„Netzwerke werden zum wichtigsten Erfolgsfaktor“
Unternehmensberater Oliver Rabanus beschreibt, wie wirtschaftlicher Druck, Bürosterben und neue Arbeitsmodelle die Gründungskultur in der Architektur verändern.
Ein tiefgreifender Wandel prägt gerade die Architekturbranche. Zahlreiche Architekturbüros handeln heute aufgrund rückläufiger Bauzahlen, steigender Finanzierungskosten und wirtschaftlicher Unsicherheiten vorsichtiger als noch vor wenigen Jahren. Parallel dazu ändert sich die Struktur der Planungsbüros innerhalb der gesamten Branche. Diese Gemengelage beeinflusst die Bereitschaft zur Existenzgründung, wobei wir sowohl die Neugründung eines Büros als auch die Nachfolge als Existenzgründung betrachten.
Branchen-Status-quo
Die wirtschaftliche Situation in der Branche ist derzeit angespannter als vor einigen Jahren, was wir von vielen Büroinhabern in NRW bestätigt bekommen.
Die Ursachen dafür sind vielfältig: Öffentliche Auftraggeber investieren zurückhaltender, Unternehmen durchleuchten ihre Vorhaben kritischer, und Privatpersonen verschieben Bauprojekte aufgrund zu hoher Kosten für Material und Finanzierung. Das führt bei zahlreichen Architekturbüros zu einer größeren Planungsunsicherheit. Erschwerend kommt hinzu, dass Entscheidungsprozesse länger dauern und der Wettbewerbsdruck zunimmt.
Gleichzeitig verändert sich die Struktur der Bürolandschaft. Immer häufiger entstehen größere Einheiten. Eine Vielzahl von Büros findet keine Nachfolger und verschwindet vom Markt. Andere schließen sich zusammen, um ihre wirtschaftliche Stabilität zu erhöhen und größere Vorhaben abwickeln zu können. Gleichzeitig drängen immer mehr Investoren und externe Kapitalgeber auf den Markt. Architektur wird zunehmend auch unter wirtschaftlichen Wachstumsaspekten betrachtet.
Existenzgründungen nehmen auf einem niedrigen Niveau zu
Die Bereitschaft zur Selbstständigkeit wird von diesen Entwicklungen unmittelbar beeinflusst. Die klassische Neugründung eines Architekturbüros wird aktuell von vielen jungen Architektinnen und Architekten eher vorsichtig betrachtet. Insbesondere der schwierige Zugang zu attraktiven Projekten und die wirtschaftliche Unsicherheit führen eher zu Zurückhaltung.
Auch der Arbeitsmarkt hat sich verändert. Während in den vergangenen Jahren nahezu jede Architektin und jeder Architekt problemlos eine neue Stelle finden konnte, ist die Situation heute deutlich komplexer. Insbesondere für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger gestaltet sich die Suche nach attraktiven Stellen schwieriger. In dieser Situation suchen viele junge Kräfte Stabilität – und scheuen das unternehmerische Risiko.
Statistisch gesehen ist diese Entwicklung kein grundsätzliches Phänomen. Denn gerade in einem angespannten Arbeitsmarkt ist regelmäßig zu beobachten, dass die Zahl der Existenzgründungen zunimmt. Dies zeigt sich auch in den freien Berufen: Ergebnisse des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn aus dem Jahr 2025 verdeutlichen, dass die Gründungszahlen im Vergleich zum Vorjahr leicht steigend sind.
Aus unserem Beratungsalltag heraus lässt sich immer wieder ableiten, dass die fachliche Kompetenz selten die größte Hürde ist. Stattdessen fehlt häufig der Zugang zu Projekten und belastbaren Netzwerken. Ohne Referenzen, Netzwerke und bestehende Marktposition ist es äußerst schwierig, größere oder wirtschaftlich interessante Aufträge zu gewinnen. Aus diesem Grund wird häufig die Übernahme eines bestehenden Büros als ein deutlich realistischerer Weg in die Selbstständigkeit angesehen als die klassische Neugründung „auf der grünen Wiese“.
Unternehmertum neu gedacht
Die Generation im Alter von circa 35 bis 45 Jahren, die eigentlich die Nachfolge antreten sollte, legt oft größere Priorität auf andere Themen als auf die Selbstständigkeit. Häufig sind finanzielle Sicherheit, planbare Arbeitszeiten und eine ausgewogene Work-Life-Balance wichtiger.
Unsere Beobachtung und der Austausch mit jungen Studierenden und Professoren weisen darauf hin, dass sich diese Entwicklung gegenwärtig wieder zu ändern scheint. Dort beobachten wir zunehmend, dass die kommende Generation von Architektinnen und Architekten wieder deutlich mehr Interesse an unternehmerischem Denken und Risikobereitschaft zeigt. Auffällig ist jedoch, dass sich die Vorstellungen von Selbstständigkeit stark wandeln.
Was jüngere Studierende sowie Absolventinnen und Absolventen betrifft, so wächst das Interesse am eigenen Unternehmen, allerdings nicht in den klassischen Strukturen traditioneller Architekturbüros. Vielmehr liegt der Fokus auf modernen Arbeitsweisen, Digitalisierung, interdisziplinärer Zusammenarbeit und flexibleren Organisationsstrukturen. Themen wie BIM, KI-gestützte Prozesse, nachhaltige Unternehmensführung und neue Formen der Zusammenarbeit werden in viel stärkerem Maße berücksichtigt als in früheren Generationen.
Auch setzen sich viele Studierende anfänglich nicht ernsthaft mit dem Gedanken der Selbstständigkeit auseinander, da viele davon ausgehen, dass eine Gründung beziehungsweise Übernahme eines bestehenden Büros finanziell kaum realisierbar oder mit erheblichen Risiken verbunden wäre. Diese Annahme ist jedoch nicht immer richtig.
Das Interesse nimmt deutlich zu, sobald Gründungsmodelle, Kostenstrukturen, Finanzierungsmöglichkeiten und organisatorische Abläufe transparent und praxisnah erklärt werden. Das trifft auch auf Nachfolgelösungen zu. Junge Architektinnen und Architekten unterschätzen oft, dass eine Büroübernahme wirtschaftlich viel besser realisierbar ist als gedacht, besonders wenn vorhandene Umsätze, Mitarbeiter und Mandantenstrukturen übernommen werden können.
Hochschulen, Kammern und Verbände sollten Gründung stärker fördern
Das Thema Selbstständigkeit sollte in der Ausbildung von Architektinnen und Architekten deutlich mehr Berücksichtigung finden, ohne dass die Qualität der architektonischen Ausbildung leidet. Viele Studiengänge vermitteln hervorragende fachliche Kompetenzen, bereiten aber nur in begrenztem Umfang auf unternehmerische Fragestellungen vor. Dabei wäre genau dies entscheidend: Wie gründet man ein Büro? Welche Rechtsformen sind möglich? Welche Optionen zur Finanzierung bestehen? Wie läuft eine Existenzgründung beziehungsweise Büroübernahme ab? Welche Kosten fallen tatsächlich an? Zu wann ist es richtig, sich mit der Thematik zu befassen? Was sind die Risiken und was nicht?
Hier kann eine strukturierte Aufklärung viele Hemmnisse abbauen. Es mangelt oft weniger an der Fähigkeit als an der Transparenz über die tatsächlichen Möglichkeiten.
Hochschulen, Berufskammern und andere Verbände mit Zugang zu jungen Architektinnen und Architekten sollten verstärkt in Informations- und Sensibilisierungsmaßnahmen investieren. Auch hier sehen wir schon heute, dass das Thema immer mehr forciert und in den Fokus gerückt wird.
Die fachliche Kompetenz ist selten die größte Hürde.
Oliver Rabanus
Netzwerke werden immer mehr zu einem wichtigen Erfolgsfaktor
Der Zugang zum Markt bleibt weiterhin die größte Herausforderung. Büros, die neu gegründet wurden und klein sind, haben es ohne Referenzen schwer, an reizvolle Projekte zu gelangen. Aus genau diesem Grund werden Netzwerke in Zukunft noch bedeutender werden.
Wer früh Kontakte aufbaut, Kooperationen eingeht und Sichtbarkeit entwickelt, verbessert seine Chancen deutlich. Auch Hochschulen können hierbei eine wichtige Funktion einnehmen, beispielsweise durch Mentoring-Programme, Praxispartnerschaften, Austauschformate mit Büroinhabern oder gezielte Initiativen zur Unternehmensgründung.
Die Architekturbranche in Nordrhein-Westfalen und auch im Bundesgebiet steht vor großen Herausforderungen – wirtschaftlich, strukturell und personell. Dennoch entstehen gerade in dieser Phase der Veränderung neue Chancen für eine zeitgemäße Form der Selbstständigkeit.
Die nachfolgende Generation von Architekten und Architektinnen denkt unternehmerischer, digitaler und kollaborativer. Zugleich sollte das Thema Existenzgründung deutlich stärker enttabuisiert und praxisnah vermittelt werden. Viele potenzielle Gründerinnen und Gründer scheitern heute nicht an fehlender Kompetenz, sondern an mangelnder Information und fehlendem Zugang zu Netzwerken.
Deshalb ist es wichtiger denn je, dass junge Architektinnen und Architekten den Mut zur Selbstständigkeit nicht verlieren. Wer bereit ist, Netzwerke zu schaffen, innovative Wege zu beschreiten und wirtschaftliches Denken mit architektonischer Qualität zu verknüpfen, dem stehen auch in Zukunft ausgezeichnete Möglichkeiten offen, ein eigenes Büro erfolgreich aufzubauen oder als Nachfolgerin oder Nachfolger anzutreten.
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!