI

Die Arbeit als Architektin sei sehr generalistisch. Ursprünglich wollte die Professorin Kunst studieren. Es ist Architektur geworden. Aber das Handwerkszeug braucht sie dennoch. Zeichnen, Skizzieren, Modellieren, all die analogen Fertigkeiten, die es gilt zu bewahren. Gerade in einer von der Digitalisierung und KI geprägten Entwurfswelt.  

Und auch bei ihren Studierenden an der Hochschule Trier beobachtet sie, dass das Analoge wieder eine Renaissance erfährt. Modellfotos, ja selbst die analoge Fotografie, „finden die Studierenden richtig gut“. Selbstredend, dass Andrea Wandel das Freihandzeichnen lehrt. Ihr (junges) Team und den Architektennachwuchs möchte sie dazu ermuntern, die Freude an der Berufung zu erlangen und zu erfahren.  

Architektur hat ganz viel mit Kunst zu tun.

Prof. Andrea Wandel

Büroinhaberin und Trägerin des Saarländischen Kunstpreises

Sie ist sich sicher, dass sich die Herausforderungen für jüngere Architekturschaffende ändern und sehr groß sein werden. Deshalb sollen sie einen kritischen Blick erlernen. Wandel „möchte die Begeisterungsfähigkeit für Architektur wecken“. Sie spricht von einem „Studium generale“ und hat eine Professur für Entwerfen, Raumbildung und Darstellung an der Hochschule Trier inne.  

Reflektion und Transformation

Nach der Verleihung des Kunstpreises hat die Architektin innegehalten und sich und ihre Arbeit reflektiert. Die tägliche Arbeit sei eine große Verantwortung und Herausforderung. Architekturstudios gestalten die gebaute Umwelt. Sie möchte versuchen, stets den Tenor ihrer Arbeit zu bewahren und nicht von ihrem Weg abzukommen. Die Transformation im Bestand ist ein großer Schwerpunkt in der alltäglichen Arbeit.

1.

Prof. Andrea Wandel ist die erste Architektin, die den Kunstpreis des Saarlandes erhalten hat. Der Preis wird seit 1966 alle zwei Jahre verliehen und ging in der Sparte Architektur bislang an Dr. Karl Hanus (1974) und an Hanns Schönecker (2002).

3

Standorte hat das Büro: in Saarbrücken, Stuttgart und Frankfurt.

Ein aktuelles Projekt ist die Umnutzung und der Umbau des ehemaligen Finanzamtes in Saarbrücken zu einem modernen Bürogebäude. Das Gebäude wird sich mit Gastronomieflächen im Erdgeschoss der Allgemeinheit öffnen. Denn: „Dort, wo Baukultur gelingt, ist Architektur für uns alle eine Bereicherung.“

Nachhaltigkeit durch Langlebigkeit

Schnelle Turbo-Architektur gibt es mit Andrea Wandel nicht. Sie vertritt die Meinung, dass Architektur langlebig ist und dadurch nachhaltig wird. Dann wird Architektur erst ernst genommen. Und das geht nur mit den richtigen Materialien, mit Handwerksfertigkeiten und einer Auffassung generale.  

Ihr als Person wurde der Kunstpreis verliehen. Aber es ist der Architektin sehr wichtig zu betonen: Nicht sie allein, sondern ihr Team und das Büro zeichnen sich für ein Architekturwerk verantwortlich, das mit dem Kunstpreis ausgezeichnet wurde.


Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für Saarland.

Kim Ahrend

Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer des Saarlandes DAB Redaktion Saarland
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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