Gebautes erklärt sich nicht von selbst
Baukultur betrifft alle, aber kaum jemand redet darüber. Dabei ist baukulturelle Bildung keine Frage des Geschmacks, sondern eine Frage der Demokratie.
Pressetermin auf der Baustelle: Spatenstich für die Erweiterung des Bildungscampus. Lächeln fürs Foto mit Helm und Schaufel. Die Einladung ging an einen erlesenen Zirkel, jedoch keiner der späteren Nutzerinnen und Nutzer war dabei.
Szenenwechsel. Die Schlagzeile auf Seite drei der hiesigen Tageszeitung: „Kosten für neues Stadtquartier explodieren: Bürger zahlen die Zeche!“ Nur Zahlen, Statements empörter Politiker. Aber kein Satz darüber, wie die Menschen dort leben werden. Und warum das Pflanzen von Bäumen heute teuer ist, aber eine Investition in die Zukunft.
Szenenwechsel. Ein Dienstagvormittag in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Eine Gruppe Grundschulkinder bewegt sich durch die Innenstadt – nicht auf dem direkten Weg, sondern drumherum, dazwischen, hindurch. Sie stehen vor einer Fassade und fragen, warum die Fenster so unterschiedlich aussehen. Eines legt die Wange an die Betonstütze und sagt: „Das ist aber kalt.“ Die Lehrerin schreibt es auf. Keines der Kinder wird das Wort Baukultur benutzen. Aber alle werden etwas verstanden haben.
Drei Szenen, die jeden Tag passieren – doch ob Bauen als Problem verhandelt wird oder als Erfahrung gespürt wird, ist kein Zufall. Es ist eine Frage der Bildung. Des Bewusstseins, dass Bauen keine fachliche, sondern eine gesellschaftliche Angelegenheit ist. Dass die Gestaltung des Orts, an dem Menschen leben, arbeiten und sich begegnen, nicht einfach entsteht, sondern darüber entschieden wird. Und dass diese Entscheidungen alle angehen, nicht nur die, die eingeladen werden.
Warum sollte Gesellschaft das überhaupt interessieren?
Baukultur ist ein grundlegendes Thema, das im Leben der meisten Menschen 24/7 präsent ist und trotzdem kaum bewusst wahrgenommen wird. Das ist kein Zufall, sondern Biologie: Menschliche Wahrnehmung blendet Vertrautes aus. Das Gehirn reduziert Komplexität, indem es Bekanntes automatisiert verarbeitet. Architektur wird so zur Hintergrundstruktur – präsent, aber unbeachtet.
Genau deshalb muss baukulturelle Bildung Wahrnehmung erst aktivieren. Wer wahrnimmt, kann urteilen. Wer urteilt, kann mitreden. Und das ist nicht selbstverständlich, denn Planungsprozesse finden in einer Fachsprache statt, die nicht allen zugänglich ist. Wer über Bebauungsdichte, Adressbildung und Freiraumqualitäten spricht, schließt all diejenigen aus, denen diese Begriffe nicht geläufig sind oder denen der Zugang dazu fehlt. Wer aber von diesen Gesprächen ausgeschlossen ist, kann die Entscheidungen, die seinen Lebensraum prägen, nicht mitgestalten. Dabei betreffen genau diese Entscheidungen alle – unabhängig von Bildungsgrad oder Herkunft.
Baukulturelle Bildung ist insofern nicht als Philanthropie zu sehen, sondern Grundvoraussetzung für demokratische Prozesse. So wie Lese- und Schreibkompetenz keine Bildungsleistung für Interessierte ist, sondern Bedingung politischer Handlungsfähigkeit. Von Klimaanpassung bis Bauen im Bestand – all das hat eine baukulturelle Komponente. Wer das Gebäude von morgen anders bauen will, braucht eine Gesellschaft, die versteht warum. Auch das ist baukulturelle Bildung.
Was ist baukulturelle Bildung überhaupt?
Das alles umkreist das Thema Architekturvermittlung. Aber was ist das genau, was kann und sollte sie leisten? Geht es um das Erkennen von Baustilen? Um die Erklärung von Gebautem? Um Denkmalschutz? Oder darum, wie Menschen ihren Lebensraum verstehen und vielleicht sogar aktiv mitgestalten können? Die Fragestellung ist nicht akademischer, sondern praktischer Natur. Denn hinter dem Begriff verbergen sich mindestens drei verschiedene Tätigkeiten, die unterschiedliche Ziele verfolgen und unterschiedliche Maßstäbe des Gelingens kennen. Architekturvermittlung im Sinne der Architektur-PR will Sichtbarkeit. Architekturjournalismus will Einordnung. Baukulturelle Bildung will etwas grundlegend anderes: veränderte Wahrnehmung.
Turit Fröbe, Architekturhistorikerin und eine der erfahrensten Vermittlerinnen in Deutschland, bringt es direkt auf den Punkt: „Ich versuche immer das Wort ‚Architekturvermittlung‘ zu vermeiden, weil das das Herausragende und Besondere, das Werk von Architektinnen und Architekten impliziert. Baukultur umfasst alles, was wir in der gebauten Umwelt vorfinden – ob es uns gefällt oder nicht –, und es umfasst auch die Prozesse.“
Die Konsequenz: Die gebaute Umwelt wird häufig dort vermittelt, wo die Öffentlichkeit es gar nicht vermutet, und manchmal verschweigt man das Wort „Architektur“ sogar ganz bewusst, weil ein bisschen Provokation schlicht besser funktioniert. Denn die meisten verwechseln Baukunst mit Baukultur. 85 bis 90 % der Bevölkerung, schätzt Fröbe, hätten keine Ahnung, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Ein Referendar, den sie im Rahmen ihrer Studie für das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung befragte, brachte es ungewollt auf den Punkt: Baukulturelle Bildung sei „was total Verstaubtes, Architekturgeschichte hoch drei“.
Dabei liegt das Problem nicht nur beim Empfänger. Architektur ist eine multidisziplinäre Profession, die Recht, Technik, Kunst und Sozialwissenschaften integriert – und das immer in einem spezifischen Kontext: städtebaulich, landschaftlich, gesellschaftlich. Kein Entwurf entsteht im Vakuum; er antwortet auf etwas, das bereits da ist, und verändert zugleich das, was danach kommt. Das Ergebnis ist eine Sprache, die in der Blase funktioniert und nach außen ausschließt.
Gebautes, so war es lange die goldene Regel, müsse sich selbst erklären und werde dann quasi automatisch wertgeschätzt. Nur passt diese Haltung nicht zur Struktur menschlicher Aufmerksamkeit. Bauherrschaften und Planende fürchten genau jene Öffentlichkeit, die sie zugleich brauchen. Sichtbarkeit kann auch Risiko bedeuten und wird deshalb oft vermieden. Das Ziel baukultureller Bildung ist deshalb kein Konsens darüber, was schön ist. Es ist vielmehr die Befähigung, Worte für die Qualität der gebauten Umwelt zu finden.
Warum es nicht an fehlenden Ideen liegt
Baukulturvermittlung ist in Deutschland nicht strukturell verankert – sie passiert mal hier, mal da, fast zufällig. Manchmal sogar mit Auszeichnung: Die Spielstadt Mini-München beweist seit 1979, dass Stadtentwicklung begreifbar wird, sobald man sie zum Gegenstand echten Handelns macht – Kinder, die Häuser bauen, Grundstücke kaufen und über Mietpreise abstimmen, lernen mehr über Architektur und Planung als in jedem Projekttag. Jüngst wurde das Konzept mit dem Golden Cubes Award der Union Internationale des Architectes ausgezeichnet. Doch solche Beispiele bleiben Ausnahmen.
Turit Fröbe, die seit Langem mit der Stadtdenkerei baukulturelle Bildungsformate entwickelt, zieht eine ernüchternde Bilanz: „Wir blicken inzwischen in Deutschland auf rund 25 Jahre baukulturelle Bildung zurück und wir haben es noch nicht mal ansatzweise geschafft, ein baukulturelles Bewusstsein in der Gesellschaft zu verankern.“
Im Ergebnis erscheint Baukultur im schulischen Unterricht nur selten als eigenständiges Thema, sondern verteilt sich auf verschiedene Fächer: Form und Proportion im Kunstunterricht, gern dargebracht in Form von „Jede Woche eine Epoche“. Losgelöst davon gibt es Stadtentwicklung als Sujet im Fach Geografie und hier und da Einblicke in das Thema „Gebaute Umwelt als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklung“ im Geschichtsunterricht. Natürlich entsteht so baukulturelle Bildung, aber eben nur punktuell.
In keinem Lehrplan eines deutschen Bundeslandes gibt es zwischen Klasse 1 und 13 verpflichtende Inhalte zu baukultureller Bildung. Zahlreiche Initiativen versuchen, diese Lücke zu schließen. Programme wie „Architektur macht Schule“, das nordrhein-westfälische Modul „B wie Baukultur“ oder Materialien der Bundesstiftung Baukultur bringen Architektinnen und Architekten in die Schulen und machen die gebaute Umwelt zum Gegenstand bewusster Wahrnehmung und Diskussion.
Dabei liegt das Problem nicht am Engagement. Es liegt an der Systemstelle. Die Architekturschaffenden operieren außerhalb des Systems, dessen Kernstelle sie verändern müssten. Sie können an Schulen gehen, Projekte anbieten, Forderungen formulieren. Aber die Lehramtsausbildung ist nicht ihr Terrain, sie haben dort keine institutionelle Legitimation, keine curriculare Anknüpfung.
Österreich, Schweiz, Finnland: Baukultur als Bildungsauftrag
Ein Blick ins Ausland zeigt: Es ist möglich, dass die Dinge anders laufen. Österreich beispielsweise hat seit den 1990er-Jahren eine eigene Infrastruktur für Baukulturvermittlung aufgebaut – mit Architekturhäusern, Netzwerken und kulturpolitischen Instrumenten wie dem Baukulturreport. Der Fokus hat sich dabei vom engeren Begriff der Architekturvermittlung hin zu einem breiteren Verständnis von Baukultur als öffentlicher Bildungsaufgabe verschoben.
In der Schweiz dagegen ist die Architektenschaft selbst zum Träger geworden. Der Verein Archijeunes, mitgetragen vom schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA) und dem Bund Schweizer Architektinnen und Architekten (BSA), fungiert im stark föderalen Schweizer System als Netzwerk- und Koordinationsplattform. Was ihn auszeichnet, ist der Fokus: die Arbeit mit Lehrkräften und Didaktiker:innen an den Hochschulen. Baukulturelle Bildung wird nicht punktuell in Schulen getragen, sie soll in der Lehramtsausbildung selbst verankert werden. Ausgangspunkt war dieselbe Einsicht wie hierzulande: Die gebaute Umwelt kommt im Schulunterricht kaum vor, obwohl sie den Alltag aller Menschen prägt.
Doch die Schweiz kennt noch einen anderen, unfreiwilligeren Weg zur Auseinandersetzung mit Architektur: Wer dort neu baut, muss den geplanten Baukörper ausstecken – sichtbar machen, bevor der erste Stein gesetzt wird. Jeder, dem das nicht passt, darf Einspruch erheben. Für Architekturbüros ist das oft mühsam, manchmal lähmend. Aber es erzwingt genau das, was Vermittlungsprogramme sich zum Ziel setzen: einen Moment, in dem Menschen innehalten, hinschauen und sich eine Meinung bilden. Baukulturvermittlung entsteht hier nicht durch Bildungsangebote, sondern durch den Prozess selbst. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass man daraus eine Konsequenz gezogen hat – und zwar eine gesetzliche.
Am weitesten gegangen ist Finnland. Dort wurde 1995 ein Recht auf eine gesund gestaltete Umwelt in der Verfassung verankert. Als Reaktion darauf verabschiedete Finnland 1998 eine nationale Architekturpolitik – Apolis –, die baukulturelle Bildung systematisch in Schulen, Erwachsenenbildung und Lehramtsausbildung verankerte. Besonders bemerkenswert ist der Ansatz für dünn besiedelte Regionen: Die Verfassung koppelt an das Recht auf eine gesund gestaltete Umwelt auch Bürgerpflichten, darunter die Beteiligung an Planungsprozessen und die Sorge um Baudenkmale.
Wo es in dünn besiedelten Regionen keine professionellen Denkmalpfleger gibt, übernehmen Bürger vor Ort Verantwortung. Dank Apolis ist Architekturwissen in Finnland mittlerweile vergleichsweise breit in der Bevölkerung verankert – jenseits von jedem Elitendenken.
Verbindlichkeit statt Freiwilligkeit
Was es braucht, ist bekannt. Lehrpersonen, die selbst zum Thema befähigt werden, nicht externe Fachleute, die punktuell vorbeikommen. Schulen, die bei ihrer eigenen Sanierung nicht nur Bauherren haben, sondern Beteiligte. Eine Koordinationsstelle, die das vorhandene Wissen bündelt, statt es jedes Semester neu erfinden zu lassen. Dass der Wille vorhanden ist, zeigt ein Blick auf das, was bereits Realität ist.
Die Kammern haben das Problem schon vor rund zehn Jahren erkannt und immer wieder Fortbildungen zu Öffentlichkeitsarbeit für Planungsbüros angeboten. Die Resonanz war häufig ernüchternd: Die Kurse wurden schlecht gebucht. An der Hochschule Bochum existiert mit dem Masterstudiengang Architektur Media Management ein Studienangebot, das Architekturkommunikation und -vermittlung ins Zentrum stellt. Riklef Rambow lehrt am KIT in Karlsruhe als einer von gerade zwei Professoren in Deutschland, die sich explizit mit Architekturkommunikation befassen. Noch vor wenigen Jahren galten solche Angebote in manchen Fakultäten als verdächtig, als Verkaufstraining für schwache Entwürfe. Diese Haltung bröckelt. Aber das Angebot bleibt dünn.
Alle diese Ansätze haben eine gemeinsame Schwäche: Sie sind freiwillig. Und solange baukulturelle Bildung freiwillig bleibt, wird sie marginal bleiben. Die baukulturellen Leitlinien des Bundes schreiben fest, dass baukulturelle Bildung systematisch gestärkt werden soll, und verankern sie unter den zentralen Werten, ohne die nichts geht. Fröbe nennt das „das allererste positive Signal“. Aber Leitlinien empfehlen. Sie verpflichten nicht. Was tatsächlich einen Unterschied machen würde, wäre die Verankerung baukultureller Inhalte in Bildungsplänen – nicht als eigenes Fach, sondern als Querschnittsthema in Sachkunde, Kunst, Geografie, Ethik. Und feste Stellen für Baukulturvermittlung, kommunal verankert, ähnlich wie Kulturvermittlerinnen in Museen oder Bibliotheken.
Baukultur ist keine Bürde
Szenenwechsel. Es ist dunkel in der Altstadt von Bad Vilbel, aber schmale Lichtkegel schweben tanzend über Mauern, Tore und Pflastersteine. Die Taschenlampen sind in Kinderhänden und richten die Aufmerksamkeit auf Details, auf die sonst keines der Mädchen und Jungen schauen würde. Dazu erzählen zwei Stadtführer Geschichten über verschwundene Türme und alte Stadtmauern.
Vielleicht liegt ein Teil der Lösung tatsächlich im Ton. Turit Fröbe setzt bewusst auf einen liebevollen Blick – und auf Humor, auch im Umgang mit Bausünden. Vor allem aber zeigt ihre Erfahrung: Baukulturvermittlung ist einfach. Es macht Spaß, mit Kindern und Jugendlichen in der gebauten Umwelt zu arbeiten, und man kann an jedem beliebigen Ort damit beginnen.
Baukultur betrifft alle, aber sie muss nicht so tun, als wäre sie eine Bürde. Sie kann auch Freude machen. Sie kann neugierig machen. Und sie kann, wie die Taschenlampenführung durch Bad Vilbel zeigt, mit Abenteuerlust beginnen – und mit dem Blick auf eine Welt enden, die man vorher nicht gesehen hat.
Zuletzt erschienen im Magazin des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026
Barbara Hallmann, Eva Maria Hermann, Maja Huesmann
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